Umfrage Neun von zehn Schweizern würden trotz Grundeinkommen arbeiten

Bald dürfen die Schweizer über ein bedingungsloses Grundeinkommen abstimmen. Und dann geht niemand mehr arbeiten? Doch, ergibt eine Umfrage - nur einer von zehn würde sich zur Ruhe setzen.

Alpenpanorama in der Schweiz: 90 Prozent würden "eher nicht" aufhören zu arbeiten
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Alpenpanorama in der Schweiz: 90 Prozent würden "eher nicht" aufhören zu arbeiten


Wofür arbeite ich? Diese Frage dürften sich viele Schweizer in den kommenden Monaten stellen. Denn bald dürfen sie darüber abstimmen, ob in ihrem Land ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt wird. Noch ist der exakte Termin nicht bekannt, doch in diesem Jahr wird es so weit sein.

Derzeit lautet die Antwort einer übergroßen Mehrheit auf die Eingangsfrage offenbar: Jedenfalls nicht nur für das Geld. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Demoscope im Auftrag der Initiatoren der Volksabstimmung, die SPIEGEL ONLINE vorab vorliegt. Insgesamt 1076 Schweizer Bürger befragte Demoscope, 676 von ihnen gingen einer Erwerbsarbeit nach.

"Wenn Sie ein bedingungsloses Grundeinkommen bekämen, würden Sie dann aufhören zu arbeiten?" Nur zwei Prozent der Erwerbstätigen beantwortete diese Frage mit einem klaren "Ja, bestimmt". Weitere acht Prozent könnten sich eine freiwillige Arbeitslosigkeit vorstellen, sie antworteten mit "Ja, eher". 69 Prozent schlossen hingegen kategorisch aus, bei einem gesicherten Auskommen nicht mehr zu arbeiten. Weitere 21 Prozent gaben an, "eher nicht" auf Arbeit verzichten zu wollen.

Das Muster: Ich bin fleißig - die anderen faul

Die Ergebnisse decken sich mit denen ähnlicher Umfragen in den vergangenen Jahren. So ermittelte eine Befragung im Rahmen einer Abschlussarbeit an der ETH Zürich im Jahr 2013 ebenfalls einen Anteil von rund zehn Prozent, die angaben, keiner Erwerbsarbeit mehr nachgehen zu wollen, wenn sie ein bedingungsloses Grundeinkommen erhielten. Und in Deutschland antwortete in einer Umfrage im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung lediglich jeder Fünfte, bei einem sehr hohen Lottogewinn nicht mehr arbeiten zu wollen.

Und noch ein weiterer Befund bisheriger Erhebungen wird durch die aktuelle Umfrage in der Schweiz gestützt: Während nur zehn Prozent dazu tendieren, ihre Arbeit aufzugeben, glaubt ein weitaus höherer Anteil, dass seine Mitmenschen sich durchaus auf die faule Haut legen würden. 31 Prozent glaubten "bestimmt" oder "eher", dass "die Mehrheit der Menschen mit einem bedingungslosen Grundeinkommen aufhören zu arbeiten". Das Muster dahinter lautet also: Ich bin fleißig - die anderen sind faul.

Weitere Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass ein recht großer Teil der Erwerbstätigen in der Arbeit zumindest kürzer treten würden, sollte ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt werden: 53 Prozent aller Befragten gaben an, mehr Zeit mit der Familie verbringen zu wollen. Mit 54 Prozent etwa gleich viele würden den finanziellen Freiraum nutzen, um sich weiterzubilden.

Auch den Unternehmergeist scheint ein bedingungsloses Grundeinkommen beflügeln zu können. 22 Prozent der Schweizer würden sich der Umfrage zufolge selbstständig machen. Möglicherweise profitiert sogar die Umwelt: Mit 35 Prozent gab etwas mehr als ein Drittel an, beim Einkauf mehr auf nachhaltige Produkte achten zu wollen.

fdi

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 181 Beiträge
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kiltbear 27.01.2016
1. Die Umfrage
Ist eigentlich überflüssig. Da immer mehr meiner Landsleute den Rechtspopulisten der SVP nachhecheln, wird Das bedingungslose Grundeinkommen sowieso abgelehnt. Nicht zum ersten Mal.
dipl.inge83 27.01.2016
2. Auch wenn es nur bedingt vergleichbar ist,
aber bei der Rente mit 63 hat man deutlich gesehen wie die Stimmung in Unternehmen und Behörden unterschätzt wurde und was die Mehrheit tut, wenn sich eine Alternative bietet.
puby 27.01.2016
3. Natürlich
würden die meisten trotz Grundeinkommen arbeiten. Ist ja viel zu langweilig, die ganze Zeit zuhause zu hocken. Und permanent in der Südsee am Strand abhängen ist auch mit dem Grundeinkommen nicht drin und zudem auch langweilig auf Dauer. Art und Umfang der Arbeit würden sich wahrscheinlich ändern, was aber bei den heutigen Arbeitsbedingungen nur positiv sein kann.
Dr.Expat 27.01.2016
4.
Interessant wäre eine Aufstellung darüber welche Berufsgruppen ihre Arbeit aufgeben würden. Ich nehme an, dass es sich um Geringverdiener handeln wird. Mal sehen wer dann noch putzen geht oder Müll abholt
marthaimschnee 27.01.2016
5.
Die Diskussion ist eigentlich albern, denn das Grundeinkommen wird wohl kaum so hoch sein, um in Luxus schwelgen zu können. Klar wird es einige geben, denen das reicht, es gibt schließlich auch welche, denen der HartzIV Satz ausreicht. Die breite Masse wird aber weiterhin versuchen, ihr Leben zu mittels durch Arbeit erzielte Einkünfte noch zu verbessern. Allerdings nimmt das Grundeinkommen den Druck, für die bloße Existenz arbeiten zu müssen - und wäre damit - auf Deutschland bezogen - wie ein Axthieb gegen das mit viel Mühe herbeigeführte Niedriglohnsegment und das Lohndumping hierzulande.
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