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Schweizer Ärger über Franken-Freigabe: "Was ist nur in die Zentralbank gefahren?"

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Die Schweizer haben völlig überraschend ihre Kurskontrolle für den Franken aufgegeben. Unternehmer sprechen von einem schwarzen Tag für die Wirtschaft, die Sozialdemokraten sind entsetzt - aber es gibt auch Lob für die Aufgabe des "Quasi-Euro".

Berlin/Bern - Im Allgemeinen sind Notenbanker dafür bekannt, die Marktteilnehmer möglichst schonend auf Veränderungen einzustellen. So deutet die Europäische Zentralbank (EZB) unter dem Stichwort "Forward Guidance" regelmäßig an, dass ihr Leitzins noch lange im Keller bleibt. Auch als die US-Notenbank Fed kürzlich einen langsamen Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes einleitete, tat sie das so unaufgeregt wie möglich.

Ausgerechnet die als bedächtig geltenden Schweizer sind am Donnerstag von diesem Prinzip abgewichen. Völlig unerwartet verkündete die Schweizer Nationalbank (SNB), den Franken nicht länger bei einem Kurs von 1,20 zum Euro zu deckeln. Entsprechend heftig sind die Reaktionen vieler Eidgenossen.

"Was ist nur in die SNB gefahren?", überschreibt etwa der linksliberale "Tagesanzeiger" einen Online-Kommentar. "Dass Notenbanken das geldpolitische Steuer derart radikal und überraschend herumreißen und die Märkte damit in schweren Wellengang bringen, kommt höchst selten vor", heißt es darin. Zudem gebe es Anzeichen dafür, dass sich der schon vor der SNB-Entscheidung schwache Euro-Kurs im Laufe des Jahres erholen könnte. "Das wäre dann wohl der günstigere Zeitpunkt gewesen, die Anbindung an den Euro aufzugeben."

Auch von den Schweizer Sozialdemokraten kommt zum Teil deutliche Kritik an der Entscheidung. Als "brandgefährlich für den Wirtschaftsstandort und die Exportwirtschaft" kritisierte sie die SP-Nationalrätin Susanne Leutenegger Oberholzer auf Twitter. SP-Präsident Christian Levrat nannte die Freigabe ein "ernsthaftes Risiko für Zehntausende Angestellte in der Schweiz".

"Schwarzer Tag für den Werkplatz Schweiz"

Am deutlichsten fällt die Kritik in der Schweizer Wirtschaft aus. Bei einem starken Frankenkurs lassen sich ihre Produkte schwerer in der Euro-Zone verkaufen - deshalb hatte die SNB den Mindestkurs 2011 eingeführt. Auf das Ende der Untergrenze reagierte als einer der ersten Swatch-Chef Nick Hayek, der von einem "Tsunami" sprach. Als Uhrenhersteller gehört Hayek zur Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie (MEM), die stark von Exporten abhängig ist. Der Branchenverband Swissmechanic warnt, die Aufhebung des Euro-Mindestkurses könnte für mittelständische Unternehmen "fatale Konsequenzen haben. Nun sind die Schleusen geöffnet worden".

Der SP-Ständerat Roberto Zanetti, Präsident der ständerätlichen Wirtschaftskommission, spricht von einem "schwarzen Tag für den Werkplatz Schweiz". Jedes Produkt eines Schweizer Exportunternehmens koste künftig rund ein Fünftel mehr, dasselbe gelte für Ferien im Land. Die ohnehin angeschlagene Tourismusbranche treffe die Entscheidung "wohl am intensivsten", twitterte der Direktor des Branchenverbands Schweiz-Tourismus, Jürg Schmid.

Für Unruhe sorgen in der Schweiz aber nicht nur die Gefahren für die Wirtschaft, sondern auch die möglichen Verluste für die SNB. Um den Kurs des Franken niedrig zu halten hat die Zentralbank jahrelang in großem Stil Devisen aufgekauft. Allein bis Ende September hortete sie 174 Milliarden Euro und 142 Milliarden US-Dollar. Falls der nun abgestürzte Euro-Kurs sich bei 1,05 Franken einpendeln sollte, so hätte die SNB nach Angaben des SVP-Nationalrats und Bankers Thomas Matter zwischen 60 und 80 Milliarden Franken verloren. Matter plädiert deshalb dafür, dass die SNB auf eine bereits angekündigte Ausschüttung von mehr als einer Milliarde Franken an die Kantone verzichtet.

Konservative begrüßen "mutigen Schritt"

Trotz der drohenden Verluste spricht Matter von einem "mutigen Schritt" der SNB, andere Konservative sehen es ähnlich. Sie verweisen darauf, dass die Nationalbank die Deckelung nicht ewig hätte fortführen können. Die "Neue Zürcher Zeitung" schreibt, die Entscheidung der Zentralbank bedeute vor allem, "dass die SNB den Franken nicht zu einem Quasi-Euro werden lassen will, sondern wieder zu einer eigenständigen Geldpolitik zurückkehrt".

Der Unternehmer und rechtspopulistische SVP-Politiker Christoph Blocher hatte die Untergrenze zwar unterstützt. Er bewertete es jedoch ebenfalls als "gutes Zeichen", dass über die Abschaffung offenbar kaum jemand informiert war. Bei der Einführung war dagegen der Verdacht aufgekommen, dass es Mitwisser gab: Kurz vor Bekanntgabe des Mindestkurses hatte die Frau des damaligen SNB-Präsidenten Philipp Hildebrand 400.000 Franken in Dollar umgetauscht. Der Zentralbanker musste zurücktreten.

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insgesamt 314 Beiträge
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1. Ein Euro-Franken-Beben..
kraus.roland 15.01.2015
dieser Art war schon lange fällig, weil nötig! Am Ende könnte der gar nicht abwegige und gewiss wünschenswerte Beitritt der Schweiz zur EU und zum Euro kommen. Das Beste ist, das Ganze schon mal anzudenken!
2. Zu spät
Untertan 2.0 15.01.2015
Verdammt, hätte ich nur vorher noch Euro in Franken getauscht!
3. Markt
whitemouse 15.01.2015
Würde der "Markt" funktionieren, würde man für einen Euro etwa 2 Franken bekommen. Er funktioniert aber nicht. Vielleicht aber längerfristig. Die Frage dabei ist, ob zwischenzeitlich die Schweizer Wirtschaft in die Kniee geht und ob Arbeitsplätze wegfallen. Langfristig spricht viel dafür, dass die Schweiz den Euro übernimmt.
4. wie immer
CHANGE-WECHSEL 15.01.2015
Hätte der Schritt der Schweizer nur Arbeitslose, sozial Schwache, sozial Benachteiligte betroffen - also Menschen ohne Lobby - dann hätte alle gerufen, "Endlich", "Richtig so", "Dieser Schritt war überfällig". Im Moment betrifft es aber hauptsächlich jene, die bereits im Geld ersticken und immer noch nicht genug haben.
5. Die SNB weiß genau, was sie tut!
schlabbedibapp 15.01.2015
Im übrigen ist die Schweiz ein cleveres Land, das trotz Aufwertung seine Exporte zwar reduziert sieht, aber dafür ist der Gewinn auch höher. Und da in einer globalisierten Welt ein Großteil der Produktkomponenten im Weichwährungsraum Euro und anderswo billig eingekauft werden kann, sind für die Schweizer noch Preissenkungen möglich. Diese Panikmache kennen wir von den Europhorikern zu Genüge. Deutschland war vor dem Euro trotz etlicher Aufwertungen immer Exportweltmeister 2 nach den USA, in den Achtzigern sogar ein paar Jahr auf Platz 1. Aber jetzt wird von allen die DM-Zeit schlechtgeredet, obwohl der Euro seit Jahren im Sinkflug ist. Der jetzige Schritt der SNB sollte im Euroraum die Alarmglocken schrillen lassen. Der Präsident der SNB Thomas Jordan ist ein kluger Kopf, der von Anfang an das Scheitern des Euro vorausgesagt hat. Und jetzt lässt ein 8-Millionen-Volk den 337-Millionen-Euroraum mal kräftig erzittern. Ein deutlicheres Dokument der Schwäche des Euro kann es nicht geben. Die Eurodämmerung ist angebrochen! Draghi wird noch ein paar letzte, für die wenigen soliden Staaten lebensgefährliche Hazardspielchen machen und dann ist endgültig Schluss!
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