Wirtschaft


ThemaSteuerhinterziehungRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Schweizer Strafrechtler zu Steuerflucht "Wir haben so viel Mist gebaut"

Bank in der Schweiz (HSBC in Genf): "Die Schweizer haben eine Buchhalterseele"Zur Großansicht
dpa

Bank in der Schweiz (HSBC in Genf): "Die Schweizer haben eine Buchhalterseele"

2. Teil: "Das Schweizer Bankkonto ist ein fixer Begriff"

SPIEGEL ONLINE: Manche Fälle sind einfach nur empörend. Zum Beispiel bei den Geldern von Mobutu Sese Seko, dem ehemaligen Diktator des Kongo.

Pieth: Stimmt. Die Bundesanwaltschaft hat entschieden, dass in diesem Fall der Vorwurf der Geldwäsche verjährt ist. Das Geld ging zurück an die Witwe Mobutus. Meine persönliche Meinung ist: Die Schweiz schuldet der Bevölkerung des Kongo genau diese Summe, weil sie die Sache vertrödelt hat. Aber wir schreiben gerade ein Gesetz, das die Auflösung solcher Vermögen erleichtern soll.

SPIEGEL ONLINE: Man bemüht sich also wirklich, reinen Tisch zu machen?

Pieth: Ja. Das Problem ist allerdings: Wie kommen wir von unserem miserablen Image weg? Nehmen Sie mal einen Krimi von John Le Carré oder etwas Ähnliches in die Hand: Das Schweizer Bankkonto ist ein fixer Begriff. Und das Land hat jahrelang nichts gegen diesen Ruf getan, es hat ja davon in gewisser Weise profitiert.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass die Banker den jüngsten Kurswechsel der Politik mitmachen?

Pieth: Sie werden müssen. Ich glaube, beim Thema Geldwäsche wurde bereits viel getan. Beim Thema Steuerhinterziehung sind wir noch in der Übergangsphase. Ich will auch keine Entwarnung geben. Es gibt in der Schweiz immer noch Leute, bei denen man Hilfe für finanzielle Machenschaften findet, wenn sie auch nicht mehr hinter dem Bankschalter stehen.

SPIEGEL ONLINE: Wen meinen Sie?

Pieth: Es gibt Finanz-Intermediäre. Das können Treuhänder sein, aber noch dreister sind Anwälte. Sie haben das Anwaltsgeheimnis, das Bankgeheimnis und können für den Kunden eine Briefkastenfirma irgendwo auf der Welt errichten. So hat man genügend Schleier, um Steuerhinterziehung zu verbergen. Es gibt ja noch viele Orte auf der Welt, wo man schmutzige Gelder hinterlegen kann.

SPIEGEL ONLINE: Die internationale Finanzwelt ist also nicht besser geworden, nur anders?

Pieth: Was wirklich kriminelles Geld etwa aus Drogengeschäften oder Veruntreuung angeht, hat sich die Welt schon verändert. Die Rechtshilfemöglichkeiten sind sehr viel besser als früher. Aber es gibt immer die offizielle und die inoffizielle Welt. Trotz der formalen Bemühungen kann man unversteuerte Gelder immer noch gut in Singapur verstecken. Geldwäsche funktioniert am besten in Zypern, weil die Kontrollen dort schlecht sind. Briefkastenfirmen kann man gut auf den Virgin Islands oder in Panama aufmachen. Die Finanzintermediäre, die in Genf oder Lugano sitzen, kennen sich da bestens aus.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden nicht kontrolliert?

Pieth: Sie sind zwar jüngst unter das Geldwäschegesetz gestellt worden - wenn es zum Himmel stinkt, müssen sie das also auch melden. Aber in der Branche sind Tausende Leute tätig. Ich bezweifle, dass man das Kontrollniveau aufrecht erhält.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem haben viele Schweizer Bankkunden Bammel und schaffen ihr Geld weg. Wie hart trifft das die Branche?

Pieth: Es stimmt, es fließen viele Gelder ab. Aber ich bin sicher, dass das sehr kontrolliert abläuft. Viele Schweizer Banker werden ihre Kunden beiseite nehmen und sagen: Es wird ein bisschen heiß hier, vielleicht ist es besser, wir bringen Ihr Geld anderswo unter. Viele Institute haben Niederlassungen in Singapur, Hongkong oder sonstwo. Abgesehen davon sind die Schweizer Stehaufmännchen.

SPIEGEL ONLINE: Soll heißen?

Pieth: Wir haben schon so viel Mist gebaut: Wir haben Embargos gebrochen, wir haben einen großen Teil der internationalen Drogengelder gehortet, bis der internationale Druck zu groß wurde. Und trotzdem haben wir es immer geschafft, unseren Ruf als Finanzplatz wieder aufzupolieren. Der Chef einer großen Bank sagte ja schon, wir bräuchten das Bankgeheimnis gar nicht, Schweizer Banker seien einfach gut. Da frage ich mich allerdings, wieso man jahrelang diese Wagenburg-Mentalität gepflegt hat.

Das Interview führte Anne Seith

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
insgesamt 109 Beiträge
frubi 03.02.2010
Nein? Ehrlich? Die Banken wollten sich bereichern? Das wäre mir neu. Banken verrichten doch "Gottes Werk", oder? Wie kann er nur den Banken etwas so ungeheurliches vorwerfen? Skandal.
Zitat von sysop"Die meisten Schweizer Banker wollen sich bereichern." http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,675570,00.html
Nein? Ehrlich? Die Banken wollten sich bereichern? Das wäre mir neu. Banken verrichten doch "Gottes Werk", oder? Wie kann er nur den Banken etwas so ungeheurliches vorwerfen? Skandal.
Pnin_ 03.02.2010
Herr Pieth, wie beurteilen Sie als Strafrechtsprofessor das Verhalten Deutschlands bezüglich den gestohlenen Bankkundendaten und wie soll die Schweiz reagieren? "Die Daten wären im deutschen Strafverfahren nicht [...]
Herr Pieth, wie beurteilen Sie als Strafrechtsprofessor das Verhalten Deutschlands bezüglich den gestohlenen Bankkundendaten und wie soll die Schweiz reagieren? "Die Daten wären im deutschen Strafverfahren nicht verwertbar. Und die Schweiz würde bei solchen Daten keine Rechtshilfe leisten. Das Manöver dient vor allem dazu, Steuersünder zur Selbstanzeige zu bewegen." Also cool bleiben. Wir will den hier noch Steuern zahlen? Und wofuer? Fuer gescheiterte Integration, Migration, Steuerverschwendung, unsinnige Kriege, hohe Beamtenpensionen? Etc.
Reformhaus 03.02.2010
In der Schweiz ist ein Referendum am entstehen, wonach die Finanzbehören alles Geld beschlagnehmen können, das illegalen Ursprungs ist. Es macht dann keinen Unterscheid mehr, ob das Drogengelder sind oder hinterzogenes Steuergeld [...]
In der Schweiz ist ein Referendum am entstehen, wonach die Finanzbehören alles Geld beschlagnehmen können, das illegalen Ursprungs ist. Es macht dann keinen Unterscheid mehr, ob das Drogengelder sind oder hinterzogenes Steuergeld und woher das kommt. Illegal ist illegal. Das reicht dann schon. Als ich das gehört habe konnte ich das nicht so recht glauben. Dann können wir Schweizer unser Geld ja gleich ins Ausland bringen - oder? Das haben wir alles diesem Steinbrück zu verdanken. Der hat aus uns einfach Indianer gemacht. Das geht doch nicht! Oder?
querdenker13 03.02.2010
Meines Erachtens halten sich die Banker für Götter und die Schweizer Banker sind die Obergötter. Aber irgendwann werden die alle gestürzt und fallen dann sehr, sehr tief.
Zitat von frubiNein? Ehrlich? Die Banken wollten sich bereichern? Das wäre mir neu. Banken verrichten doch "Gottes Werk", oder? Wie kann er nur den Banken etwas so ungeheurliches vorwerfen? Skandal.
Meines Erachtens halten sich die Banker für Götter und die Schweizer Banker sind die Obergötter. Aber irgendwann werden die alle gestürzt und fallen dann sehr, sehr tief.
mephistofeles12 03.02.2010
Lustig, die Schweizer. Profitieren jahrzehntelang von allem dreckigen Geld dieser Welt und bejammern jetzt einen illegalen CD-Kauf. Als ob der Dealer sich beim Zoll über die Kontrollen beschwert. Hui, geht denen die Düse. Schon [...]
Lustig, die Schweizer. Profitieren jahrzehntelang von allem dreckigen Geld dieser Welt und bejammern jetzt einen illegalen CD-Kauf. Als ob der Dealer sich beim Zoll über die Kontrollen beschwert. Hui, geht denen die Düse. Schon dafür lohnt sich der CD-Kauf.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
alles zum Thema Steuerhinterziehung

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zur Person
AP
Mark Pieth kennt sich aus mit kriminellen Geldern. Der Baseler Strafrechtsprofessor klärte für die Uno den Oil-for-Food-Skandal, in der OECD war er zunächst Mitglied der Financial Action Task Force on Money Laundery, heute ist er Chairman der OECD-Arbeitsrguppe zur Bekämpfung von Korruption im internationalen Geschäftsverkehr.


Daten und Fakten zur Steuerhinterziehung
Steuerhinterziehung ist laut Deutscher Steuergewerkschaft zum Volkssport geworden. Auf 30 Milliarden Euro schätzt die Organisation das Volumen der jährlichen Steuerhinterziehung in Deutschland.
Haben Sie das Zeug zum Steuerflüchtling?
AP
Ihre Steuererklärung ist obskurer als der "Da Vinci Code"? Ihre Stiftungen in Liechtenstein sind Legende? Wenn beim BND eine DVD auftaucht, steht Ihr Name garantiert drauf? Dann haben Sie vielleicht das Zeug zum Super-Hinterzieher.
Testen Sie Ihr gesellschaftszersetzendes Potential im großen SPIEGEL-ONLINE-Quiz!




TOP



TOP