Von Maria Marquart
Hamburg - Die Prophezeiungen von Jim O'Neill klangen kühn. Indien und China könnten bis 2040 die sechs größten westlichen Industrieländer übertreffen, schrieb der Chefvolkswirt der Großbank Goldman Sachs 2001. Auch Russland sagte er einen fulminanten Aufstieg voraus. Und Brasilien könne innerhalb von zehn Jahren das Bruttoinlandsprodukt (BIP) von Italien erreichen.
Zumindest letztere Vorhersage ist bereits eingetreten. Brasilien rangiert beim Internationalen Währungsfonds (IWF) im Ranking der größten Volkswirtschaften auf Platz sechs. Italien wurde auf Platz acht verdrängt.
O'Neill hatte die vier Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien und China in einer Studie als Hoffnungsträger ausgemacht, um den Kunden der Bank neue Märkte schmackhaft zu machen. Der Goldman-Sachs-Ökonom prägte aus den Anfangsbuchstaben der Länder den Begriff der BRIC-Staaten. Er lag mit seiner Prognose über die aufstrebenden Länder ziemlich richtig. Der Anteil der BRIC-Staaten an der weltweiten Produktion stieg in den Jahren zwischen 1995 und 2010 von 15 Prozent auf 25 Prozent.
Selbst während der schweren Finanz- und Wirtschaftskrise 2009 erwiesen sich die BRIC-Staaten als Stabilitätsfaktoren. Angesichts der Schuldenkrise in Europa und des geringen Wachstums in den USA setzten Politiker und Experten daher auf die Schwellenländer als Lokomotive für die globale Wirtschaft. Doch diesmal können sich auch die aufstrebenden Länder dem Abschwung nicht entziehen. Noch dazu werden sie von selbstgemachten Problemen eingeholt.
China hat während des Booms Fehler gemacht
China meldete im zweiten Quartal das schwächste Wachstum seit drei Jahren. Im Vergleich zu Industriestaaten fiel das Plus mit 7,6 Prozent beträchtlich aus - doch das Land braucht ein hohes Wachstum, um ausreichend Arbeitsplätze zu sichern und seine Probleme zu bewältigen. Der Wirtschaftsboom übertünchte bisher die sozialen Probleme und Einkommensunterschiede. Doch sollte der Erfolg ausbleiben, drohen der Regierung Unruhen. Heribert Dieter von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) sieht den Bauboom der vergangenen Jahre als größte Gefahr. "Das ist völlig aus dem Ruder gelaufen", sagt er. Schätzungen zufolge stünden in China 64 Millionen Wohnungen leer. Dem Land drohe das Platzen einer gewaltigen Immobilienblase.
Doch andere Experten verweisen darauf, dass die Preise für Immobilien teilweise bereits sinken. Vieles spreche dafür, dass China die Lage in den Griff bekommt. Die Regierung in Peking könne die Wirtschaft zentral steuern und habe sich dem Wachstumskurs verpflichtet, sagt Schwellenländer-Experte Bernhard Esser von HSBC Trinkaus. Zudem verfüge das Land über enorme Devisenreserven. Trotz der aktuellen Schwächephase deute alles darauf hin, dass China die USA als größte Wirtschaftsmacht ablösen werde.
Indien kämpft mit einer maroden Infrastruktur
Straffe Organisation und ein klarer Kurs - das vermissen viele Experten in Indien. Es gibt eine große Schere zwischen Arm und Reich. Die zerstrittene Regierung schiebt Reformen vor sich her und verschreckt Investoren mit Bürokratie und Korruptionsaffären. Ende Juli zeigte ein gigantischer Stromausfall, wie marode die Infrastruktur des Landes ist. In den Boomjahren meldete Indien ein Wachstum von zehn Prozent, im laufenden Jahr rechnet der IWF noch mit sieben Prozent. "Das zeigt, dass es in Indien Stolpersteine gibt", sagt SWP-Experte Dieter. Dennoch glaubt er an das demokratisch geführte Land. "Indien ist chaotisch, aber stabil."
Die Stärke Indiens ist das Bevölkerungswachstum, sagt HSBC-Experte Esser. Das garantiere einen großen Absatzmarkt - und eine wirtschaftliche Aufholjagd. Denn Indien setze auf den privaten Konsum.
Russland und Brasilien setzen zu einseitig auf Rohstoffe
Anders als in Russland. Dort sorgen sich Experten vor allem über die einseitige Ausrichtung der Wirtschaft auf den Energiesektor, in den sich der Staat einmischt. Anderen Wirtschaftszweigen stehe das Land ablehnend gegenüber, sagt Esser. Wegen hoher Hürden gilt Russland nicht als besonders attraktiver Industriestandort.
Ähnlich wie Russland hat sich auch Brasilien enorm vom Ölpreis abhängig gemacht. Denn die Regierung setzt vor allem auf Rohstoffe. Doch wenn in anderen Ländern der Bedarf nach Öl und Rohstoffen aus dem Bergbau nachlässt, bekommt Brasilien das schnell zu spüren. Zwischen 2010 und 2011 stürzte das Wachstum von 7,5 auf 2,7 Prozent ab. Die Regierung will nun gegensteuern und Großinvestitionen in Straßen und Schienen anschieben. Mit staatlichen Krediten sollen Privatinvestoren ins Land gelockt werden. Präsidentin Dilma Rousseff will den Staat mit einer besseren Infrastruktur wettbewerbsfähiger machen. Logistikexperten beklagen, dass Lieferungen in Brasilien über dieselbe Distanz doppelt so lange wie in China brauchen. In der Volksrepublik hat die Regierung rasch in die Infrastruktur investiert.
| Entwicklung des BIP in Prozent | ||||||||||
| Land | 2003 | 2004 | 2005 | 2006 | 2007 | 2008 | 2009 | 2010 | 2011 | 2012 |
| Brasilien | 1,15 | 5,71 | 3,16 | 3,96 | 6,10 | 5,17 | -0,33 | 7,53 | 2,73 | 3,03 |
| China | 10,03 | 10,09 | 11,31 | 12,68 | 14,16 | 9,64 | 9,21 | 10,45 | 9,24 | 8,23 |
| Indien | 6,85 | 7,59 | 9,03 | 9,53 | 9,99 | 6,19 | 6,58 | 10,62 | 7,24 | 6,86 |
| Russland | 7,25 | 7,15 | 6,39 | 8,15 | 8,54 | 5,25 | -7,80 | 4,30 | 4,30 | 4,01 |
| Quelle: IWF International Monetary Fund, World Economic Outlook Database, April 2012 | ||||||||||
Es ist auch der Wettbewerb untereinander, der die Schwellenländer unter Druck setzt. Die Staats- und Regierungschefs der BRIC-Staaten treffen sich regelmäßig. 2011 wurde Südafrika zu dem Bündnis dazugeholt. Seitdem ist von den BRICS-Staaten die Rede. Länder wie Indonesien, Kolumbien, Peru, Vietnam, Korea, die Türkei, Ghana und Äthiopien werden bereits als neue aufstrebende Wirtschaftsnationen gehandelt.
Die aktuelle Schwächephase der Schwellenländer zeige, dass Wachstum nicht linear verlaufe, sagt Dieter. Bei der Armutsbekämpfung, im Gesundheitswesen und in der Bildung gibt es noch viel Nachholbedarf. Doch abschreiben sollte man die BRICS-Staaten nicht. Dort leben 40 Prozent der Weltbevölkerung und die Menschen streben nach Wachstum. Europa dagegen muss darum kämpfen, seinen Standard halten zu können. HSBC-Experte Esser verweist auf die Erfahrungen aus der vergangenen Wirtschaftskrise: Während die USA und Europa noch heute mit den Folgen kämpfen, gingen die Schwellenländer gestärkt daraus hervor.
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