Arbeitsmarkt: Firmen kaufen sich von Behinderten frei

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Vom deutschen Jobboom haben in den vergangenen Jahren fast alle gesellschaftlichen Gruppen profitiert - bis auf Schwerbehinderte. Ihre Arbeitslosenquote stagniert auf hohem Niveau. Schuld daran sind Sparmaßnahmen der Regierung und die Ignoranz der Privatwirtschaft.

Rezeptionistin in einem Hotel (Archivbild): "Maßnahmen für Behinderte fast weggespart" Zur Großansicht
dapd

Rezeptionistin in einem Hotel (Archivbild): "Maßnahmen für Behinderte fast weggespart"

Hamburg - Wenn es um das Thema Frauen- oder Migrantenförderung geht, sind derzeit alle dabei. Politik und Unternehmen brüsten sich damit, wie viel sie für die Chancengleichheit tun. Allerdings vergessen sie dabei eine Gruppe, die stets benachteiligt wird: Schwerbehinderte. Sie sind die Verlierer auf dem Arbeitsmarkt, zeigt eine Untersuchung des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), die SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Während die Gesamtzahl der Arbeitslosen 2011 im Vergleich zum Vorjahr um rund acht Prozent auf 2,97 Millionen zurückging, stieg sie bei Schwerbehinderten im Jahresschnitt auf 180.307 - ein Plus von fast drei Prozent. Die Arbeitslosenquote in dieser Gruppe stagnierte bei 14,8 Prozent. Der scheinbare Widerspruch erklärt sich dadurch, dass der Anteil der schwerbehinderten Beschäftigten an allen Beschäftigten leicht gestiegen ist. Für das laufende Jahr liegt noch keine Prognose vor. Allerdings zeigen die aktuellen Monatsdaten der Bundesagentur für Arbeit, dass sich die Lage kaum entspannt. So waren im Oktober 2012 immer noch 173.000 Schwerbehinderte arbeitslos. Vor allem Ältere sind betroffen.

Die Bilanz ist ein trauriges Signal am heutigen Weltbehindertentag und angesichts einer zuletzt starken Konjunktur in Deutschland mehr als enttäuschend. Nie war die Beschäftigung in der Bundesrepublik höher als in den vergangenen zwei Jahren. Zudem hatte sich die Regierung im Jahr 2009 mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention verpflichtet, den Arbeitsmarkt komplett barrierefrei zu gestalten. Das bedeutet ein gleiches Recht auf Arbeit für behinderte Menschen.

Viele Firmen zahlen lieber eine Abgabe, statt einen Behinderten einzustellen

Die Schuld dafür, dass Schwerbehinderte mitnichten gleiche Chancen haben, sieht der DGB folglich bei der Bundesregierung, aber auch bei den Unternehmen. Statt Behinderte einzustellen, zahlen viele Firmen ab 20 Beschäftigten lieber eine Ausgleichsabgabe statt fünf Prozent ihrer Stellen mit Schwerbehinderten zu besetzen. Die Abgabe beträgt bis zu 290 Euro pro Monat für jede nicht besetzte Pflichtstelle.

Laut DGB missachteten im Jahr 2010 61 Prozent der beschäftigungspflichtigen deutschen Arbeitgeber ihre Pflicht. Aktuellere Zahlen liegen nicht vor. Fast ein Drittel der Betriebe hatte gar keine beziehungsweise weniger als ein Prozent schwerbehinderte Beschäftigte. Darunter waren überwiegend private Arbeitgeber, vor allem aus der Werbung, Filmproduktion und Marktforschung. "Zu viele Unternehmen gehen immer noch davon aus, dass Behinderte weniger leisten können als andere", sagt DGB-Arbeitsmarktexperte Wilhelm Adamy. Er wirft der Bundesregierung vor, aktuell nur auf die Freiwilligkeit der Unternehmen zu setzen.

Die stagnierenden Arbeitslosenzahlen dürften laut DGB aber auch darauf zurückgehen, dass die Regierung seit 2011 die Mittel für die Betreuung und Vermittlung von Arbeitslosen insbesondere im Hartz-IV-System drastisch gekürzt hat. Schwerbehinderte seien davon besonders betroffen. So hätten 22 Prozent weniger Schwerbehinderte an Maßnahmen teilgenommen als im Vorjahr - und das trotz der hohen Erwerbslosenquote in dieser Gruppe. "Die Bundesregierung hat erfolgreiche arbeitsmarktpolitische Maßnahmen für behinderte Menschen fast weggespart", sagte Ulla Schmidt, die Vorsitzende der Lebenshilfe und frühere Bundesgesundheitsministerin, SPIEGEL ONLINE. "Damit schwinden die Chancen auf eine angemessene berufliche Qualifizierung und Beschäftigung gerade für den Personenkreis, der eigentlich besonders im Fokus der Arbeitsmarktpolitik stehen müsste."

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insgesamt 74 Beiträge
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1. Das ist doch in einer egozentrisch ausgerichteten Kultur
prontissimo 03.12.2012
Zitat von sysopdapdVom deutschen Jobboom haben in den vergangenen Jahren fast alle gesellschaftlichen Gruppen profitiert - bis auf Schwerbehinderte. Ihre Arbeitslosenquote stagniert auf hohem Niveau. Schuld daran sind Sparmaßnahmen der Regierung und die Ignoranz der Privatwirtschaft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/schwerbehinderte-verlierer-auf-dem-arbeitsmarkt-a-870630.html
und Gesellschaft nichts was verwundert. Man hat noch immer nicht gelernt, einem der Hilfe braucht zu helfen, Man schaut lieber weg und beschimpft dann pauschal diejenigen als irgendwas........
2.
franko_potente 03.12.2012
Zitat von sysopdapdVom deutschen Jobboom haben in den vergangenen Jahren fast alle gesellschaftlichen Gruppen profitiert - bis auf Schwerbehinderte. Ihre Arbeitslosenquote stagniert auf hohem Niveau. Schuld daran sind Sparmaßnahmen der Regierung und die Ignoranz der Privatwirtschaft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/schwerbehinderte-verlierer-auf-dem-arbeitsmarkt-a-870630.html
Ich fordere eine Quote und gleiche Bezahlung. Einen Rollstuhlfahrer pro Vorstand und Aufsichtrat.
3. Falsche ´Behauptung?
richard-erb 03.12.2012
Wie kann es eine Mißachtung einer Pflicht sein, wenn ein Arbeitgeber die ihm zugestandene freie Wahl zwischen Einstellung eines Behinderten oder Zahlung einer Ausgleichsabgabe ausübt? Entweder man bewertet das moralisch oder juristisch, aber man darf nicht beides miteinander vermischen, auch wenn es noch so schön skandalös klingt. Sicherlich wäre auch interessant zu wissen, wieviele Schwerbehinderte beim Spiegel und beim DGB arnbeiten.
4. Es ist fast unmöglich einen Behinderten zu entlassen
kritischergeist 03.12.2012
Demzufolge hüten sich Unternehmen auch welche einzustellen. Würde man hier die Gesetze liberalisieren, hätten auch mehr Behinderte eine Chance auf einen Job. Es sind nicht alleine die Unternehmen. Es ist auch der Staat der dieses Dilemma verursacht hat.
5. Nicht nur !
HaPeGe 03.12.2012
Zitat von sysopdapdVom deutschen Jobboom haben in den vergangenen Jahren fast alle gesellschaftlichen Gruppen profitiert - bis auf Schwerbehinderte. Ihre Arbeitslosenquote stagniert auf hohem Niveau. Schuld daran sind Sparmaßnahmen der Regierung und die Ignoranz der Privatwirtschaft. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/schwerbehinderte-verlierer-auf-dem-arbeitsmarkt-a-870630.html
Nicht nur die Schwerbehinderten werden von der Privatwirtschaft ignoriert, auch Menschen, die älter als 45 sind, werden gnadenlos ignoriert oder aussortiert, selbst wenn sie ausgezeichnete Fachkenntnisse besitzen. In der Privatwirtschaft findet eine umfassende Altersdiskriminierung statt, ...und die Regierung tut, wie immer (!), NICHTS.
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