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S.P.O.N. - Die Spur des Geldes: Warten auf die Eine-Billion-Dollar-Münze

Eine Kolumne von

Noch kürzt der amerikanische Staat nur einen Teil seiner Ausgaben, doch die Haushaltskrise könnte sich dramatisch verschärfen: Wenn die USA ihre Schulden nicht mehr bedienen, droht der Crash des globalen Finanzsystems. Dann hilft womöglich nur noch ein Trick.

Die Schließung der Regierung gehört zu den spektakulären Ereignissen der amerikanischen Politik - zuletzt geschehen unter Bill Clinton im Jahr 1995. Behörden werden zugesperrt, Regierungsangestellte ohne Bezahlung nach Hause geschickt. Wenn die Regierung zwei Wochen lang dichtmacht, bringt das eine Wachstumseinbuße von 0,6 Prozent der Wirtschaftsleistung. Einen Teil davon kann die Notenbank mit einer expansiven Geldpolitik kompensieren.

Die echte Gefahr der jetzigen Krise ist nicht die Schließung der Regierung, sondern die mögliche Weigerung der Republikaner im Kongress, die Schuldenobergrenze zu erhöhen. Eine Eigenart des amerikanischen Haushaltsrechts besteht darin, dass der Kongress über Steuern, Ausgaben und auch Schulden unabhängig voneinander entscheidet - ohne Zwang zu logischer Konsistenz. Er kann also beschließen, mehr auszugeben als einzunehmen, aber gleichzeitig keine Schulden zu machen. Normalerweise wurde in der Vergangenheit die Schuldenobergrenze den Haushaltsvorgaben angepasst. Jetzt aber haben die Republikaner in ihr ein weiteres Instrument entdeckt, die Regierung unter Druck zu setzen.

Wenn man sich nicht einigt, passieren zwei Dinge: Der Haushalt implodiert, und die Schulden werden nicht mehr bedient. Das US-Finanzministerium sagt, man habe noch bis einschließlich Mitte Oktober ausreichend Spielraum für die Finanzierung des Staates und die Bezahlung von Zinsen. Anfang November hätte das Finanzministerium keine Geldreserven mehr. Der amerikanische Staat wäre dann von einem Tag zum anderen gezwungen, alle Staatsausgaben direkt aus Steuereinnahmen zu finanzieren. Es käme zu einem abrupten Ende jeglicher Neuverschuldung. Ökonomen schätzen den negativen Wachstumseffekt auf vier Prozent. Die Wirtschaft wäre erneut in der Rezession. Mitte November würde Amerika dann nicht mehr die Zinsen auf amerikanische Bonds zahlen können. Ein Großteil des globalen Finanzsystems würde dann zusammenschmelzen.

Ich glaube nicht, dass es dazu kommen wird, allein weil die Regierung Obama möglicherweise noch einige Tricks in der finanzpolitischen Mottenkiste hat. Vielleicht gibt es doch noch Reserven und Möglichkeiten, Geldströme anders zu managen. Dann gibt es noch den reizvollen Trick, der das Hoheitsrecht des Finanzministeriums ausnützt, Münzen zu pressen. Gemeint sind eigentlich Gedenkmünzen, aber das wurde nirgendwo so aufgeschrieben. Das Finanzministerium könnte also eine Münze im Wert von einer Billion Dollar erstellen lassen, und diese als Sicherheit bei der Notenbank hinterlegen und sich dafür Geld leihen. Technisch und rechtlich scheint dieses Verfahren zumindest denkbar, wenn auch nicht ohne Risiko.

Vielleicht kommen die Republikaner wieder zu Sinnen, aber darauf würde ich nicht unbedingt wetten. Wir haben das ganze Theater schließlich nur, weil sie eine Gelegenheit ergriffen, die ohnehin mageren Gesundheitsreformen von Präsident Obama zu boykottieren. Finanziell geht es hier um verhältnismäßig kleine Summen im Gegensatz zu dem gigantischen Schaden, der gerade entsteht. Vielleicht ist am Ende der Leidensdruck der eigenen konservativen Anhänger groß genug, um in den nächsten Wochen ein Einlenken zu erzeugen. Es würde zum Beispiel gerade im Verteidigungsbereich zu massiven Kürzungen kommen. Ein eher schlechtes Omen ist, dass es im Gegensatz zu Haushaltskonflikten vergangener Zeiten momentan keine Gespräche auf höchster Ebene gibt. Wenn es zu einer Lösung kommt, dann sicher erst kurz vor dem Absturz.

Die globale Finanzkrise ist wieder da

Ein solcher Absturz hätte es in sich. Die Erholung der Weltwirtschaft würde sich um ein paar Jahre verschieben, und es gäbe auch langfristigen Schaden. Wenn die Amerikaner ihre Schulden nicht mehr bedienen, dann müssen wir uns vom Konzept einer risikolosen Staatsanleihe für immer verabschieden. Amerikanische Staatsanleihen haben in der Vergangenheit eben diesen Ruf genossen.

Finanzmärkte haben zwar Instrumente entwickelt, die einen Anleger gegen einen Zahlungsausfall schützen, aber das funktioniert nicht für die amerikanischen Staatsleihen. Von denen gibt es einfach zu viel. Wie der Autor Nassim Taleb einmal sagte: Das wäre so, als würde man eine Versicherung gegen das Sinken der Titanic kaufen von jemandem, der selbst mit der Titanic reist. Gegen einen Zusammenbruch der USA kann sich niemand versichern.

Das Wegfallen der Kategorie risikoloser Anleihen hätte ungeahnte Konsequente für Sparer, Pensionskassen und Versicherungen, vor allem für Länder mit strukturellen Sparüberschüssen wie Deutschland. Fast alle finanzökonomischen Modelle basieren auf dem Konzept einer risikolosen Anleihe. Die Wirtschaftsgeschichte würde in eine neue Phase eintreten.

Ich nehme an, dass wir in den nächsten Wochen zwar in die Nähe eines katastrophalen Absturzes kommen werden, hoffe aber, dass man die Katastrophe in der letzten Sekunde verhindern oder zumindest aufschieben kann. Aber bestenfalls wird man nur ein paar Monate gewinnen, bevor sich das gleiche Theater wiederholt. Auch bei uns in Europa wird es zu Spannungen kommen, insbesondere in Italien, wo der wirtschaftliche Absturz immer dramatischere Züge annimmt.

Die Ruhe des letzten Jahres täuscht. Die globale Finanzkrise ist wieder da.

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insgesamt 160 Beiträge
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1. Waaaa?
cedex 02.10.2013
Es ist und bleibt eine Münze. Und wenn man 40 Nullen draufmalt und sagt sie wäre vom Mars. Wertlos ist sie trotzdem. Schlimm genug das die Menschheit ihre täglichen körperlichen/geistigen Leistungen gegen bemaltes Papier eintauscht und meint, das wäre ein gutes Geschäft. Jetzt kann ich mein Papier schon selber bemalen und sag einfach mal...."es ist immer dreimal mehr wert als meine Schulden"....ich fass es nicht. Liebe Aliens, bitte macht einen großen Bogen um den Planeten Erde. Hier zählt die Realität nicht mehr viel....
2. Wie bitte?
robert.c.jesse 02.10.2013
Was immer ich hier gelesen habe, erscheint mir als ein Artikel des "ENTENHAUSNER SPIEGEL". Wenn in unserem globales Finanzsystem mit solchen Ideen gespielt wird und muß, um es zu erhalten und zu verwalten, dann kann man nur mehr lachen. Oder doch nicht?
3. Ausgaben <= Einnahmen, ist ja fies
fritzyoski 02.10.2013
" Der amerikanische Staat wäre dann von einem Tag zum anderen gezwungen, alle Staatsausgaben direkt aus Steuereinnahmen zu finanzieren." Ausgaben
4. Republikaner
Dragonborn 02.10.2013
Ich lebe seit ein paar Jährchen für meine Ausbildung in den USA. Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass die Republikaner den Staat (und die Welt) in die ultimative Katastrophe stürzen würden, um Präsident Obama zu schaden. Denn politisch haben die in jeglicher Hinsicht nichts mehr zu bieten. Die müssen sich noch viel grundlegender neu erfinden, als beispielsweise die FDP. Klar, es gibt genug hartgesottene Wähler, die auch dann Republikaner wählen, wenn Leute wie Sarah Palin auflaufen. Viele der College Kids, die ich kennenlernen durfte, wählen Republican, weil Mama und Papa es tun. Aber für eine klare Mehrheit reicht das nicht, es wird allenfalls knapp, denn die überwiegende Mehrheit der Gebildeten und der kulturausgesetzen Stadtbevölkerung wählt eben Democrat. Ich finde, dass so ein kompletter Staatskollaps nicht unwahrscheinlich ist, sollte Obama nicht genügend Tricks gegen die Republikaner in der Tasche haben. Wie gesagt, diese Elefanten würden kurzerhand den Staat niedertrampeln, um den Schaden den Demokraten anzuhängen. Das bezweifele ich keine Sekunde.
5. --
king_pakal 02.10.2013
Zitat von sysopNoch kürzt der amerikanische Staat nur einen Teil seiner Ausgaben, doch die Haushaltskrise könnte sich dramatisch verschärfen: Wenn die USA ihre Schulden nicht mehr bedienen, droht der Crash des globalen Finanzsystems. Dann hilft womöglich nur noch ein Trick. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/shutdown-in-usa-kolumne-von-muenchau-ueber-eine-billion-dollar-muenze-a-925758.html
Viel Nichtssagendes geschrieben. Es wäre sinnvoller, Herr Münchau, wenn Sie mal mehr auf die wirklichen Ursachen der Finanzkrisen eingehen würden. Auch hätten Sie darauf eingehen können wie unser Finanzsystem aufgebaut ist, wie das System funktioniert und wer am meisten davon profitiert. Das würde etwas mehr Licht in die Thematik bringen.
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Wolfgang Münchau

Wolfgang Münchau ist Associate Editor und Kolumnist der "Financial Times" und Mitbegründer von www.eurointelligence.com, einem Informationsdienst über den Euro-Raum. Er gründete die "Financial Times Deutschland" mit und war deren Co-Chefredakteur. Zuvor arbeitete Münchau als Korrespondent englischer Zeitungen in Washington, Brüssel und Frankfurt am Main. Er lebt und wohnt in Großbritannien und hat mehrere Bücher zur internationalen Finanzkrise veröffentlicht.

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