Haushaltsstreit Rating-Agenturen schonen Pleitekandidaten USA

Mit jedem Tag des Haushaltsstreits steigt die Gefahr, dass die USA ihre Schulden nicht mehr bedienen können. Doch die Rating-Agenturen bleiben erstaunlich gelassen. Nun begehren die Gläubiger in Asien auf.

Von

US-Kapitol: Wann kommt das nächste Zeichen der Rating-Agenturen?
AFP

US-Kapitol: Wann kommt das nächste Zeichen der Rating-Agenturen?


Hamburg - Frankreich ist nicht das Land, von dem US-Amerikaner gerne Ratschläge entgegennehmen. Bei aller Faszination für französische Lebensart werden Vorurteile über die "Froschesser" jenseits des Atlantiks liebevoll gepflegt. Doch tatsächlich könnten die USA demnächst in Paris einen Rat erfragen: Was tun, wenn die Top-Bonität perdu ist?

Die Franzosen ereilte dieses Schicksal im Juli: Als letzte der drei großen Rating-Agenturen entzog Fitch dem Land die Bestnote. Ähnlich wie schon die Wettbewerber Standard & Poor's (S&P) und Moody's begründete sie dies vor allem mit dem Schuldenstand von rund 90 Prozent, der höher als bei den meisten Ländern mit einer Top-Bewertung sei.

Bei einem Land freilich ist die Lage noch deutlich dramatischer: Die USA drückt nicht nur eine Schuldenquote von 103 Prozent. Weil ein Teil der Republikaner im Haushaltsstreit auf Totalopposition setzt, könnte die US-Regierung in Kürze auch außer Stand sein, die schon bestehenden Schulden zu bedienen. Laut Finanzminister Jack Lew ist am 17. Oktober die Schuldenobergrenze erreicht. Verweigern die Republikaner ihre Anhebung, dann steht die nächste Zinszahlung in Höhe von sechs Milliarden Dollar in Frage, welche Lews Ministerium am 31. Oktober leisten muss.

Spätestens wenn diese Zahlung ausbliebe, müssten die Agenturen ihre Ratings auf die Note D wie "Default" senken - den Zahlungsausfall. Das ist maximal weit entfernt von der Bestnote Triple A, welche die USA derzeit noch bei zwei der drei großen Rating-Agenturen genießen.

Eine unmittelbar drohende Staatspleite und eine weitgehende handlungsunfähige Regierung: In der Euro-Krise genügten den Rating-Agenturen oft deutlich kleinere Anlässe, um Länder herabzustufen. Im Fall der USA jedoch - dem Sitz von allen drei Agenturen - zeigen sich die Bonitätswächter bislang erstaunlich gelassen. Noch Ende September teilte S&P mit, die Debatte über die Schuldenobergrenze werde "wahrscheinlich nichts an der Bonitätsnote ändern".

Erstaunlicher Interpretationsspielraum

Mittlerweile haben zwar alle Agenturen Warnungen ausgesprochen. Doch ihr Umgang mit der Haushaltskrise zeigt, wie viel Interpretationsspielraum sie bei ihrer Arbeit besitzen. Nachdem die Rating-Agenturen jahrelang amerikanische Schrotthypotheken mit Bestnoten versahen, setzen sie sich einmal mehr dem Verdacht aus, im Fall der USA andere Maßstäbe anzulegen als bei europäischen Krisenstaaten. Deren Ratings wurden in den vergangenen Jahren in zahlreichen Einzelschritten herabgesenkt und besitzen heute teilweise nur noch Ramschstatus.

Im Fall der USA dagegen argumentiert der Moody's-Analyst Steven Hess, dass die erste Zinszahlung erst Ende Oktober anstehe und angesichts ihrer Höhe "wahrscheinlich unter allen Umständen ziemlich gut zu bewerkstelligen" sei. Fitch, derzeit die einzige Agentur mit einem negativen Ausblick für die USA, sieht den Shutdown allein noch nicht als Grund für eine Herabstufung - schließlich interessiert es Gläubiger wenig, ob das Geld für öffentliche Aufgaben fehlt. Falls der Kongress die Schuldenobergrenze nicht rechtzeitig anhebt, werde dies "wahrscheinlich zu einer Herabstufung führen".

Am glaubwürdigsten erschien bislang noch Standard & Poor's. Als bisher einzige Rating-Agentur entzog S&P den USA bereits 2011 die Top-Note. Damals hatten sich Demokraten und Republikaner in einen Hauhaltstreit verwickelt, der dem aktuellen sehr ähnlich war. Zwar kam es schließlich zu einer Einigung. Doch S&P fand nicht nur die vereinbarten Sparziele wenig überzeugend, sondern begründete die Entscheidung auch mit dem "waghalsigen" Verhalten, das US-Politiker zuvor gezeigt hatten.

Nach diesem Maßstab ist allerdings wenig verständlich, dass S&P die Aussichten für die USA derzeit als "stabil" bezeichnet. Schließlich haben radikale Republikaner in Sachen Waghalsigkeit nun noch eine Schippe draufgelegt und fordern als Gegenzug für ihre Zustimmung gleich die Rücknahme der längst beschlossenen Gesundheitsreform.

Zwar gibt es auch Gründe, die gegen eine Herabstufung sprechen. Neben der nach wie vor leistungsfähigen US-Wirtschaft ist das vor allem die Tatsache, dass die USA dank ihres bislang konkurrenzlosen Status' als globale Reservewährung kein Problem haben, sich frisches Geld zu leihen. Zudem können sie im Gegensatz zu Euro-Staaten problemlos neue Dollars drucken, was die Notenbank Fed mit ihrer Ultraniedrigzinspolitik auch fleißig tut und so Wachstum und vielleicht auch Inflation ankurbelt.

Pekings Geduld ist erschöpft

Doch gegen eine gesetzliche Blockade, die es dem Staat schlicht verbietet, neue Schulden aufzunehmen, hilft auch alles Gelddrucken nicht. Deshalb steigt die Nervosität bei den ausländischen Gläubigern der USA. Der größte ist mittlerweile die chinesische Regierung, die US-Anleihen im Wert von mindestens 1,3 Billionen Dollar hält. Im Gegensatz zu den Rating-Agenturen scheint die Geduld in Peking schon jetzt erschöpft zu sein. "Die Uhr tickt", mahnte Vizefinanzminister Zhu Guangyao am Montag. Die USA müssten "die Sicherheit der chinesischen Investitionen gewährleisten".

Ähnlich äußerte sich Japans Finanzminister Taro Aso am Dienstag nach einer Kabinettssitzung: "Die USA müssen eine Situation vermeiden, in der sie nicht zahlen können und ihr Triple-A-Ranking plötzlich abstürzt." Japans Investitionen in US-Anleihen sind mit 1,1 Billionen ähnlich hoch wie die von China. Laut einem Bericht der Wirtschaftszeitung "Nikkei" gab es am Montag bereits mehrere Krisentelefonate zwischen japanischem und US-Finanzministerium.

Dass die Asiaten zu solch expliziten Warnungen greifen zeigt, wie groß mittlerweile die Sorge ist - schließlich haben sie eigentlich kein Interesse daran, öffentlich das Vertrauen in die eigenen Investitionen zu erschüttern. Für so manchen Tea-Party-Anhänger dagegen dürfte die Aussicht auf einen Zahlungsausfall gegenüber China sogar Grund zur Freude sein.

Die hohe Verschuldung bei den Kommunisten ist US-Konservativen seit langem ein Dorn im Auge. Die Nichtregierungsorganisation Citizens Against Government Waste etwa entwirft in einem TV-Spot eine düstere Zukunft: Ein diabolisch wirkender Chinese erklärt Landsleuten im Jahr 2030, wie alle untergegangenen Hochkulturen hätten sich die USA zu sehr verschuldet - und zwar bei China. "Jetzt arbeiten sie für uns", fügt er unter allgemeinem Gelächter hinzu.

Mit Material von Reuters



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 151 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
m.schrader 08.10.2013
1.
Zitat von sysopAFPMit jedem Tag des Haushaltsstreits steigt die Gefahr, dass die USA ihre Schulden nicht mehr bedienen können. Doch die Rating-Agenturen bleiben erstaunlich gelassen. Nun begehren die Gläubiger in Asien auf. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/shutdown-rating-agenturen-schonen-usa-in-schuldenkrise-a-926736.html
man kann auch gelassen bleiben, das wird schon! Aber den US-Bashern hier im Thread wünsche ich trotzdem viel Spaß beim entwerfen von nahenden Untergangszenarien!
karlemann1, 08.10.2013
2. Na ja
als Hochkultur würde ich die USA nicht bezeichnen. Zu allem anderen ist bereits genug gesagt.
mottasvizzera 08.10.2013
3. Überrascht ?
... es sind US-Ratingagenturen ! Die spekulieren lieber gegen andere Währungen...
dunnhaupt 08.10.2013
4. Alljährliches Kabuki-Theater
Es ist amüsant, dass man bei uns das alljährliche politische US-Gerangel um die Schuldenbegrenzung so ernst nimmt, während man es in den USA nur für Theater hält, um den Wählern daheim in Alaska und Hawaii zu zeigen, wie fiskalisch verantwortlich man im fernen Washington handelt. Bei uns in Deutschland gibt es gar keine Schuldendecke, und Schäuble kann die Nationalschuld nach Belieben erhöhen.
spon-facebook-1629421895 08.10.2013
5. optional
Irgendwer hat das doch ganz klar beschrieben: Eine Versicherung gegen den Untergang der Titanic sollte man nicht auf der Titanic kaufen...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.