Alternatives Leben im Ökodorf "Ich war einfach genervt von der Stadt"

Kompostklo und Gemeinschaftskasse - aber dafür endlich Ruhe vor dem Konsumdruck: Der Buchautor und Filmemacher Michael Würfel ist von Hannover ins Ökodorf Sieben Linden in Sachsen-Anhalt gezogen. Im Interview bilanziert er sein neues Leben.

dapd

Frage: Herr Würfel, Sie sind vor fünf Jahren ins Ökodorf Sieben Linden gezogen. Sie mussten einiges dafür tun: einen Gemeinschaftskurs absolvieren, eine Abstimmung der Bewohner gewinnen, ein Probejahr vor Ort leben und schließlich 12.000 Euro für Genossenschaftsanteile zahlen. Warum wollten Sie unbedingt in die ökologisch-soziale Modellsiedlung?

Würfel: Ich war einfach genervt von der Stadt. In Hannover wohnte ich wegen meiner damaligen Freundin, obwohl ich nie dort leben wollte. Ich fand die ganze Werbung, den dichten Verkehr unerträglich. Ich habe mich permanent genötigt gefühlt, dieses oder jenes cool zu finden und zu kaufen. Der Bewerbungsprozess in Sieben Linden war zwar langwierig, aber ich konnte in Ruhe prüfen, ob ich mit den Menschen dort auch leben will.

Frage: Die 140 Bewohner wollen ökologisch, sozial und ökonomisch nachhaltig leben - vom geschlossenen Energiekreislauf bis hin zur achtsamen Kommunikation. Sind Sie dort ein besserer Mensch geworden?

Würfel: Ich glaube nicht. Entweder habe ich mich nicht verbessert oder ich war vorher schon so gut. In meinem früheren Leben galt ich als Idealist. Ich fand es blöd, wenn andere mit dem Auto und nicht mit dem Fahrrad fuhren. Heute lebe ich unter Menschen, die darüber genauso denken wie ich.

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Frage: Sie haben ein Buch über Ihre Erfahrungen in Sieben Linden geschrieben. Warum ziehen Sie jetzt Bilanz?

Würfel: Ich will etwas klarstellen: Wir wohnen in Lehmhütten und benutzen Komposttoiletten, aber wir sind keine Spinner. Es gibt hier sehr unterschiedliche Lebensentwürfe, die nicht nur mit Friede, Freude, Eierkuchen und Tischgebet zu tun haben.

Frage: Was gefällt Ihnen in Sieben Linden?

Würfel: Ich fühle mich integriert. Die Mischung hier ist sehr bunt: von jungen hippen Menschen über Selbstversorger bis zu Eltern, die für ihre Kinder ein anderes Umfeld suchen. Ich zahle monatlich einen Betrag in die Essenskasse und kann mir in der Küche nehmen, was ich möchte. Ich habe aber auch ein Privatleben. Ob ich abends im Haupthaus mit den anderen esse oder mich mit einer Stulle in meinen Bauwagen zurückziehe, ist meine Sache.

Frage: Was haben Sie für Ihr neues Leben aufgegeben?

Würfel: Eine Wohnung mit eigenem Badezimmer und einer Küche, in der ich mir meine Gesellschaft aussuchen kann. Und auch ein großes Stück Freiheit. In Hannover habe ich viel gearbeitet, aber hatte die Abende frei. Hier gibt es immer was zu tun. Anfangs habe ich mir viele Dinge ganz träumerisch ausgemalt. Ich wollte als Kunstprojekt einen Turm bauen und dachte, hier finde ich die Zeit. Bis heute habe ich es nicht geschafft. Das frustriert mich.

Frage: Gab es Momente, in denen Sie wieder wegziehen wollten?

Würfel: Am Anfang schon. In den ersten zwei Jahren habe ich mich oft einsam gefühlt, obwohl ich hier in einer großen Gemeinschaft lebe. Ich war Single und dachte, daran würde sich in Sieben Linden nichts mehr ändern. Ich bin dann einen Sommer nach Berlin zu Freunden gezogen und habe das sehr genossen. Aber mittlerweile sind mir die Menschen hier ans Herz gewachsen. Seit drei Jahren lebe ich jetzt mit meiner Freundin im Dorf - die ich übrigens außerhalb von Sieben Linden kennengelernt habe.

Frage: Als Filmemacher kommen Sie immer wieder raus aus dem Dorf. Fühlen Sie sich woanders mittlerweile fremd?

Würfel: Einmal im Jahr arbeite ich auf der Berlinale. Dort bin ich nur von Werbung und Glitzer umgeben. Doch das genieße ich dann sogar. Wie einen Urlaub.

Frage: Was könnte sich unsere Gesellschaft von Sieben Linden abgucken?

Würfel: Gemeinschaftlicher zu leben! In Sieben Linden sitzen längst nicht mehr die Einzigen, die sich für Nachhaltigkeit interessieren. Nur: In der großen Gesellschaft sucht jeder nach individuellen Lösungen. Nachhaltigkeit und Gemeinschaft gehen aber miteinander einher. Hier im Ort teilen wir Autos und Rasenmäher, kümmern uns zusammen um Gemüsebeete oder den Hausbau. Nur weil jede Arbeit allen Bewohnern zugute kommt, haben wir eine gute Ökobilanz. Allein ist das kaum zu schaffen.

Das Interview führte Lillian Siewert


Dieser Text stammt aus dem Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen".



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insgesamt 58 Beiträge
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Seite 1
wschwarz 30.07.2012
1. spätestens
wenn er Rückenprobleme bekommt, wohnt er wieder in Berlin. Oder schon vorher. Ich hatte die Nase voll vom einfachen Leben, wirds dann heißen.
wschwarz 30.07.2012
2. ÖKo und Alter
Zitat von sysopdapdKompostklo und Gemeinschaftskasse - aber dafür endlich Ruhe vor dem Konsumdruck: Der Buchautor und Filmemacher Michael Würfel ist von Hannover ins Ökodorf Sieben Linden in Sachsen-Anhalt gezogen. Im Interview bilanziert er sein neues Leben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,843647,00.html
wie kann man das verbinden?
uschikoslowsky 30.07.2012
3. optional
Mir persönlich sind "Wiedereinsteiger" bekannt, die aus einer thüringischen Kommune vor - ihre Worte - den dortigen Ökofaschisten geflüchtet sind. Ein entspanntes Leben (eben die Stadtflucht, sich nach eigenem Können und Vermögen in die Kommune einbringen) war dort auf Grund der extremen ideologischen Verbohrtheit für dieses Paar leider nicht möglich. Vielleicht (?) nur ein Einzelfall (?) - aber für mich genau so, wie ich mir das Leben mit diesen Eiferern vorstelle.
edle 30.07.2012
4. ökodorf
....ist Quatsch. Früher oder später kommen alle Menschen zum jetzt bereits bestehenden "Muster" zurück.. Denn der Mensch ist doch ein Individum, das sich STÄNDIG weiter entwickelt. Das "Ökodorf" sollte vielleicht eine Hilfe darstellen, damit die Menschen sich ihrer Humanität gegenüber Mensch, Tier und Umwelt besinnt. Doch ob so etwas realisierbar ist?
chrome_koran 30.07.2012
5.
---Zitat--- In meinem früheren Leben galt ich als Idealist. Ich fand es blöd, wenn andere mit dem Auto und nicht mit dem Fahrrad fuhren. ---Zitatende--- Ach so. Das ist also die Definition des Begriffes "Idealist": Blöd™ zu finden, was einem selbst nicht liegt. Man lernt nie aus. Der Rest der Aussagen passt dazu perfekt. Die Sache ist die: ohne Taka-Tuka-Land und ohne dass der Protagonist mal eben einen Elephanten heben kann, wirkt das Ganze irgendwie farblos. Dann lieber doch die gute alte Astrid L. lesen.
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