Schulen im Silicon Valley Der Sternenhimmel ist das Ziel, nicht die Versetzung

Ein knappes Jahr im kalifornischen Palo Alto - und alles verändert sich: Die Tochter besucht die Vorschule - ihre Erfahrungen zeigen, warum die coolsten Konzerne hier sind. Und warum das auch so bleibt, wenn sich Deutschland nicht bewegt.

Zeichnung von Malina
Astrid Maier

Zeichnung von Malina

Von Astrid Maier, Palo Alto


Als wir am 6. August 2015 aus Hamburg in Palo Alto ankamen, um ein Jahr an der Universität Stanford zu verbringen, nahmen wir unsere fünfjährige Tochter mit, die stolz war, ihren Vornamen - Malina - in etwas krakeliger Schrift schreiben zu können, die aber kaum ein Wort Englisch sprach.

Wir werden Palo Alto am 28. Juni wieder verlassen und dieses Mal wird mit uns eine Sechsjährige im Flieger sitzen, die mich verbessert, wenn ich Fehler beim Englischsprechen mache, ihre ersten Bücher geschrieben hat, den Unterschied zwischen einem Hexagon und einem Oktagon kennt und etwas "richtig Cooles" erfinden will, wenn sie erwachsen ist.

Was in der Zwischenzeit passiert ist? Unsere Tochter hat eine Vorschule in Palo Alto besucht.

Man kann sich mit Start-up-Gründern treffen, mit Professoren in Stanford sprechen oder Kaffee mit Wagnisgeldgebern trinken, um zu ergründen, was das Silicon Valley so erfolgreich macht.

Der kürzeste Weg direkt ins Herzen des Systems ist aber der tägliche Gang zur nächstgelegenen Grundschule. Den Anspruch haben, die Welt zu verändern und von ganzem Herzen ein Techie sein - das alles beginnt hier schon in der Vorschule. Nun, da wir unsere Rückreise vorbereiten, frage ich mich, wie ich das Beste dessen, was wir hier erfahren haben, nach Deutschland mitbringen kann.

Die Valley-Erfahrung beginnt für uns jeden Morgen auf unserem kurzen Schulweg. Unterwegs trifft und begrüßt Malina viele ihrer neuen Freunde. Und während meine Tochter sich mit einem Kuss und einem "Tschüss" von mir verabschiedet, höre ich, wie ihre Schulfreunde ihren Eltern ein "adios", "au revoir" oder "zaijian", so sagt man auf Wiedersehen auf Chinesisch, zurufen. Jeden Morgen fühle ich mich dabei, als verabschiede sich meine Tochter zu einer Mini-Uno-Vollversammlung.

Aushang mit Lebensmotto in Palo Alto
Astrid Maier

Aushang mit Lebensmotto in Palo Alto

Die Familien der Kinder aus Malinas Klasse spiegeln den allgemeinen Bevölkerungsmix wider. Eine Studie hat kürzlich festgestellt, dass 74 Prozent aller Tech-Arbeitnehmer im Silicon Valley, die zwischen 25 und 44 Jahre alt sind im Ausland geboren wurden. Und 51 Prozent der Bewohner des Valleys, die älter als fünf Jahre sind, sprechen zu Hause eine zweite Sprache neben Englisch, schrieb jüngst das Lokalblatt "Palo Alto Daily". Die Familien aus Malinas Klasse sind aus Frankreich, Israel, China, Indien, Spanien, Korea, Deutschland oder Weißrussland hierher ausgewandert. Und es ist bemerkenswert, welche Anstrengungen unsere Schule unternommen hat, um alle in ihre Gemeinschaft zu integrieren.

Integration gehört zum System

Für Kinder, die wie Malina bei Schulbeginn kaum Englisch sprechen, heuern öffentliche Schulen oft zusätzliche Pädagogen an, die jede Woche für ein paar Stunden in den Unterricht kommen, um die Neuankömmlinge zu unterstützen. Der Schulbezirk hat sich in unserem Fall sogar die Mühe gemacht, eine Muttersprachlerin aus Deutschland für diese Aufgabe zu finden.

Und auch das Schulpersonal ist außergewöhnlich: Malinas Lehrerin Lisa wird für immer in unsere Familiengeschichte eingehen, weil sie nie aufgab, Malina zu helfen, die schwere Zeit während der ersten Monate zu überwinden. Lisa wusste sich zu helfen: In den ersten Monaten benutzte sie oft Übersetzungsprogramme auf dem iPad, um Malina besser zu verstehen. Dank Lisa hat sich Malina in ein neugieriges, glückliches und lernbegieriges Vorschulkind entwickelt. Nun spornt sie sogar andere Kinder an, wenn diese mal nicht weiterkommen und ruft ihnen "Das ist eine tolle Strategie" zu.

Es hat System: Der große Aufwand, Neuankömmlinge zu integrieren, zahlt sich schließlich für die gesamte Gemeinde aus. Eine weitere Studie zeigte neulich auf, dass 51 Prozent der wertvollsten neuen Unternehmen im Silicon Valley von Einwanderern gegründet wurden.

Dabei schneiden die staatlichen kalifornischen Schulen landesweit mit am schlechtesten ab. In Palo Alto hingegen erreichen sie Top-Niveau. Wie das geht?

Die meisten Tech-Vordenker in Palo Alto denken liberal. Sie schicken deshalb ihre Kinder lieber auf öffentliche als auf private Schulen. Die Unterschiede werden einfach mit dem Scheckbuch wettgemacht: "Das hier ist das verrückteste Spendensystem, das ich je in meinem Leben erlebt habe", raunte mir eines Tages eine ebenfalls neu zugezogene Mutter aus Chicago zu.

Es ist der Geist, der hier weht

Unsere Schule hat sogar einen anonymen Spender, der 17 Millionen Dollar für die Renovierung des Geländes zugesagt hat. Der unglaubliche private Geldzufluss ins öffentliche Schulsystem ermöglicht Hilfslehrer in jedem einzelnen Klassenzimmer so wie Anita, die unsere Tochter als enge Freundin empfindet und sie auf dem Schulgelände schon von Weitem und laut begrüßt. Und der Geldfluss ermöglicht iPads, Bücher und Schulbüchereien, so üppig ausgestattet wie deutsche Klassenzimmer es oftmals mit Kreidestummel sind.

Natürlich hat Malina hier angefangen, das Programmieren zu lernen. Ihre Lehrerin hat uns Eltern mit einem Passwortzugang zu einer App versorgt, mit der Fünfjährige spielerisch die Grundprinzipien der Programmiersprache Java lernen können. Malina liebt diese App, sie verbringt viele Stunden zu Hause damit. Im Nachmittagsangebot unserer Schule enthalten sind - gegen Bezahlung - zudem Kurse in Design Thinking und 3-D-Druck. Ich bin nicht davon überzeugt, dass Grundschulkinder all das schon wirklich lernen müssen. Aber ich habe inzwischen begriffen, dass Technikversiertheit hier genauso dazugehört, wie Waldorfschulen und das Basteln in Deutschland.

Ausgezeichnete Lehrer, eine außergewöhnliche Willkommenskultur und sehr viel Geld - das allein sind aber noch nicht alle Zutaten, die das Schulsystem hier von allen anderen, die ich erlebt habe, unterscheiden. Die wichtigste Ingredienz gibt es nirgendwo zu kaufen: Es ist der Geist, der all das hier trägt.

Jeden Montag schickt Malinas Lehrerin einen Brief mit nach Hause, in dem sie die Pläne für die kommende Woche erklärt. Vor Kurzem schrieb sie uns, die Klasse werde lernen, "überzeugend zu schreiben" und Briefe aufsetzen, die helfen "Probleme zu lösen und die Welt zu verändern". Hätten wir diese Mitteilung der Lehrerin in den ersten Monaten hier erhalten, hätte ich wahrscheinlich laut gelacht und sie als typischen Valley-Größenwahn abgetan. Inzwischen weiß ich diese Einstellung aus ganzem Herzen zu würdigen.

Meine Tochter hat in der Vorschulklasse schon die Grundkenntnisse im Lesen und Schreiben, Addieren und Subtrahieren gelernt. Viel wichtiger aber ist mir, dass sie dank der anpackenden, tollkühnen Mentalität, die unsere Schule den Kindern vermittelt, eine Selbstsicherheit und einen Sinn für ihre eigenen Fähigkeiten entwickelt hat, die ihr wahrscheinlich keine Vorschule in Deutschland so vermittelt hätte.

Eine neue Zukunft für Malina

Zuhause in Deutschland wollte Malina immer Sängerin werden. Nun will sie, wenn sie erwachsen ist, Erfinderin werden. Malinas Schuljahr in Palo Alto hat unserer ganzen Familie klargemacht, dass das Silicon Valley weniger ein Ort auf der Landkarte als vielmehr eine Geisteshaltung ist: Es gibt immer eine Gelegenheit, etwas Neues und hoffentlich Besseres zu erfinden. Jeder kann für sich beanspruchen, die Welt zu verändern. Und wenn mal etwas schiefgeht, dann fängt man eben noch mal von vorne an. Lisa hat mit den Kindern vor Kurzem auch das "Scheitern" gelernt. Die Einstellung wird schon in der Vorschule vorgelebt. Innovation hat zuvorderst mit Psychologie zu tun.

Wenn wir in Deutschland mit dem sich beschleunigenden fortschreitenden technologischen Wandel mithalten wollen, müssen wir diese im Valley als "Macher-Mentalität" genannte Einstellung auch in Deutschland unseren Kindern von klein auf zu vermitteln versuchen. Solange dieses Ziel nicht Teil einer größeren Schulreform wird, wird es auch nichts bringen, wenn Deutschland Delegationen an Vorstandsvorsitzenden, Politikern und Unternehmern ins Silicon Valley schickt. Innovationen kann man sich nicht abschauen, man muss sie vorleben. Und für einen echten gesellschaftlichen Wandel müssen wir bei unseren Jüngsten anfangen.

Wie? Nach einem Jahr Silicon Valley gehören für mich Programmieren und Technikversiertheit auf den Stundenplan einer jeden Grundschule. Jedes Jahr, in dem hier nichts geschieht, fallen wir noch weiter gegen das Valley zurück. Und wir müssen Kinder ermutigen, neue Wege auszuprobieren, Risiken einzugehen, auch wenn am Ende das Resultat vielleicht nicht stimmt. Elon Musks' Sternenhimmel muss das Ziel sein, nicht die Versetzung.

Mir ist es egal, ob meine Tochter eines Tages tatsächlich Erfinderin, Sängerin oder etwas ganz anderes wird, solange sie dabei glücklich ist. Aber ich werde nach unserer Rückkehr alles versuchen, um ihr - und anderen Kindern - zu helfen, auch in Deutschland weiter so selbstsicher, wagemutig, und technikverliebt zu bleiben wie ihre neuen Freunde in ihrer Grundschule in Palo Alto.



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insgesamt 171 Beiträge
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Seite 1
revilo_keiwc 12.06.2016
1.
Ich halte es gern mit Precht, der eine weitere Schulreform ablehnt und eine Schulrevolution fordert. Wenn Kinder ans kreative Lernen herangeführt werden, haben sie großen Spaß daran und können nicht genug davon bekommen. Das setzt allerdings voraus, dass sie nicht vor Medien geparkt werden. Kleinkinder, die im Buggy per Smartphone ruhiggestellt werden, lassen mich erschauern.
reifenexperte 12.06.2016
2. Eine Frage der Einstellung aber auch der Finanzierung
In Deutschland werden doch noch immer die Schulen verfallen lassen. Da kommt doch in erster Linie die Einstellung ans Licht. Geld ist doch genug da, es muss nur richtig investiert werden. Und dann ist es eine Frage der Zahlung und der Wertschätzung für die Vor- und Grundschullehrer.
Rayleigh 12.06.2016
3.
Unser Schulsystem ist da, wie allerdings auch wie ein Großteil der Systeme in der Welt, schlicht veraltet. Aber da unser Land dafür ja viel Geld in die Hand nehmen müsste, wird sich in Dtl. nichts andern.
amidelis 12.06.2016
4. Tja
Warum sind sie nicht geblieben? Für mich klingt das was sie beschreiben traumhaft. Und es bestärkt mich im glauben dass unsere Reformen hier nur neuer Wein in alten Schläuchen sind.
curiosus_ 12.06.2016
5. Frau Maier, alles ...
... schön und gut. Sie beschreiben die Verhältnisse in einer exorbitant reichen Region, die das Erfolgsrezept ihres Reichtums an den Nachwuchs weitergibt. So etwas ist völlig normal seit es Menschen gibt. Egal, ob das in Petra zur Zeitenwende war, in Venedig im Mittelalter oder im Ruhrpott zur Zeiten der Industrialisierung. Aber das lies sich noch nie kopieren. Da gehört viel Glück und der richtige Zeitpunkt dazu. Und das Sehen und Ergreifen von Chancen. Auch Silicon Valley wird irgend wann einmal den Weg von Petra, Venedig oder dem Ruhrpott gehen. Und der Nachfolger wird sicher nicht deshalb nachfolgen, will er das Geschäftsmodell übernommen hat. Da ist das Original nämlich immer besser. Und der Nachfolger wird auch nicht zunächst die Randbedingungen des Silicon Valleys schaffen können, ganz einfach weil eine notwendige Bedingung dafür fehlen wird: Der ökonomische Erfolg.
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