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Fernost-Metropole Singapur: Das nächste Steuerparadies

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Die Schweiz ist nicht mehr sicher - Steuerhinterzieher transferieren ihre Millionen lieber an andere Finanzplätze. Ihr Favorit: Singapur. In der Fernost-Metropole herrscht ein Bankgeheimnis wie zu besten Zürcher Zeiten. Laut Schätzungen haben Privatleute dort schon 500 Milliarden Dollar geparkt.

Bankenviertel in Singapur (rechts): Attraktiver Standort für deutsche Steuerflüchtlinge Zur Großansicht
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Bankenviertel in Singapur (rechts): Attraktiver Standort für deutsche Steuerflüchtlinge

Hamburg - Der Ratgeber kostet schlappe 29 Euro. Dafür rühmt sich die Broschüre, voll geballter Informationen zu sein - für den Finanzprofi von Welt, zur Optimierung seiner Steuerlast, zum Umschichten seiner Millionen aus der Schweiz in den Tropenstaat Singapur.

"Singapur, die bessere Schweiz", heißt es im Online-Shop für die Broschüre. "Hier finden Sie Sicherheit und Diskretion!" Und dann, grammatisch nicht ganz korrekt: "Retten Sie sich in den letzten sichere Hafen." In dem Ratgeber sollen potentielle Kunden der Steueroase unter anderem erfahren, wie man ein Konto für eine Offshore-Firma eröffnet und welcher Anwaltskanzlei und Bank man trauen kann.

Singapur, der Insel- und Stadtstaat zwischen Malaysia und Indonesien, ist auf dem besten Weg, das Erbe der welkenden Steueroase Schweiz anzutreten. Neuestes Anzeichen sind Berichte über neue CDs mit Daten möglicher Steuerhinterzieher, die das Land Nordrhein-Westfalen gekauft hat. Laut "Financial Times Deutschland" sind darauf Unterlagen gespeichert, die zeigen, wie Schwarzgeld aus der Schweiz in Richtung Singapur verschoben wird.

Boomender Finanzplatz

Den etwas zweideutigen Titel als Schweiz Asiens hält Singapur nicht von ungefähr. Dank - größtenteils legaler - Geschäfte boomt der Finanzplatz. Schätzungen zufolge sollen private Investoren schon jetzt mehr als 500 Milliarden Dollar in die Fünf-Millionen-Metropole transferiert haben. Laut dem "Global Private Banking and Wealth Management Survey 2011" des Beratungshauses PricewaterhouseCoopers wird Singapur die Schweiz im kommenden Jahr als wichtigster Vermögensstandort der Welt ablösen.

Standortvorteile gibt es Experten zufolge viele. Oft genannt werden das verlässliche Rechtssystem für Unternehmen und die große Zahl von Analysten und Beratern, die wohlhabenden Ausländern bei Investitionen in asiatische Wertpapiere, Währungen, Wohnungen und Wachstumsmärkte den Weg weisen.

Ortsansässige Banken wie die Development Bank of Singapore und die United Overseas Bank zählen laut einer Studie des Finanzmarktdienstes Bloomberg zu den stabilsten Geldkonzernen der Welt. Dazu haben rund 50 internationale Finanzdienstleister ihren Asien-Hauptsitz in Singapur - darunter Schweizer Banken wie die Credit Suisse und Julius Bär.

Größter Vermögensverwalter in der Region ist nach Angaben der Fachzeitschrift "The Banker" die UBS, von deren Kunden die Daten auf den gerade in NRW gekauften Steuer-CDs stammen sollen. Die Schweizer Bank ist eng mit dem Stadtstaat verflochten. Sie verfügt über schätzungsweise 182 Milliarden Dollar in der Region; Singapurs größter Staatsfonds GIC hält zudem 6,4 Prozent der UBS-Aktien.

Geschäfte im Zwielicht

Schon jetzt ist Singapur also eine boomende Finanzmetropole. In dieser existiert aber auch ein Schattenreich, in dem Profis Steuerflüchtlingen helfen, ihr Geld vor dem heimischen Fiskus zu verstecken. Das Know-how für die dubiosen Geschäfte stamme oft aus den Zentralen der Schweizer Banken, lästern Branchenkenner hinter vorgehaltener Hand. Diese hätten einige ihrer besten Leute nach Singapur geschickt. Die Schweizerische Bankiervereinigung dagegen betont: "Wir bieten nicht Hand zur Steuerhinterziehung."

Auch sonst erfüllt Singapur viele Kriterien einer Oase für Schwarzgeldbesitzer: Kapitalgewinne sind steuerfrei, ebenso Erbschaften; die Einkommensteuer liegt für Ausländer pauschal bei 15 Prozent; steuerbefreite Stiftungen sind schnell gegründet.

Vor allem aber gilt das Singapurer Bankgeheimnis inzwischen als sicherer als das der Schweiz. In der Alpenrepublik häuften sich zuletzt die Hinweise, dass die verschwiegenen Zeiten sich dem Ende neigen. So erhielten die USA Einsicht in die Daten von 4500 UBS-Kunden; hinzu kommt der florierende Markt mit den CDs potentieller Fiskusbetrüger.

Aus Singapur sind - zumindest bislang - keine Daten an die Öffentlichkeit gelangt. Singapurs Behörden bearbeiten Anfragen ausländischer Steuerbehörden nur, wenn der Verdacht detailliert begründet ist und das zweithöchste Gericht des Landes, der sogenannte High Court, der Herausgabe der Daten zustimmt.

Nun ist Singapur bei weitem nicht die einzige Steueroase, die solche Voraussetzungen bietet. Aber sie gilt vielen Fachleuten als die derzeit attraktivste. In anderen diskreten Ländern wie Dubai kursiere zu viel Drogengeld. Andere Staaten wie Panama oder die Karibikinseln Antigua und Barbuda böten nicht dieselbe luxuriöse Infrastruktur wie Singapur, sagte David Marchant, Herausgeber des Expertenportals "Offshore Alert", kürzlich dem "Wall Street Journal".

Kampf gegen das miese Image

Regierungschef Lee wehrt sich vehement gegen Darstellungen, sein Land sei die beste Steueroase der Welt. Rund 1200 Mitarbeiter der Zentralbank und der ortsansässigen Bankenaufsicht MAS sollen den Finanzplatz sauber halten. "Wir haben keinerlei Interesse, ein Geldwäschezentrum zu sein", sagte er im Juli bei einer Rede.

Tatsächlich hat Singapur mit zahlreichen Ländern Steuerabkommen geschlossen - auch mit Deutschland stimmt sich das Land derzeit über ein solches Abkommen ab. Im Oktober 2009 verabschiedete Singapurs Parlament zudem ein Gesetz, mit dem die Regierung von Banken die Herausgabe von Daten verlangen kann, wenn ein Verdacht auf Steuerhinterziehung vorliegt. Ebenfalls 2009 löschte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) Singapur - ebenso wie die Schweiz - von ihrer grauen Liste der Steueroasen.

In der Praxis aber haben es Fiskusfahnder noch immer schwer, an solche Daten zu kommen. Und die OECD kritisierte 2011, dass Singapurs Steuerabkommen mit anderen Ländern viele Schlupflöcher hätten und zudem weit weniger Abkommen als angekündigt umgesetzt worden seien.

"Unterstützt von einem dem Finanzsektor zugeneigten Gerichtssystem ist es in der Praxis extrem schwer, an Informationen heranzukommen", lautet das Fazit des Tax Justice Network, einer Nichtregierungsorganisation, die sich weltweit für Steuergerechtigkeit einsetzt. Der Steuerexperte Martin Sorg drückte es im Gespräch mit dem manager magazin noch etwas undiplomatischer aus. Er sagte: "Das Bankgeheimnis ist mindestens so gut wie das der Schweiz in den besten Zeiten."

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1. Das gute an der Schweiz als
hdudeck 10.08.2012
Zitat von sysopGetty ImagesDie Schweiz ist nicht mehr sicher - Steuerhinterzieher transferieren ihre Millionen lieber in andere Finanzplätze. Ihr Favorit: Singapur. In der Fernost-Metropole herrscht ein Bankgeheimnis wie zu besten Zürcher Zeiten. Laut Schätzungen haben Privatleute dort schon 500 Milliarden Dollar geparkt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,849302,00.html
Steueroase ist, das sie gleich um die Ecke ist. Bis auf Jersey, Lichtenstein, Monaco und Luxemburg sind alle anderen Oasen weit entfernt und werden mehr oder weniger von obscuren Leuten (sprich Politikern) gefuehrt. Jeder sollte sich ueberlegen, ob er/sie sein Geld dort bunkern will. Geld muss wireless transferiert werden, mit der Tasche voller Geld dort aufzutauchen ist gefaehrlich, da mit Flugzeug angereist werden muss und die Tasche kontroliert wird. Wireless laeuft ueber die US (siehe Zwift Abkommen), wird also registriert. Bei einer US Reise muss man dann vielleicht unangenehme Fragen beantworten. Viel Spass damit!
2. Geldverkehr ist absolut legal
Palmstroem 10.08.2012
Zitat von sysopGetty ImagesDie Schweiz ist nicht mehr sicher - Steuerhinterzieher transferieren ihre Millionen lieber in andere Finanzplätze. Ihr Favorit: Singapur. In der Fernost-Metropole herrscht ein Bankgeheimnis wie zu besten Zürcher Zeiten. Laut Schätzungen haben Privatleute dort schon 500 Milliarden Dollar geparkt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,849302,00.html
Kapital ist eben ein scheues Reh. Und wer will schon sein Geld im Euroraum anlegen, wo man nicht weiß, was morgen ist. Im übrigen ist es auch nicht verboten. Man muß nur den Zinsertrag bei der Steuer angeben - falls einer anfällt. Kluge rechnen ohnehin mehr damit, dass der Euro abwertet.
3. Dafür bleiben hier Kriminelle unbehelligt
Querspass 10.08.2012
Zitat von hdudeckSteueroase ist, das sie gleich um die Ecke ist. Bis auf Jersey, Lichtenstein, Monaco und Luxemburg sind alle anderen Oasen weit entfernt und werden mehr oder weniger von obscuren Leuten (sprich Politikern) gefuehrt. Jeder sollte sich ueberlegen, ob er/sie sein Geld dort bunkern will. Geld muss wireless transferiert werden, mit der Tasche voller Geld dort aufzutauchen ist gefaehrlich, da mit Flugzeug angereist werden muss und die Tasche kontroliert wird. Wireless laeuft ueber die US (siehe Zwift Abkommen), wird also registriert. Bei einer US Reise muss man dann vielleicht unangenehme Fragen beantworten. Viel Spass damit!
Im "Monitor" lief gestern eine Reportage über unser Geldwäschegesetz. Danach ist Deutschland ein Paradies für Mafia & Co. KG. Dass man hier nachweisen muss, woher das Geld für z.B. den Schmuck der Gattin stammt, ist so gut wie ausgeschlossen
4. Verrückt
Pinon_Fijo 10.08.2012
Ist mir vollkommen schleierhaft, wie jemand sein Geld in Singapur oder allgemein in Regionen wie Asien, Afrika und den Nahen Osten 'anlegen' kann. Eine Revolution oder nur ein Stimmungsumschwung der aktuellen Regierung und schwupps ist alles Geld weg oder glaubt jemand er könne dort hinten mit Rechtsmitteln drohen ?
5. 500Mrd das fliesst innerhalb weniger als 3,5 Jahren in die schweiz
mitbestimmender wähler 10.08.2012
Singapur 500 Milliarden Dollar in Jahren bis Jetzt....hmmm? Schweiz 2012 in 6 Monaten Netto-Zufluss: CS 3,4 Mrd UBS 11 Mrd Bär 5,5 Mrd Postfinance 5 Mrd Raiffeisen 5 Mrd Vontobel 5 Mrd ZKB 6 Mrd Partners Group 2,5 Mrd Pictet 7,5 Mrd Lombard Odier 3,6 Mrd Macht bei 10 (von 304) Bankhäuser zusammen 54,5 Mrd Dollar Netto-Zufluss in 6 Monaten.
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Karte

Fläche: 718,3 km²

Bevölkerung: 5,47 Mio.

Hauptstadt: Singapur

Staatsoberhaupt:
Tony Tan Keng Yam

Regierungschef: Lee Hsien Loong

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Eckdaten zum Steuerabkommen
  • Das Steuerabkommen zwischen Deutschland und der Schweiz soll Anfang 2013 in Kraft treten.
  • Geld, das bisher am deutschen Fiskus vorbei in die Schweiz gebracht wurde, soll pauschal mit 21 bis 41 Prozent nachversteuert werden - je nach Dauer und Größe der Einlagen.
  • Die Regelung soll rückwirkend für zehn Jahre gelten. Im Gegenzug wird den Anlegern Straffreiheit zugesagt.
  • Künftige Kapitalerträge deutscher Anleger bei Schweizer Banken sollen wie in Deutschland mit 26,4 Prozent besteuert werden.
  • Das Schweizer Parlament hat das Abkommen am 30. Mai gebilligt.
  • In Deutschland könnte das Abkommen blockiert werden. Die von SPD und Grünen geführten Bundesländer, deren Zustimmung erforderlich ist, lehnen die Vereinbarung ab.
  • Kritiker monieren eine Benachteiligung der Steuerehrlichen. Voraussichtlich werde in 80 Prozent der Fälle nur der Mindeststeuersatz von 21 Prozent fällig. Für die deutschen Steuerbehörden gebe es keine Kontrollmöglichkeiten. Das Schwarzgeld könne bis zum Inkrafttreten des Abkommens beiseitegeschafft werden. Und es gebe zu viele Schlupflöcher.

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