Sinkende Arbeitslosenzahl Ökonomen entzaubern deutsches Jobwunder

Der deutsche Arbeitsmarkt erweist sich als überraschend robust: In der Rezession gingen nur wenige Stellen verloren, im Aufschwung sinkt die Zahl der Erwerbslosen weiter. Was ist der Grund für das Jobwunder? Eine wichtige Rolle spielen Demografie und Statistiktricks.

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Mitarbeiter bei Hansgrohe: "2011 wird sich zeigen, wie tragfähig der Aufschwung ist"
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Mitarbeiter bei Hansgrohe: "2011 wird sich zeigen, wie tragfähig der Aufschwung ist"


Hamburg - Es dröhnt in der Werkshalle bei Hansgrohe. Die Poliermaschinen des Schwarzwälder Armaturenherstellers laufen auf Hochtouren, den Mitarbeitern steht der Schweiß auf der Stirn: So viele Aufträge haben sie in den vergangenen Wochen bereits abgearbeitet, so viele stehen ihnen noch bevor. "Die Geschäfte laufen sehr viel besser als erwartet", sagt Firmensprecher Carsten Tessmer.

Hansgrohe steckt mitten im Aufschwung. Die gut 2000 Mitarbeiter in Deutschland erleben hautnah, wie sich dieses abstrakte Wort anfühlt. Und bald dürften es noch einige mehr sein, die daran teilhaben. "Wir haben mehr als 60 Stellen in der Produktion, in der Montage, im Einkauf und im Marketing neu zu besetzen", sagt Tessmer. Spätestens im nächsten Frühling sollen die neuen Arbeitskräfte ihre Stelle antreten.

Nicht nur bei Hansgrohe - auch in anderen deutschen Firmen wird wieder eingestellt. Das belegen die Zahlen vom Erwerbsmarkt, die die Bundesagentur für Arbeit (BA) und das Statistische Bundesamt an diesem Dienstag veröffentlicht haben. Immer näher rückt die Zahl der Erwerbslosen der magischen Marke von drei Millionen - bald könnte sie darunter liegen.

Das Horrorszenario blieb aus

Verkehrte Welt? Nur etwas mehr als ein Jahr ist es her, da sah es noch düster aus für Deutschland. Das wirtschaftsliberale Ifo-Institut und das gewerkschaftsnahe IMK waren sich ausnahmsweise einig: Die Zahl der Arbeitslosen könnte in der Krise die furchteinflößende Marke von fünf Millionen erreichen, prognostizierten sie.

Dass es anders gekommen ist, hat die Fachwelt überrascht. Selbst im Ausland hat sich das "German miracle", das deutsche Arbeitsmarktwunder, herumgesprochen. Wie konnte es dazu kommen?

Das Beispiel Hansgrohe macht es vielleicht deutlich. Den Armaturenhersteller hat die Krise des vergangenen Jahres ebenfalls hart getroffen. Aufträge blieben aus, der Umsatz schrumpfte um fast neun Prozent. Dennoch hielt das Unternehmen eisern an seinen Mitarbeitern fest. Nach Firmenangaben blieb die Zahl der Angestellten stabil. "Der Abbau gut gefüllter Arbeitszeitkonten hat uns enorm geholfen", sagt Sprecher Tessmer.

Auch zahlreiche andere Firmen und Konzerne haben dieses Instrument der Flexibilisierung genutzt und ihre Mitarbeiter gehalten. Als echtes Wundermittel stellte sich jedoch die Kurzarbeit heraus. "Heute kann man wohl sagen, dass sie ein Geniestreich war", sagt IMK-Leiter Gustav Horn.

Tatsächlich hat die Kurzarbeit Hunderttausende Jobs gerettet. In Spitzenzeiten arbeiteten im vergangenen Jahr 1,5 Millionen Menschen kurz. Zuletzt waren es nach Angaben der BA noch etwa 400.000. "Das Entscheidende an der Kurzarbeit ist, dass die Unternehmen an ihren Mitarbeitern festhalten können, ohne hohe Lohnkosten zu haben", sagt Thomas Straubhaar, der Leiter des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut (HWWI).

Jetzt, wo die Krise überstanden scheint, können die Unternehmen wieder loslegen - und haben ihre besten Leute noch im Betrieb. "In früheren Rezessionen hatten die Unternehmen viel dafür getan, ihr Personal loszuwerden - vor allem die älteren Beschäftigten", sagt Straubhaar. "Dieses Mal war es anders."

Nicht nur die Kurzarbeit, auch der demografische Wandel hat die Unternehmen veranlasst, Mitarbeiter zu halten. Gleichzeitig sind um die hunderttausend Personen im vergangenen Jahr aus der Erwerbslosenstatistik verschwunden, schlicht weil sie in Rente gingen. Das ist alles andere als Zauberei, sieht in der Bilanz der Bundesagentur aber gut aus. Genauso wie die Zehntausenden, die aus der Statistik herausfielen, weil die Behörde sie einfach nicht mehr mitzählte. So wurden die von privaten Vermittlern betreuten Arbeitssuchenden früher noch eingerechnet. Inzwischen werden sie einfach nicht mehr ausgewiesen. Ohne diese Änderung und andere müsste die Zahl der Arbeitslosen heute deutlich höher sein.

Der Jubel im Inland ist verhalten

Das vermeintliche Arbeitsmarktwunder ist also gar keins. Demografie und Statistiktricks haben einen gehörigen Anteil an der positiven Entwicklung der Erwerbslosenzahlen. Vielleicht fällt der Jubel in Regierung und Arbeitsagentur auch deshalb so bescheiden aus. Vielleicht ist aber auch die Angst vor einem Rückschlag zu groß.

Denn noch ist längst nicht klar, wie die Konjunktur in den kommenden Monaten verlaufen wird. Zwar melden zahlreiche Unternehmen wieder steigende Auftragseingänge. Wirtschaftsinstitute und -verbände korrigierten ihre Wachstumsprognosen auf mehr als drei Prozent nach oben. Die Zahl der Arbeitslosen könnte in einigen Monaten sogar auf 2,8 Millionen fallen. Doch alle warnen vor zu viel Optimismus. In den USA und China kühlte sich die Wirtschaft wieder merklich ab. Den exportintensiven Unternehmen in Deutschland droht damit ein Dämpfer. "Erst Anfang 2011 wird sich zeigen, wie tragfähig der Aufschwung tatsächlich ist", sagt Hansgrohe-Sprecher Tessmer.

Vertrauen sieht anders aus - das lässt sich auch am Arbeitsmarkt ablesen. So hat es in den vergangenen Monaten zwar neue Jobs gegeben, aber vor allem in der Zeitarbeit. Viele Firmen gehen auf Nummer sicher und wollen nur wenige Mitarbeiter fest an sich binden. Die Zahl der Leiharbeiter - die man schnell wieder loswird - erreicht dagegen Höchststände. Derzeit sind es mehr als 800.000. Auch Hansgrohe steht hier exemplarisch für viele: Die Leiharbeiterzahl ist bei den Schwarzwäldern auf 200 verdoppelt worden und liegt damit auf Vorkrisenniveau. Die Zahl der offenen Vollzeitstellen fällt wesentlich geringer aus.

Das ist bezeichnend - auch für den langfristigen Trend. Es wird auf kurze Sicht zwar mehr regulär Beschäftigte und weniger Erwerbslose geben. "Die nächsten Jahre dürften gute Jahre auf dem Arbeitsmarkt werden", sagt HWWI-Chef Straubhaar. Aber: So wie die Flexibilisierung den Abschwung gedämpft hat, wird sie auch im Aufschwung keinen Boom bei den Jobs auslösen. Ein zweites Wunder ist eher unwahrscheinlich.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 260 Beiträge
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Seite 1
Tostan 31.08.2010
1. und wieviele arbeitnehmer können von ihrem Einkommen leben?
Wirklich interessieren würde mich mal eine Statistik, wie viele Arbeitnehmer(familien) vom Einkommen leben können und wie viele aufstocken(Einkommen+ALG II) müssen. Und wie sich diese Zahlen über die Jahre entwickelt haben. Ich finde es entwürdigend, wenn man trotz Vollzeit-Arbeit im Schichtbetrieb noch ALG II beantragen muss um die Familie ernähren zu können. Das sind keine Einzelfälle.
Se Norm 31.08.2010
2. 100.000 + einige 10.000 = 2 Millionen?
Verstehe ich nicht. Die Differenz zwischen erwarteter Arbeitslosigkeit liegt bei knapp 2 Millionen, gleichzeitig wird im Artikel behauptet, dass 100.000 in Rente gegangene Arbeitslose und einige 10.000 die private Jobvermittler haben einen starken Anteil an dieser Minderung hätten. Das wär ein Anteil von max. 10%.... wow!
mitbürger 31.08.2010
3. Ddr 2.0
In einer DDR gibt es offiziell keine Arbeitslosen.
deppvomdienst 31.08.2010
4.
Zitat von sysopDer deutsche Arbeitsmarkt zeigt sich überraschend positiv: In der Rezession blieb er robust, im Aufschwung sinkt die Zahl der Erwerbslosen immer weiter. Was ist der Grund für das Jobwunder? Eine wichtige Rolle spielen Demografie und Statistiktricks. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,714253,00.html
Entscheidend ist die gedankliche Nullinie, die man zieht: Sagen wir einmal, bei 5% Arbeitslosigkeit, entprechend rund 1,6 Mio Menschen. Wenn man also hochrechnet, wie es uns gehen würde, wenn diese Zielmarke erreicht ist, zeigt sich das volle Dilemma der Politik: *Es wird nicht reichen!* Selbst bei 5% Arbeitslosigkeit bleiben die Staatsfinanzen defizitär und die Sozialkassen unterfinanziert - es sei denn, die Lohnsummen, und damit die Steuer- und SV-Beitragseinnahmen stiegen extrem an. Solange aber mit dem Rückgang der Arbeitslosigkeit nicht der entsprechende Einnahmezuwachs in den staatlichen Geldtöpfen verbunden ist, streut im Prinzip jede Jubelmeldung der Arbeitsagentur Salz auf die offenen Wunden einer seit 30 Jahren verfehlten Wirtschafts- und Sozialpolitik. Oder auch: wie viel Wachstum würden wir denn wirklich brauchen, um unsere Probleme zu lösen? Wo soll das herkommen? Was tut die Politik, um es zu erreichen? Und so bleibt das Jobwunder, was es ist: Man kann sich immer neu wundern, was da für Jobs geschaffen wurden ...
Caiman, 31.08.2010
5. Hurraaa!!!
Zitat von TostanWirklich interessieren würde mich mal eine Statistik, wie viele Arbeitnehmer(familien) vom Einkommen leben können und wie viele aufstocken(Einkommen+ALG II) müssen. Und wie sich diese Zahlen über die Jahre entwickelt haben. Ich finde es entwürdigend, wenn man trotz Vollzeit-Arbeit im Schichtbetrieb noch ALG II beantragen muss um die Familie ernähren zu können. Das sind keine Einzelfälle.
Genau das ist der Punkt: es werden schlichtweg weitere 6,6 Millionen Transferempfänger aus den Statistiken herausgelogen, die gerade in einer mehr oder weniger sinnvollen Weiterbildung befindlich sind, die 1-EUR-Sklavenjobs nachgehen, die Beschäftigungsverhältnisse auf 400 EUR-Basis haben usw usw... De facto haben wir also keine knapp 3,2 Millionen Arbeitslose, es sind deutlich mehr, nur mag das niemand hören, und die Medien vermelden die gelogenen Zahlen brav und staatstragend freudig weiter!
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