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28. April 2011, 15:11 Uhr

Sinkende Arbeitslosigkeit

Brüderle redet die Wunschzahl herbei

Der Aufschwung hat die Zahl der Arbeitslosen deutlich gemindert. Zwar ist sie noch nicht unter die Marke von drei Millionen gefallen, doch Politiker und Experten fiebern bereits dem Mai entgegen. Dann erwarten sie, dass die lang ersehnte Grenze unterschritten wird.

Nürnberg/Berlin - Zu solchen Zahlen geben Politiker gerne Kommentare ab: eine Arbeitslosenquote von 7,3 Prozent im April, nur noch 3,078 Millionen Menschen ohne Job, 132.000 weniger als noch im März.

Wirtschaftsminister Rainer Brüderle gibt sich euphorisch. "Der Aufwärtstrend am Arbeitsmarkt ist nicht zu stoppen", sagte der FDP-Politiker. Der Frühlingsaufschwung treibe den Arbeitsmarkt zu neuen Bestmarken.

"Die Arbeitslosigkeit wird bald wieder unter die Drei-Millionen-Marke fallen, und ich bin mir sicher, dass sie in diesem Jahr erstmals seit 1992 auch im Jahresdurchschnitt diesen Wert unterschreiten wird", sagte der Wirtschaftsminister. Eine genaue Zeitangabe, wann er das Knacken der Drei-Millionen-Grenze erwartet, machte Brüderle nicht.

Analysten sind da konkreter. Nach Einschätzung der Commerzbank dürfte die Arbeitslosenzahl in Deutschland bereits im Mai unterhalb von drei Millionen liegen. Auch für das Gesamtjahr sind die Commerzbank-Experten zuversichtlich: "Die Arbeitslosigkeit wird 2011 zurückgehen und die Erwerbstätigkeit steigen". Ihre Prognose begründen sie mit der kräftig wachsenden deutschen Wirtschaft.

"Das Ziel der Vollbeschäftigung wird greifbarer"

Auch Postbank-Analysten gaben sich zuversichtlich. Ein Ende des Aufschwungs am Arbeitsmarkt sei nicht in Sicht, schrieben sie. "Das Ziel der Vollbeschäftigung wird - bei allerdings großen regionalen Differenzen - immer greifbarer."

Was die Experten nicht erwähnen: Die tatsächliche Zahl der Arbeitslosen - also die Unterbeschäftigung - liegt deutlich höher, da hierbei auch Ein-Euro-Jobber und Erwerbslose in Weiterbildung mitgezählt werden müssen. Im April belief sich die Unterbeschäftigung auf 4,042 Millionen, Kurzarbeit nicht mit eingerechnet. Gegenüber dem Vormonat hat sie um 141.000 abgenommen.

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen gibt sich entsprechend vorsichtiger. Die Arbeitslosenzahlen seien zwar stärker gesunken als in einem April erwartbar. Trotzdem sei dies kein Grund zur Euphorie. "Alle kennen die Risiken. Wir sind stark vom globalen Markt abhängig, und damit bleibt abzuwarten, ob die Ereignisse im Euro-Raum, in Nordafrika und der arabischen Welt, aber auch in Japan die deutsche Wirtschaft betreffen. Deshalb müssen wir wachsam bleiben", sagte die Ministerin.

Von der Leyen wirbt für Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt

Bisher scheinen diese Unsicherheiten den deutschen Arbeitsmarkt aber nicht zu beeinflussen. Die Nachfrage nach Arbeitskräften in Deutschland stieg im April auf ein Rekordniveau. Nach Angaben der Arbeitsagentur suchen deutsche Unternehmen derzeit so viele Arbeitskräfte wie schon lange nicht mehr. Der von ihr ermittelte Beschäftigungsindexes BA-X kletterte im Vergleich zum Vormonat um zwei Punkte auf 167 Punkte - der Höchstwert seit Einführung des Indexes 2004. Im Vergleich zum Vorjahr sei das ein Zuwachs um 37 Punkte.

Für viele Betriebe hat der Boom auf dem Arbeitsmarkt Nachteile. Firmen klagen über Probleme, genügend qualifizierte Fachkräfte zu finden. Vor allem Zeitarbeitsfirmen sind laut BA in Not. Etwa jede dritte freie Stelle komme aus dieser Branche. Aber auch im Handel, im Bausektor, in der Gastronomie und im Gesundheitssektor würden zahlreiche Mitarbeiter gesucht.

Angesichts der steigenden Zahl offener Stellen nannte von der Leyen die volle Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt ab 1. Mai für Deutschland eine "große Chance". Im Augenblick sei der Arbeitsmarkt "aufnahmefähig wie ein Schwamm", sagte die CDU-Politikerin.

Viele Unternehmen suchten immer intensiver nach passenden Fachkräften. Ab 1. Mai würden vorzugsweise gut ausgebildete, mobile junge Menschen nach Deutschland kommen. Diese trügen dazu bei, Deutschland wirtschaftlich weiter nach vorn zu bringen und einen Teil der Fachkräftelücke zu füllen.

mmq/dpa-AFX/Reuters/dapd

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