Sinkende Reallöhne Deutsche können sich immer weniger leisten

Die Firmen knausern, die Deutschen verlieren an Kaufkraft: Laut einer Studie ist das durchschnittliche Monatseinkommen im vergangenen Jahrzehnt real um 93 Euro geschrumpft. Der Trend hält an - und das liegt nicht nur am Billiglohn-Boom.

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Einkaufsmeile in Düsseldorf: Weniger Geld trotz Aufschwung
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Einkaufsmeile in Düsseldorf: Weniger Geld trotz Aufschwung


Hamburg - Es ist die Kehrseite einer Erfolgsgeschichte: Zwar ist Deutschland besser durch die jüngste Krise gekommen als jedes andere europäische Land. Der Arbeitsmarkt boomt, den Firmen fehlen sogar Lehrlinge. Doch von den Erfolgen haben die Arbeitnehmer wenig gehabt: Eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt, dass die Löhne im letzten Jahrzehnt geringer stiegen als die Inflation, also die Lebenshaltungskosten. Betroffen sind nahezu alle Einkommensgruppen.

Laut den DIW-Berechnungen konnten lediglich die obersten zwei Zehntel der Beschäftigten ein leichtes Plus bei den realen Bruttomonatslöhnen verzeichnen. Im Durchschnitt gingen diese im vergangenen Jahrzehnt um 4,2 Prozent zurück (siehe Tabelle).

Durchschnittliches reales Bruttoerwerbseinkommen im Monat je Dezil in Euro

Einkommen
aller abhängig Beschäftigten
2000 2005 2010 Relative Veränderung
2000-2010
(in Prozent)
Absolute Veränderung
2000-2010
(in Euro)
1. Zehntel 320 289 259 -19,1 -61
2. Zehntel 798 636 614 -23,1 -184
3. Zehntel 1290 1120 1048 -18,8 -242
4. Zehntel 1658 1520 1440 -13,1 -218
5. Zehntel 1958 1902 1798 -8,2 -160
6. Zehntel 2253 2245 2162 -4,0 -91
7. Zehntel 2554 2573 2485 -2,7 -69
8. Zehntel 2865 2967 2845 -0,7 -20
9. Zehntel 3434 3543 3440 0,2 6
10. Zehntel 5368 5340 5481 2,1 113
Mittelwert 2229 2201 2136 -4,2 -93
Median 2096 2087 1941 -7,4 -155

Quellen: SOEP v27. Abhängig Beschäftigte in Privathaushalten.
Angaben in Preisen von 2005.

Das heißt: Im Schnitt hatten die Deutschen pro Monat 93 Euro weniger in der Tasche. Auch die um die Inflation bereinigten Stundenlöhne stagnierten im letzten Jahrzehnt (siehe Bilderstrecke).

Laut Karl Brenke, dem Co-Autor der Studie, ist keine grundsätzliche Änderung des Trends absehbar. Zwar hätten Arbeitnehmer im zweiten Quartal 2011 verstärkt Lohnerhöhungen durchsetzen können. "Aber der größte Teil davon sind Einmalzahlungen, der Trend nach oben bleibt schwach."

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4  Bilder
Schwache Lohnsteigerungen: Maues Jahrzehnt für Arbeitnehmer
Warum schrumpfen Reallöhne selbst in Zeiten des Aufschwungs? Eine mögliche Erklärung ist, dass Arbeitgeber zunehmend Niedriglöhne zahlen. Tatsächlich hat der Niedriglohnsektor laut den Autoren bis 2006 an Bedeutung gewonnen, entsprechend entwickelten sich die Löhne von Geringverdienern bis Mitte des vergangenen Jahrzehnts besonders schlecht.

Nur Höchstverdiener haben mehr in der Tasche

Doch das kann nicht die ganze Erklärung sein. Denn in den vergangenen Jahren wuchs der Niedriglohnsektor kaum noch. Stattdessen mussten laut der Studie in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts "fast alle Arbeitnehmer real sinkende Monatsverdienste hinnehmen, nur die Höchstverdiener nicht". Die Lohnentwicklung sei für Frauen wie für Männer ungünstig gewesen, bei Vollzeitstellen ebenso wie bei Teilzeitkräften und sowohl bei einfacher Arbeit als auch bei Tätigkeiten, die ein Studium voraussetzen.

Dieser breite Trend lässt sich den Autoren zufolge auch nicht mit einer Veränderung der Beschäftigungsstruktur erklären - im Gegenteil: Ohne die gestiegenen Anforderungen an die Qualifikation von Arbeitnehmern wären die Löhne vermutlich noch schlechter ausgefallen.

Der Hauptgrund für die Entwicklung ist den Forschern zufolge ein anderer: Entscheidend sei gewesen, "dass es flächendeckend zu keinen Lohnanhebungen kam". Anders gesagt: Die Arbeitgeber waren zu knauserig, die Beschäftigten zu bescheiden.

Diese Zurückhaltung bei Löhnen gilt freilich auch als entscheidender Grund dafür, dass Deutschland in den vergangenen Jahren wettbewerbsfähiger wurde und die Krise vergleichsweise gut bewältigte. DIW-Forscher Brenke hält die Konkurrenz aus dem Ausland aber für kein generelles Argument gegen Lohnerhöhungen. "Schließlich stehen nicht alle Branchen im internationalen Wettbewerb."

Zudem führt die bescheidene Entwicklung der Reallöhne laut Brenke zu einer Schwächung des privaten Konsums in Deutschland. Den wiederum kritisieren zunehmend andere EU-Länder. Denn der schwache Konsum in Deutschland gilt als ein Grund dafür, dass es innerhalb Europas zu großen wirtschaftlichen Ungleichgewichten kam. Anders gesagt: Hätten die Deutschen mehr Waren aus dem Ausland gekauft, stünden Griechenland, Portugal und Co. zumindest ein wenig besser da.

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Seite 1
Thraex 09.11.2011
1. Sinkende Reallöhne: Fast alle Deutschen haben weniger in der Tasche
Guten Morgen @Spiegel. Und in 10 Jahren merkt ihr dann wahrscheilich auch, das der euro Tot ist. Und das mit den Lehrlingen ist genau son Ding, ihr checkt es einfach nicht!
Criollo, 09.11.2011
2. Die grossen Gewinne ....
... aus der vergangenen Lohnzurückhaltung haben die Banken ja in Immobilienpapiere in den USA, in Irland, in Spanien etc. "investiert". Jetzt kann man doch Griechenland etc. freikaufen und die Staatspapiere dann wieder in eine BadBank auslagern. "You can't take it with you". Niemand hat das besser begriffen als die Deutschen und ihre Banken.
Thrillhouse0580 09.11.2011
3. ......
"Nur Höchstverdiener haben mehr in der Tasche" Das sagt ja wohl alles!
ekel-alfred 09.11.2011
4. Seltsam
Zitat von sysopDie Firmen knausern, die Deutschen verlieren an Kaufkraft: Laut einer*Studie ist das Monatseinkommen innerhalb des letzten Jahrzehnts*real um 93 Euro geschrumpft.*Der Trend hält an - und das liegt nicht*nur am Billiglohn-Boom. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,796625,00.html
Ja wie kann das denn sein?? Im Frühjahr gab es hier noch ganz andere Zeilen zu lesen: http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,769768,00.html
Albanodabango 09.11.2011
5. ...
Der eigentliche Skandal ist nicht, dass Reallöhne sinken. Das kann je nach wirtschaftlicher Gesamtlage nötig und sogar vorteilhaft sein. Vielmehr ist das Problem, dass ausgerechnet die geringsten Einkommen real gesunken sind, während die Spitzenverdiener heute im Schnitt besser dastehen als vor 10 Jahren. Diese Entwicklung einer sich immer weiter öffnenden Schere von arm und reich, bei gleichzeitiger Abschaffung der Mittelschicht, muss endlich gestoppt werden!
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