Land ohne Regierung Wenn der Deutschland-Boom zerbricht

Deutschland ist cool, diese Stimmung trägt das Land dank des wirtschaftlichen Dauerbooms. Doch Überschwang und Aufschwung könnten kippen, weil die Politik das neue Deutschlandgefühl verspielt.

Merkel, Schulz vor Beginn der Sondierungen am Sonntag
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Merkel, Schulz vor Beginn der Sondierungen am Sonntag

Eine Kolumne von


Kürzlich habe ich eine Flasche der Marke "Siegfried Rheinland Dry Gin" verschenkt. Ich kenne mich mit Schnaps nicht aus und weiß nicht, ob das Destillat etwas taugt. Aber den Namen fand ich interessant. Noch vor wenigen Jahren wäre eine solche Anspielung auf deutsche Mythen kaum denkbar gewesen. Nibelungen und Rheingold fanden allenfalls in Opernhäusern statt, aber nicht im übrigen öffentlichen Leben.

Siemens hatte einst eine Glühlampe namens "Wotan" auf den Markt gebracht. Das war 1910, zu Zeiten nationalen Überschwangs unter Kaiser Wilhelm Zwo. Lange her. Nach zwei Kriegen und zig Millionen Opfern war Deutschmythisches über Jahrzehnte kein verkaufsförderndes Attribut mehr.

Deutsch war damals das Gegenteil von cool. Doch das hat sich zwischenzeitlich geändert. Ich will das Label "Siegfried" gar nicht problematisieren. Es ist vermutlich souverän ironisch gemeint. Insofern illustriert es jenen Wandel, der sich im Selbstverständnis dieser Gesellschaft vollzogen hat.

In den vergangenen zehn, zwölf Jahren hat sich eine neue Gelassenheit breitgemacht, basierend auf einem satten Selbstbewusstsein. Das ist erst einmal nichts Schlechtes, sondern gerade eine Voraussetzung für Offenheit, Toleranz und Experimentierfreude. Nur wer sich seiner selbst gewiss ist, lässt sich von dem Fremden nicht so leicht verunsichern.

Das neue Deutschlandgefühl

So war Deutschland in den Jahren unter Angela Merkel: eine zumeist gelassene Nation, ausgestattet mit solidem Selbstbewusstsein, die endlich auch ihre eigene Vergangenheit ironisieren konnte.

Das Fundament, auf dem diese Selbstgewissheit basierte, war der wirtschaftliche Erfolg. Als Kanzlerin hatte Merkel das Glück, auf diesem positiven Deutschlandgefühl dahingleiten zu können. Ab 2006 schwelgte das Land in einem neuen Optimismus: mit einer wachsenden Wirtschaft, mit immer mehr Jobs und immer weniger Arbeitslosen, mit immer weiter steigenden Überschüssen im Außenhandel (neue Exportzahlen gibt's Dienstag) und im Staatshaushalt.

Das positive Grundgefühl unterstützte wiederum die Wirtschaftsentwicklung - eine sich selbst verstärkende Spirale, die bis heute anhält (achten Sie Donnerstag auf neue Zahlen zum Wirtschaftswachstum 2017 vom Statistischen Bundesamt).

Doch all das steht derzeit zur Disposition. Und das ist tatsächlich ein Drama.

Einmal Aufschwung und zurück

Das Berliner Personal ist derzeit dabei, das optimistische Deutschlandgefühl zu verspielen. Immer noch wird sondiert, ob sich nicht doch noch eine Koalition der Regierungswilligen zusammenfindet. Diese Woche gehen die Gespräche zwischen Union und Sozialdemokraten weiter. Nicht auszuschließen, dass sie am Ende scheitern: Sollte ein Mitgliederentscheid der SPD-Basis einer Koalition letztlich eine Absage erteilen, stünde das gesamte Spitzenpersonal der potenziellen Koalitionäre blamiert da. Möglich, dass es dann zur Kernschmelze des traditionellen Parteiensystems käme, eine Entwicklung, die andere westliche Länder bereits erlebt haben.

Bei der Berliner Hängepartie steht viel mehr auf dem Spiel als die Handlungsfähigkeit des Staates. Es geht um das Bild, das die politische Spitze gegenwärtig abgibt - zögerlich, zaghaft, mut- und visionslos -, was wiederum auf das Selbstbild der Nation abfärbt und auf das Image, das die Bundesrepublik im Ausland genießt. Und das kann höchst reale wirtschaftliche und politische Auswirkungen haben.

Typisch deutsch? Pflichtbewusst, ordnungsliebend, fleißig

Jede Gesellschaft braucht Erzählungen, die ihr ein Gefühl dafür geben, wer sie ist und wohin sie strebt. Nationale Narrative gehören damit zu den wichtigsten immateriellen Vermögenswerten einer Gesellschaft.

Die deutsche Erzählung ist eine von wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit und staatlicher Effizienz. Dieses Narrativ ist das Erbe des späten 19. Jahrhunderts, als das zuvor rückständige und zersplitterte Land eine ökonomische Aufholjagd sondergleichen hinlegte. Die Wirtschaft wurde damals zum Ankerpunkt deutscher Identität. Was sich auch in der Verknüpfung von Wirtschaftsgütern und nationalen Mythen (siehe: die Glühlampe "Wotan") zeigte.

Daran hat sich im Grunde nicht viel geändert. Wenn die Wirtschaft läuft, sind die Bundesbürger ganz bei sich. Wie in den vergangenen zehn, zwölf Jahren, als das zweite deutsche Wirtschaftswunder allerlei Selbstzweifel wegwischte. So sehen sich die Bundesbürger immer noch selbst: pflichtbewusst, diszipliniert, ordnungsliebend, fleißig. Jeweils mehr als 80 Prozent der Befragten bezeichneten in einer Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach vom Herbst 2016 diese Attribute als typisch deutsch.

Der "kranke Mann" mit der "roten Laterne"

In den Neunzigerjahren und kurz nach der Jahrtausendwende sah das Deutschland-Bild ganz anders aus: Während der langen Dürrephase nach der Wiedervereinigung war das kollektive Selbstbewusstsein in sich zusammengefallen. Vom "kranken Mann Europas" war damals die Rede, vom Land "mit der roten Laterne", dessen Wirtschaft so langsam wuchs wie keine andere in Europa (außer Italiens) und das nicht in der Lage war, sich zu modernisieren.

Man kann solche kollektiven Stimmungsschwankungen als sozialpsychologische Luxusprobleme abtun. Aber das sind sie nicht.

Eine Gesellschaft, der der Glaube an ihre eigene Zukunft abhandenkommt, wird kaum in diese Zukunft investieren. Unternehmen halten sich zurück, investieren nur das Nötigste, verzichten möglichst auf Neueinstellungen. Niedrige Geburtenziffern, sinkende Zuwanderung und steigende Abwanderung verdüstern die demographischen Aussichten. Ausländische Investoren bleiben weg.

Auch politische Weichenstellungen werden unter diesen Bedingungen schwieriger. Wer nicht an einen guten Ausgang glaubt, wird kaum Reformen wagen, die ja immer auch bedeuten, Besitzstände aufzugeben.

Wie viel Coolness übrigbleibt

Die gegenwärtige Lähmung der Berliner Politik passt so gar nicht zum positiven nationalen Narrativ Deutschlands. Sie stört das Selbstbild einer Gesellschaft, die sich auf ihre ökonomische Effizienz und kollektive Handlungsfähigkeit einiges zugutehält - und sich in der Eurokrise gerne unseren Nachbarn als Vorbild präsentiert hat.

Noch schlägt sich die Verunsicherung nicht in ökonomischen Daten nieder. Noch erfreut sich die Bundesrepublik eines überschwänglichen Aufschwungs. Aber das kann sich rasch ändern.

Setzt sich die Berliner Hängepartie fort, ist einer unserer wichtigsten immateriellen Vermögenswerte - unser kollektives Selbstbild - reif für die Teilabschreibung. Fraglich, wie viel dann noch von der neudeutschen Coolness übrigbleibt.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

MONTAG

Köln - Orientierung für Staatsdiener - Jahrestagung des Deutschen Beamtenbunds. Thema: "Deutschland hat gewählt - Was nun?"

Las Vegas - Tech-Giganten - In Nevada beginnt die Technik-Messe CES.

DIENSTAG

Wiesbaden - Lieferant der Welt - Ausfuhr in Zeiten des globalen Aufschwungs: Neue Zahlen zum deutschen Export.

MITTWOCH

Frankfurt am Main - Industriekonjunktur - Neue Zahlen zu Auftragseingängen in der deutschen Schlüsselbranche Maschinenbau.

DONNERSTAG

Berlin - Erste Bilanz - Das Statistische Bundesamt legt eine erste Schätzung zur Entwicklung des deutschen Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2017 vor.

Böblingen/Hannover - Lohnrunde - Fortsetzung der Tarifverhandlungen in der baden-württembergischen Metall- und Elektroindustrie sowie bei Volkswagen.

FREITAG

Prag - Richtungssuche - Beginn der ersten Runde der Präsidentenwahl in Tschechien (bis Samstag).

Berichtssaison - Quartalszahlen von JP Morgan Chase, Wells Fargo, Blackrock.

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Müllers Memo


insgesamt 156 Beiträge
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RalfHenrichs 07.01.2018
1. Müller wird es nie verstehen
In Zeiten zunehmender Armut ist der angeblich langanhaltene Boom (sind 2% Wirtschaftswachstum wirklich Boom) und die angeblich geringe (schöngerechnete, viele Arbeitslose werden nicht erfasst) ein Muster ohne Wert. Und Aussenhandelsüberschuss ist nicht positiv sonder negativ, wie Müller wissen müsste (das Magische Viereck wird ihm etwas sagen). Aber wenn schon Müllers Analyse nicht stimmt, können seine Rezepte nicht stimmen.
nadennmallos 07.01.2018
2. Wir sind eine Nation mit satten Politikern, ....
die nicht die Verpflichtung sehen, die sie gegenüber dem Land, dem Bürger haben. Steinmeier lullt uns ein mit seinem "Vertrauen in die Politik, in den Staat haben". Nur, woher soll das kommen, bei dieser Truppe? EInen Kanzlerin, die Kanzlerin bleiben möchte auf Biegen und Brechen, ein Schulz der zwischen "Hü und Hott" laviert (Momentan "isser bei Hott") und viele sogenannte Staatsmänner ohne Profil. Lindner ist da die Ausnahme. Schade, das Ganze!
the lucky one 07.01.2018
3. Soziale Marktwirtschaft veraltet
Unser Wirtschaftssystem ist gnadenlos veraltet! Da hilft auch nicht, wenn man hier und dort an ein paar Schräubchen dreht. Eine grundlegende Erneuerung unseres Systems ist notwendig. Dazu braucht es Intelligenz, Marktverständnis, Aufgeschlossenheit, Ideen mit Hand und Fuß, Innovation, Antrieb, (Überzeugungs-)Kraft, Ausdauer und Mut. Auch der golden zelebrierte, lähmende Lobbyismus (z.B. Automobil-Industrie) gehört endlich über Bord geworfen. ...alles Attribute, die der aktuellen (veralteten) Besetzung bei Schwarz und auch Rot fehlen. Insbesondere Rot und Grün mit ihrer Robin-Hood-Idiotie ("den Reichen nehmen und den Armen geben") würden das Land noch mehr in Schutt und Asche legen. Von wem will man denn nehmen, wenn alle Geber abwandern? Der Souverän weiß das. Sicherlich ein Hauptgrund für die Politikverdrossenheit ("Es ändert sich ja sowieso nichts...").
freizeitverkaeufer 07.01.2018
4. Lieber Herr Müller, das ist Geschichtsverklitterung. ..
....haben nicht gerade die deutsche Selbstverleugnung unter der Regierung Merkel, die Aufgabe jeglicher nationaler Interessenspolitik zugunsten eines europäischen Superstaats und der systemische Kotau vor Allem was nicht deutsch ist, das neue deutsche Selbstbewusstsein erst heraufbeschworen? Das was Sie in Deutschland zu sehen erhoffen, kann der Deutsche bis heute nicht: Selbstbewusst die eigenen Ziele zu verfolgen und hierbei das rechte Maß nicht aus den Augen zu verlieren.
Ranus 07.01.2018
5. Bin optimistisch,
dass Deutschland die Kurve kriegt. Wenn die Groko kommt, wird sich die neue Regierung den Herausforderungen stellen müssen und Merkel wird begreifen, dass ein „Weiterso“ eben nicht geht. Unsere Nachbarn verschärfen die Bedingungen für Flüchtlinge oder schotten sich sogar ganz ab. Die Konsequenz wird sein, dass noch mehr zu uns wollen. Also wird eine eventuelle Groko sich darauf einstellen müssen. Wenn die Groko nicht zustande kommt, wird nach Neuwahlen wahrscheinlich eine Regierung mit AfD-Beteiligung kommen, und auch dann geht die Welt nicht unter. Deutschland ist und bleibt stark.
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