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Sorge um Pflege und Ärzte: Deutsche fürchten Verfall des Gesundheitssystems

Pflegenotstand, Ärztemangel, steigende Kosten für Millionen Menschen: Die Deutschen zweifeln laut einer Umfrage an der Zukunftsfähigkeit des Gesundheitssystems. Die Regierung verschleppt in den Augen der Bürger wichtige Reformen.

Arzt: Zweifel an der Zukunftsfähigkeit des Gesundheitswesen Zur Großansicht
dpa

Arzt: Zweifel an der Zukunftsfähigkeit des Gesundheitswesen

Hamburg - Zwei Drittel der Deutschen fürchten einen Ärztemangel, 80 Prozent eine Zwei-Klassen-Medizin, und nur etwa jeder Siebte glaubt, dass sich die derzeitige Versorgung aufrechterhalten lässt. Das sind nur einige der wenig erfreulichen Ergebnisse aus dem sechsten MLP-Gesundheitsreport, einer repräsentativen Erhebung, die das Allensbacher Institut für Demoskopie und die Bundesärztekammer einmal jährlich für den Finanzberater MLP erstellen. An diesem Mittwoch wurde die aktuelle Studie veröffentlicht.

Die Umfrage unter rund 1800 Bundesbürgern und mehr als 500 Ärzten ergab im Kern zwei Dinge: Die Deutschen sind mit dem aktuellen Gesundheitssystem zwar weitgehend zufrieden. Doch sie blicken äußerst sorgevoll in die Zukunft.

Insgesamt ist die Zufriedenheit mit der aktuellen Gesundheitsversorgung gewachsen. 72 Prozent der Bevölkerung und 88 Prozent der Ärzte beurteilen sie derzeit als "gut" oder "sehr gut". Die Entwicklung in den kommenden zehn Jahren schätzt die Bevölkerung aber als sehr pessimistisch ein.

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Grafiken: So sehen die Deutschen das Gesundheitssystem
79 Prozent erwarten steigende Kassenbeiträge, 78 Prozent höhere Zuzahlungen für Medikamente. Dabei werde es auch immer mehr zu einer "Zwei-Klassen-Medizin" kommen, sagen 79 Prozent. Außerdem erwarten zahlreiche Bürger, dass der demografische Wandel das Gesundheitssystem zunehmend belastet: 61 Prozent rechnen mit volleren Arztpraxen und Problemen, einen Termin zu erhalten. 51 Prozent gehen sogar davon aus, dass teure Behandlungen bei älteren Menschen aus Kostengründen nicht mehr durchgeführt werden. Mehr als drei Viertel fürchten, dass die Leistungen zur Sicherstellung einer guten Pflege bald nicht mehr ausreichen.

Hauptgrund für die schlechten Aussichten ist aus Sicht der meisten Befragten die Tatenlosigkeit der Politik - vor allem bei der Pflege. Die Regierung müsse die entsprechende Versorgung rasch weiterentwickeln, fordern 82 Prozent der Ärzte und Bürger. 46 Prozent der Ärzte und 43 Prozent der Bevölkerung sind skeptisch, ob es der Politik überhaupt gelingen kann, eine gute Versorgung für alle Pflegebedürftigen sicherzustellen.

Viele Bürger nehmen ihr Schicksal inzwischen selbst in die Hand. 43 Prozent plädieren dafür, dass man oberhalb der Grundsicherung eigenverantwortlich privat vorsorgt - anstatt auf den Staat zu vertrauen.

ssu

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insgesamt 35 Beiträge
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1. Alter Hut!
Transmitter, 23.11.2011
Seit vielen Jahren wird immer wieder in den Medien detailliert vorgerechnet, dass die medizinischen Leistungen für eine immer älter und immer kranker werdende Bevölkerung unmöglich auf Dauer bezahlt werden kann. Keine Volkswirtschaft der Welt wäre dazu in der Lage. Von Organtransplantationen, raffinierten prothetischen Lösungen, technologischer Spitzen-Diagnostik über die allerneuesten gentechnologischen Medikamenten: Die Medizin könnte heuzutage faktisch bereits Tote am Leben erhalten. Bei Fallkosten allerdings, die schnell in die hunderttausende gehen. Es geht heute also vieles. Nur bezahlen muss man können! Seien wir ehrlich: Wir haben schon lange eine Zwei-Klassen-Medizin hierzulande. Alle Versprechungen, dies "nicht zuzulassen" sind doch nur Volksverarschung.
2. -
PZF85J 23.11.2011
Zitat von sysopPflegenotstand, Ärztemangel, steigende Kosten für Millionen Menschen: Die Deutschen zweifeln laut einer Umfrage an der Zukunftsfähigkeit des Gesundheitssystems. Die Regierung verschleppt in den Augen der Bürger wichtige Reformen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,799327,00.html
Im deutschen Gesundheitssystem wird nur eines gewünscht - allen voran von den Ärzten: Preis- und Gehaltsregulierung auf höchstmöglichem Niveau, und ansonsten möchten die Herrschaften beim Geldschöpfen dann aber bitte in Ruhe gelassen werden. Das funktioniert nicht!
3. Wenn der Staat es nicht richten kann, ...
deppvomdienst 23.11.2011
Zitat von sysopPflegenotstand, Ärztemangel, steigende Kosten für Millionen Menschen: Die Deutschen zweifeln laut einer Umfrage an der Zukunftsfähigkeit des Gesundheitssystems. Die Regierung verschleppt in den Augen der Bürger wichtige Reformen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,799327,00.html
... muss es der Markt tun! Und das wäre auch richtig, weil sehr viele Menschen ja auch ihr Einkommen aus eben diesem Gesundheitssystem generieren. Es hat keinen Zweck darüber zu streiten, ob die Bezahlung "fair" ist - wenn sie zum Großteil aus öffentlichen Töpfen kommt. Ist wirklich der Job des Schulbusfahrers weniger wert als der des Chirurgen? Ist dessen Verantwortung, für 5-10 zu operierende Patienten / Tag wirklich größer als die von jemandem, der 50 Kinder bei Schnee und Eis durch den Straßenverkehr managed? Wir brauchen dringend eine Liberalisierung des Gesundheitswesens - die Leistungsanbieter müssen viel stärker den Markt spüren, als ihre Einkommenswünsche hinter politischen Forderungen verschanzen zu können. Wettbewerb unter den Leistungsanbietern statt Gebührenordnungen, Zwangsrabatten, Fallpauschalen, ... Damit verwalten wir uns tot - bei gleichzeitiger Unzufriedenheit beider Seiten. Aber das würde ja Einschnitte und Verhaltensänderungen in der Oberschicht bedeuten - das gilt es zu vermeiden. Hierüber besteht Einigkeit in allen Parteien. Und wo kämen wir hin, wenn sich Politik überflüssig machen würde, weil der Markt ein Problem alleine löst? Das darf nicht sein! Wie kann man nur ein System, in dem sich die Versicherten/Patienten mit den Leistungsanbietern (Ärzten, Pharmabranche, Apotheken, Pflegedienste, ...) verbrüdern, um unbegrenzte Ansprüche gegen die Kassen und Politik zu formulieren, laufen lassen? Dass dann die Kosten aus dem Ruder laufen müssen, ist logisch! Und wie will man sich in einer Demokratie mit dieser Einheitsfront anlegen, ohne seine Wähler zu verprellen? Sich da rauszuhalten, wäre logisch und nötig!
4. Pflegereform ist viel Lärm um wenig
awo_westerwald 23.11.2011
„Eine wirkliche Reform gibt es nach wie vor nicht. Es fehlt ein Gesamtkonzept, das sowohl Inhalte, als auch Finanzierung klar regelt“, erklärt der Awo Bundesvorsitzende Wolfgang Stadler und fügt hinzu: „Viele Fragen bleiben nach wie vor unbeantwortet. Eine Anhebung des Beitragssatzes, gepaart mit Worthülsen wie verbesserter Versorgung von Demenzerkranken oder Entlastung pflegender Angehöriger ohne konkrete Konzepte wie beides auszugestalten ist, ist für die betroffenen Pflegebedürftigen und Pflegenden absolut enttäuschend“, kritisiert Stadler. Eine private Zusatzversicherung einzuführen, ist aber keine Lösung, denn ein privatwirtschaftlicher Kapitalstock ist keine sichere Anlage für das Geld der Versicherten“, betont Stadler. Abgesehen davon, würden die Kosten für eine individuelle Police gemessen am Einkommen für die Geringverdiener am höchsten liegen. Mehr zum Thema finden Sie hier: http://awowesterwaldpresse.wordpress.com/2011/11/17/eckpunkte-zur-pflegereform-viel-larm-um-wenig/
5. Bürokratiewahnsinn
Medevac 23.11.2011
Was soll die Aufregung der Bevölkerung, das ist politisch doch genau so gewollt. Auch dieses Jahr wieder der größte Posten bei der Ausgabensteigerung: allgemeine Verwaltung. Solange Ärzte und Schwestern mit total sinnloser Bürokratie von den völlig überblähten Verwaltungen von der Arbeit an den Patienten abgehalten wird, wird sich an der Misere auch nichts ändern können. Mindestens 80% der Klinikbürokratie und Krankenkassenpöstchen ersatzlos streichen und gut ist´s.
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Gesundheitssystem: Wofür die Kassen Geld ausgeben

Die bisherigen Gesundheitsreformen
1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.

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