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Sorge vor Banken-Stresstest: Spekulation über Neuauflage eines Krisentopfs

Den Banken steht ein neuer Stresstest bevor - und in der Regierung wächst offenbar die Sorge um die Krisenresistenz der Institute. Laut "Welt am Sonntag" denkt die Koalition über eine Wiederauferstehung des Rettungsfonds Soffin nach.

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Frankfurter Bankenviertel: EU will Krisenresistenz testen

Berlin - Eine neue Finanzkrise will die europäische Bankenaufsicht unbedingt verhindern. Darum müssen sich die Kreditinstitute einem erneuten Stresstest unterziehen. Der Bundesregierung bereitet offenbar Sorge, was dabei herauskommt. Die "Welt am Sonntag" berichtet unter Berufung auf Regierungskreise, es gebe Überlegungen für eine Neuauflage des Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung ( Soffin).

Grund: In der Koalition fürchteten manche, der europäische Stresstest könne deutsche Geldhäuser in Existenznöte bringen. Um für den Notfall gerüstet zu sein, denke man darüber nach, den Rettungsfonds wieder zu öffnen, hieß es. Dafür müsste das Ende 2010 ausgelaufene Soffin-Gesetz vom Parlament erneut beschlossen werden.

Offiziell gibt sich die Regierung aber gelassen. "Es gibt keine Pläne, den Soffin neu aufzulegen", sagte eine Sprecherin des Bundesfinanzministeriums. Grundsätzlich sei der Eigentümer für die Kapitalausstattung der Institute verantwortlich. Zudem gebe es mit dem Restrukturierungsgesetz eine Ablöse für den Soffin, um systemische Risiken abzuwenden.

Der Soffin wurde in der Finanzkrise als Rettungsanker für kriselnde Banken gegründet. Bis Ende 2010 konnten deutsche Kreditinstitute die Hilfe in Anspruch nehmen. Der Fonds wurde aber nicht einmal zur Hälfte ausgeschöpft. Nur noch Altfälle wie die Commerzbank und die WestLB werden betreut.

Ifo-Chef Sinn kritisiert neue Belastungsprobe als zu weich

Während es in der Regierung offenbar Befürchtungen gibt, die Banken könnten dem EU-Stresstest nicht standhalten, kritisierte Ifo-Chef Hans-Werner Sinn die Anforderungen als zu lax.

Bereits der Stresstest im vergangenen Jahr habe seine Aufgabe nicht erfüllt, sagte der Chef des Münchner Wirtschaftsforschungsinstituts der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Von den 91 getesteten Häusern waren nur wenige durchgefallen. Sogar alle irischen Institute hatten den Test bestanden, obwohl Irland nur kurze Zeit später Milliarden in die Rettung seines Bankensektors pumpen musste. Auch die geplante Überprüfung sieht Sinn kritisch. "Akkurate Stresstests würden zeigen, dass viele Banken noch gewaltige stille Lasten tragen", sagte er.

So stünden viele Wertpapiere, die nach der Lehman-Pleite von den Instituten rückwirkend vom sogenannten Handelsbuch ins Anlagenbuch verschoben werden durften, dort noch zu Nennwerten. Dabei würden zum Beispiel griechische Staatsanleihen heute zu nicht einmal 70 Prozent ihres Nennwertes gehandelt, kritisierte Sinn. "Die neuen Stresstests werden diese stillen Lasten aber ebenso wenig aufdecken, wie die alten es taten."

Sinn forderte eine höhere Eigenkapitalquote für Geldhäuser. "Eine Vorschrift für vier Prozent bilanzielle Eigenkapitalquote oder acht Prozent Kernkapitalquote wäre das Mindeste." Denn: "Die Eigenkapitalquote kann nur zu niedrig sein, nie zu hoch."

Mit dem für März geplanten Stresstest will die neu eingerichtete EU-Bankenaufsicht EBA herausfinden, ob die Geldhäuser aktuell für eine neue Finanzkrise gerüstet wären. Die Ergebnisse sollen im Juni feststehen. Weil es nach dem ersten Test im vergangenen Jahr Kritik gab, hat die Bankenaufsicht diesmal härtere Prüfungen angekündigt.

mmq/Reuters

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Banken-Stresstest - Die Szenarien
Überblick
Mit dem Stresstest wurden 91 wichtige Banken in der EU auf ihre Überlebensfähigkeit in Krisenzeiten geprüft. Auch 15 deutsche Großbanken stellten sich dem Test. Dabei durchliefen sie drei computersimulierte Risikoszenarien, die aufeinander aufbauen.
Stufe 1 - Basisszenario
Zunächst wurde geprüft, wie sich das Eigenkapital der Banken und andere Kennziffern der Institute entwickeln, wenn die Wirtschaft in der Euro-Zone 2010 und 2011 genauso stark wächst, wie es die Europäische Kommission zuletzt erwartete.

Die Kommission hatte Anfang Mai für 2010 ein Konjunkturwachstum in den 27 EU-Mitgliedsländern von 1,0 Prozent vorhergesagt und für das kommende Jahr ein Plus von 1,5 Prozent. Für die 16 Länder der Euro-Zone erwartet die Behörde in diesem Jahr ein Plus von 1,0 Prozent und 2011 von 1,7 Prozent.
Stufe 2 - Krisenszenario
Hier wurde simuliert, dass sich die Konjunktur in der EU über zwei Jahre wesentlich schlechter entwickelt als von der Brüsseler Kommission veranschlagt. Dabei wurde eine Abweichung von drei Prozent gegenüber der EU-Vorhersage unterstellt.

Deutschland kommt hierbei nach Informationen aus Finanzkreisen offenbar relativ gut weg. Für die Bundesrepublik soll demnach für dieses Jahr ein hauchdünner Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 0,2 Prozent und für das kommende Jahr ein Minus von 0,6 Prozent simuliert werden. Zum Vergleich: 2009 war die deutsche Konjunktur um fast fünf Prozent eingebrochen.

Bei diesem Szenario wird offenbar außerdem eine Verflachung der Zinsstrukturkurve angenommen. Damit werden die Bankbilanzen einer Situation ausgesetzt, in der es an den Rentenmärkten bereits zu ersten Verwerfungen kommt. Viele Banken halten enorme Mengen von Anleihen und reagieren entsprechend sensibel auf schwierigere Bedingungen an diesen Märkten.
Stufe 3 - Crashszenario
Basierend auf Szenario 2 wurde nun zusätzlich ein Crash am europäischen Staatsanleihenmarkt durchgespielt. Laut dem europäischen Bankenaufseher CEBS wurde in dem verschärften Krisenszenario ein Schock simuliert, wie er sich auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise ereignete.

Damals waren die Risikoaufschläge für Papiere aus Problemländern in kürzester Zeit extrem in die Höhe geschnellt. Der Handel mit Staatspapieren kam - mit Ausnahme in den als sicher geltenden deutschen Bundesanleihen - fast zum Erliegen.

Das Testmodell bildete diese Lage nach. Dabei sollte die Belastungsfähigkeit der Kreditinstitute geprüft werden, wenn die Risikoaufschläge (Spreads) steigen und zugleich die Renditen am Markt für Staatsanleihen im Schnitt um 30 Basispunkte nach oben gehen, was einem Preisverfall der Papiere entspricht.

Wer Papiere aus Schuldenländern wie Griechenland, Portugal und Spanien hält, musste im Stresstest mit einer schlechteren Bewertung rechnen. Deutsche Bundesanleihen galten dagegen als sicher und wurden so gut wie gar nicht belastet.
Diese deutschen Banken nahmen am Test teil
Deutsche Bank, Commerzbank, Hypo Real Estate Holding, Landesbank Baden-Württemberg, Bayerische Landesbank, DZ Bank AG, Dt. Zentral-Genossenschaftsbank, Norddeutsche Landesbank, Deutsche Postbank, WestLB, HSH Nordbank, Landesbank Hessen-Thüringen, Landesbank Berlin, Dekabank Deutsche Girozentrale, WGZ Bank (Reuters)


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