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06. August 2014, 19:36 Uhr

700-Euro-Pille von Sovaldi

"Unmoralische Gewinnzahlen"

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Eine Pille des Hepatitis-C-Präparats kostet 700 Euro. Kassen warnen vor Milliardenkosten, Experten kritisieren das "unmoralische" Gewinnstreben der Pharmakonzerne. Doch wie kommt der hohe Preis eigentlich zustande?

Hamburg - Eigentlich heißt das Präparat Sovaldi, doch in den USA kennt man es unter einer wesentlich griffigeren Bezeichnung: die 1000-Dollar-Pille. Erst seit kurzem ist das Medikament auf dem Markt, das als Durchbruch in der Therapie von Hepatitis-C-Infektionen gilt. Im Dezember wurde es in den USA zugelassen, Ende Januar dann in Deutschland und Europa. Die Preis hierzulande: 700 Euro.

Der Pharmakonzerns Gilead verdient gut an der neuen Pille. Allein im ersten Halbjahr nahm der Hersteller mit ihr 5,8 Milliarden Dollar ein. Kurz vor der Markteinführung hatten Analysten mit Umsätzen von 1,9 Milliarden Dollar gerechnet - für das ganze Jahr 2014.

Nun warnen Vertreter der Krankenkassen vor drohenden Milliardenkosten. Würden alle geschätzt 300.000 Hepatitis-C-Infizierten in Deutschland mit Sovaldi therapiert, würde das 18 Milliarden Euro kosten. Die AOK kalkuliert zwar mit einer wesentlich geringereren Belastung der Krankenkassen - aber immer noch mit insgesamt fünf Milliarden Euro.

Es könne nicht sein, dass 84 Pillen, "die in der Herstellung geschätzt 100 Euro kosten, zu einem Preis von 60.000 Euro abgerechnet werden", sagte AOK-Chef Jürgen Peter am Mittwoch der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Denn für eine erfolgreiche Behandlung muss ein Patient mindestens zwölf Wochen lang jeden Tag eine Tablette einnehmen - insgesamt also 84. Gesamtkosten: 60.000 Euro. Das Magazin "Euro" hat errechnet, dass Sovaldi - bezogen auf den Preis pro Gramm - damit 20-mal wertvoller ist als Gold.

Für die Betroffenen ist das Medikament ganz offensichtlich ein Segen. Hepatitis C ist eine chronische Krankheit, auf lange Sicht führt sie bei vielen Erkrankten zu schweren Leberschäden, Leberzirrhose oder Leberkrebs. Sovaldi führt Studien zufolge in 80 bis 90 Prozent der Fälle zur Heilung - mit den bisherigen Therapien lag die Quote eher bei 50 bis 60 Prozent. Zudem ist Sovaldi wesentlich verträglicher, bisher litten Infizierte oft unter heftigen Nebenwirkungen der Medikamente; bei Solvadi sollen diese insgesamt geringer sein.

Aber ist der hohe Preis wirklich angemessen? Und wie kommt er eigentlich genau zustande?

Elf Milliarden Euro für Biotech-Firma

"Dieser Preis ist durch nichts zu rechtfertigen", sagt auch der Apotheker und Arzt Wolfgang Becker-Brüser. Der Herausgeber des pharmakritischen "Arzneitelegramms" stört sich an den "gigantischen Gewinnen", die Pharmakonzerne bei der Preisbildung ansetzen.

Zwar sei es auch unsinnig, die reinen Fertigungskosten von geschätzt maximal 100 Euro pro Behandlungszyklus dem Preis von 60.000 Euro gegenüberzustellen, wie AOK-Chef Peter es tue. Denn selbstverständlich müssten auch die Kosten für Forschung oder Zulassung berücksichtigt werden. Das Problem sei aber, so Becker-Brüser, dass diese Kosten vollkommen intransparent seien.

Es gebe Hochrechnungen der Pharmaindustrie, denen zufolge die Entwicklung eines neuen Medikaments 1 bis 1,2 Milliarden Dollar koste. Und es gebe Berechnungen, die nur auf etwa ein Zehntel der Summe kommen.

Wie viel Geld in die Forschung von Sovaldi gesteckt wurde, ist unklar. Doch die immes hohen Kosten dürften sich kaum allein aus der Forschung ergeben. Eher schon aus betriebswirtschaftlichen Motiven. 2011 kaufte Gilead die kleine Biotech-Firma Pharmasset, die an dem Wirkstoff für Sovaldi forschte - für elf Milliarden Dollar.

Pharmafirmen argumentieren oft, sie müssten mit erfolgreichen Medikamenten auch zahlreiche erfolglose Forschungsprojekte finanzieren. Doch Becker-Brüser lässt das im Fall Sovaldi nicht gelten. Er verweist auf die Geschäftszahlen von Gilead: Seit 2007 hat der Konzern in jedem Jahr eine operative Umsatzendite von 40 bis 50 Prozent erzielt - obwohl in dieser Zeit auch die Entwicklungskosten für Sovaldi anfielen.

"Diese Gewinnzahlen sind unmoralisch"

2014 fallen die Profite dank Sovaldi noch besser aus: Allein im zweiten Quartal machte das Unternehmen einen Umsatz von 6,4 Milliarden Dollar - und erwirtschaftete dabei einen Nettogewinn von 3,7 Milliarden Dollar. "Diese Gewinnzahlen sind unmoralisch", sagt Becker-Brüser.

Viel tun können die Kassen dagegen nicht: Weil dem Medikament vor wenigen Wochen eine deutlich bessere Wirkung bescheinigt wurde als älteren Präparaten, müssen die Kassen es vorerst bezahlen. So sieht es das Gesetz vor. Und es sieht ebenfalls vor, dass die Hersteller den Preis ihres Präparats im ersten Jahr nach seiner Einführung nach Gutdünken festsetzen dürfen.

Wenig Hoffnung setzt der Experte auch auf Preisverhandlungen, die die Krankenkassen mit dem Hersteller für die Zeit nach dem Jahr der Markteinführung führen können. Weil das Medikament einen so großen Zusatznutzen habe, säße Gilead am längeren Hebel und könne im Extremfall damit drohen, Sovaldi ganz vom deutschen Markt zu nehmen, sagt er.

Letztlich gibt es nur einen Weg, die Kosten zu drücken. Durch Konkurrenz. Der Pharmakonzern Janssen-Cilag hat mit Olysio im Juni bereits ein anderes vielversprechendes Präparat gegen Hepatitis C auf den Markt gebracht. Und in diesem Jahr soll mindestens noch ein weiteres Medikament gegen die chronische Lebererkrankung folgen.

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