Umfrage unter 30- bis 59-Jährigen Mir geht es gut - aber Deutschland ist ungerecht

Die sogenannte Generation Mitte findet, dass Vermögen und Einkommen in Deutschland unfair verteilt sind. Höhere Steuern für Reiche und mehr Geld für Arme lehnt sie aber ab. Was denn nun?

Junge Menschen bei einer Gartenparty
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Mir geht es gut, sogar besser als zuvor - aber diese Gesellschaft ist ungerecht und wird zunehmend ungerechter. So lässt sich die Stimmung der 30- bis 59-Jährigen in Deutschland zusammenfassen. Es ist jene Altersgruppe, die den Großteil der Steuern und Sozialabgaben zahlt, der die meisten Familien mit Kindern angehören - und die die Mehrheit der Wahlberechtigten stellt.

Bis hierhin können sich klassisch linke Sozialpolitiker in ihrem Ansatz bestätigt fühlen von einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag des Versicherungsverbands GDV. Doch Mut für die anstehenden Wahlen können sie dennoch kaum schöpfen. Denn offenbar verstehen viele Angehörige der sogenannten Generation Mitte unter sozialer Gerechtigkeit und dem Weg dorthin etwas anderes als die Linke und die linken Flügel von SPD und Grünen. Deren klassisches Rezept lautet: Nehmt den Reichen und gebt es den Armen. Doch das ist für die Befragten offenbar nicht das Mittel der Wahl für eine gerechtere Gesellschaft.

Dabei schätzt eine deutliche Mehrheit von 75 Prozent der Befragten die eigene Lebensqualität als positiv ein (siehe Grafik).

Überdies: Mehr 30- bis 59-Jährige als bei früheren Umfragen haben die vergangenen fünf Jahre als eine Zeit des persönlichen wirtschaftlichen Aufstiegs erlebt. Der Anteil derjenigen, die ökonomisch schlechter dastehen, ist hingegen weiter gefallen und ist mit 20 Prozent nur halb so groß wie der der Aufsteiger (siehe Grafik).

Dieser persönliche Wohlstandsgewinn steht aber in krassem Kontrast zur Beurteilung der gesamten Gesellschaft. 70 Prozent der Befragten glauben, in Deutschland habe die Kluft zwischen Arm und Reich in den vergangenen drei bis vier Jahren zugenommen, nur sieben Prozent sehen sie nun kleiner. Und 64 Prozent empfinden die Verteilung von Vermögen und Einkommen als nicht gerecht, lediglich 14 Prozent haben das Gefühl, in einer gerechten Gesellschaft zu leben (siehe Grafik).

Gleichzeitig empfindet die Generation Mitte diese Ungerechtigkeit nicht allein als moralisches Problem, sondern misst ihr eine herausragende Bedeutung zu: 68 Prozent schätzen als "große Gefahr für die weitere Entwicklung Deutschlands" in den kommenden zehn Jahren ein, "dass die Unterschiede zwischen Arm und Reich größer werden". Kein anderes Risiko empfinden die Befragten als gefährlicher (exakt genau so viele machen sich Sorgen über steigende Fremdenfeindlichkeit).

Das Problem: Zwar sind sich selbst linke Sozialpolitiker und Wirtschaftsliberale ausnahmsweise einig, wenn es um die Frage geht, wie der Staat die Kluft zwischen Arm und Reich verringern - oder zumindest gleich groß halten - kann: durch Umverteilung. Vermögende und Gutverdiener sollen demnach die Hauptlast der Steuern und Abgaben zahlen, die Armen und Niedriglöhnern zugute kommen. Linke sehen das aus Prinzip so, Liberale rechtfertigen damit hohe Unterschiede bei Bruttoeinkommen.

Dummerweise erhält aber keine einzige derartige politische Maßnahme eine Mehrheit unter den 30- bis 59-Jährigen - weder die Einführung einer Vermögensteuer für Reiche oder die Anhebung des Spitzensteuersatzes für Gutverdiener noch die Erhöhung des Hartz-IV-Regelsatzes. Im Gegenteil, 70 Prozent halten es für "besonders wichtig", dass Sozialhilfeempfänger deutlich weniger Einkommen haben als Erwerbstätige. Nicht einmal für einen höheren Mindestlohn spricht sich eine Mehrheit der Befragten aus (siehe Grafik).

Was versteht die "Generation Mitte" also als "soziale Gerechtigkeit"? Vor allem offenbar Chancen- und Leistungsgerechtigkeit - und eher nicht die bloße Angleichung von Einkommen und Vermögen. Selbst hohe Erbschaftsteuern auf größere Vermögen - wie in klassisch wirtschaftsliberalen Gesellschaften wie den USA und Großbritannien üblich - verbinden nur 41 Prozent der Befragten mit sozialer Gerechtigkeit, die geringste Zustimmung aller angebotenen Optionen. Ebenfalls weniger als die Hälfte (47 Prozent) halten die Umverteilung über das Steuersystem für gerecht (siehe Grafik):

Es dürfte kein Zufall sein, dass der Zugang zu Bildung und dem Gesundheitssystem von einer übergroßen Mehrheit als Gradmesser für eine sozial gerechte Gesellschaft angesehen wird. In beiden Bereichen gilt Deutschland als überdurchschnittlich selektiv - so hängt der Schulerfolg stark vom sozialen Status des Elternhauses ab, und im Gesundheitssystem hat sich der Begriff der "Zwei-Klassen-Medizin" eingebürgert, in der privat Versicherte bevorzugt werden.

Grundsätzlich haben die 30- bis 59-Jährigen jedoch wenig Probleme mit Ungleichheit - solange diese auf die eigene Leistung zurückzuführen ist. Im Gegenteil, sie fordern sogar deutliche Unterschiede als Ausdruck von Gerechtigkeit (siehe Grafik):

Arm und Reich sollen sich annähern - aber ohne Umverteilung. Die Gesellschaft soll sozial gerechter werden - aber die Einkommen sollen sich deutlich unterscheiden. Die Generation Mitte, sie ist auch eine "Generation Zwiespalt".

Details zur Befragung
Wer wurde befragt?
Für die Studie hat das Institut für Demoskopie Allensbach in einer repräsentativen Umfrage 1100 Männer und Frauen im Alter von 30 bis 59 Jahren befragt. Die Befragung fand vom 1. bis zum 22. Juni 2016 statt.
Wer ist der Auftraggeber?
Hinter der Umfrage steht der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), die Dachorganisation der privaten Versicherer in Deutschland. Der GDV beauftragt das Institut für Demoskopie Allensbach seit 2013, die Bevölkerungsschicht der 30- bis 59-Jährigen einmal jährlich zu befragen.
Was wurde gefragt?
Zentrale Themen der Studie sind Gerechtigkeit, Zuwanderung und Altersvorsorge. Die Befragten wurden unter anderem befragt, wie sie die soziale Gerechtigkeit in Deutschland bewerten und was sie darunter verstehen. Auch sollten sie angeben, was die Politik tun kann, um in Deutschland für mehr Gerechtigkeit zu sorgen.

Dieser Artikel konzentriert sich auf das Themengebiet der sozialen Gerechtigkeit. Hier finden Sie die vollständigen Ergebnisse der Umfrage auf der Webseite des GDV - auch zu den Themen Zuwanderung und Altersvorsorge.



insgesamt 327 Beiträge
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Seite 1
alsterherr 08.09.2016
1.
Das ganze zeugt doch von Weitsicht und Intelligenz. Ich finde auch, daß ich zu viel Steuern zahle, weiß aber auch, daß ich von diesem System profitiere und ohne Steuerzahlungen vieles zusammenbricht.
Akonda 08.09.2016
2. Unterm Strich wie immer...
...Hauptsache ICH!
Crom 08.09.2016
3.
Das ist kein Widerspruch, denn die Schere kann man auch dadurch schließen in dem die Leute einfach Arbeit bekommen, Geld verdienen und damit entsprechend aufholen. Nichts mit Umverteilung! Höhere Steuern werden sowieso eher zu Lasten der Mittelschicht gehen, das bringt also auch nix.
nobronski 08.09.2016
4. Duschen...
... ohne nass zu werden. Allen soll es besser gehen. Nur, woher das Geld kommen soll, ist wie so oft nebulös. Soll halt der Staat das Problem irgendwie lösen - aber bloß nicht bei mir kürzen oder mein Einkommen belasten.
pekaef 08.09.2016
5. Mehr Geld für alle?
Man kann das Fazit des Artikels eigentlich in einem einzigen Satz zusammenfassen: Mehr soziale Gerechtigkeit, aber bitteschön zum Nulltarif. Anscheinend haben doch nicht genügend viele aus der Generation der 30-59jährigen BWL studiert ...
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