Bericht des Weltwirtschaftsforums Soziale Ungleichheit lähmt Deutschland

Wie gut gelingt es Staaten, eine nachhaltige Wirtschaftspolitik mit sozialer Gerechtigkeit zu vereinen? Deutschland landet in einer Studie des Weltwirtschaftsforums nur im Mittelfeld. Vor allem das Steuersystem schneidet schlecht ab.

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Straßenszene in Nürnberg: Ungleichheit hemmt Wachstum
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Straßenszene in Nürnberg: Ungleichheit hemmt Wachstum


Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in Deutschland besonders groß, größer als irgendwo sonst in der Eurozone. Neue Berechnungen zeigen, dass sie sogar noch weitaus stärker ausgeprägt ist als bisher angenommen: Die reichsten fünf Prozent besitzen mehr als die Hälfte des gesamten Vermögens, die ärmsten 50 Prozent hingegen nur 2,5 Prozent. Kein Zweifel - Deutschland hat ein profundes Gerechtigkeitsproblem.

Die massive Ungleichheit ist aber nicht nur ein moralisches Problem, sondern auch ein ökonomisches: In jüngerer Zeit haben mehrere Studien auf einen engen Zusammenhang zwischen sozialer Gerechtigkeit und Wirtschaftswachstum hingewiesen. Die Industrieländerorganisation OECD etwa kam zu dem Ergebnis, dass Deutschland sein Bruttoinlandsprodukt deutlich steigern könnte, wenn es die Ungleichheit entschiedener bekämpfen würde.

Eine umfassende Vergleichsstudie belegt nun erneut Handlungsbedarf in Deutschland. Das Weltwirtschaftsforum hat 112 Staaten in Bezug darauf untersucht, wie sie Wirtschaftswachstum fördern und gleichzeitig dafür sorgen, dass der Wohlstand gerecht in der Bevölkerung verteilt wird. Ergebnis ist der erste Bericht zu Wachstum und gerechter Verteilung, der künftig regelmäßig erstellt werden soll.

Licht und Schatten

Interessant sind der Ausgangspunkt der Untersuchung sowie ihre Detailtiefe: Wirtschaftsfreundlichkeit und eine möglichst gleichmäßige Wohlstandsverteilung werden nicht als Gegensätze begriffen, sondern im Gegenteil als sich gegenseitig verstärkende Faktoren. Eines der Argumente der Autoren: Wenn sich Wachstum in einer Volkswirtschaft bei allen oder zumindest sehr vielen Haushalten auch in Form höherer Kaufkraft niederschlägt, stärkt das die Binnennachfrage - was wiederum das Wachstum ankurbelt.

Dieser Ansatz schlägt sich in einem auf den ersten Blick ungewöhnlichen Bewertungsrahmen nieder. Zu den untersuchten Hauptbereichen zählen so unterschiedliche Themen wie das Bildungssystem und der Zugang von Unternehmen zu Kapital. Insgesamt untersuchten die Autoren mehr als 140 einzelne Indikatoren in sieben Themenbereichen. Um einen aussagefähigen Vergleich zu ermöglichen, wurden die Staaten je nach ihrer Wirtschaftskraft in vier Gruppen aufgeteilt. (Weitere Details zu Konzept und Ergebnissen des Berichts finden Sie am Ende dieses Artikels.)

Im Vergleich von 30 hochentwickelten Industrienationen schaffen es demnach die skandinavischen Staaten Dänemark, Norwegen und Finnland, aber auch Kanada und Australien mit am besten, Wachstum und gerechte Verteilung unter einen Hut zu bringen. Am schlechtesten gelingt dies den USA, Frankreich und vielen Ländern im Süden und Osten der EU: Griechenland, Italien, Portugal, Tschechien, Slowakei und Spanien.

Deutschland landet insgesamt nur im Mittelfeld. (Hier finden Sie den Länderbericht des Weltwirtschaftsforums für Deutschland.) Im Detail ergibt sich allerdings ein differenziertes Bild mit Licht und Schatten.

Besonders schlecht schneidet Deutschland ab bei:

  • Steuern und Abgaben: In diesem für die Umverteilung besonders wichtigen Bereich belegt Deutschland lediglich Rang 27 von 30. Vor allem die hohe Belastung der Einkommen schlägt hier zu Buche - insgesamt erreichen Steuern und Sozialversicherungsbeiträge knapp 55 Prozent der Lohnkosten. Zudem werden niedrige und mittlere Einkommen im internationalen Vergleich wesentlich stärker belastet als hohe Einkommen. Einer von mehreren Faktoren dafür sind etwa die Beitragsbemessungsgrenzen in der Sozialversicherung.
    Die OECD hatte Deutschland jüngst geraten, die Einkommensteuer zu senken und dafür die Mehrwertsteuer zu erhöhen.

  • Vermögensbildung: Hier schlägt vor allem zu Buche, dass relativ wenige Deutsche in den eigenen vier Wänden wohnen. Lediglich 53 Prozent der Bevölkerung besitzen demnach Wohneigentum - dieser Wert ist nur in einem anderen Industrieland noch niedriger. Auch der Anteil der Arbeitnehmer, die Aktien besitzen, ist wesentlich niedriger als in den meisten anderen reichen Ländern.

  • Infrastruktur: Interessant ist, dass die Autoren den gegenwärtigen Zustand der Infrastruktur in Deutschland durchaus als überdurchschnittlich bezeichnen. Das könnte sich aber bald ändern. Denn die Investitionen in den Verkehr sind deutlich unterdurchschnittlich, ebenso der Ausbau schneller mobiler Funknetze.

Überdurchschnittlich gut ist Deutschland hingegen bei:

  • Beschäftigung und Arbeitsbedingungen: Die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist relativ gering, die Jugendarbeitslosigkeit sogar sehr niedrig - nur in zwei Industrieländern sind noch weniger junge Menschen ohne Job. Zudem gilt für vergleichsweise viele Arbeitnehmer ein Tarifvertrag, der Kündigungsschutz ist hoch und die Elternzeit lang.

    Allerdings weist der Bericht auch auf ausgeprägte Schwachstellen hin, etwa auf einen großen Niedriglohnsektor oder einen vergleichsweise schlechten Zugang zu Kinderbetreuung.

  • Zugang zum Bildungssystem: Hier kann Deutschland durch die lange Schulpflicht und hohe Standards in der beruflichen Bildung punkten. Das heißt allerdings nicht, dass das deutsche Bildungssystem zu Wohlstand und gerechter Verteilung beiträgt - im Gegenteil: Es ist im hohen Maße sozial selektiv. Auch der Anteil der Abiturienten und Studenten ist unterdurchschnittlich.

  • Bankensystem: Die Banken in Deutschland betreuen Geschäftskunden vergleichsweise gut und günstig. Nur relativ wenigen Bürgern wird ein Bankkonto verweigert, auch die Dichte an Geldautomaten ist vergleichsweise hoch.
    Allerdings sind die Möglichkeiten für Unternehmen weniger gut, abseits der klassischen Banken Kapital aufzutreiben: Sowohl bei Börsengängen als auch in puncto Risikokapital landet Deutschland auf den hinteren Plätzen.


Für den Bericht entwickelten die Autoren des Weltwirtschaftsforums einen Bewertungsrahmen mit sieben Hauptbereichen: (1) Bildung; (2) Beschäftigung, Löhne und Arbeitsbedingungen; (3) Vermögensbildung und Unternehmertum; (4) Finanzintermediation bei Investitionen in der Realwirtschaft; (5) Korruption und Mieten; (6) Infrastruktur und Grundversorgung; (7) Steuertransfers.

Diese Hauptbereiche sind wiederum unterteilt in insgesamt 15 Unterbereiche, die wiederum aus mehr als 140 Indikatoren bestehen. Beispiele für diese Indikatoren sind: Arbeitslosenquote, Organisationsgrad der Gewerkschaften, Versorgung mit Geldautomaten, Kosten der Kinderbetreuung.

Der Bericht teilt die 112 untersuchten Länder nach ihrer Wirtschaftsleistung in vier Gruppen ein: (1) Hoch entwickelte Länder; (2) Gehobene mittlere Wirtschaftsleistung; (3) Niedrige mittlere Wirtschaftsleistung; (4) Niedrige Wirtschaftsleistung.

Der Bericht kommt zu sechs allgemeinen Aussagen:

  • In allen Ländern besteht Verbesserungspotenzial. Kein einziges Land schneidet in allen 15 Unterbereichen überdurchschnittlich ab.
  • Wachstumsorientierung und das Streben nach sozialer Gerechtigkeit schließen sich nicht aus, sondern können einander verstärken.
  • Umverteilung über das Steuersystem wirkt: "Viele Volkswirtschaften mit einem hohen Niveau an Umverteilung und hohen Steuersätzen sind äußerst wettbewerbsfähig", schreiben die Autoren - gemeint dürften etwa die skandinavischen Länder sein. Allerdings gebe es auch andere Strategien, für größere Gleichheit zu sorgen.
  • Streben nach sozialer Gerechtigkeit - die Autoren nennen es "die effektive Förderung sozialer Eingliederung" - ist kein Luxus reicher Länder. Einige Entwicklungsländer können sich in vielen Unterbereichen mit den Industrienationen messen.
  • Es existieren bedeutende regionale Gemeinsamkeiten - etwa wegen einer gemeinsamen Kultur oder Historie. Beispiele dafür seien die Steuersysteme in Osteuropa oder die Bildungsgerechtigkeit in Lateinamerika.
  • Die bisherige Debatte über Ungleichheiten ist zu eng gefasst. Oft, so argumentieren die Autoren, konzentriert sich die Auseinandersetzung auf die Bereiche Bildung und Umverteilung. Diese Bereiche seien zwar wichtig, sie seien aber nur "eine kleine Auswahl der zur Verfügung stehenden politischen Optionen".

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 187 Beiträge
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peter_silie_1 07.09.2015
1. Ach wie schön....
Da engagiert sich ein Heer von Wissenschaftlern und stellt fest, dass, wenn das gemeine Volk mehr Geld in den Taschen hat, die Wirtschaft mehr Wachstum generiert. Meine Hochachtung.
Normalbürger 07.09.2015
2. Ja klar,
und wer glaubt, dass die 10Mrd, die jetzt zusätzlich für die Flüchtlinge beschlossen wurden, ohne Steuererhöhungen oder einen "Flüchtlings-Soli" abgehen, glaubt auch noch an den Klapperstorch. Ich weiß nicht, was solche blöden Rankings wie hier im Artikel beschrieben wirklich bewirken sollen.
kj.az, 07.09.2015
3. Es war das Volk,
das nach 1945 den Wiederaufbau schaffte. Die Leistungen, die zum heutigen Wohlstand notwendig waren, wurden ueberwiegend von den Deutschen selbst erbracht. Unter zahllosen Entbehrungen und hoher Arbeitsmoral. Dann kam der Bruch mit der sozialen Marktwirtschaft, der "Sieg" des kapitalistischen Systems. Die Gewinner dessen duerfen sich freuen. Den anderen, dem weitaus groesseren Teil der Bevoelkerung, bleiben wiederum nur zahllose Entbehrungen. Das hat sogar die Studie des Weltwirtschaftsforums fuer Deutschland erkannt, nur in andere Worte gekleidet.
melmag 07.09.2015
4. Interessant
dass die Zusammenhänge wieder mal thematisiert werden. Leider werden die Erkenntnisse wieder zu den Akten gelegt und weiter Business as usual betriebrn. The same Procedure like last Year Miss Angela? Yees.... Das Land wird weiterhin mit billigen Tagelöhnern vollgeladen und die Einzahler immer weniger. Bis dahin sind aber alle Entscheider satt. Es wird nichts gelernt. Es is unfassbar...
Miere 07.09.2015
5. Hier hängt vieles nicht zusammen.
Es mag gut sein, dass unsere Einkommenssteuer zu hoch ist. (War sie in Dänemark nicht noch höher?) Oder vielleicht ist nicht die Einkommenssteuer zu hoch, sondern die Krankenkassenbeiträge? Oder die Rentenbeiträge? Oder die Mieten, weil der Soziale Wohnungsbau vollkommen absichtlich zurückgefahren wurde, weil man glaubte, die Unsichtbare Hand des Marktes könne es besser? Wie dem auch sei, das hat das mit der Mehrwertsteuer zu tun??? Die Mehrwertsteuer besteuert besonders menschliche Arbeit und Dinge des täglichen Bedarfs, also kleine Einkommen. Sie muss so niedrig sein wie möglich und darf auf gar keinen Fall jemals erhöht werden - bei uns ist sie katastrophal zu hoch. Der Preis für ein Brötchen besteht doch inzwischen zur Hälfte aus Mehrwertsteuer, oder wie war das? Genauso hat der Zugang zu Investitionskapital absolut gar nichts damit zu tun, wie die Einkommen verteilt sind. Sicher muss der besser werden, aber das wird er nicht, indem die Einkommensteuer sinkt. Ebenso wird dadurch die Kinderbetreuung nicht besser. Schließlich haben wir einen enormen Bürokratie-Wust, durch den Unternehmensgründer und kleine Betriebe gehemmt werden. Auch das hat nichts mit der Verteilung zu tun.
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