Wie wir leben wollen

Stadt und Land driften auseinander. Die Politik verspricht, die Ungleichheit nach der Wahl aufzulösen. Doch wie realistisch ist das? Besuch bei einer Familie in der Großstadt und bei einer in der Provinz


Von Stefan Schultz





Neben einer Haustür in Steinhorst hängt eine Plakette mit der Aufschrift "Schützenkönig 2016"; neben einer Haustür in Wuppertal hängen Porträts von Jesus und Tom Waits. Hinter jeder dieser Türen wohnt eine deutsche Familie, die im Grunde dasselbe vom Leben will - und die doch, bedingt durch ihren Wohnort, ganz unterschiedliche Probleme hat.

Im niedersächsischen Steinhorst mäht Kai Engler gerade seinen 2500 Quadratmeter großen Rasen mit dem Trecker. Kai ist 40 Jahre alt, muskulös und Vater von drei Kindern. Er trägt meist eine abgewetzte Arbeitshose, weil er eh immer irgendwas repariert. Das alte Fachwerkhaus, in dem die Englers wohnen, hat er zehn Jahre lang auf Vordermann gebracht. Doch während es nach und nach in neuem Glanz erstrahlte, veränderte sich Steinhorst. Läden schlossen, Häuser wurden abgerissen, Freunde zogen weg. Nun droht auch noch die Apotheke zu schließen. Ein Segen für Steinhorst, dass es Kai Engler und seine Frau Anika gibt. Die tun nämlich viel dafür, dass ihre Gemeinde eine Zukunft hat.

Im nordrhein-westfälischen Wuppertal bereitet Nina Ritterskamp gerade das Frühstück vor. Nina ist 31, klein und drahtig. Sie trägt einen Nasenring und ein Schmetterlingstattoo, das ihr Mann Philipp ihr einmal aus einer Laune heraus gestochen hat. Nina ist ausgebildete Dekorateurin, zweifache Mutter und findet seit Monaten keinen Job, weil sie nur in Teilzeit arbeiten kann. Ende des Jahres droht sie in Hartz IV abzurutschen. Jetzt erwägt sie, ihr Problem auf recht ungewöhnliche Weise zu lösen.

Im Video: Das sind Familie Engler und Familie Ritterskamp

Die Probleme der Familien Engler und Ritterskamp dürften vielen Deutschen bekannt vorkommen. Zwar steht im Grundgesetz, dass die Regierung überall in der Republik gleichwertige Lebensverhältnisse schaffen soll. Doch in Wahrheit driften städtische und ländliche Räume immer weiter auseinander. Während in der Provinz ganze Regionen veröden, verschärft sich in den überlaufenen Städten der Konkurrenzkampf um Wohnraum, Jobs und Kitaplätze. Hauptgrund dafür ist die fortschreitende Urbanisierung.

Allein in den Jahren 2000 bis 2015 hat die Bevölkerung in der Stadt um rund 6,2 Prozent zugenommen, schreibt das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Die Bevölkerung auf dem Land ist im selben Zeitraum um fast vier Prozent geschrumpft, in manchen Regionen gar um 20 Prozent. In Zukunft dürfte sich die Polarität zwischen Stadt und Land noch verschärfen.

CDU, CSU, SPD, Grüne und Linke wollen nun eingreifen. In ihren Programmen zur Bundestagswahl finden sich viele Vorschläge, um die Stadt-Land-Schere zu schließen. Die Strategien reichen von einer strengeren Mietpreisbremse über mehr ärztliche Versorgungszentren in der Provinz bis zur Einrichtung einer Kommission, die bis 2019 einen Masterplan für gleichwertige Lebensverhältnisse entwerfen soll.

Die Familien Engler und Ritterskamp verfolgen den Wahlkampf genau. Beide werden am 24. September wählen gehen, und beide wollen wissen, welche Partei ihren Wünschen und Bedürfnissen am ehesten entspricht. Doch beide Familien sind auch argwöhnisch. Sie fragen sich, ob man wirklich Gesetze machen kann, die alle Ungleichheiten auflösen. Ob es wirklich je möglich sein wird, dass man in Wuppertal und Steinhorst gleich gut wohnt, arbeitet und lebt.

Wie wir leben wollen

Wohnen


So verschieden die Englers und die Ritterskamps auch sind, zumindest eines ist in beiden Familien gleich: das morgendliche Chaos.

Es ist ein diesiger Freitag im Juni. In Steinhorst drohen die Kinder der Englers gerade den Schulbus zu verpassen, weil der siebenjährige Jakob unbedingt eine Tüte Fußballfanartikel mit zur Schule nehmen will. Was schwierig ist, weil die Tüte ungefähr halb so groß ist wie er. Flaggen und Blumenketten purzeln aus der Tüte heraus, Jakob dreht um und sammelt sie wieder ein. "Beeil dich", ruft Anika Engler. "Ich kann dich heute nicht fahren."

An einem sonnigen Freitag im Juli fragt Nina Ritterskamp gerade ihren Mann: "Sag mal, Phil, wann musst du eigentlich los zur Arbeit?" - "Ich hätte vor 20 Minuten losgemusst", antwortet Philipp und deutet auf Sprössling Matse, der gerade gemächlich eine Brötchenhälfte mit Camembert und Nutella garniert, statt sich für die Kita fertig zu machen.

Die Ritterskamps leben in einer Maisonettewohnung unweit des Wuppertaler Bahnhofs. Sie könnten aber auch in Berlin-Prenzlauer-Berg leben, so wie es hier aussieht. Im Wohnzimmer hängt ein Hirschgeweih mit einer rosa Prinzessinnenkrone, in der Küche ein selbst gebauter Kronleuchter aus Oma-Lampenschirmen. Vom Treppenhaus gelangt man durch ein kleines Fenster aufs Dach.

Wohnzimmer-Deko bei den Ritterskamps

Nina sitzt oft dort oben auf einem Sitzkissen, raucht selbstgedrehte Zigaretten und hört dem Rauschen der Autos, dem Dröhnen der Flugzeuge und dem Jubeln der Kinder auf dem benachbarten Schulhof zu. Aufgewachsen ist sie in einer Kleinstadt, doch da wollte sie schon als Teenager weg. Wenn sie morgens aufwachte, wusste ihre Mutter schon, wo sie sich abends herumgetrieben hatte. Und mit wem. Seit sie in Wuppertal wohnt, fühlt sie sich freier.

Das Haus der Englers könnte aus einer Folge "Der Landarzt" entnommen sein. Im Wohnzimmer steht ein antiker Kamin. Ans Schlafzimmer grenzt ein ehemaliger Hühnerstall, den Kai zum begehbaren Kleiderschrank umgebaut hat. Hinterm Haus erstreckt sich ein sattgrüner Rasen. Ganz am Ende des Grundstücks, dort, wo sich der Himmel über den Feldern weitet, ist Kais Lieblingsplatz.

Hier sitzt er oft, atmet die klare Luft und schaut den Vögeln und Traktoren zu. Kai kommt ursprünglich aus Hamburg, doch dort hat er sich nie richtig wohlgefühlt. Ihn störten die Hektik, die Anonymität und der viele Beton. Als er acht war, zogen seine Eltern mit ihm aufs Land. Als in Anikas Familie ein altes Fachwerkhaus verkauft wurde, wusste er sofort: Hier gehören wir hin.

Tochter Hannah, 10, mit Hündin Alva im Wohnzimmer der Englers

In Wuppertal, bei Familie Ritterskamp, zieht sich Matse endlich die Schuhe an. Er läuft durch großzügige Räume, über einen dunklen Dielenboden. Rund 100 Quadratmeter Wohnfläche hat die vierköpfige Familie zur Verfügung. Weil sie die Wohnung von Grund auf renoviert hat, zahlt sie komplett mit allem gerade 850 Euro Miete - ein Schnäppchen für Wuppertaler Verhältnisse.

Denn in der früheren Textilhochburg, die lange von Leerstand und hoher Arbeitslosigkeit gezeichnet war, legen die Mieten seit einigen Jahren deutlich zu. Eine 100-Quadratmeter-Wohnung kostet rund ein Viertel mehr als 2011, Tendenz: steigend. Die Stadt rechnet mit einem Bevölkerungszuwachs in den kommenden Jahren - nicht zuletzt weil Düsseldorfer, Kölner und Dortmunder inzwischen nach Wuppertal ziehen, um den noch höheren Mieten in diesen Städten zu entgehen.

Die Ritterskamps sind von dem Preisschub vorerst nicht betroffen. Dennoch wünschen sie sich mehr soziale Gerechtigkeit in deutschen Städten, am besten in Form einer wirksamen Mietpreisbremse. "Das bisherige Gesetz ist typisch Merkel", sagt Nina. "Es hat zu viele Schlupflöcher, die die Wirtschaft schonen." Die Chancen, dass die nächste Regierung bei dem Gesetz nachbessert, stehen nicht schlecht. Fast alle großen Parteien wollen die Regelung überarbeiten. Alle, außer Merkels CDU.

In Steinhorst, bei Familie Engler, hat man ganz andere Probleme. Hier muss eher der Verfall der Immobilienpreise gebremst werden - und der damit einhergehende Menschenschwund. "Ein Einfamilienhaus mit einem 1000 Quadratmeter großen Grundstück geht inzwischen für 60.000 Euro weg", sagt Klaus-Hinrich Singer, der Bürgermeister. Alte Häuser werde die Gemeinde oft gar nicht mehr los. "Wir müssen sie dann selbst kaufen und abreißen lassen."

Bauland wollen die Leute nicht mal mehr geschenkt. Vor einigen Jahren kündigte der Bürgermeister an, 16 Parzellen umsonst abzugeben. Nur die Erschließungskosten von 27 Euro pro Quadratmeter und einige weitere Gebühren müssen Interessierte selbst zahlen. Bis heute steht nur ein Haus auf dem riesigen, leeren Acker.

In den Wahlprogrammen der Parteien stehen ein paar Ideen, wie man die Immobilienmärkte in der Provinz ankurbeln könnte. Die CDU will in ländliche Infrastruktur investieren, die SPD Kooperationen zwischen Städten und Gemeinden stärker fördern. Anika Engler findet das gut, doch sie ist skeptisch, ob Steinhorst je davon profitieren wird. "Wenn Geld da ist, fließt es größtenteils in die Gemeinden nahe der VW-Werke", sagt sie. "Dort wurde schon viel in Infrastruktur und Kinderbetreuung investiert." In Steinhorst dagegen komme bislang kaum Geld an. "Wir leben hier sozusagen im toten Winkel."

Wie wir leben wollen

Leben


Um 8.20 Uhr steht Philipp Ritterskamp, wie fast jeden Morgen, im Stau. Er hat gerade Matse zur Kita gebracht, nun schlängelt sich sein Ford Fiesta die Hauptverkehrsstraße entlang. Es geht vorbei an den Hügeln, wegen denen Filmregisseur Tom Tykwer die Stadt einst das San Francisco Deutschlands nannte. Vorbei an alten Treppenfluchten, über die früher die Arbeiter zu den Fabriken unten am Fluss liefen. In der Blüte der deutschen Industrialisierung gingen die Werktätigen oft noch zu Fuß. Heute herrscht Stop-and-go an der Wupper.

Philipp trägt ein schief aufgesetztes Baseballcap und einen Zehntagebart. Manchmal, wenn ihn die Stadt zu sehr nervt, träumt der 32-Jährige von einem Haus auf dem Land. Und die Stadt nervt vor allem morgens, wenn er einmal quer durch sie hindurchmuss. Ohne Auto, sagt er, sei das schwierig. Radwege gebe es auf der Strecke kaum, "und wenn, dann enden sie oft im Nichts". Die Busse seien oft stark verspätet. "Manchmal kommt eine halbe Stunde lang gar keiner, und dann kommen gleich drei." Und ein Monatsticket würde ihn mehr als sein Auto kosten. Dann lieber Stau am Morgen und bis zu 45 Minuten Parkplatzsuche am Abend.

Von der Regierung wünscht sich Philipp, dass sie den öffentlichen Nahverkehr reformiert. Man sollte das Ganze per Steuer finanzieren, sagt er, und dann die Preise deutlich senken, am besten auf null. Gleichzeitig sollten endlich sinnvolle Radwege gebaut werden. "Aber das ist in einem Autoland wie unserem, dazu noch mit einer CDU-Regierung, wohl utopisch."

Das letzte Mal, als er regelmäßig Bus fuhr, versuchte sich Philipp gerade erfolglos als Student. Zumindest damals hatte die Warterei etwas Gutes: An seiner Haltestelle stand fast jeden Morgen dieselbe Frau. Eines Tages fragte sie ihn nach Feuer. Später fragte sie ihn, ob sie mal zusammen was trinken wollen. Heute ist Philipp mit dieser Frau verheiratet.

Anika Engler

In Niedersachsen steuert Anika Engler den weißen Familienbus über eine leere, von Birken gesäumte Straße. Auf der Rückbank sitzen Jakob und Hannah und mampfen Chips. Jakob ist aufgeregt, weil er gleich seinen Freischwimmer machen will. Anika löst derweil das Logistikpuzzle des Tages. Die heutigen Puzzlestücke: Jakob zu einem Freund bringen, der ihn mit zum Schwimmen nimmt. Hannah zum Irish Dancing fahren. Brot einkaufen. Kartoffeln vom Bauern holen. Tanken. Hannah abholen. Jakob einsammeln. Brot, Kartoffeln und Kinder nach Hause fahren.

Für Anikas Verhältnisse ist das ein recht leichtes Puzzle, oft stehen weit mehr Fahrten an. Wichtige Aufgaben schreibt sich die 36-Jährige dann auf die Hand. Mehr als 2000 Kilometer fährt sie pro Monat, an manchen Tagen lebt sie im Auto.

Warum das so ist, zeigt sich am Ende der einsamen Straße, in "Steinhorst Downtown", beziehungsweise: was davon übrig ist. Es gibt dort einen Bäcker, einen Arzt, eine Apotheke, einen Schreibwarenladen und einen kleinen Edeka, der die nötigsten Lebensmittel hat. Alle anderen Läden und die Freizeitangebote für ihre Kinder sind über ein Dutzend Dörfer in der Umgebung verstreut.

Als Anika später am Tag tankt, steigt die Anzeige auf 78,81 Euro. "Ist da ein Loch drin?", fragt sie rhetorisch, als sie den Tankdeckel zuklappt. Rund 455 Euro geben die Englers im Monat für Diesel, Kfz-Steuer und Versicherung aus. Tendenz: eher steigend. Denn auch die Infrastruktur, die in Steinhorst noch übrig ist, droht nach und nach zu verschwinden.

Die Apothekerin Gabriele Gayger ist bereits 67 und sucht seit Jahren einen Nachfolger. Von ihren Angestellten wollte keiner den Laden übernehmen. "Die Margen der Medikamente schrumpfen, der Arbeitsaufwand wächst, und es kommen immer weniger Kunden", sagt einer von ihnen. Das habe er sich nicht antun wollen.

Apotheke in Steinhorst

Im Mai schöpfte Gayger kurz Hoffnung. Ein irakischer Flüchtling namens Saeed Al-Mayyah wollte die Apotheke übernehmen. Er hatte in Bagdad als Pharmazeut gearbeitet und war auf seiner Flucht vor sunnitischen Schutzgelderpressern irgendwie in Steinhorst gelandet. Bürgermeister Singer spendierte dem Mann einen Sprachkurs. Manch einer im Dorf hörte schon auf, sich zu sorgen, wo er künftig seine Medikamente herbekommt. Doch es dürfte Jahre dauern, bis Al-Mayyah in Deutschland eine Berufserlaubnis erhält. So lange wird Gabriele Gayger kaum noch weitermachen.

Die Zukunft der kleinen Arztpraxis ist ähnlich ungewiss. Der alte Landarzt, Dr. Haase, war noch ein Überzeugungstäter mit grenzenlosem sozialem Verantwortungsgefühl. Er arbeitete oft mehr als 90 Stunden die Woche und machte bis spät abends Hausbesuche. Einmal führten ihn Anwohner mitten in der Nacht in eine Scheune, wo sich ein Mann erhängt hatte. Wortlos schnitt Haase den Strick durch und untersuchte die Leiche.

Heute ist der 77-Jährige im Ruhestand und kümmert sich um eine riesige Orchideensammlung. "Ich hab am Ende viel weniger verdient als am Anfang", resümiert er seine Laufbahn. "Dafür hab ich doppelt so viel gearbeitet."

Ein würdiger Nachfolger für Dr. Haase ließ sich nicht finden. Ein erster Arzt sprang rasch wieder ab, weil die Steinhorster ihn am Wochenende mit Anrufen penetrierten. Danach fand sich erst wieder Ersatz, als die Gemeinde 50.000 Euro Belohnung auslobte. Heute betreiben drei Ärzte aus einem Nachbarort die Praxis im Rotationsprinzip. Hausbesuche bei älteren Leuten sind seitdem gestrichen. Ab 2018 werden die Mediziner noch mehr Zeitdruck haben. Ein paar Dörfer weiter geht dann der nächste Landarzt in den Ruhestand. Die Steinhorster Praxis muss einen Teil der Patienten auffangen, obwohl sie ohnehin schon am Limit arbeitet.

Empfangstisch der Arztpraxis in Steinhorst

In ihren Wahlprogrammen präsentieren die Parteien verschiedene Rezepte für die schwindsüchtigen Gemeinden auf dem Land. Die SPD will Geld aus bestehenden Wirtschaftsförderprogrammen in strukturschwache Regionen leiten; die CDU will ärztliche Versorgungszentren stärken, die mehrere Gemeinden auf einen Schlag abdecken. In Steinhorst ist man skeptisch, ob solche Maßnahmen ausreichen. "Der Job hier ist härter als eine 36-Stunden-Schicht im Krankenhaus", sagt eine Praxishelferin. "Viele Ärzte wollen ihn nicht machen - auch dann nicht, wenn sie mehr Fördergeld bekommen."

Anika Engler indes hofft, dass die Politik eine Lösung findet. "Falls irgendwann auch noch die letzte Infrastruktur aus Steinhorst verschwindet, dann ist das vor allem für die Älteren ein Problem", sagt sie. "Wer nicht mehr richtig laufen und Auto fahren kann, wäre dann völlig aufgeschmissen." Momentan sehe sie das Ganze noch gelassen, sagt sie. "Aber ich werde ja auch älter."

Wie wir leben wollen

Arbeiten


In der Werkstatt, in der Philipp Ritterskamp arbeitet, riecht es nach Farbe und Staub. In gebückter Haltung steht Philipp vor einem Grabstein und graviert mit einem Druckluftmeißel den Namen eines Verstorbenen hinein. Als der Vorname fertig ist, setzt Philipp kurz ab, streckt sich und schaut nachdenklich auf sein Werk. "Der Dieter", murmelt er.

Für einen Steinmetz wie Philipp ist Wuppertal eine gute Stadt. Mehr als ein Dutzend potenzielle Arbeitgeber listet das Branchenbuch allein in seinem näheren Umfeld auf. Auch seine Frau Nina kann bei der Jobsuche zwischen vielen Firmen wählen. "Als ich meine alte Stelle kündigte, dachte ich, ich finde rasch was Neues", sagt sie. Doch in der Großstadt ist eben nicht nur die Zahl der potenziellen Arbeitgeber groß - sondern auch die Konkurrenz um offene Stellen.

Seit mehr als einem halben Jahr sucht Nina einen Job als Dekorateurin. Bislang lehnten alle Firmen ihre Bewerbung ab. "Viele wollen keine Mutter in Teilzeit", glaubt Nina. Und da es an Bewerbern nicht mangelt, finden die Firmen stets jemand anderes, der bereit ist, 40 Stunden die Woche zu arbeiten. Von der Regierung wünscht sich Nina, dass sie junge Eltern besserstellt. "Firmen, die Mütter und Väter in Teilzeit einstellen, sollten steuerliche Vorteile bekommen", schlägt sie vor. "Und Eltern, die sich selbstständig machen, sollten vom Staat stärker unterstützt werden."

Das könnte auch ihr helfen. Denn wenn sie nicht bald einen Job findet, will Nina zusammen mit einer Nachbarin ihre eigene Firma gründen. Die zwei Frauen wollen Designworkshops anbieten, in denen man lernt, wie man Schriftzüge, Leuchtreklamen oder Möbel gestaltet.

Philipp Ritterskamps Meisterstück

Die Englers aus Niedersachsen können von solchen Möglichkeiten nur träumen. Im Steinhorster Ortsteil Lüsche, in dem ihr Haus steht, scheitert jede kreative Gründeridee schon am langsamen Internet. "Es gab mal eine Frau, die von zu Hause arbeiten wollte", sagt Anika Engler. Doch die habe rasch wieder aufgegeben. Manche E-Mail wäre vermutlich schneller beim Adressaten angekommen, wenn man sie ausgedruckt und persönlich vorbeigebracht hätte.

Die Auswahl möglicher Arbeitgeber in der Region um Steinhorst ist ähnlich bescheiden. Die VW-Werke in Wolfsburg sind gut 60 Kilometer entfernt, nur die wenigsten Steinhorster nehmen so viel Fahrerei auf sich. Im pendlerverträglichen Radius gibt es sonst noch genau zwei größere Arbeitgeber: den Energiemulti Exxon und den Rohrhersteller Butting. Bei Letzterem arbeiten die Englers seit knapp 20 Jahren, dort haben sie sich auch kennengelernt.

Kai und Anika macht der Mangel an Karriereoptionen nichts aus. Ihnen ist wichtiger, dass sie nahe an der Natur sind und genug Zeit für die Familie haben. Viele junge Steinhorster sehen das anders: Sie wollen eine Perspektive haben und ziehen nach der Schule weg.

Kanzleramtschef Peter Altmaier präsentierte Ende Juni eine Idee, um junge Leute in die Provinz zu locken. Man müsse es Unternehmen künftig schmackhafter machen, einen Teil ihrer Arbeit aufs Land zu verlagern, forderte der CDU-Politiker. Die Englers würden das begrüßen. Doch sie können sich kaum vorstellen, wie mehr qualifizierte Jobs in ihrer Region entstehen sollen. Die Löhne sind dafür zu niedrig, die Infrastruktur zu schwach. "Einstweilen", sagt Anika, "wäre schnelleres Internet schön." Immerhin das haben die meisten Parteien für die Zeit nach der Bundestagswahl einhellig versprochen.

Wie wir leben wollen

Heranwachsen


Nach den Sommerferien kommt Hannah Engler aufs Gymnasium in der Gemeinde Hankensbüttel. Rund 45 Minuten braucht der Schulbus von Steinhorst bis dorthin. Nach Hause wird sie sogar bis zu zwei Stunden brauchen - weil der Bus, der direkt nach Schulschluss fährt, nicht groß genug ist, um alle Kinder mitzunehmen. Verpasst Hannah ihn, ist sie erst spätnachmittags zu Hause.

Anika Engler will ihrer Tochter das ersparen. Sie überlegt, ihr entweder eine Fahrgemeinschaft zu organisieren oder sie selbst abzuholen.

In der Geschichte mit dem Schulbus steckt eine tiefere Wahrheit: Wenn du so weit draußen wohnst und etwas bekommen willst, dann nimmst du es am besten selbst in die Hand. Anika Engler fährt mit dieser Devise auch sonst ganz gut.

In Jakobs Grundschule sitzt sie inzwischen im Elternrat. Vergangenes Jahr kämpfte dieser dafür, eine Nachmittagsbetreuung für die Kinder einzuführen. Immer wieder mussten die Elternräte bei den Entscheidern nachbohren, schließlich hatten sie Erfolg: Nach den Sommerferien ist die Grundschule Kunterbunt offiziell eine Ganztagsschule. Anika nimmt die Nachmittagsbetreuung für Klara und Jakob gar nicht in Anspruch. Doch sie ist trotzdem stolz, was sie im Elternrat erreicht haben. "Junge Eltern können nun trotz Kindern wieder in Vollzeit arbeiten", sagt Anika. "Unsere Gemeinde wird dadurch attraktiver." Jetzt müsse nur noch die Kita nachziehen.

Hannah Engler, 10, will später Tierärztin werden. Labradordame Alva muss manchmal für Übungszwecke herhalten. Ob sie in Steinhorst wohnen bleibt, weiß sie noch nicht. "Vielleicht gehe ich auch nach Australien", sagt sie.

An einer Hauptverkehrsstraße in Wuppertal liegt ein kleiner Innenhof, über den sich eine Leine mit buddhistischen Gebetsfahnen spannt. Die bunten Tücher schaukeln leicht im Wind, sie sind fast der einzige Farbtupfer über einer ansonsten grauen Betonfläche. Aus einem Hauseingang dringt Kinderlärm, die Luft riecht nach Abgas. Vor einer Pforte steht Nina Ritterskamp und schaut zu, wie Matse sich von seinen Freunden verabschiedet. Es ist der letzte Kita-Tag vor den Ferien.

Als Philipp und Nina die Beton-Kita zum ersten Mal sahen, sagten beide: "Das geht gar nicht." Dann meldeten sie Matse dort an. Eine Alternative hatten sie nicht.

Schon als sie schwanger war, hatte Nina die ersten Kitas angeschrieben. Doch die meisten waren entweder voll oder sie nahmen erst Kinder ab drei Jahren. Einmal fanden sie eine Kita, die ihnen besonders gefiel: mit Kinder-Yoga, therapeutischem Reiten und viel Grün. Unbezahlbar, natürlich. Nach eineinhalb Jahren nahmen Philipp und Nina die Kita an der Hauptstraße.

Nina nimmt Matse an der Hand, sie laufen die Treppen hinauf in ihr Viertel. An einer großen Straße bleiben sie stehen. "Du musst immer gut schauen, ob Autos kommen", sagt Nina zu ihrem Sohn. Sie sorgt sich, dass er eines Tages überfahren wird. Doch sie kann mit dieser Sorge inzwischen ebenso leben wie mit der grauen Kita. Matse hat dort viele Freunde gefunden, und die Erzieherinnen machen einen guten Job. Und überhaupt: So ist das Stadtleben eben auch.

Nina Ritterskamp mit ihren Söhnen Matse, 4, und Fiete, 1

Matse und Nina erreichen einen Spielplatz, der von bunten Altbauten eingerahmt ist. Auf den Schaukeln und Klettergerüsten toben deutsche, türkische und afrikanische Kinder. Auf der Picknickwiese sitzen Pennäler aus der nahegelegenen Grundschule und ein paar Punks. Auf dem Gehweg geht eine Großmutter mit ihrem Rollator spazieren. Und in der Sandgrube übt eine Studentin mit langen Rastazöpfen Kopfstand.

Nina wünscht sich, dass ihre Kinder auf diesem Platz groß werden, und sie wünscht sich von der Politik dafür mehr Unterstützung. 149 Euro zahlen sie für Matses Halbtagsbetreuung. Bald kommt die Gebühr für ihren zweiten Sohn Fiete hinzu.

"Den Kinderfreibetrag sollte man abschaffen und dafür das Kindergeld erhöhen", sagt Nina. "Dann würden nicht länger nur die Besserverdienenden profitieren." Das Ehegattensplitting müsse weiterentwickelt werden. "Es sollte Familien belohnen, nicht Hochzeiten." Einen ähnlichen Vorschlag hatte schon 2015 die SPD gemacht, doch die wird Nina am 24. September eher nicht wählen.

Wie wir leben wollen

Bleiben


Drei Fragen sind an dieser Stelle noch nicht beantwortet: Kann der Staat wirklich gleichwertige Lebensverhältnisse schaffen? Wie will Familie Engler ihre Gemeinde retten? Und hat Jakob Engler seinen Freischwimmer bekommen?

Die erste Frage lässt sich recht eindeutig beantworten: Es dürfte unmöglich sein, wirklich gleichwertige Lebensverhältnisse zu schaffen, und die Menschen, die sich bewusst für das Stadt- oder Landleben entschieden haben, erwarten dies auch gar nicht. Gleichwertigere Lebensverhältnisse wären aber durchaus möglich - wenn die Politik die Stadt-Land-Problematik endlich ernsthaft angehen würde.

Familie Ritterskamp wünscht sich vor allem einen besseren Nahverkehr, günstigere Kitaplätze und mehr Karrierechancen für berufstätige Eltern, dazu eine funktionierende Mietpreisbremse, damit ihre Wohnung in Wuppertal-Elberfeld auch langfristig bezahlbar bleibt. Familie Engler möchte vor allem, dass der Staat ihre Gemeinde nicht länger allein lässt - was uns zur zweiten Frage führt.

Obwohl sie am 24. September wählen gehen, wollen die Englers nicht auf irgendein Gesetz aus Berlin warten, das den Strukturverfall in Steinhorst vielleicht aufhält. Ein Gesetz, das vielleicht kommt und vielleicht auch nicht. Sie sehen, wie Jakob die ländliche Freiheit genießt. Wie er nach der Schule zu den Bauern aufs Feld rennt, um auf dem Traktor mitzufahren. Wie er neulich im Garten sein eigenes kleines Feld anlegte, mit Samen, die ihm ein Bauer geschenkt hatte.

Jacob Englers Feld

Die Englers wollen, dass Steinhorst noch lange lebenswert ist - falls eines oder mehrere ihrer Kinder sich entscheiden sollten, hier zu bleiben. Kai überlegt deshalb, für den Gemeinderat zu kandidieren. Und alle Englers werden auch künftig mit anpacken, wenn es darum geht, ihren Wohnort attraktiver zu machen.

Die neueste Gemeinschaftsarbeit der Steinhorster ist gerade fertig geworden: In einem Waldstück am Ortsrand gibt es nun ein kleines Freibad. Die Bürger haben es größtenteils selbst gebaut. Einige hoben die Grube aus, andere verlegten die Kacheln, ein Edelstahlschlosser baute in seiner Freizeit eine Leiter für den Pool. Das Freibad wird in Kürze eröffnen. Der Eintritt ist gratis.

Einer freut sich darüber besonders: Jakob Engler. Der hat seine Schwimmprüfung nämlich bestanden. Und wird sicher oft dort baden gehen.

Steinhorster Freibad

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Text, Fotos, Videos, Layout: Stefan Schultz

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Videoschnitt: Benjamin Braden

Schlussredaktion: Bastian Bredtmann

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