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Soziale Ungleichheit: Deutschland wird amerikanischer

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Das oberste Zehntel der Bevölkerung verdient achtmal so viel wie das unterste: Laut einer OECD-Studie haben die Einkommensunterschiede in Deutschland so stark zugenommen wie in kaum einem anderen Industrieland. Die soziale Kluft nähert sich damit den Verhältnissen in den USA an.

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Bauarbeiter (vor der Europäischen Zentralbank): Die Schere geht auseinander

Hamburg - Spitzenplätze in Ranglisten der OECD sind normalerweise ein Grund zur Freude. Doch in einer neuen Untersuchung der Industrieländer-Organisation nimmt Deutschland eine wenig schmeichelhafte Top-Position ein: Demnach ist die Ungleichheit bei der Einkommensverteilung unter deutschen Arbeitnehmern stärker gewachsen als in den meisten anderen OECD-Ländern.

Die obersten zehn Prozent der deutschen Einkommensbezieher verdienten demnach im Jahr 2008 durchschnittlich 57.300 Euro netto und damit rund achtmal so viel wie die untersten zehn Prozent, die im Schnitt auf 7400 Euro kamen. In den neunziger Jahren hatte das Verhältnis noch sechs zu eins betragen. Die Angaben der OECD beziehen sich auf Netto-Einkommen ohne Transferleistungen und Bonuszahlungen.

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OECD-Studie: Soziale Kluft in Deutschland wächst
Allerdings steht Deutschland im Vergleich immer noch recht gut da: Im Durchschnitt der Industrieländer liegt das Verhältnis zwischen höchster und niedrigster Einkommensgruppe bei eins zu neun. Auch wird die Ungleichheit in Deutschland durch Steuern und Sozialtransfers um 29 Prozent reduziert - im OECD-Schnitt sind es 25 Prozent.

Beachtlich ist, dass im vergangenen Jahrzehnt nicht nur die Einkommensschere in traditionell besonders ungleichen Ländern wie Israel oder den Vereinigten Staaten weiter auseinanderging. Erstmals sei die Kluft auch in Ländern gewachsen, die bisher eher geringe Unterschiede aufwiesen. Dazu gehörten neben Deutschland auch Dänemark, Schweden und andere nordeuropäische Länder, wo die Ungleichheit laut OECD "stärker wuchs als irgendwo anders in den 2000ern".

Die Zunahme der Ungleichheit zeigt sich auch am sogenannten Gini-Koeffizienten. Liegt dieser bei null, so haben alle Menschen das gleiche Einkommen. Liegt er bei eins verdient dagegen der reichste Mensch im Land alles. In Deutschland lag der Koeffizient 1985 noch bei 0,25, bis 2008 stieg er dann auf knapp 0,3. Damit näherte sich die Ungleichheit in Deutschland den Verhältnissen in den USA an, wo der Gini-Koeffizient zuletzt bei rund 0,38 lag.

Die Industrieländer-Organisation nennt verschiedene Gründe für diese Entwicklung:

  • Der wichtigste Grund ist die unterschiedliche Entwicklung der Löhne und Gehälter. So stieg das reale Haushaltseinkommen der untersten zehn Prozent in Deutschland zwischen Mitte der achtziger Jahre und Ende des vergangenen Jahrzehnts jährlich um gerade einmal 0,1 Prozent. Die oberen zehn Prozent verbesserten sich dagegen um durchschnittlich 1,6 Prozent. Zum Vergleich: In Frankreich betrug die Veränderung beim unteren Zehntel 1,6 Prozent, beim oberen 1,3 Prozent.
  • Auch die wachsende Anzahl von Teilzeitarbeitern treibt die Einkommensschere auseinander. In Deutschland hat sich der Anteil der Teilzeitbeschäftigten seit 1984 auf 22 Prozent verdoppelt. Viele von diesen sind Frauen, die nach wie vor im Durchschnitt weniger verdienen als Männer.
  • Ungleichmäßig haben sich auch die Arbeitszeiten verändert. In den oberen Einkommensklassen arbeiten Deutsche wie schon vor 20 Jahren im Durchschnitt rund 2250 Stunden im Jahr. Die durchschnittliche Arbeitszeit von Geringverdienern sank dagegen von 1000 auf 900 Stunden.
  • Der Trend zur Single-Gesellschaft verstärkt die Unterschiede zusätzlich: Durch die wachsende Zahl von Alleinlebenden und Alleinerziehern sinkt das durchschnittliche Haushaltseinkommen.
  • Andererseits wächst die Tendenz zu Paaren aus derselben Einkommensgruppe, deren Einkommen entsprechend stark steigen. Das Modell "Chefarzt heiratet Krankenschwester" sei auf dem Rückzug, heißt es in der Studie.

Die OECD verbindet die Studienergebnisse mit einer klaren Botschaft. "Zunehmende Ungleichheit schwächt die Wirtschaftskraft eines Landes", sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurría. Damit stützt er die Thesen anderer Ökonomen, die besonders seit der jüngsten Finanzkrise soziale Ungleichheit auch als Gefahr für die wirtschaftliche Stabilität kritisieren. Als Gegenmittel empfiehlt die Organisation unter anderem eine verbesserte Bildung, die schon in der frühen Kindheit ansetzen müsste. Eine weitere Option sei, durch eine progressivere Einkommensteuer für mehr Umverteilung zu sorgen.

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