Von David Böcking
Hamburg - Spitzenplätze in Ranglisten der OECD sind normalerweise ein Grund zur Freude. Doch in einer neuen Untersuchung der Industrieländer-Organisation nimmt Deutschland eine wenig schmeichelhafte Top-Position ein: Demnach ist die Ungleichheit bei der Einkommensverteilung unter deutschen Arbeitnehmern stärker gewachsen als in den meisten anderen OECD-Ländern.
Die obersten zehn Prozent der deutschen Einkommensbezieher verdienten demnach im Jahr 2008 durchschnittlich 57.300 Euro netto und damit rund achtmal so viel wie die untersten zehn Prozent, die im Schnitt auf 7400 Euro kamen. In den neunziger Jahren hatte das Verhältnis noch sechs zu eins betragen. Die Angaben der OECD beziehen sich auf Netto-Einkommen ohne Transferleistungen und Bonuszahlungen.
Beachtlich ist, dass im vergangenen Jahrzehnt nicht nur die Einkommensschere in traditionell besonders ungleichen Ländern wie Israel oder den Vereinigten Staaten weiter auseinanderging. Erstmals sei die Kluft auch in Ländern gewachsen, die bisher eher geringe Unterschiede aufwiesen. Dazu gehörten neben Deutschland auch Dänemark, Schweden und andere nordeuropäische Länder, wo die Ungleichheit laut OECD "stärker wuchs als irgendwo anders in den 2000ern".
Die Zunahme der Ungleichheit zeigt sich auch am sogenannten Gini-Koeffizienten. Liegt dieser bei null, so haben alle Menschen das gleiche Einkommen. Liegt er bei eins verdient dagegen der reichste Mensch im Land alles. In Deutschland lag der Koeffizient 1985 noch bei 0,25, bis 2008 stieg er dann auf knapp 0,3. Damit näherte sich die Ungleichheit in Deutschland den Verhältnissen in den USA an, wo der Gini-Koeffizient zuletzt bei rund 0,38 lag.
Die Industrieländer-Organisation nennt verschiedene Gründe für diese Entwicklung:
Die OECD verbindet die Studienergebnisse mit einer klaren Botschaft. "Zunehmende Ungleichheit schwächt die Wirtschaftskraft eines Landes", sagte OECD-Generalsekretär Angel Gurría. Damit stützt er die Thesen anderer Ökonomen, die besonders seit der jüngsten Finanzkrise soziale Ungleichheit auch als Gefahr für die wirtschaftliche Stabilität kritisieren. Als Gegenmittel empfiehlt die Organisation unter anderem eine verbesserte Bildung, die schon in der frühen Kindheit ansetzen müsste. Eine weitere Option sei, durch eine progressivere Einkommensteuer für mehr Umverteilung zu sorgen.
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