Mangelwirtschaft in Venezuela Im Land des knappen Klopapiers

Ob Butter, Milch oder Toilettenpapier: Jedes fünfte Produkt ist in Venezuela Mangelware. Das liegt vor allem an der sozialistischen Planwirtschaft. An ihr verzweifelt der größte Lebensmittelhersteller des Landes genauso wie ein deutscher Importeur.

Aus Caracas berichtet

REUTERS

Feierabend in Caracas. Ist noch was zu besorgen? Ach ja, Toilettenpapier, immer noch. So beginnt mal wieder eine Odyssee durch die venezolanische Hauptstadt. Doch ob Farmahorro, Farmatodo oder Locatel - in den Drogerien gibt es nur bedauerndes Achselzucken. Eine Verkäuferin erzählt von neuer Ware in einem Supermarkt, doch auch dort ist das Regal leer. Schließlich die Einsicht: Das wird auch heute nichts.

In Venezuela ist das Klopapier knapp - diese Tatsache sorgte kürzlich weltweit für Schlagzeilen. Doch für Venezolaner beschränkt sich das Problem nicht aufs Badezimmer. Ob Butter, Vollmilch, Zucker, Öl, Rindfleisch oder Thunfisch: Jedes fünfte Produkt ist Mangelware.

Nun kann der Mensch auch ohne Butter überleben und notfalls sogar ohne Klopapier. Doch inzwischen wird selbst Lebenswichtiges wie Medikamente knapp - und das in einem Land, das dank seiner Ölvorräte eigentlich reich ist. Wie kann das sein?

Für Präsident Nicolás Maduro, Nachfolger des verstorbenen Hugo Chávez, ist klar: Schuld sind Unternehmen wie Polar. Die Firma ist vor allem für ihr Bier bekannt, das populärste im Karibikstaat. Sie ist aber auch der größte Lebensmittelfabrikant und stellt vorgekochtes Maismehl her. Daraus werden Arepas gemacht - Fladen, die den Venezolanern so wichtig sind wie Deutschen ihr Brot.

Als auch das Mehl knapp wurde, warf Maduro der Firma vor, sie produziere weniger und verstecke Waren. Polar will demnach die Preise hochtreiben. Unter dem Jubel seiner Anhänger zitierte Maduro den Unternehmenschef Lorenzo Mendoza herbei und kündigte an, er werde ihn "zum Arbeiten bringen".

Der lange Arm des Staates

Ein Besuch in der Polar-Zentrale im Osten von Caracas: Unter schrillem Dauerklirren wird hier Bier abgefüllt, während nebenan José Anzola energisch den Vorwürfen der Regierung widerspricht. Der Geschäftsführer der Lebensmittelsparte will von Preistreiberei nichts wissen. Schließlich setzt die Regierung die Preise vieler Nahrungsmittel selbst fest. So darf ein Kilo Maismehl derzeit 5,93 Bolívares kosten. Zum ebenfalls staatlich festgelegten Wechselkurs entspricht das knapp einem Dollar.

Tatsächlich aber ist der Bolívar im Ausland viel weniger wert. Das ist auch deshalb ein Problem für Polar, weil die Firma inzwischen mehr als die Hälfte des verarbeiteten Maises importieren muss. Selbst laut einer Regierungsstudie liegt der Marktwert für ein Kilo Maismehl dreieinhalb Mal so hoch wie der Preis, den Polar derzeit verlangen darf.

"Die Preise mancher Produkte sind seit mehr als vier Jahren nicht überprüft worden, während die Inflation konstant im zweistelligen Bereich lag", schimpft Anzola. Wenn sein Unternehmen mehr Geld verlangen dürfe, könnte es jährlich 100.000 Tonnen Mehl mehr herstellen. Den Vorwurf, Produkte zu verstecken, weist der Manager zurück. Die Behörden erfassten sämtliche Lagerbestände. "Hier gibt es keine Möglichkeit, etwas zu horten."

Tatsächlich greift der venezolanische Staat so umfassend ins Wirtschaftsleben ein, dass seine Schuldzuweisungen an Unternehmer absurd wirken. Doch wenn Maduro behauptet, Bosse wie Mendoza wollten selbst regieren, so steckt darin zumindest ein Körnchen Wahrheit: Die Privatwirtschaft stellte sich früh gegen Chávez. Als es 2002 zu einem Putsch gegen ihn kam, wurde der Chef der Handelskammer zum Nachfolger bestimmt. Nachdem der Umsturzversuch gescheitert war, startete die Wirtschaft einen Generalstreik - an dem sich auch Polar beteiligte.

Knapp sind auch die Devisen

Über die Bürokratie klagen jedoch auch Unternehmer, die weniger vorbelastet sind. Zum Beispiel der Deutsche Volker Moorstedt, der Technologie aus seiner Heimat importiert. Um was für Waren es sich genau handelt, soll ebenso unerwähnt bleiben wie Moorstedts wirklicher Name, denn er hat viel zu verlieren: "Wir sind eines der wenigen Unternehmen, die noch Zugang zu Cadivi haben."

Cadivi ist eine Behörde, die Devisen verteilt - ein weiteres knappes Gut. Fremdwährungen nimmt Venezuela fast nur über den staatlichen Ölkonzern ein, der sie an Cadivi abführt. Diese tauscht die begehrten Petrodollars gegen heimische Bolívares.

Will Moorstedt Waren importieren, muss er bei Cadivi den Tausch der zum Kauf notwendigen Summe beantragen. Der Prozess dauert Monate, oft wird nur ein Teil der beantragten Waren bewilligt. "Das ist jedes Mal unterschiedlich", sagt Moorstedt. Hat er Pech, kommt es zwischen Bestellung und Umtausch zu starker Inflation oder einer Abwertung und die Ware kostet mehr als kalkuliert. Auch wegen dieser Unsicherheit, sagt Moorstedt, erhöhen viele Importeure vorsorglich ihre Preise.

Zudem muss Moorstedt jedes Mal ein "Zertifikat der nationalen Nicht-Produktion" vorlegen: Obwohl Venezuela außer Öl kaum etwas produziert, verlangt die Regierung Belege, dass Importe nicht auch im Land hergestellt werden. Moorstedt muss seine Waren deshalb immer wieder aufs Neue beschreiben. Eine ganze Abteilung seiner Firma ist nur mit den Dokumenten für Cadivi beschäftigt.

Für die von den Chavisten angestrebte Umverteilung hegt Moorstedt durchaus Sympathie. "Ein Land wie dieses dürfte nicht so viele Armenviertel haben." Doch er sagt auch: "Wie hier gewirtschaftet wird, das kann sich kein privates Unternehmen leisten." Seit fast einem Jahr wartet seine Firma auf längst bewilligte Devisen, um bei seinen Lieferanten alte Rechnungen zu bezahlen. So geht es vielen Unternehmen, ihre Lager leeren sich. "Deshalb sind die Supermärkte leer."

Bermuda-Dreieck des Mangels

Auch Luis Vicente León hält Devisenmangel und Preiskontrollen für zwei Eckpunkte eines "Bermuda-Dreiecks", in dem die Waren verschwinden. Der dritte Faktor, sagt der Chef des Marktforschungsinstituts Datanálisis, seien Enteignungen.

Hugo Chávez ließ in seiner Regierungszeit zahlreiche Betriebe verstaatlichen, viele Unternehmer flüchteten aus Venezuela. Neue Investitionen holte der Präsident fast nur über Öl-Deals mit politischen Verbündeten ins Land - darunter Irans Ex-Präsident Mahmud Ahmadinedschad. Mit ihm vereinbarte Chávez auch den Bau von zehn Fabriken für Maismehl.

Doch unternehmerisches Wissen können Politiker nur begrenzt importieren. Der Herstellungsprozess für vorgekochtes Maismehl wurde in Venezuela entwickelt, es gib ein eigenes Patent dafür. Polar arbeite mit Maschinen aus Deutschland, erzählt Manager Anzola. Die seien eigentlich für Weizenmehl konstruiert, jedoch schon vor Jahrzehnten entsprechend angepasst worden. "Deshalb kann das Mehl der Regierung aus einem iranischen Werk nicht mit unserem mithalten."

Ähnlich selbstbewusst gab sich Polar-Chef Mendoza, als er zum Präsidenten zitiert wurde: Sein Unternehmen besitze nur 48 Prozent der Produktionskapazität für Maismehl, schöpfe sie aber voll aus. Die Frage sei, was bei den restlichen Herstellern geschehe, von denen viele staatlich sind. Dann bot Mendoza an, dem Staat Fabriken abzukaufen. Das lehnte die Regierung zwar ab, doch nach dem Treffen gab sich Maduro auffallend versöhnlich. Angeblich gibt es neuerdings konstruktive Gespräche.

Doch selbst wenn die Sozialisten ihren Konfrontationskurs aufgeben, ein Grundproblem begann lange vor ihrer Regierungszeit: Die sicheren Öleinnahmen haben über Jahrzehnte den venezolanischen Unternehmergeist gebremst. Schon als Grundschüler habe er gelernt, dass Venezuela ein neues Wirtschaftsmodell brauche, sagt Anzola. "Seitdem sind 40 Jahre vergangen und nichts ist passiert."

Zumindest den Ärmsten geht es besser

Im Zentrum von Caracas hängen gelbe Aufkleber. "Kommunismus ist Mangel für alle", steht darauf. Das lässt sich als Kritik an den Chavisten lesen - aber auch an ihren Vorgängern.

Denn während die Wohlhabenderen erst jetzt betroffen sind, fehlt es Venezuelas Ärmsten schon immer an vielem. Zumindest ihre Situation hat sich laut Welternährungsorganisation (FAO) aber verbessert. Mit Hilfe von staatlich subventionierten Supermärkten und Ernährungsprogrammen sei der Anteil der Unterernährten mehr als halbiert worden, lobte die FAO kürzlich. Stolz nahm Präsident Maduro eine Urkunde entgegen.

Der FAO-Vertreter in Venezuela hatte jedoch auch eine simple Empfehlung, was das Land gegen den Mangel tun muss: selbst mehr produzieren.



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insgesamt 127 Beiträge
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margaretthatcher 04.08.2013
1. sozialistischen Planwirtschaft
In Mali ist Butter auch Mangelware, und das ist ein kapitalistisches Land, vllt liegt der Zusammenhang ja im Reichtum der beiden Länder? Wo ist der unterschied ob etwas nicht verfügbar ist, oder man sich es nicht leisten kann? Auch liegt es nicht an den Sozialisten, den wir der Autor schrieb: ein Grundproblem begann lange vor ihrer Regierungszeit: Die sicheren Öleinnahmen haben über Jahrzehnte den venezolanischen Unternehmergeist gebremst. Somit ist der Teaser völlig falsch, es ligt nicht am Wirtschaftssystem, es ligt am Reichtum des Landes, und den gab es während die Kapitalisen am Werk waren auch nicht. Der Teaser ist nur Hetze und sowas gehört sich für einen Jornalisten nicht.
Zapallar 04.08.2013
2.
Zitat von sysopREUTERSOb Butter, Milch oder Toilettenpapier: Jedes fünfte Produkt ist in Venezuela Mangelware. Das liegt vor allem an der sozialistischen Planwirtschaft. An ihr verzweifelt der größte Lebensmittelhersteller des Landes genauso wie ein deutscher Importeur. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/sozialismus-in-venezuela-fuehrt-zu-knappheit-von-klopapier-und-milch-a-913020.html
Die eine Seite hetzt gegen den Kapitalismus, während in Venezuela der dortige Despot und die Mangelwirtschaft journalistisch aufbereitet werden ... ja was denn nun? Goldener Mittelweg?
rainer_unsinn 04.08.2013
3. ...
Zitat von sysopREUTERSOb Butter, Milch oder Toilettenpapier: Jedes fünfte Produkt ist in Venezuela Mangelware. Das liegt vor allem an der sozialistischen Planwirtschaft. An ihr verzweifelt der größte Lebensmittelhersteller des Landes genauso wie ein deutscher Importeur. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/sozialismus-in-venezuela-fuehrt-zu-knappheit-von-klopapier-und-milch-a-913020.html
Jaja die böse Planwirtschaft Venezuelas. Dort würde auch der letzte Maisbauer eine Villa haben und einen dicken deutschen Wagen fahren, wenn man nur wieder die Öl und Gas Industrie in Hände amerikanischer Multis legen würde. Darauf läuft es doch mal wieder hinaus oder gibts hier ne echte Pointe?
observerlbg 04.08.2013
4. Das kennen wir Deutschen doch zur genüge.
Sozialistische Planwirtschaft könnte funktionieren, wenn alle am Markt beteiligten mitmachen. In einer globalisierten Welt, die von kapitalistischen Finanzdienstleistern mit paranoider Sozialistenangst regiert wird, hat weder eine DDR noch Kuba noch Venezuela die geringste Chance. Tja, nachrichtendienstlicher Imperialismus und Finanzimperialismus unterbinden jeden Ansatz sozialer Gerechtigkeit. Damit müssen wir uns mindestens bis zum nächsten Weltkrieg mit abfinden.
tarvos 04.08.2013
5. Mangelwirtschaft auch in Deutschland
In Deutschland wurde die Logistikkette im Einzelhandel inzwischen so kaputtoptimiert, dass der Kunde auch hier öfter vor leeren Regalen steht. Kein Wunder, wenn die Verkaufsfläche gleichzeitig als Lager herhalten muss, wo soll da noch Puffer sein? Wenn ein Produkt dann in einem Supermarkt ausverkauft ist, macht sich dies auf Grund der immensen Mobilität der Kunden (die ja auch gerne wegen 1 Euro Preisersparnis 5 Euro Sprit verpulvern) in der ganzen Stadt bermerkbar mit dem Ergebnis, dass ein Produkt bis zu drei Tage überall ausverkauft ist. Sicher sind das Luxusprobleme im Vergleich zu Venezuela, aber ich will mir nicht vorstellen, wie es in Deutschland abgeht, wenn es hier mal Anlass für Hamsterkäufe geben sollte. Dann bricht das ganze Logistiksystem zusammen, welches ja darauf ausgelegt ist, keine (teuren) Puffer zu haben. Andererseits wird der Kunde durch künstliche Verknappung gerade bei Elektronikprodukten längst wieder daran gewöhnt, dass nicht der Preis die Nachfrage reguliert, sondern die Länge der Schlange vor dem Geschäft. Ähnliches kennt man ja auch aus dem Wohnungsmarkt, wo gedeckelte Mieten dazu führen, dass es pro Wohnung 10-50 Bewerber gibt (wohlgemerkt bewerben die sich darum, Geld zahlen zu dürfen!).
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