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Sozialreform Von der Leyen startet das Feilschen um Hartz IV

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen: "Krachende Fehler in der Integrationspolitik"Zur Großansicht
dapd

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen: "Krachende Fehler in der Integrationspolitik"

2. Teil: Wie von der Leyen ihre Hartz-IV-Reform durchbringen will

SPIEGEL ONLINE: Ihr wichtigstes Projekt, die Hartz-IV-Reform, wird an diesem Mittwoch vom Kabinett verabschiedet. Bis Jahresende muss das Paket durch alle politischen Instanzen. Die SPD droht im Bundesrat mit Blockade. Wie wollen Sie den Zeitplan einhalten?

Leyen: Die enge Frist des Bundesverfassungsgerichts setzt alle Seiten unter Druck. Auf dem Weg zum Bundesratsbeschluss müssen wir noch viele Gespräche führen. Ich gehe deshalb einen eher unüblichen Weg, der aber bei der Jobcenterreform im Frühjahr schon einmal erfolgreich war: Direkt nach dem Kabinettsbeschuss möchte ich die Regierungs- und Oppositionsfraktionen sowie Ländervertreter einladen, um Gemeinsamkeiten und Lösungswege auszuloten.

SPIEGEL ONLINE: Die SPD knüpft ihre Zustimmung an viele Punkte: höhere Regelsätze, ein gesetzlicher Mindestlohn, ein breiteres Bildungspaket. Wo wollen Sie den Sozialdemokraten entgegenkommen?

Leyen: Erst einmal muss sich die SPD ordnen und ihre Vorstellungen äußern. Dann können wir Gespräche führen.

SPIEGEL ONLINE: Von welchen Teilen der Reform weichen Sie nicht mehr ab?

Leyen: Dass wir Bildungsangebote als Sachleistung anbieten. Dafür mussten und müssen wir viel tun. Denn das Bequemste, aber langfristig Teuerste ist es, einfach mehr Geld bar zu verteilen.

SPIEGEL ONLINE: Bleibt es beim Plus von fünf Euro beim Hartz-IV-Regelsatz?

Leyen: Das Urteil des Verfassungsgerichts ist eindeutig. Es geht nicht um symbolische Erhöhungen nach Lust und Laune, sondern um konkrete Berechnungen aus der Einkommens- und Verbrauchsstatistik. Und die spiegelt das wieder, was Menschen mit kleinen Einkommen ausgeben. Politik muss dazu noch Wertentscheidungen treffen, was nicht zum Existenzminimum gehört, zum Beispiel Flugreisen, Glücksspiel, Alkohol, Tabak oder illegale Drogen.

SPIEGEL ONLINE: Also könnten am Ende Alkohol und Tabak wieder hinzugerechnet werden?

Leyen: Der Opposition steht auch frei zu sagen: Wir wollen, dass Glücksspiele wieder in den Regelsatz mit eingerechnet werden oder Pauschalreisen. Das kann man alles fordern. Man muss nur begründen, warum es zum Existenzminimum gehört.

SPIEGEL ONLINE: Seit der Einführung von Hartz IV sind mehr als 100.000 Klagen bei den Sozialgerichten in Deutschland eingegangen. Sehen Sie die nächste Klagewelle auf sich zurollen?

Leyen: Dafür gibt es keine Hinweise. Bei den heutigen Streitfällen geht es vorwiegend um die Höhe der Warmmiete. Da vereinfachen wir gerade das Verfahren. Jetzt stehen wir vor einer völlig anderen Situation. Die Kriterien beim Bildungspaket sind klar definiert: Entweder ist das Schulmittagessen da oder nicht. Will ein Kind in die Musikschule oder zum Fußballverein gehen und wie organisieren wir das? Solche Fragen sind nicht klageanfällig.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Beliebtheit hat wegen der Hartz-IV-Reform gelitten. Fürchten Sie, am Ende als Fünf-Euro-Ministerin in Erinnerung zu bleiben?

Leyen: Hartz IV ist kein Gewinnerthema, das ist klar. Für die einen ist es immer zu wenig, für die anderen zu viel. Für mich zählt, dass ich gestalten kann, zum Beispiel das Bildungspaket, das eine Riesenchance für bedürftige Kinder ist, den Kreislauf aus Abgehängtsein, Bildungsarmut und Armut im späteren Leben zu durchbrechen.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen auf dem CDU-Parteitag im November stellvertretende Bundesvorsitzende werden - in einer Zeit, in der die Union über ihr konservatives Profil diskutiert. Sie stehen aber für die moderne CDU. Wie wollen Sie das Profil der Partei schärfen?

Leyen: Ich will die Debatte vorantreiben, wie ein konservativer Kurs in der Moderne aussehen kann. In der vergangenen Legislaturperiode wurde darüber viel zu wenig gesprochen, daher bricht sich die Konservatismus-Debatte jetzt Bahn. Werte sind eben nur lebendig, wenn man sie benennt und auch immer wieder übersetzt, was sie konkret etwa in Zeiten von Globalisierung und Finanz- und Vertrauenskrisen bedeuten.

SPIEGEL ONLINE: Im Frühjahr stehen wichtige Landtagswahlen an. In Baden-Württemberg regiert die CDU seit Jahrzehnten, jetzt wird es wegen Stuttgart 21 eng. JU-Chef Philipp Mißfelder spricht von einer "Schicksalswahl" für die CDU. Stimmen Sie zu?

Leyen: Sie ist auf jeden Fall eine enorm wichtige Wahl. Wir sind im Augenblick in einer schwierigen Strecke. Entscheidend ist, dass wir jetzt durch verlässliches Handeln Vertrauen zurückgewinnen. Der Anfang ist jedenfalls gemacht.

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insgesamt 118 Beiträge
fettwebel 20.10.2010
ob die Leute eure 5 eulo überhaupt haben wollen. Alles was die Arbeitslosen nicht haben, ist Geld. Mit Gewißheit haben sie Ehre und Stolz. Ich würde sagen, der Staat sollte sich diese Beleidigung wo hinstecken. Intelligenz ist [...]
ob die Leute eure 5 eulo überhaupt haben wollen. Alles was die Arbeitslosen nicht haben, ist Geld. Mit Gewißheit haben sie Ehre und Stolz. Ich würde sagen, der Staat sollte sich diese Beleidigung wo hinstecken. Intelligenz ist das nicht, geschweige denn menschlich. Es ist beleidigend und rotzfrech.
Renard 20.10.2010
Dieser "gespenstische Guttenberg-Hype" ist nichts anderes als eine mediale Inszenierung. Guttenberg bedient mit seinem Charisma das Gegenstück zur sachlich und pragmatisch agierenden Merkel. So ein smarter Typ wie [...]
Zitat von sysopSie erklärt, wie sie ihre Reform trotzdem durchsetzen will - und wundert sich über den "gespenstischen" Guttenberg-Hype.
Dieser "gespenstische Guttenberg-Hype" ist nichts anderes als eine mediale Inszenierung. Guttenberg bedient mit seinem Charisma das Gegenstück zur sachlich und pragmatisch agierenden Merkel. So ein smarter Typ wie Guttenberg kann die Toten in Afghanistan der Öffentlichkeit anders "erklären" als ein spröder Politiker, weil es sein Vorgänger war. Dass ein Verteter des "alten Adels" die demokratisch begründete Wehrpflicht abschaffen will, ist für seine politische Klasse begreifbar, aber gefährlich für unser Gemeinwesen.
deb2006 20.10.2010
Ich kann dieses Herumgerede nicht mehr hören! Es geht nicht generell um Probleme mit Menschen "mit Migrationshintergrund", es geht um Muslime. Je eher wir das begeifen, desto eher finden wir dafür Lösungen. Es gibt [...]
Zitat von sysopDie Regierung bringt den Hartz-IV-Umbau auf den Weg, das wichtigste Projekt von Ursula von der Leyen. "Das ist kein Gewinnerthema", räumt die Arbeitsministerin im Interview ein. Sie erklärt, wie sie ihre Reform trotzdem durchsetzen will - und wundert sich über den "gespenstischen" Guttenberg-Hype. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,724041,00.html
Ich kann dieses Herumgerede nicht mehr hören! Es geht nicht generell um Probleme mit Menschen "mit Migrationshintergrund", es geht um Muslime. Je eher wir das begeifen, desto eher finden wir dafür Lösungen. Es gibt hier keineswegs ein generelles Problem mit Migranten, es gibt ein Problem mit einer Gruppe. BTW: Vor dieser Frau kann ich nur warnen. Wie sie Themen angeht konnte man sehr gut an ihrem Versuch der Internet-Zensur beobachten.
GuraxUbrax 20.10.2010
Man hätte bei der Neuberechnung von vorneherein auf die 5 Euro Erhöhung verzichten sollen, denn diese lenkt nur unnütz vom eigentlichen Thema, nämlich der Neuberechnung der Sätze nach anderen Kriterien, ab. Mit den [...]
Man hätte bei der Neuberechnung von vorneherein auf die 5 Euro Erhöhung verzichten sollen, denn diese lenkt nur unnütz vom eigentlichen Thema, nämlich der Neuberechnung der Sätze nach anderen Kriterien, ab. Mit den zusätzlichen Ausgaben für das Bildungspaket stehen damit ohnehin wieder erheblich mehr Sozialausgaben bevor, welche schon in absehbarer Zeit nicht mehr bezahlbar sein werden, denn die arbeitende Mittelschicht ist schon lange an der Grenze des Zumutbaren. Alles, was die Opposition jetzt an Mehrleistungen für Sozialhilfeempfänger fordert, werden Sie in 4-8 Jahren, wenn Sie selbst wieder in der Regierungsverantwortung sind, selbst wieder streichen müssen. Was das für deren Popularität bedeutet kann man ja bei der SPD heute sehr gut sehen.
Pandora 20.10.2010
"Ursula von der Leyen erfreute sich in der Vergangenheit stets größter Beliebtheit im Volk." Willkommen im Paralleluniversum.
"Ursula von der Leyen erfreute sich in der Vergangenheit stets größter Beliebtheit im Volk." Willkommen im Paralleluniversum.
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Zur Person
Ursula von der Leyen, 52, ist Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Sie übernahm das Amt Ende November 2009 vom zurückgetretenen Franz Josef Jung - nur wenige Wochen, nachdem die schwarz-gelbe Regierung ihre Arbeit aufgenommen hatte. Zuvor war von der Leyen rund vier Jahre lang Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Von der Leyen hat eine steile politische Karriere hinter sich. Seit 1990 ist sie Mitglied der CDU, 2003 stieg die Ärztin zur niedersächsischen Landesministerin für Soziales, Frauen, Familie und Gesundheit auf. Zwei Jahre später berief Angela Merkel sie ins Bundeskabinett. Als Familienministerin krempelte von der Leyen die konservative Familienpolitik der CDU gegen viele Widerstände um, führte das Elterngeld ein, forcierte den Ausbau von Betreuungsplätzen für Kinder unter drei Jahren. Im November will sie stellvertretende CDU-Vorsitzende werden. Sie gilt als Kronprinzessin Merkels.

Von der Leyens Vater ist der frühere niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (CDU), sie selbst hat sieben Kinder.

Die Hartz-Reformen
Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, wer
- arbeitslos ist,
- der Arbeitsvermittlung zur Verfügung steht,
- die Anwartschaftszeit erfüllt,
- sich bei der Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet und
- Arbeitslosengeld beantragt hat.
- Die Dauer des Anspruchs hängt von der Länge der versicherungspflichtigen Beschäftigung und vom Alter ab. Die Höchstgrenze sind 24 Monate.

So viel bekommen Hartz-IV-Empfänger monatlich
in Euro bis 6/2009 ab 7/2009 ab 1.1.2011*
Erwachsener (100 %) 351 359 364
Kind (bisher 60 %)
unter 6 Jahre
211 215 215
Kind (bisher 70 %)
6 bis unter 14 Jahre
246 251 251
Kind (bisher 80 %)
14 bis unter 18 Jahre
281 287 287
Quelle: BMAS *ursprünglich geplant
So berechnet sich der Regelsatz (für Einzelpersonenhaushalte in Euro)
Nahrungsmittel, alkoholfreie Getränke 128,46
Bekleidung und Schuhe 30,40
Wohnen, Energie und Wohnungsinstandhaltung 30,24
Innenausstattung, Haushaltsgeräte und -gegenstände 27,41
Gesundheitspflege 15,55
Verkehr 22,78
Nachrichtenübermittlung 31,96
Freizeit, Unterhaltung, Kultur 39,96
Bildung 1,39
Beherbergungs- und Gaststättendienstleistungen 7,16
Andere Waren und Dienstleistungen 26,50
* Die Summe der Verbrauchsausgaben ist 361,81 Euro; die Differenz zu 364 Euro ergibt sich, weil die Statistiker den Bedarf im Jahr 2008 erhoben, und die Regierung die Preissteigerung seither berücksichtigt hat.
Quelle: Paritätischer Wohlfahrtsverband, Bundesagentur für Arbeit

Die deutschen Zuwanderungsregeln
Die Regelungen für die Zuwanderung von Fachkräften nach Deutschland sind zuletzt am 1. Januar 2009 reformiert worden. Vor allem für Akademiker wurde der Zugang zum Arbeitsmarkt erleichtert. 2011 will die EU die Hürden mit der Einführung der "Blue Card" weiter senken. Für Nicht- und Geringqualifizierte gilt weiterhin ein Anwerbestopp.



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