Euro-Krise: Die Rückkehr der spanischen Grippe

Von

Die Unsicherheit ist zurück: Die Zinsen für spanische Anleihen steigen, die Regierung muss neue Einschnitte verkünden, den Banken geht das Geld aus. Nun wächst die Sorge vor griechischen Verhältnissen auf der iberischen Halbinsel - die Euro-Fieberkurve steigt wieder.

Protest gegen Sparprogramm Ende März: Spaniens Zukunft steht wieder in Frage Zur Großansicht
DPA

Protest gegen Sparprogramm Ende März: Spaniens Zukunft steht wieder in Frage

Hamburg - In Rasquera probieren sie es jetzt mal mit Cannabis. Am Mittwoch teilten die Behörden des 900-Einwohner-Dorfs im Osten Spaniens mit, dass die Bewohner einem aufsehenerregenden Plan der Gemeindeverwaltung zugestimmt haben: Künftig werden mehrere Felder an einen Kiffer-Verein aus Barcelona verpachtet, der dort Hanf anbauen will. Die Pachteinnahmen sollen helfen, die Gemeindeschulden von 1,3 Millionen Euro abzubauen.

Ums Geld sorgt man sich auch im knapp 500 Kilometer entfernten Madrid, denn Spanien ist erneut ins Visier der Finanzmärkte geraten. Am Dienstag musste die Regierung für zehnjährige Staatsanleihen deutlich erhöhte Zinsen bezahlen, auch Italiens Finanzierungskosten legten zu. Die Euro-Fieberkurve steigt wieder, die spanische Grippe ist zurück.

Dabei hatte sich die Lage in der Euro-Zone zum Jahresbeginn beruhigt. Der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, erklärte sogar, das Schlimmste an der Krise sei vorbei. Wie also kann es sein, dass sich die Lage nun erneut verschärft?

Den einen, eindeutigen Grund gibt es nicht. Vor allem ein Auftritt des neuen spanischen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy am 2. März hat aber dazu beigetragen, dass die Unsicherheit wieder wuchs.

Der Konservative kündigte an, dass sein Land die Neuverschuldung in diesem Jahr nicht wie geplant auf 4,4 Prozent drücken könne, sondern lediglich auf 5,8 Prozent. Das war an sich wenig überraschend, angesichts eines Defizits von 8,5 Prozent im vergangenen Jahr war das Vorhaben ohnehin ambitioniert gewesen. Doch mit der Kurskorrektur brach Spanien eine Zusage an die EU-Partner - ohne sich vorher abzusprechen. Erst nachträglich einigte man sich dann auf einen Wert von 5,3 Prozent.

"Das hat Rajoys Glaubwürdigkeit einen tiefen Kratzer verpasst", sagt der Ökonom Jürgen Matthes vom arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (IW). Zugleich sei aber unverständlich, warum die EU trotz der tiefen Rezession auf den strengen Sparzielen beharrt habe. "Man sollte Spanien nicht zwingen, in die selbe Falle zu laufen wie Griechenland", warnt Matthes.

Bloß keine griechischen Verhältnisse

Es dürfte auch diese Sorge vor griechischen Verhältnissen sein, die Anleger derzeit verunsichert. In seiner kurzen Amtszeit musste Rajoy bereits die Sparpläne nachbessern. Zusätzlich zu schon beschlossenen Einsparungen von 27 Milliarden in diesem Jahr schob er über Ostern weitere zehn Milliarden nach, die bei Gesundheit und Bildung gekürzt werden sollen. Das erinnert an die Regierung in Athen, die auch immer neue Kürzungen ankündigte und damit bislang doch nur eins erreichte: Das Land rutschte noch tiefer die Rezession.

Im Gegensatz dazu habe Spanien eigentlich "den richtigen Weg gewählt", sagt Nicolaus Heinen, Analyst bei der Deutschen Bank. "Das Land muss Wachstum und Sparanstrengungen genau austarieren." Das Revidieren der Defizitzahl sei vor allem ein Kommunikationsproblem gewesen. "Es hätte früher angekündigt werden sollen, am besten in den Schwung der EZB-Kredite hinein."

Die EZB hatte im Dezember und Februar insgesamt gut eine Billion Euro ins Euro-Bankensystem gepumpt. Das Geld wirkte zunächst wie eine Beruhigungsspritze, weil italienische und spanische Banken wie erhofft einen Teil davon in heimische Staatsanleihen investierten.

Nun aber lässt die Wirkung der Mega-Kredite in Spanien nach: Während italienische Banken laut einer Schätzung der Deutschen Bank aus der Geldspritze noch Reserven von rund 60 Milliarden haben, sind den spanischen Instituten die Mittel bereits ausgegangen. Auch deshalb könnten die Zinsen auf spanische Anleihen nun wieder steigen.

Hinzu kommt die Sorge, dass der Sparwille in Madrid alleine nicht ausreichen wird. Denn ein Großteil des spanischen Defizits geht auf Kosten der 17 autonomen Regionen, die den deutschen Bundesländern vergleichbar sind. Im laufenden Jahr sollen diese ihre Neuverschuldung auf 1,5 Prozent drücken, doch davon sind die meisten weit entfernt. Das zentral gelegene Kastilien-La Mancha kam im vergangenen Jahr sogar noch auf mehr als sieben Prozent.

"In Spanien geschieht im Kleinen, was in Europa im Großen passiert", sagt Deutsche-Bank-Analyst Heinen. "Einige Regionen machen Schulden, welche die Staatsregierung schwer kontrollieren kann."

Hispabonos statt Deutschland-Anleihen

Doch das dürfte sich bald ändern. Zum einen regieren mittlerweile auch in den meisten Regionen Konservative, die eher zu einer Zusammenarbeit mit der Zentralregierung bereit sein sollten. Zum anderen hat Spanien wie Deutschland eine Schuldenbremse vereinbart, die auch die Regionen zum Sparen verpflichtet.

Noch größer könnte Madrids Einfluss durch ein anderes Instrument werden: Wirtschaftsminister Luis de Guindos will bis zum Sommer ein Konzept für "Hispabonos" erarbeiten lassen. Wie die kürzlich von norddeutschen Bundesländern geforderten "Deutschland-Bonds" würden sie den Teilstaaten eine gemeinsame Schuldenaufnahme mit der Zentralregierung erlauben und so ihre Zinskosten senken. "Diese Diskussion ist in Spanien viel weiter fortgeschritten", sagt Heinen. "Auf nationaler Ebene ist das ein wirksames Mittel."

Mindestens so wichtig wie eine Eindämmung der Neuverschuldung ist für Spanien allerdings, neues Wachstum zu generieren. Während die Lage auf dem Arbeitsmarkt weiterhin desolat ist, ruhen viele Hoffnungen auf den Exporten. "Spanien hat über Jahre ein vergleichsweise gutes Exportwachstum hingelegt", sagt IW-Ökonom Matthes, der gerade eine neue Studie zum Thema vorgelegt hat.

Demnach hat Spanien sein Handelsbilanzdefizit - also das Ungleichgewicht zwischen Ein- und Ausfuhren - in den vergangenen vier Jahren von 5,8 auf nur noch 0,5 Prozent reduziert. Zum Vergleich: In Griechenland schrumpfte das Defizit im selben Zeitraum von 11,1 auf immer noch 5,5 Prozent.

Der Exporterfolg gelang, obwohl die spanischen Lohnstückkosten im Vergleich zu Deutschland jahrelang stark anstiegen. Ökonomen wie Ifo-Chef Hans-Werner Sinn fordern deshalb eine Absenkung der Löhne und Preise in den Krisenländern um bis zu 30 Prozent. "Wir bezweifeln, dass solche starken Kürzungen notwendig sind", sagt dagegen Matthes. Schließlich gelinge den spanischen Unternehmen schon jetzt beachtliches Wachstum. "Sie haben mehr Erfolg als sie nach den Lehrbüchern haben dürften."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 53 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
osis1980 11.04.2012
Welch Überraschung. Alle drei Monaten die gleichen Meldungen. Mehr Steuergelder, mehr Banken, mehr Rettung. Bis in drei Monaten....
2. Die Regierung MUSS...
denkdochmalmit 11.04.2012
Zitat von sysopREUTERSDie Zinsen für spanische Anleihen steigen wieder. Die Regierung muss neue Einschnitte verkünden. Investoren zweifeln schon wieder an Spaniens Zukunft. Ökonomen warnen: Das Land dürfe sich nicht kaputtsparen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,826970,00.html
...mal massive Steuererhöhungen für reiche verkünden. Und das nicht nur in Spanien... Leute wacht endlich mal auf...
3. Kaputtsparen
5vor12 11.04.2012
ist doch DAS Allheilmittel des IWF. Wessen Interessen damit verfolgt werden überlasse ich dem gebildeten Teil der Leserschaft.
4. Die Ueberschrift passt
hdudeck 11.04.2012
Zitat von sysopREUTERSDie Zinsen für spanische Anleihen steigen wieder. Die Regierung muss neue Einschnitte verkünden. Investoren zweifeln schon wieder an Spaniens Zukunft. Ökonomen warnen: Das Land dürfe sich nicht kaputtsparen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,826970,00.html
denn wie die Spanische Grippe (die von US Soldaten von Jersey ausgeloest wurde) ist die jetzige Finanzsituation auch von den USA ausgegangen (Speculanten, Rating Agenturen usw)
5. Spanien.....
deutscherkeinbundesblödel 11.04.2012
.... ist mir genauso gleichgültig wie Griechenland. Diese ganzen windigen Länder mit ihrer großen Schnauze können mich mal kreuzweise. Hinten anstellen! Bald ist das Geld alle, Draghila kann niemand mehr aussaugen, und dann fangen die RICHTIGEN Probleme an! Ein paarmal werden wir noch wach, heißa dann ....... Euro sichert den Frieden! Was haben wir gelacht.....
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
RSS
alles zum Thema Eurokrise
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 53 Kommentare
Fotostrecke
Grafiken: Die wichtigsten Fakten zur Euro-Krise

Fotostrecke
Fotostrecke: So funktioniert eine Umschuldung