Drohende Mieterhöhung Das Ladensterben von Spanien

200.000 traditionsreiche Geschäfte in Spanien stehen vor dem Aus. Dank eines neuen Gesetzes können Eigentümer die Gewerbemieten drastisch erhöhen - ein Geschenk für die großen Ketten.

Angelika Stucke

Von Angelika Stucke, Madrid


Der kleine Modeschmuckladen Bisuteria Otero auf der Calle Mayor, der Madrider Hauptstraße, wirkt nicht nur von außen, als sei die Zeit für ihn stehengeblieben. Vitrinen, Regale, Verkaufstresen - alles echte Antiquitäten. Es riecht nach altem Holz und einer Politur mit Lavendelnote.

Vor einer Auslage stehen zwei amerikanische Touristinnen und können ihr Glück kaum fassen: "Real vintage?", "Echt alt?", fragen sie immer wieder, denn auch der Modeschmuck, den Almudena Zarco im Angebot hat, stammt zum Teil aus der Zeit, in der ihre Großeltern die Bisuteria eröffneten. Das war 1905.

Aus dem gleichen Jahr datiert auch Almudenas Mietvertrag. Sie hat ihn geerbt. Bis 1994 war so etwas in Spanien möglich. Gleichgültig ob es sich um einen Mietvertrag für eine Wohnung oder ein Geschäft handelte, die Mieten für bestehende Verträge konnten über lange Zeit nicht erhöht werden. Für gewerblich genutzte Räume war 1994 zudem eine Karenzzeit von 20 Jahren gewährt worden. Deren Frist läuft zum 31. Dezember 2014 aus. Viele Geschäftsinhaber werden sich die neuen Mieten nicht leisten können. Der Mietpreis steigt für die meisten um das Zehnfache, in besonders krassen Fällen auch um das Hundertfache. Allein in Madrid sind 35.800 Lokale und Geschäfte betroffen.

Die alte Regelung war eine Ungerechtigkeit für die Immobilienbesitzer, das sieht auch Almudena ein. "Aber was 1994 am Mietrecht geändert wurde, ist ebenso ungerecht", sagt sie. "Läden wie meiner machen doch erst den Charme der Innenstadt aus. Aber wenn nicht noch ein Wunder geschieht, dann müssen wir alle zum 1. Januar schließen."

"Meine Mutter nimmt ja kaum genug ein, um selbst davon zu leben, " fügt Almudenas Tochter Teresa hinzu. "Eine Mieterhöhung kann meine Mutter sich nicht leisten."

Teresa ist 25, hat Jura studiert, einen Master in Internationaler Politik in der Tasche und ist arbeitslos. Deshalb hilft sie hin und wieder im Geschäft mit aus. Das Sterben der traditionsreichen Lokale in ihrer Heimatstadt macht sie traurig: "Bald wird es egal sein, ob man nach Madrid, Paris oder Berlin reist: Überall wird man nur noch die gleichen Geschäfte mit den gleichen Waren vorfinden."

Das sehen Pepa und Susana Eznarriaga genauso. Die beiden Schwestern führen in vierter Generation ein Puppengeschäft auf Madrids Gran Via. "72 Jahre lang hat sich unser Geschäft gegenüber den großen Kaufhausketten bewähren können, aber zum Januar werden wir schließen müssen", sagt Susana. "Wir zahlen knapp 10.000 Euro Miete. Ab Januar kann der Besitzer das Doppelte oder sogar das Dreifache verlangen. Sicher hat er schon eine internationale Kette an der Hand, denn mit uns verhandelt er gar nicht mehr."

Die beiden Schwestern haben alles versucht, um den Puppenladen nicht schließen zu müssen. Nicht nur sie selbst, auch ihre acht Angestellten leben von dem Geschäft. Auch andere Räume haben sie gesucht, aber: "Die Mieten in Madrids Innenstadt sind einfach zu hoch. Wir wollen unseren Angestellten schließlich ein gutes Gehalt zahlen und keine Billigjobs anbieten."

"Eine Schande ist das!"

Dass sie ihre acht Verkäuferinnen so gut behandeln wird die Eznarriagas noch teuer zu stehen kommen: Wenn sie das Puppenhaus im Januar schließen müssen, verlieren sie nicht nur selbst ihr Einkommen, sie werden allen acht Angestellten eine Entschädigung für den Arbeitsplatzverlust auszahlen müssen. "Ich weiß gar nicht, wie das gehen soll", sagt Pepa mit Tränen in den Augen.

Nicht nur Verkaufslokale, auch andere gewerblich genutzte Räume sind von dem Inkrafttreten des neuen Mietgesetzes betroffen. Unter ihnen das Café Central, ein international hochgelobtes Jazzlokal am Plaza del Angel.

"Als kleiner Junge habe ich davon geträumt, im Café Central aufzutreten", sagt Alberto Anaut kurz vor seinem Konzert in der legendären Kneipe. Alberto ist 32, er wurde im gleichen Jahr geboren, in dem das Central gegründet wurde. Aber während Anaut erst am Anfang seiner Karriere als Musiker steht, steht das Central vor dem Aus.

"Zum Januar müssen wir dicht machen", sagt Gerardo Pérez, einer der vier Mitbegründer des Central. "Das ist bitter. Mir fehlen noch vier Jahre bis zur Rente, wie ich die überstehen soll, ist mir schleierhaft." Jeder der vier Teilhaber des Jazzlokals hat im Schnitt etwa 1.500 Euro im Monat eingenommen. Alles andere ging für die Miete (jetzt 5.000 Euro) und die insgesamt 35 Angestellten und Aushilfskräfte drauf. Da blieb nichts übrig, um es auf die hohe Kante zu legen.

Die Betroffenen hoffen auf einen Abänderungsvorschlag

Ähnlich wie Pepa und Susana haben sich auch Gerardo und seine drei Teilhaber nach anderen Lokalen umgesehen. "Bezahlbar sind die nicht. Außerdem würden wir in unserem Alter sicher keinen Kredit mehr bekommen, den wir bräuchten, um ein anderes Lokal als Jazzkneipe umzubauen."

Die Betroffenen in ganz Spanien hoffen auf einen Änderungsvorschlag zum Mietgesetz im Oberhaus des spanischen Parlamentes. "Der könnte noch im Dezember gemacht werden", sagt Susana Eznarriaga. "Die Politiker können doch nicht zulassen, dass unsere Städte ihre Gesichter verlieren."

Den betreffenden Antrag dazu gibt es aber noch nicht, und bislang zeigt auch keiner der spanischen Senatoren den Willen, ihn einzubringen.

Viel Zeit bleibt den Traditionslokalen nicht mehr.

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insgesamt 120 Beiträge
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bürgergeld2 09.12.2014
1. Den Kapitalismus in seimem Lauf
Halten weder Ochs noch Esel auf!
debreczen 09.12.2014
2. Und warum
Profitieren die großen Ketten? Unter anderem deshalb, weil sie EU sei Dank viel niedrigere grenzüberschreitende Steuern zahlen und Mit Billigwerklöhnern tricksen können, wogegen kein regionaler Konkurrent ankommt - schon gar nicht, wenn er anständige Löhne zahlen möchte.
aufrechtsterben 09.12.2014
3. Ladensterben
Das wollen wir doch so! Wenn sich hier jetzt Foristen gegenteilig äußern sollten, so sind das nichts als Krokodilstränen. Wir sind doch ständig auf der Jagd nach dem nächsten Schnäppchen und da sind die Spanier nicht anders als die Deutschen. Und wo gibt es die billigen Angebote? Richtig, bei den großen Ketten. So, und nun tut etwas für Euren lokalen Händler, wenn das Gebarme ernst gemeint ist. Frohes Fest!
rabandie 09.12.2014
4. völlig unverständlich…
gerade war ich wieder in Barcelona. Sehr viele Geschäfte stehen leer, häufig sind Häuser in der Innenstadt bis zur 3. Etage zugemauert. Trotzdem sind die Miet- und Immobilienpreise dreimal so hoch, wie bei uns. Die gleiche Erfahrung auch in Portugals Städten. Mir völlig unverständlich, eigentlich müsste es doch andersrum sein. Spanien droht damit das gleiche Schicksal wie Budapest. Die schöne Stadt ist völlig Identitätsfrei, weil in der Innenstadt ausschließlich deutsche und international Ketten präsent sind. Kleine Läden mit ungarischem Flair sucht man vergebens, aber man sucht und wird zunehmend frustriert.
fxe1200 09.12.2014
5. Nicht nur in Deutschland...
...sondern auch in Spanien werden Geschenke an die Großkonzerne verteilt. Die ganze Vielfalt der Geschäfte geht dahin, der Kontakt zwischen dem Kunden und dem Ladeninhaber, oder den Kunden untereinander, wird zerstört, alles wird anonym und dem Mammon unterworfen. und irgendwann sehen alle Städte gleich aus, weil sie von großen Ketten beherrscht werden, wie heute an jeder Ecke der U.S.A. zu besichtigen. Eine fürchterliche Aussicht. Politik für das Volk sieht anders aus.
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