Immobilienkrise in Spanien: Die Verbannten von Madrid

Aus Madrid berichtet

Europa rettet Spaniens Banken, doch die Opfer der Immobilienkrise gehen leer aus. Täglich werden Menschen bei Zwangsräumungen aus ihren Wohnungen vertrieben. Die Geschichte eines Mannes, dessen Traum vom Eigenheim zum Alptraum wurde.

Immobilienkrise: Der Fall Numke Fotos
SPIEGEL ONLINE

In der Nacht, als er seine Wohnung verlor, konnte Lamin Numke nicht schlafen. Er hatte seine Familie in Sicherheit gebracht, seine Frau, den damals knapp drei Jahre alten Buba, die vier Monate alte Sara, dazu die meisten Möbel, damit die Leute von der Sparkasse sie nicht pfänden können.

Numke stand am Fenster und blickte auf die Straße. Er sah die Gerichtsvollzieherin und den Mann von der Caja Madrid über die Calle Centeno kommen, sah die vielleicht hundert Demonstranten, die versuchten, ihnen den Weg abzuschneiden. "Nicht noch mehr Menschen ohne Haus", riefen einige von ihnen. "Nicht noch mehr Häuser ohne Menschen." Dann bahnten Polizisten den beiden Hausräumern den Weg, und sie klingelten an Numkes Tür.

Lamin Numke reichte dem Mann von der Caja Madrid sein Familienbuch, ein schwarzes Heft mit goldenen Lettern auf dem Einband, das jeder Spanier bis vor kurzem führen musste. Numke deutete auf die Geburtseinträge: "Ich habe zwei kleine Kinder. Bitte, setzen Sie mich nicht auf die Straße."

"Wir können nichts tun", sagte der Mann von der Sparkasse. "Wir werden jetzt das Schloss auswechseln. Es ist besser, wenn Sie freiwillig gehen."

Es war der 18. Januar 2012, gegen 11 Uhr, als Lamin Numkes Traum vom Eigenheim platzte. Er hat jetzt Schulden, die er seinen Lebtag nicht zurückzahlen kann. Es sei denn, es geschieht ein Wunder.

"Es geht nicht um dein Haus, es geht um dich"

Numke ist 34 Jahre alt, ein massiger Mann mit Wangenknochen, die breiter sind als seine Schläfen. Er stammt aus Mali und war einer von Tausenden, die zur Zeit des Immobilienbooms nach Spanien einwanderten, angelockt von Jobs auf dem Bau und von Banken, die leichtfertig Hypotheken vergaben. Auch an Immigranten mit unsicheren Arbeitsverträgen.

Doch dann platzte die Immobilienblase. Hypothekenkredite wurden reihenweise nicht mehr bedient und brachten die spanischen Banken an den Rand des Zusammenbruchs. In Spanien schwelt eine Finanzkrise, die die Regierung aus eigener Kraft nicht mehr bekämpfen kann. Gerade hat Premier Mariano Rajoy offiziell Hilfen aus dem Euro-Rettungsfonds beantragt; er darf auf bis zu 100 Milliarden Euro hoffen.

Für Leute wie Numke aber gibt es kein Rettungspaket. Für sie endet der Traum vom Eigenheim in einem Alptraum der Schulden. Manchen Schätzungen zufolge haben bis zu 300.000 Menschen in Spanien bei Zwangsräumungen ihre Wohnungen verloren, seit die Immobilienblase im Jahr 2007 platzte.

Auf dem Tisch des Sparkassenfilialleiters, der seinen echten Namen nicht in den Medien lesen will und den wir deshalb Señor Álvarez nennen, liegen noch die Werbeprospekte, die an die sorglosen Boom-Zeiten erinnern. "Es geht nicht um dein Haus, es geht um dich", heißt es darin. Doch mittlerweile sitzen in Álvarez' gläsernem Büro vor allem Menschen, denen die Hypotheken über den Kopf wuchsen und deren Haus und Habe die Bank pfändete.

Auch Lamin Numke war schon oft hier und hat um einen Ausweg aus seiner Misere gebeten. Diesmal ist er nicht allein gekommen, eine kleine Frau sitzt an seiner Seite, sie redet mit sanfter Stimme auf Álvarez ein.

Die Frau, die namentlich ebenfalls nicht genannt werden will, arbeitet für die Plataforma de Afectados por la Hipoteca, kurz PAH, eine Bürgerinitiative, die für die Opfer der Immobilienkrise kämpft. Für all die Menschen, die auf den Schulden ihrer geplatzten Hypotheken sitzen und anders als die Banken meist weder Anwalt noch Lobby haben. Es war die PAH, die versuchte, dem Gerichtsvollzieher am Tag der Räumung von Numkes Wohnung den Weg abzuschneiden und die Zwangsräumung in Bildern und Videos dokumentierte. Es war die PAH, die Numke Rechtsberatung gab und dafür sorgte, dass er nicht obdachlos wurde.

Die Schuldenfalle schnappt zu

Im Jahr 2005 arbeitete Lamin Numke als Maurer, er verdiente rund 1200 Euro, seine Wohnung kostete 231.700 Euro. Die Caja Madrid finanzierte den Kaufpreis komplett, für eine monatliche Rate von 868 Euro. Doch dann platzte die Immobilienblase, und Numke verlor seinen Job. Er hörte auf, seine Hypothek zu bedienen, deren Zinsen schnellten in die Höhe. Die monatliche Rate betrug plötzlich 1400 Euro. Irgendwann brachte der Postbote den finalen Räumungsbescheid.

Numke arbeitet jetzt als Dachdecker und verdient 860 Euro. Die Caja Madrid gehört inzwischen zum Finanzkonzern Bankia, der nun auch Numkes Wohnung besitzt. Doch die ist nur noch die Hälfte des ursprünglichen Kaufpreises wert. Die restlichen 117.000 Euro der Hypothek schuldet Numke weiter seiner Bank. Zudem zahlt er der Bank monatlich 500 Euro Miete. Denn nach der Zwangsräumung hat sie ihn und seine Familie in einer anderen zwangsgeräumten Wohnung untergebracht. Ihr altes Apartment in der Calle Centeno steht noch immer leer.

Die Mietwohnung hat ihm seine Bank auf Druck von PAH vermittelt. Andere Hausbesitzer hätten ihn bei seinem geringen Gehalt kaum als Mieter akzeptiert. "Es ist ein verlogenes System", sagt die PAH-Frau an Numkes Seite. "Die Banken zerstören Existenzen, und dann kassieren sie doppelt und dreifach ab."

Der Kinderfresser

Filialleiter Álvarez hat bei PAH einen miesen Ruf. Sie nennen ihn den "Kinderfresser". Er ist die Projektionsfläche ihrer Wut. Álvarez ist ein runder Mann mit einem weißen Schnauzer und einem kurzärmeligen Hemd. Er sagt, dass die Banken die geräumten Wohnungen nur kaufen, um zu retten, was noch zu retten ist. Dass der Wert dieser Wohnungen obendrein schwinde, weil die Häuserpreise unablässig fallen.

"Die Krise verstößt immer mehr Menschen aus der Gesellschaft", sagt Álvarez. "Wir haben dafür jetzt keine Lösung, aber ich bin sicher, wir werden eine finden." Es ist nicht klar, ob er das wirklich glaubt oder ob er immer so redet, wenn hoffnungslose Fälle an seinem Schreibtisch sitzen. Wenn er ahnt, dass da wieder jemand seine Schulden nicht zahlen kann und das Loch in der Bilanz seiner Sparkasse wieder ein Stück wächst.

Señor Álvarez hat keinen Zugriff auf Numkes Geld. Als Alleinverdiener einer vierköpfigen Familie darf er rund 1500 Euro verdienen, ohne Schulden abtragen zu müssen. Wenn er irgendwann einmal mehr verdient, wird seine Familie davon nichts haben. "Sie sollen mir die Schulden erlassen", sagt er. "Sie sollen mir eine Lösung anbieten. Es ist einfach ungerecht."

Doch wie die Krise gelöst werden kann, weiß derzeit niemand. Tag für Tag verlieren Menschen ihre Wohnung. Sie sind die Verbannten von Madrid.

Lamin Numke hat sich kürzlich selbst der PAH angeschlossen. Er gibt seine Erfahrungen jetzt an andere weiter, die noch dringender Hilfe brauchen als er. Und er hat sich geschworen, jeden noch so kleinen Fortschritt zu feiern. Beim letzten Gespräch hat Señor Álvarez ihm versprochen, die Miete auf 375 Euro zu senken.

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