Spanien unterm Rettungsschirm Beruhigungsspritze für 100 Milliarden Euro

Europa atmet auf. Die spanische Regierung hat ihren Stolz geschluckt und will nun Hilfe vom Euro-Rettungsfonds beantragen. Doch der Deal ist noch lange nicht gemacht: Nun geht es um die Konditionen des Kredits.

Von , London


Nun also doch: Nach wochenlangem Zögern kündigte der spanische Finanzminister Luis de Guindos am Samstagabend an, in den kommenden Tagen einen Kreditantrag bei einem der beiden Euro-Rettungsfonds EFSF oder ESM zu stellen. Die genaue Summe steht noch nicht fest, doch es könnten wohl hundert Milliarden Euro werden. Mit dem Geld sollen die klammen spanischen Banken rekapitalisiert werden.

Die übrigen 16 Euro-Finanzminister atmeten auf. Eine Woche vor der Wahl in Griechenland, wo erneut Ungemach droht, scheint der spanische Krisenherd vorerst unter Kontrolle. Die Partner hatten die Regierung in Madrid massiv bedrängt, als viertes Euro-Land unter den Rettungsschirm zu schlüpfen, um die internationalen Finanzmärkte zu beruhigen. Die spanische Regierung hingegen hatte lange gezögert, weil sie das Stigma des Krisenlands fürchtete - und die Auflagen aus Brüssel.

Doch zeigte der Druck offensichtlich Wirkung. De Guindos verkündete die Nachricht nach einer fast dreistündigen Telefonschalte der Euro-Finanzminister. Es gebe keine Alternative, sagte er. "Wir bitten um einen Kredit, um zahlungsfähige Geldinstitute zu haben." Ohne diese könne die spanische Wirtschaft nicht funktionieren.

Kapitalbedarf plus zusätzlicher Puffer = 100 Milliarden

Die Euro-Gruppe begrüßte Spaniens Sinneswandel mit einem einseitigen Statement. Man werde den Antrag positiv beantworten, wenn er denn vorliege, erklärten die Partner. Und sie preschten auch gleich schon mit einer Zahl vor: Der Kredit müsse den Kapitalbedarf plus einen zusätzlichen Puffer decken, insgesamt bis zu hundert Milliarden Euro.

Das Ganze wirkt reichlich überhastet, denn mehr als eine Absichtserklärung hat Spanien bislang nicht abgegeben. Nicht nur der formale Antrag steht noch aus. Auch die Bedingungen, zu denen Spanien das Geld erhält, müssen erst noch ausgehandelt werden. Solange all dies unklar ist, erscheint es unklug, bereits einen Kredit von hundert Milliarden Euro in Aussicht zu stellen. Denn damit werden an den Finanzmärkten Erwartungen geweckt, die die Euro-Gruppe nun nicht enttäuschen kann.

Das Anliegen der Bundesregierung, Spanien harte Auflagen für das Geld zu machen, dürfte damit nicht leichter werden. De Guindos zeigte sich zuversichtlich, dass man den Kredit zu sehr günstigen Konditionen erhalten werde. Es werde keine Auflagen zu allgemeinen Wirtschafts- und Sozialreformen geben, sondern nur einige Auflagen für die Banken. Die spanische Zentralbank bleibe die zuständige Bankenaufsichtsbehörde. Der Internationale Währungsfonds (IWF) werde nur eine "beratende Rolle" spielen. "Es gibt nur Bedingungen für die Banken, nicht für die spanische Bevölkerung", betonte der Minister.

Alle Trümpfe in Madrid

Die spanische Regierung scheint nun alle Trümpfe in der Hand zu halten. Doch muss die Euro-Gruppe in den Verhandlungen auf einigen Mindestkonditionen bestehen. Sonst werden nicht nur die anderen drei Krisenländer Forderungen anmelden. Das Grundprinzip des Rettungsfonds, Geld gegen Auflagen, wäre auf Dauer entwertet.

Die genaue Kreditsumme für Spanien soll in den kommenden Tagen festgelegt werden, sobald die Unternehmensberatung Oliver Wyman den Finanzbedarf des spanischen Bankensektors festgestellt hat. Laut de Guindos braucht nur ein Drittel der Institute Geld. Der IWF hatte am Freitag den Bedarf auf mindestens 40 Milliarden Euro geschätzt. Der Fonds empfahl einen zusätzlichen Puffer in der gleichen Höhe, um etwaige böse Überraschungen abzufedern. Dieser Rechnung zufolge bräuchte Spanien also bis zu 80 Milliarden Euro.

Seit dem vergangenen Jahr darf der Euro-Rettungsfonds EFSF Kredite zur Bankenrekapitalisierung vergeben. Er darf sie allerdings nicht an die Banken direkt zahlen, sondern nur an die jeweilige nationale Regierung, die für die Rückzahlung haftet. Im Fall Spanien soll das Geld an den staatlichen Bankenrestrukturierungsfonds FROB fließen, der es dann an die Banken weiterleitet. Die Euro-Gruppe betonte in ihrem Statement, dass die spanische Regierung den Kreditvertrag unterzeichnen werde.

Die Euro-Gruppe hatte die Telefonschalte am Samstag kurzfristig anberaumt, um den wachsenden Spekulationen an den Finanzmärkten gegen Spanien etwas entgegenzusetzen. Die aus der Luft gegriffene Zahl von hundert Milliarden Euro soll die Anleger nun beeindrucken. Ob das Kalkül aufgeht, wird sich am Montag zeigen. De Guindos gab sich optimistisch: "Der Druck auf Spanien wird nachlassen."



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insgesamt 153 Beiträge
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Seite 1
Schelm 09.06.2012
1. Irgendwann geht das Geld aus!!
Bei diesem Spiel, in dem Politiker Geld behandeln wie Monopoly - Money geht irgendwann das Geld aus. Und was dann????
c59 09.06.2012
2. Hoffnung auf Inflation ...
Irgendwie kriegen wir den EURO schon klein. Bleibt ja nur noch die Notenpersse ... bald und dann lösen sich die Schulden von selbst auf und alles pendelt sich auf einem unteren Niveau wieder ein. Byy, bye wohlstand ... Warum kapiert eigentlich niemand, dass die wirtschaftlich schwachen Länder des Südens den Rest runinieren.
Otto Extremverbraucher 09.06.2012
3. Europa atmet auf??
Europa atmet also auf? Puh, ging ja nochmal gut. Was geht hier eigentlich ab? Bin ich im falschen Film, oder was? Den hier hab ich nicht bestellt.
Wile_E_Coyote 09.06.2012
4. hab ich was verpasst?
Zitat von sysopDPAEuropa atmet auf. Die spanische Regierung hat ihren Stolz geschluckt und will nun Hilfe vom Euro-Rettungsfonds beantragen. Doch der Deal ist noch lange nicht gemacht: Nun geht es um die Konditionen des Kredits. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,837968,00.html
gestern abend war noch von 40mrd die rede… one last breath…
Buerger2010 09.06.2012
5. Warum?
warum leiht Spanien sich denn die Kohle sich nicht bei den lt. Artikel 66% intakten Banken?
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