Fachkräfteprojekt in Bayern Unser Dorf soll spanisch werden

Die CSU-regierte Kleinstadt Wunsiedel in Oberfranken warb im Kampf gegen den Fachkräftemangel gezielt Spanier an, die Umsiedlung wurde genau geplant. Doch manchen Einheimischen ist das Projekt ein Dorn im Auge, vieles ging schief - trotzdem will der Ort weitermachen.

Von und , Wunsiedel

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In der Gemeinschaftsküche riecht es gut. David Caceres Gomez hat sich Essen gekocht, Paprika mit Hühnchen. Der junge Spanier isst hastig, seine Ärmel sind voller Farbkleckse. Gleich beginnt die Nachmittagsschicht in einem Malerbetrieb. Ab nächster Woche aber ist der ausgebildete Jurist wieder auf Arbeitssuche.

Als Roland Schöffel das hört, macht er David ein Angebot: Er wolle Häuser renovieren, könnte jemanden zum Streichen gebrauchen und zum Tapezieren. Der 25-Jährige gibt ein freundliches "Uff" von sich, im Tapezieren habe er wenig Erfahrung. Aber er werde sich melden. Dann muss David los. "Ich habe nicht viel Zeit", sagt er. Es klingt fröhlich - und ziemlich deutsch.

In Wunsiedel, einer Kleinstadt im oberfränkischen Fichtelgebirge, läuft seit vergangenem Jahr ein beachtliches Experiment: Auf der Suche nach Fachkräften hat der zweite Bürgermeister Roland Schöffel gemeinsam mit heimischen Unternehmen rund ein Dutzend Spanier aus Padrón angeworben, einer Kleinstadt in Galicien. Dass die Jobkrise in Südeuropa gut zum eigenen Fachkräftemangel passt, haben auch andere Städte erkannt. Selten aber wurde die Umsiedlung so umfassend geplant wie in Wunsiedel.

"Mit sechs Millionen Arbeitslosen kann Spanien nicht funktionieren"

Die Gemeinde hat eigens ein Haus im Zentrum der Stadt gekauft und hergerichtet, wo die neuen Bürger für 170 Euro im Monat ein Zimmer bekommen. David wohnt erst seit kurzem hier, andere Spanier sind bereits in eigene Wohnungen gezogen. Einer von ihnen ist Rui Meireles Arregui, den man auf einer Baustelle in Wunsiedel trifft. Der Elektriker gehörte zur ersten Gruppe, die im September vergangenen Jahres kam. Als Rui und sein Bruder von dem Angebot aus Wunsiedel hörten, zögerten sie keine Minute. Ihr Familienbetrieb war in der Krise pleitegegangen, neue Arbeit nicht in Sicht. "Mit sechs Millionen Arbeitslosen kann Spanien nicht funktionieren", sagt Rui.

Er könne sich gut vorstellen, länger zu bleiben, sagt der 35-Jährige. Sein Deutsch ist noch holprig, doch für die Verständigung bei der Arbeit genügt es. Er kennt die wichtigsten Ansagen und hat sich daran gewöhnt, bestimmte Kabel anders zu verlegen. "Ich bin sehr zufrieden", sagt Rui. Sein Bruder ist zwar bereits in die Heimat zurückgekehrt - aus Sehnsucht nach der Freundin. Dafür leben mittlerweile auch Ruis Eltern in Wunsiedel.

Doch der "Wunsiedler Weg", wie Schöffel die Aktion getauft hat, ist nicht ohne Stolpersteine. Viele Fichtelgebirgler wollten nicht einsehen, dass die Stadt bei einer Arbeitslosenquote von sechs Prozent Ausländer anwirbt. Schöffel und der erste Bürgermeister Karl-Willi Beck mussten viel erklären: Dass sich die Altersstruktur in der Region gerade dramatisch änderte und Wunsiedel "demografisch gekeult" werde, wie Schöffel es ausdrückt. Und dass die Neubürger nur Jobs bekämen, die kein Wunsiedler will. Niemals dürfe ein Einheimischer erleben, dass ein Spanier ihm die Stelle wegnehme, sagt Beck.

Enttäuschungen erlebte auch Bernd Birke, der Chef von Rui und drei weiteren Spaniern. Vor gut einem Jahr gehörte der Elektrounternehmer zu einer kleinen Delegation, die nach Spanien flog. Am Flughafen inspizierte Birke gleich die Qualität der Elektroinstallationen - und war zufrieden. Für ihr Programm warben die Wunsiedler dann in einer vollbesetzten Gemeindehalle, es gab mehr als 600 Bewerbungen. Ein Ingenieur wollte sofort mitkommen - er nehme jede Arbeit an. "Da treibt's dir schon die Tränen in die Augen", sagt Birke. Allerdings verließ er sich auf eine Zusage der galicischen Regierung, den Auswanderern vorab Deutschkurse zu finanzieren. Es blieb beim Versprechen. "Die Deutschkenntnisse waren gleich Null."

Ein weiter Rückschlag kam, als drei Spanierinnen ihre Arbeit in einem Hotel schon nach wenigen Monaten wieder verloren. Als im März dann auch noch der größte Wunsiedler Autohändler pleiteging, bei dem vier Spanier gearbeitet hatten, sahen viele das Projekt vor dem Aus.

"Ich hab nix dagegen, wenn auf unserem Marktplatz ein Stierkampf stattfindet"

Dass es weitergeht, dürfte an den Bürgermeistern liegen. Dabei gehören sie Parteien an, die nicht als besonders zuwanderungsfreundlich bekannt sind. Beck ist Mitglied der CSU, ein wuchtiger Mann mit Backenbart und Nadelstreifenanzug. Als Kind sprach Beck schlesisch, weil er von Flüchtlingen mitaufgezogen wurde. In seinem Amtszimmer weist ihn eine Urkunde als "Ehrenspätaussiedler" aus.

Schöffel war früher Lehrer und ist Mitglied der Freien Wähler. Deren Chef Hubert Aiwanger wütet gegen den Euro-Rettungsfonds und fordert Spaniens Austritt aus der Währungsunion. Schöffel dagegen betreibt mit seiner Frau die Weinhandlung Fronkreisch und sagt, er sei Europäer. "Ich hab nix dagegen, wenn auf unserem Marktplatz ein Stierkampf stattfindet."

Wegen ihren persönlichen Erfahrungen scheint Europa für beide Männer noch immer eher ein Versprechen als eine Bedrohung zu sein. Solche Weltoffenheit kann ihre Heimatstadt gut gebrauchen: Immer wieder geriet sie mit Neonazi-Aufmärschen in die Schlagzeilen, weil sich hier bis 2011 das Grab von Rudolf Hess befand.

An der Renovierung des Hauses für die Neubürger waren die Bürgermeister persönlich beteiligt. Den Spaniern wurden Namensschilder für die Zimmertüren gebastelt und Blumengirlanden an die Wände gemalt. Sogar landschaftlich habe man sich um Integration bemüht, erzählt Unternehmer Birke: Mit Galicien sei absichtlich eine Region gewählt worden, deren Topografie sich nicht allzu sehr vom Fichtelgebirge unterscheidet.

Vorbilder hätten sie keine gehabt, betonen die Organisatoren. Denn auch wenn Kanzlerin Merkel schon Anfang 2011 um spanische Fachkräfte warb: An konkreten Hilfen fehlt es noch. So müsse es eigentlich einen sechsmonatigen Intensivsprachkurs geben, findet Bürgermeister Beck, bezahlt vom Bund. Derzeit werden die Zuwanderer von staatlichen Lehrern unterrichtet, die selbst kein Spanisch sprechen.

"Oh Gott, das haben deine Eltern auch durchgemacht!"

Im Vergleich zu früheren Zeiten aber werden die Zuwanderer in Wunsiedel gut unterstützt, weiß Lidia Hüttel zu berichten. Ihre Eltern kamen schon in den sechziger Jahren aus Padrón nach Bayern. Als der Bus mit den Spaniern eintraf, stand Hüttel mit Herzklopfen bereit und dachte: "Oh Gott, das haben deine Eltern auch durchgemacht!"

Zwei Schützlinge hat sich Hüttel ausgesucht, den Elektriker Rui und die 42-jährige Carmen Gens Martinez. An einem Freitagabend sitzen sie mit anderen Spaniern beim Stammtisch im Lokal Goldener Löwe. Es herrscht spanische Lebendigkeit, doch die Gesprächsthemen sind ernst. Carmen etwa gehört zu jenen Frauen, die ihren Job im Hotel schon wieder verloren haben - dabei hat sie 24 Jahre in der Schweiz gelebt und spricht fließend Deutsch. Seit Monaten schreibt Carmen nun Bewerbungen - bislang ohne Erfolg. Ihr Partner - ein Ingenieur - ist in die Heimat zurückgekehrt, weil auch er nichts gefunden hat. In Spanien kann er immerhin noch einige Monate Arbeitslosengeld beziehen. Carmens zwei Kinder sind mit ihr in Wunsiedel geblieben und besuchen dort die Schule.

Niedriglohnland Deutschland?

Antonio Sanchez hatte mehr Glück. Er gehörte zu jenen Spaniern, die im Autohaus arbeiteten, das inzwischen pleite ist. Seit März hat er eine neue Anstellung: Der 46-Jährige baut jetzt Karosserien für Luxusautos. "Ich habe es jetzt noch besser getroffen", findet er. Sein Gehalt sei okay, allerdings nicht bedeutend höher als in Spanien. "Aber: Hauptsache Arbeit", ergänzt er schnell. Eine andere Teilnehmerin des Stammtisches zeigt sich ernüchtert: Sie hätte nicht erwartet, dass auch in Deutschland Niedriglöhne, Überstunden und unsichere Arbeitsverhältnisse so verbreitet seien.

Elektrounternehmer Birke immerhin hat seinen vier spanischen Mitarbeitern schon bei der Weihnachtsfeier zugesagt, sie nach der Probezeit zu übernehmen. Zusätzlich hat der Personalchef des Unternehmens kürzlich einen Spanischkurs begonnen. Birke lächelt. "Irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir noch länger mit Spanien zu tun haben."

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Diskutierender 30.04.2013
1. Das ist ja unglaublich
"Viele Fichtelgebirgler wollten nicht einsehen, dass die Stadt bei einer Arbeitslosenquote von sechs Prozent Ausländer anwirbt." Das ist ja unglaublich, dass nicht jeder Mensch in Deutschland dieser dreisten Lobbyisten-Propaganda vom Fachkräftemangel glaubt. Ich selbst gehe sogar noch einen Schritt weiter, weil ich nämlich schlicht und einfach einen Brechreiz bekomme, wenn ich diese Dreistigkeiten der Deutschen Unternehmen, die sich in den vergangenen Jahren eine vollkommen asoziale und kurzsichtige Personalpolitik geleistet haben. Problem ist nun lediglich, dass die Unternehmen in Sachen Personalpolitik immer noch auf einem extrem hohen Ross sitzen. Ich selbst habe vor drei Jahren den Fachkräftemangel als Ingenieur zu in Form von einem Jahr Arbeitslosigkeit zu spüren bekommen. Eine vernünftige Arbeitsstelle habe ich in Deutschland nirgends gefunden. Am Ende bin ich dann in der Schweiz gelandet, wo ich dann allerdings schnell gemerkt habe, dass dort vieles besser ist als in Deutschland. Dieses Land kann ich auch gut qualifizierten Spaniern empfehlen, bevor sie sich bei einem Deutschen Niedriglohnunternehmen ausbeuten lassen.
jamsrhb 30.04.2013
2. Richtig so!
Genau dieser Weg ist richtig. Deutschland braucht dringend mehr Einwanderer um der Überalterung der Gesellschaft entgegenzuwirken. Diese Gemeinde macht es richtig und bemüht sich aktiv um qualifizierte Einwanderer. Nur mit einer so gearteten und gesteuerten Einwanderung kommen auch die Leute die man braucht und haben will und die eine Zukunft in unserem Land haben. Da kann sich die Bundesregierung mal ein Bespiel nehmen.
Badischer Revoluzzer 30.04.2013
3. Na ja die CSU
hat in in Baden-Württemberg zum Glück den Status einer Splitterpartei. Genauso wie die FDP bald. Dann hat sich der Fachkräftemangel auch erledigt.
stefansaa 30.04.2013
4.
Zitat von Diskutierender"Viele Fichtelgebirgler wollten nicht einsehen, dass die Stadt bei einer Arbeitslosenquote von sechs Prozent Ausländer anwirbt." Das ist ja unglaublich, dass nicht jeder Mensch in Deutschland dieser dreisten Lobbyisten-Propaganda vom Fachkräftemangel glaubt. Ich selbst gehe sogar noch einen Schritt weiter, weil ich nämlich schlicht und einfach einen Brechreiz bekomme, wenn ich diese Dreistigkeiten der Deutschen Unternehmen, die sich in den vergangenen Jahren eine vollkommen asoziale und kurzsichtige Personalpolitik geleistet haben. Problem ist nun lediglich, dass die Unternehmen in Sachen Personalpolitik immer noch auf einem extrem hohen Ross sitzen. Ich selbst habe vor drei Jahren den Fachkräftemangel als Ingenieur zu in Form von einem Jahr Arbeitslosigkeit zu spüren bekommen. Eine vernünftige Arbeitsstelle habe ich in Deutschland nirgends gefunden. Am Ende bin ich dann in der Schweiz gelandet, wo ich dann allerdings schnell gemerkt habe, dass dort vieles besser ist als in Deutschland. Dieses Land kann ich auch gut qualifizierten Spaniern empfehlen, bevor sie sich bei einem Deutschen Niedriglohnunternehmen ausbeuten lassen.
Es ist immer eine Sache was man erwartet oder was real ist. Wenn ich mir anschaue wie viele meine Kunden ihren Fachkräften bezahlen, dann schwankt das nach Region, Alter, Qualifikation und Betriebszugehörigkeit. Man sollte sich als Berufseinsteiger oder mit nur wenigen Jahren Erfahrungen von dem Gedanken verabschieden direkt mit 60 T€ und mehr einzusteigen. Ein sehr guter Freund von mir hat in seiner ersten Festanstellung ca. 48T€ als Jahresgehalt erhalten. Das als Softwareentwickler in Berlin. Gut verhandelt. Er ist jedoch bereits, durch sein Studium, seit fast 3 Jahren im Unternehmen und dementsprechend mit allen internen Prozessen vertraut. Betrachte ich zB meine Kunden im Bereich Sachsen / Meck-Pomm oder Brandenburg sind dort Einstiegsgehälter im Softwarebereich bei ca. 2.500-3.000 € normal. Diese steigen natürlich mit der Zeit. Entwickler mit 5 Jahren Erfahrung in der selben Firma liegen auch entsprechend bei 4.000-6.000 € monatlich. Nur muss man sich dies eben verdienen. Die Firmen sind mit Einstelungen vorsichtiger geworden. Es ist immer wieder irritierend wie manche "Durchschnittswerte" zu Stande gekommen. Einstiegsgehälter, vor allem im Mittelstand, sind meist recht niedrig, steigen aber auch mit der Leistung stark an. Großkonzerne sind dabei jedoch wieder vollkommen anders. Bei Siemens oder VW steigen die Leute teilweise direkt mit 40-50 T€ ein, wenn eine entsprechendes Studium gut abgeschlossen wurde. Dort regelt dann meist der Tarifvertrag den Rest. Fakt ist jedoch auch, dass ich durch meine Kunden immer wieder miterlebe, dass das Finden von qualifiziertem Personal sehr schwierig ist und das liegt sicherlich nicht am Gehalt oder den Möglichkeiten im Unternehmen sondern eher an irgendwelchen verqueren Vorstellungen von Menschen die bisher effektiv 6 Monate gearbeitet haben aber der Meinung sind 60-100T€ pro Jahr zu "verdienen". Man muss immer bedenken, 6% Arbeitslosigkeit mag nicht viel oder wenig sein aber wenn es dort den Unternehmen einfach an den richtigen Fachkräften mangelt, was sollen diese dann tun? Gerade in ländlichen Regionen ist es extrem schwierig das passende Personal zu finden. Daran scheitern Firmen immer wieder.
debreczen 30.04.2013
5.
Man könnte auch den Einheimischen attraktive Löhne bieten. würde dem Sozialsystem guttun, weil Einheimische leider gezwungen sind, ihre Familien zu hiesigen Lebenshaltungskosten zu ernähren. Stattdessen werden die Jungen aus Spanien rausgepflückt. Vielleicht würden die in ihren Familien dringend benötigt? Und machen jetzt hier die Lohndrücker? Aber ist ja alles so schön multikulti, ist klar.
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