Wirtschaftskrise: Spanische Gewerkschafter plündern Supermärkte

Eine spanische Gewerkschaft sorgt mit einer Robin-Hood-Aktion für Aufsehen. Die Aktivisten räumten in Andalusien zwei Supermärkte aus und verteilten die Lebensmittel unter Bedürftigen. Der Innenminister ordnete die Festnahme der Beteiligten an.

Demo in Madrid: Protest gegen Sparkurs der Regierung Zur Großansicht
REUTERS

Demo in Madrid: Protest gegen Sparkurs der Regierung

Madrid - In Andalusien haben Gewerkschafter zwei Supermärkte geplündert. Hinter der Aktion steckt die Arbeitnehmervertretung der andalusischen Arbeiter (SAT). Nach eigenen Angaben wollen die Aktivisten auf die Notlage der Bevölkerung in der Wirtschaftskrise aufmerksam machen. Bei einem Supermarkt beteiligte sich auch der Dorfbürgermeister von Marinaleda, ein Politiker der Vereinigten Linken (IU).

Laut einem Online-Bericht der Zeitung "Diario de Sevilla" plünderten die Demonstranten zwei Supermärkte der Ketten Mercadona und Carrefour in den Städten Ecija und Arcos de la Frontera. Die entwendeten Waren seien dann in Gegenden mit besonders hoher Arbeitslosigkeit verteilt worden. Der SAT-Chef Juan Manuel Sánchez Gordillo sagte, die Supermärkte seien mitverantwortlich für die Krise.

Diego Cañamero, ein anderer Gewerkschaftsführer, sagte der Zeitung, die Aktivisten müssten eigentlich "ausgezeichnet werden, weil wir alles auf friedlichem Wege organisieren". Zu anderen Zeiten habe es in Andalusien Gewaltausbrüche gegeben, welche die SAT mit ihren Aktionen verhindere. Der andalusische Regierungschef und Vorsitzende der sozialistischen PSOE, José Antonio Griñán, bezeichnete die Aktion dagegen als Barbarei.

Spaniens konservativer Innenminister Jorge Fernández Díaz will nun scharf gegen die Aktivisten vorgehen. Er ordnete die Festnahme der Gewerkschafter und Demonstranten an, die bei der Protestaktion mitgemacht haben. "Eine zivilisierte und demokratische Gesellschaft darf es nicht zulassen, dass die Leute das Recht in die eigene Hand nehmen", sagte der Minister am Mittwoch der staatlichen Nachrichtenagentur Efe.

Spanien durchlebt derzeit die zweite Rezession binnen vier Jahren. Nach dem Platzen einer Immobilienblase im Jahr 2008 rutschte das Land in eine schwere Wirtschafts- und Finanzkrise. Die Regierung des konservativen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy versucht mit drastischen Sparprogrammen, die Finanzen des Landes zu stabilisieren. Dagegen gibt es immer wieder heftige Proteste. Landesweit gingen wiederholt Hunderttausende auf die Straße, um gegen die Kürzungen der Regierung zu protestieren.

In Girona werden Müllcontainer abgeschlossen

Angesichts der Wirtschaftskrise greifen auch die Verantwortlichen in Girona im Nordosten Spaniens zu drastischen Mitteln. Weil immer mehr Menschen in Müllcontainern von Supermärkten nach Lebensmitteln suchten, sollten diese nun verschlossen werden, teilte die Stadtverwaltung mit. Die Maßnahme werde "wegen des Gesundheitsrisikos, das durch das Essen der entsorgten Lebensmittel entsteht, und wegen der sozialen Beunruhigung, die davon ausgeht", ergriffen. Bedürftige sollten sich künftig bei sozialen Einrichtungen melden, in der sie mit dem Nötigsten versorgt würden.

"Derzeit gibt es nur vor einem Supermarkt einen verschließbaren Container für Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist", sagte ein Sprecher der Stadtverwaltung. Mit drei großen Supermarktketten sei nun vereinbart worden, alle Müllbehälter zu verschließen. Ziel sei, dass sich alle Märkte dem Vorhaben anschließen.

cte/dab/dpa/AFP

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1. Diebstahl.
FreieWelt 08.08.2012
Das ist Diebstahl. Die Gewerkschaften sollten lieber die Leute ausplündern, die für die Euroeinführung verantwortlich waren oder momentan sind aber dafür sind sie zu feige. Diese Politiker sollte man allesamt vor Gericht stellen und enteigenen. Der Euro ist ein Verbrechen gegenüber 95% der Menschen in Europa.
2. Viel zu kurz gegriffen.
dasistdiezukunft 08.08.2012
Zitat von FreieWeltDas ist Diebstahl. Die Gewerkschaften sollten lieber die Leute ausplündern, die für die Euroeinführung verantwortlich waren oder momentan sind aber dafür sind sie zu feige. Diese Politiker sollte man allesamt vor Gericht stellen und enteigenen. Der Euro ist ein Verbrechen gegenüber 95% der Menschen in Europa.
Ich arbeite bei einem Discounter. - Ich verstehe diese Plünderungen sehr gut. - Es ist nur eine Frage der Zeit, bis in Deutschland selbiges passieren wird. - Ich halte das für ausgleichende Gerechtigkeit. Unser Vorstandsvorsitzender ist völlig menschenverachtender Sargnagel unserer Gesellschaft und hält sein Tuen dagegen für wertvoll. - So können die Meinungen differieren - sie sind nur Ausdruck dafür, dass unser gesamtes Wirtschaftsleben völlig pervertiert ist. Wie gesagt, ich kann es verstehen, hier nur kleine Beispiele: Ausbeutung bei Discounter Netto: 1.000 unbezahlte Überstunden - taz.de (http://www.taz.de/Ausbeutung-bei-Discounter-Netto/!33461/) Verdi kritisiert Arbeitsbedingungen : Mehr Psycho vom Netto - taz.de (http://www.taz.de/Verdi-kritisiert-Arbeitsbedingungen-/!70311/)
3. ...
LDaniel 08.08.2012
Klarer Diebstahl. In Spanien sieht es nicht gut aus, die Arbeitslosigkeit ist hoch und die Situation ist schlecht! Aber kein Mensch hungert dort real, von daher ist Lebensmittel klauen und verteilen eine kriminelle Aktion.
4. optional
mloehrer 08.08.2012
"Eine zivilisierte und demokratische Gesellschaft darf es nicht zulassen, dass die Leute das Recht in die eigene Hand nehmen" sagt José Antonio Griñán. Da stimme ich ihm zu und erwarte das er sich selbst und seine Amigos verhaften lässt.
5. Richtig so!
Blaufrosch 08.08.2012
Wir verschließen essbares, dass als Müll deklariert wurde vor Menschen die nichts zu essen haben und verfolgen stattdessen Protescampler.... Wie armselig ist dieses Europa. Kein Wunder platzt da vielen der Kragen! D Die Aktion ist zwar rein rechtlich illegal, moralisch aber völlig in Ordnung! Eine Welle von sozialen Unruhen in südlichen Ländern fürchten die dortigen Regierungen derzeit mehr als Al Kaida... würde es einmal losgehen, wäre es nicht mehr zu stoppen. Also wundert das harte Vorgehen auch wiederum nicht... Da regiert die nackte Angst.....
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So funktioniert der Rettungsfonds ESM
Volumen
Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) kann bis zu 500 Milliarden Euro an Hilfsgeldern vergeben. Nur 80 Milliarden Euro davon werden wirklich eingezahlt, der Rest sind Garantien. Nicht angerechnet werden die bereits vergebenen Hilfen aus dem vorläufigen Rettungsfonds EFSF sowie bilaterale Kredite der Euro-Staaten an Griechenland.
Einzahlung
Die 80 Milliarden Euro Kapital werden in fünf Tranchen eingezahlt; zwei im Jahr 2012, zwei weitere 2013 und eine letzte bis Mitte 2014. Erst dann hat der Fonds sein komplettes Ausleihvolumen von 500 Milliarden Euro erreicht. Bis dahin kann es eng werden: Der ESM muss stets 15 Prozent von dem Geld besitzen, das er in Notfällen verleiht. Er müsste also 15 Milliarden Euro besitzen, um ein Rettungspaket von 100 Milliarden Euro schnüren zu können. Um für eine Übergangsphase gerüstet zu sein, soll der vorläufige Rettungsfonds EFSF noch bis Mitte 2013 einspringen können, falls der ESM noch nicht ausreichend gefüllt ist. Im EFSF befinden sich noch rund 240 Milliarden Euro, die nicht für bestehende Hilfsprogramme ausgegeben wurden.
Aufgabe
Der ESM soll Mitgliedsländern der Euro-Zone helfen, die Schwierigkeiten haben, sich am Finanzmarkt frisches Geld zu leihen - etwa wenn die Zinsen für Staatsanleihen zu hoch sind, um sie dauerhaft zahlen zu können. Es gibt keine feste Definition, ab welchem Zinsniveau Staaten Hilfe beantragen müssen oder können - als Faustregel gelten aber sieben Prozent für zehnjährige Staatsanleihen. Bei Erreichen dieses Werts hatten Länder wie Portugal oder Irland Hilfen aus dem Vorgängerfonds EFSF beantragt. Im Gegenzug für Hilfen aus den Rettungsfonds müssen die Krisenländer strenge Sparauflagen einhalten und Strukturreformen beschließen.