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Zuwanderer aus Spanien Die Muster-Migranten

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In der Krise kamen Tausende Spanier nach Deutschland, nun werteten Forscher ihre Erfahrungen aus. Neben erheblichen Sprachproblemen stießen sie auf eine ermutigende Historie: Schon einmal gelang Spaniern die Integration besonders gut - weil sie darum kämpften.

Auf knapp 450 Seiten haben Wissenschaftler "Analysen zur Neuen Arbeitsmigration aus Spanien" veröffentlicht. Herausgeber Christian Pfeffer-Hoffmann und seine Mitstreiter stützen sich dabei auf eine Erhebung, die das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge finanzierte. Erstmals bietet sie eine umfassende Auswertung deutscher Initiativen, die in Spanien und anderen Krisenländern Auszubildende und Fachkräfte anwerben. Ihre Zahl ist ebenso wie die der spanischen Auswanderer in den vergangenen Jahren stark gestiegen (siehe Grafikstrecke).

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Grafiken und Fotos: Wie Spanien nach Deutschland kommt
Ohne Stolpersteine verläuft die Anwerbung nicht. Vor allem mangelnde Deutschkenntnisse nennen Firmen als Problem, 87 Prozent haben damit Erfahrungen gemacht. "Estamos en dos Ausbildung", sagte ein angehender Altenpfleger den Forschern, eigentlich absolviere er zwei Ausbildungen: eine berufliche und eine sprachliche.

Die bisher über das europäische Programm MobiPro EU angebotenen Sprachkurse reichen mit nur 170 Unterrichtsstunden nach Meinung vieler Befragter nicht aus. In Deutschland hat die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung mittlerweile reagiert und sieht auch Kurse mit deutlich höherer Stundenzahlen vor. Ein Projektleiter forderte, die Azubis sollten in den Kursen zudem Alltagsfertigkeiten wie Online-Banking erlernen - schließlich verlassen viele mit dem Umzug erstmals ihr Elternhaus.

Zudem müssen die Zuwanderer häufig Tätigkeiten übernehmen, die nicht ihrem Jobprofil im Heimatland entsprechen. Das gilt etwa für Gesundheits- und Pflegekräfte, welche die Initiativen noch vor Mechatronikern und Elektronikern am häufigsten suchen. Deutsche Arbeitgeber verweisen auf die oft sehr theorielastige Ausbildung der Spanier. Die tatsächliche Qualifikation sei bei der Bewerbung schwer zu erkennen, zumal in Spanien Arbeitszeugnisse wenig verbreitet sind.

Ahnungslos nach Berlin

Lohnt sich der Umzug für die Spanier trotzdem? Die bisher verfügbaren Daten liefern kein eindeutiges Bild. Zwar stieg zwischen Anfang 2010 und 2013 die Zahl der sozialversichungspflichtigen beschäftigten Spanier in Deutschland um 34 Prozent an. Zugleich nahm aber die Zahl der Arbeitslosen um 23 Prozent und die der geringfügig Beschäftigten um fast 28 Prozent zu - eine deutlich schlechtere Entwicklung als bei Griechen, Italienern und Portugiesen. Im Band wird deshalb die Frage aufgeworfen, ob "die neue Generation spanischer Migranten einem erhöhten Armutsrisiko ausgesetzt ist".

Selbst schlecht bezahlte Jobs sind für viele aber eine Verbesserung. Das zeigt sich in Berlin, das für junge Spanier zum Magneten geworden ist. Einer Umfrage zufolge kommen sie weitgehend unvorbereitet und entdecken meist erst vor Ort, dass der Arbeitsmarkt in der Hauptstadt schwieriger ist als in anderen Regionen. Fast 96 Prozent der Befragten gaben an, dass sie für ihre Arbeit überqualifiziert seien. Zugleich verdienten aber 45 Prozent immerhin mehr als 1500 Euro - in ihrer Heimat waren es nur 24 Prozent.

Und auch mit bescheidenen Anfänge kann es bergauf gehen - das demonstriert der Sammelband mit mehreren Studien zu jenen spanischen Gastarbeitern, die Deutschland ab 1960 anwarb. Sie wurden damals noch vom Regime des Militärdiktators Francisco Franco ausgewählt, kamen überwiegend aus den ärmsten Regionen des Landes und waren entsprechend schlecht qualifiziert: Nur jeder Vierte hatte überhaupt eine Ausbildung.

Trotz dieser schlechten Startbedingungen stiegen die spanischen Einwanderer schneller auf als andere Einwanderer der ersten Generation. Auch ihre Nachkommen waren besonders erfolgreich: Der Anteil von spanischen Kindern, die weiterführenden Schulen besuchten, wuchs schnell an und liegt heute weit über den Prozentsätzen von Griechen, Türken und insbesondere Italienern. Interessanterweise, heißt es in dem Buch, seien "diese Erfolge der eigenen Migrationsgeschichte in Spanien selbst nahezu unbekannt".

Was war das Erfolgsgeheimnis? Zum einen erhielten die Spanier in Deutschland besondere Aufmerksamkeit. Hilfen bekamen sie sowohl vom Franco-Regime, das die Bildung einer Opposition im Ausland verhindern wollte, als auch von SPD und deutschen Gewerkschaften, welche genau diese Opposition stärken wollten.

Zum anderen setzten sich die Spanier aber auch selbst für ihre Integration ein. Ab Beginn der siebziger Jahre bildeten sie bundesweit sogenannte Elternvereine, in denen sie sich über das komplizierte deutsche Bildungssystem informierten. Mit diesem Wissen wehrten sie sich dann erfolgreich gegen Bestrebungen, ihre Kinder auf Hauptschulen oder in separate Klassen abzuschieben.

Es gibt auch ein Zuviel an Unterstützung

Die Spanier, die heute nach Deutschland kommen, sind viel qualifizierter als ihre Landsleute in den sechzigern. Damit sind sie auch mobiler und könnten schneller in die Heimat zurückkehren - zumal dort heute eine Demokratie auf sie wartet. Ob Deutschland die neuen Zuwanderer halten kann, dürfte sich deshalb erst mit einer verbesserten wirtschaftlichen Lage in Spanien zeigen.

Eine Lehre, welche Fachkräfteinitiativen bis dahin aus der Geschichte ziehen können: Es gibt auch ein Zuviel an Unterstützung. Die erste Gastarbeitergeneration aus Spanien war nach Ansicht der Forscher nicht zuletzt deshalb erfolgreich, weil sie sich selbst für ihre Integration einsetzte. Heute helfen Arbeitgeber ihren Schützlingen sogar beim Arztbesuch. Im Sammelband warnt ein Projektleiter, es dürfe nicht alles für die Spanier organisiert werden. "Langfristig funktioniert das sonst nicht mit der Integration."

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17 Leserkommentare
MaxSeelhofer 08.04.2014
querollo 08.04.2014
herrwestphal 08.04.2014
JolietJakeblues 08.04.2014
Gerdd 08.04.2014
NewHuman 08.04.2014
josefsson 08.04.2014
lachina 08.04.2014
Babsi03 08.04.2014
rolfgerhard 09.04.2014
ealonso 09.04.2014
spon-facebook-1524031906 10.04.2014
t.saltillo 13.04.2014
wulff.baer 15.04.2014
t.saltillo 15.04.2014
acitapple 15.04.2014
Alejandra 22.04.2014

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