Spekulation über Euro-Nothilfe Spanien stemmt sich gegen Bankenkrise

Die Gerüchte halten sich hartnäckig: Spanien braucht angeblich Hilfe aus dem Euro-Rettungspaket, Politiker in Berlin und Brüssel sollen den Ernstfall bereits vorbereiten. Die Regierung in Madrid dementiert - doch die Finanzmisere wird übermächtig.

Von , Frankfurt am Main

AP

Es heißt oft, die Märkte nähmen Entwicklungen voraus. Manchmal hat diese Erkenntnis etwas Beruhigendes - weil sie einen Blick in die Zukunft erlaubt. Manchmal aber kann dieser Blick in die Zukunft sehr beklemmend sein. Wenn die Akteure hektisch reagieren, misstrauisch sind, nicht mehr kaufen oder kein Geld mehr hergeben - dann ist das ein sicheres Zeichen, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist.

In Spanien ist das in diesen Tagen der Fall: Die Banken des Landes bekommen an den Finanzmärkten nichts mehr geliehen. "Wenn wir schon so weit sind, scheinen die Probleme sehr besorgniserregende Ausmaße angenommen zu haben", sagt Jörg Hinze, Konjunkturexperte am Wirtschaftsforschungsinstitut HWWI.

Dabei hängt von den spanischen Banken einiges ab. Die wackeligen Geldinstitute sind die große Unbekannte in der riesigen Rechnung, die in der Regierungszentrale in Madrid, bei der EU-Kommission in Brüssel und bei den Rating-Agenturen zurzeit aufgestellt wird.

Alles andere scheint wenigstens irgendwie kontrollierbar: Die Schuldenproblematik des Landes ist bekannt. Und Regierungschef José Luis Rodríguez Zapatero hat zumindest einen Plan, wie man sie in den Griff bekommen könnte. Der Wirtschaft geht es schlecht, der Immobiliensektor ist zusammengebrochen, die Arbeitslosigkeit beträgt 20 Prozent, der Jobmarkt gilt als verkrustet. Doch Zapatero kämpft, in all diesen Bereichen sind Reformen geplant.

Nur bei den spanischen Banken kann er nicht viel mehr tun als abwarten. Bis die ganze grausame Wahrheit ans Licht kommt.

"Wenn der Bankenmarkt ausfällt, wäre das ein Drama"

Vor allem den 45 spanischen Sparkassen drohen massive Abschreibungen auf faule Immobilienkredite. Und je nachdem, welche Katastrophenmeldungen in den kommenden Wochen und Monaten verkündet werden, könnten die Kalkulationen, die für Spanien gemacht werden, komplett durcheinandergeraten. "Wenn jetzt weite Teile des spanischen Bankenmarkts ausfallen, wäre das ein Drama", sagt Jens Boysen-Hogrefe, Konjunkturexperte am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW).

Dann nämlich müsste die spanische Regierung einspringen. Und viele Beobachter gehen davon aus, dass dies der kritische Punkt wäre: Zapatero dürfte in diesem Fall seine Meinung vermutlich schnell ändern - und doch Hilfen aus dem Euro-Rettungspaket über 750 Milliarden Euro beantragen. Dann wäre er da: der nächste Krisenfall nach Griechenland.

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Spaniens Regierung unter Druck: Die Krise in Zahlen

Die Lage der spanischen Banken ist ernst. Die Notenbank schätzt, dass sie kritische Immobilienkredite im Volumen von 166 Milliarden Euro in den Büchern haben. Davon sollen gerade einmal 43 Milliarden Euro abgeschrieben sein. Bleiben noch 123 Milliarden Euro. Sonstiger Sprengstoff in den Bilanzen noch nicht berücksichtigt. Zwei Institute mussten bereits aufgefangen werden. Um weitere Dramen zu verhindern, drängen Madrid und die Bankenaufsicht massiv auf Fusionen. Doch ob das reicht?

"Genügend Anlässe, sich Horrorszenarien auszumalen"

Müsste Zapatero tatsächlich die Euro-Gemeinschaft um Finanzhilfe bitten, wäre das ein Alptraum-Szenario. Schließlich sind die Erinnerungen an die schlimmste Phase der Griechen-Krise noch wach. Als das Vertrauen in das Land verlorenging, schossen die Spreads für griechische Staatsanleihen in absurde Höhen: Athen konnte nur noch zu extrem hohen Zinsen Schulden aufnehmen. Der Euro-Kurs sackte ab, die gesamte Währungsunion schien in Gefahr. Bald mussten die Euro-Regierungschef einen sagenhaften Rettungsschirm für andere Krisenländer versprechen, weil der nächste Mega-Crash an den Finanzmärkten drohte. Weil die Situation so brandgefährlich schien wie zuletzt nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers.

Was, wenn Hilfen für Spanien eine ähnlich dramatische Kettenreaktion nach sich ziehen? Was, wenn plötzlich das Vertrauen der Geldgeber auch in andere Krisenstaaten der Euro-Zone verpufft? Ist der spanische Geldmangel womöglich noch gefährlicher für Europa als der griechische Schuldensumpf?

Tatsächlich ist die spanische Wirtschaft viereinhalbmal so groß wie die griechische. Und allein deutsche Banken hatten Ende 2009 rund 202 Milliarden Dollar an Forderungen offen gegenüber spanischen Bürgern und Institutionen. 109 Milliarden Dollar entfielen auf spanische Banken. Schon die Pleite einer einzigen Bank würde deshalb Schockwellen weit über die Grenzen Spaniens hinaus aussenden. "Es gibt genügend Anlässe, sich Horrorszenarien auszumalen", fasst IfW-Experte Boysen-Hogrefe die Situation zusammen.

Kann Zapatero sein Sparpaket gegen die Bevölkerung durchsetzen?

Doch es gibt auch Hoffnungsschimmer. Vergangene Woche hatte Spanien eine Staatsanleihe über drei Jahre Laufzeit herausgegeben - und die Nachfrage konnte sich sehen lassen. Das heißt, die Anleger scheinen noch daran zu glauben, dass das ein gutes Investment ist. Dass Spanien brav alle Schulden begleichen wird.

Auch ist Spaniens wirtschaftliche Situation mit den desaströsen Zuständen in Griechenland nicht vergleichbar. In Spanien sind die Ausgaben längst nicht so aus dem Ruder gelaufen, es wurden offenbar auch keine Statistiken gefälscht. Der iberische Schuldenberg ist im europäischen Maßstab sogar eher klein: Die Gesamtverschuldung des Staats beläuft sich auf 53 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. In Griechenland sind es rund 115 Prozent.

Was den anderen Euro-Ländern allerdings Sorge bereitet ist die spanische Verschuldungsdynamik - das heißt, die Schnelligkeit, mit der die Verbindlichkeiten zunehmen. Deshalb muss das jährliche Haushaltsdefizit dringend beschnitten werden. Zuletzt lag es bei 11,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Erlaubt sind laut Maastricht-Vertrag drei Prozent. Immerhin hat Regierungschef Zapatero ein rigides Sparpaket aufgelegt, mit dem er diese Grenze binnen drei Jahren wieder erreichen will.

Allerdings gibt es auch mit Blick auf die Sparanstrengungen offene Fragen. Zum Beispiel, ob Zapatero sein Vorhaben gegenüber einer Bevölkerung durchsetzen kann, in der jeder Fünfte keine Arbeit hat. Außerdem fürchten viele, dass die Einschnitte die ohnehin kaputte Wirtschaft weiter zerstören. Das wiederum würde den Haushalt wegen sinkender Einnahmen und höherer Sozialausgaben weiter durcheinanderbringen.

Sollte Spanien Hilfen in Anspruch nehmen, hätte das auch sein Gutes

"Man kann nur hoffen, dass die Märkte das annehmen", sagt Konjunkturfachmann Hinze. Denn dort wird das Schicksal Spaniens letztlich entschieden. Die Euro-Länder können nur Lösungen anbieten, doch entscheidend ist die Frage: Glauben die Geldgeber und die Investoren ihnen?

Die Verabschiedung des 750-Milliarden-Euro-Rettungspakets gab darauf keine klare Antwort. Eigentlich hätte man denken können, dass dieses einzigartige, gewaltige Versprechen der Euro-Partner, im Krisenfall füreinander einzuspringen, ausreicht. Doch bald schon ging das Auf und Ab weiter. "Das heißt eventuell, dass das Paket für viele Anleger nicht glaubwürdig ist", sagt Konjunkturexperte Boysen-Hogrefe.

"Insofern wäre es vielleicht gar nicht so schlimm, wenn ein Land die Hilfen mal in Anspruch nehmen würde - und auf den Märkten klar wird: Das funktioniert", sagt der Ökonom. Vielleicht schafft der Ernstfall endlich Vertrauen.

Vielleicht aber auch nicht. Es könnte für viele Marktteilnehmer auch so aussehen, als würden die Dämme endgültig brechen. Als sei es mit der Zahlungsfähigkeit der südeuropäischen Staaten nun endgültig vorbei. Und dieser Eindruck könnte den Flächenbrand überhaupt erst wirklich auslösen, erst dafür sorgen, dass weitere Länder Finanzprobleme bekommen. Wahrscheinlich ist das derzeit nicht. Aber denkbar.

Zapatero dementiert Gerüchte über Finanzspritzen

Dann freilich wäre die Katastrophe da. Das Geld des Euro-Rettungsfonds würde wohl nicht weit reichen - bedenkt man, dass schon eine einzige deutsche Bank, nämlich die HRE, mit hundert Milliarden Euro gestützt werden musste. Wie sollen da 750 Milliarden für ganze Staaten reichen?

HWWI-Experte Hinze will über ein solches Szenario lieber gar nicht nachdenken. "Müssten Spanien und noch ein großes Land wie Italien gerettet werden, dann stünde wohl auch die Europäische Währungsunion zur Debatte", sagt er.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht angesichts der Spekulationen um mögliche Hilfen an Spanien aus dem Euro-Rettungsschirm keinen Grund zur Sorge. Am Montag warnte Merkel in Berlin davor, "Dinge herbeizureden". Es gebe ein Rettungspaket für den Euro-Raum. Sollte es Probleme geben, könne dieser Rettungsschirm jederzeit aktiviert werden - für Spanien oder für welches Land auch immer.

Regierungschef Zapatero will es gar nicht so weit kommen lassen. Er beharrt darauf, Spanien ohne Finanzspritzen aus der Krise führen zu können. Als die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am Montag schrieb, die Vorbereitungen für die Beteiligung Spaniens am Rettungsfonds liefen bereits, fiel die Reaktion harsch aus. "Das Gerücht ist falsch, und ich dementiere es", sagte der spanische Finanzstaatssekretär Carlos Ocana. Allerdings war es bereits die dritte Zeitung, die über mögliche Hilfen für Spanien berichtete. Auch die griechische Regierung hatte, bis es wirklich nicht mehr anders ging, versichert, sie wolle allein mit der hellenischen Misere fertig werden.

Spaniens Ehrgeiz, es allein zu schaffen, lässt sich leicht erklärten. Schließlich müsste sich das Land einer rigiden Kontrolle seiner Finanzen aussetzen, sobald es Geld aus dem Euro-Rettungsfonds empfängt. Und den angeschlagenen Zapatero, dessen Umfragewerte ohnehin fallen, könnte der Gang nach Brüssel im schlimmsten Fall sogar den Job kosten.

Hinweise darauf, wie es weitergeht, müssen nun wieder mal die Märkte geben. Denn das spanische Finanzministerium ist erneut auf der Suche nach Geld. An diesem Dienstag sollen Papiere platziert werden, die fünf bis sechs Milliarden Euro einbringen könnten. Am Donnerstag sollen dann Anleihen mit 10- bis 30-jähriger Laufzeit ausgegeben werden, die weitere 2 bis 3,5 Milliarden Euro einbringen sollen.

Die Nachfrage wird zeigen, wie groß das Vertrauen in Spanien noch ist.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
Pinarello, 15.06.2010
1. Tja, die Lawine kommt, immer näher und immer größer!
Zitat von sysopDie Gerüchte halten sich hartnäckig: Spanien braucht angeblich Hilfe aus dem Euro-Rettungspaket, Politiker in Berlin und Brüssel sollen den Ernstfall bereits vorbereiten. Die Regierung in Madrid dementiert - doch die Finanzmisere wird übermächtig. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,700632,00.html
Tja, die Lawine rollt und rollt seit 2008, jetzt wurde soviel Material und Fahrt aufgenommen, begünstigt durch die Billionen die von den Notenbanken geflutet wurden, daß die Einschläge wohl nicht mehr aufzuhalten sind, so sind Lawinen eben, die walzen einfach alles nieder. Jetzt ist mir auch klar, warum der kleine Gestauchte aus Paris gestern bei unserer Kanzlerdarstellerin aufgetaucht ist, die Hütte brennt, bin mal gespannt mit wieviel Milliarden die Franzman-Banken diesmal mit drin hängen!
bürger01 15.06.2010
2. Wie kommen
Wie kommen wir aus diesem Desaster wieder raus? Gibt es außer den täglichen Negativnachrichten auch noch einen Hoffnungsschimmer, dass sich die Lage in Europa, bzw. international beruhigt?
E.Cartman 15.06.2010
3. ...
Zitat von PinarelloTja, die Lawine rollt und rollt seit 2008, jetzt wurde soviel Material und Fahrt aufgenommen, begünstigt durch die Billionen die von den Notenbanken geflutet wurden, daß die Einschläge wohl nicht mehr aufzuhalten sind, so sind Lawinen eben, die walzen einfach alles nieder. Jetzt ist mir auch klar, warum der kleine Gestauchte aus Paris gestern bei unserer Kanzlerdarstellerin aufgetaucht ist, die Hütte brennt, bin mal gespannt mit wieviel Milliarden die Franzman-Banken diesmal mit drin hängen!
Stimmt, unsere weisen Finanzexperten würden in sowas nie investieren. Und sie würden schon gar nicht den französischen Banken das ganze Geld leien das diese nach Spanien pumpen. Naja, Hauptsache man vergisst nicht, dass das Ausland an allem Schuld ist, und man sich die Suche nach Schuldigen im Inland eigentlich sparen kann.
Baikal 15.06.2010
4. Merkelmurks
Zitat von PinarelloTja, die Lawine rollt und rollt seit 2008, jetzt wurde soviel Material und Fahrt aufgenommen, begünstigt durch die Billionen die von den Notenbanken geflutet wurden, daß die Einschläge wohl nicht mehr aufzuhalten sind, so sind Lawinen eben, die walzen einfach alles nieder. Jetzt ist mir auch klar, warum der kleine Gestauchte aus Paris gestern bei unserer Kanzlerdarstellerin aufgetaucht ist, die Hütte brennt, bin mal gespannt mit wieviel Milliarden die Franzman-Banken diesmal mit drin hängen!
Da zeigt sich eben, dass ein innerhalb eines durch das System selbst entstandenes Problem nicht innerhalb des Systems gelöst werden kann - das hat Lenin gewußt, das hat Einstein gewußt und jeder mit nicht marktideologisch vernegeltem Hirn auch. Nur die Politiker begreifen es ebensowenig wie die Schleppenträger aus der Ökonomie mit ihrem auf Kosten reduziertem Denken. Die "Finanzindustrie" gilt als ebenso wertschöpfend wie die Produktionsindustrie selbst, das Kapital als ebenso wertschaffend wie die Arbeit. Solange dieser Widerspruch nicht aufgelöst wird, kommt der Crash jeden Tag etwas näher: Zurücktreten von der Bahnsteigkante, aber Merkel nicht entkommen lassen.
Satiro, 15.06.2010
5. Gut vorbereitet ?
>>An diesem Dienstag sollen Papiere platziert werden, die fünf bis sechs Milliarden Euro einbringen könnten. Am Donnerstag sollen dann Anleihen mit 10- bis 30-jähriger Laufzeit ausgegeben werden, die weitere 2 bis 3,5 Milliarden Euro einbringen sollen. Die Nachfrage wird zeigen, wie groß das Vertrauen in Spanien noch ist
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