Hilfsbereitschaft Deutsche spendeten 2015 so viel wie nie zuvor

Das Erdbeben in Nepal und Millionen Flüchtlinge aus Syrien: 2015 war ein Jahr der humanitären Krisen - aber auch der großen Spenden. Die Menschen in Deutschland gaben offenbar mehr Geld als je zuvor - bis zu sieben Milliarden Euro.

Deutsches Rettungsteam in Kathmandu: Erdbeben in Nepal löste große Hilfsbereitschaft aus
REUTERS

Deutsches Rettungsteam in Kathmandu: Erdbeben in Nepal löste große Hilfsbereitschaft aus

Von Stefanie Mnich


Die Menschen in Deutschland haben 2015 deutlich mehr für soziale Zwecke gespendet als im Vorjahr. Das belegen sowohl Studien des Deutschen Spendenrates und des Deutschen Instituts für soziale Fragen (DZI) als auch der World Giving Index.

Eine Umfrage von SPIEGEL ONLINE unter acht der größten Hilfsorganisationen in Deutschland bestätigt diesen Befund: Fast alle verzeichnen einen höheren Spendeneingang als im Vorjahr, in keinem Fall ging die Spendensumme zurück. Als Grund für die große Spendenbereitschaft der Deutschen nannten die Organisationen übereinstimmend zwei Ereignisse: Das verheerende Erdbeben in Nepal im Frühjahr und der starke Anstieg der Flüchtlingszahlen.

Der Deutsche Spendenrat und die Marktforschungsgesellschaft GfK gehen für das Jahr 2015 von Privatspenden im Bereich von 5,4 bis 5,6 Milliarden Euro aus. Das entspricht einem Zuwachs von mindestens 8,2 Prozent. Das DZI rechnet mit sieben Milliarden Euro an Spenden, im Vergleich zu 6,5 Milliarden im Jahr 2014 - eine Steigerung von knapp acht Prozent.

Die Differenzen in den Zahlen des Spendenrates und des DZI ergeben sich aus unterschiedlichen Berechnungsmethoden. So sind in den Zahlen des Spendenrats zum Beispiel keine Großspenden von mehr als 2500 Euro enthalten.

Der Spendenrat erwartet für 2015 ein "Rekordjahr", ihm zufolge ist nicht nur die Gesamtsumme der Spenden, sondern auch die Zahl der Spender gestiegen: Von Januar bis September 2015 spendeten demnach rund 18,4 Millionen Menschen Geld an gemeinnützige Organisationen oder Kirchen - eine Million Menschen mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs. Der Betrag einer durchschnittlichen Spende erhöhte sich von 34 auf 35 Euro. Zudem hätten die Menschen öfter gespendet.

Deutschland steigt im weltweiten Vergleich auf

Zu dem Ergebnis, dass 2015 mehr Geld gespendet wurde, kommt auch der Spendenmonitor des Marktforschungsinstituts TNS Infratest, der vom Deutschen Fundraising-Verband in Auftrag gegeben wurde und den Zeitraum von November 2014 bis November 2015 abdeckt.

Im Gegensatz zur Studie des Spendenrats ermittelte der Spendenmonitor allerdings einen Rückgang der Spenderzahl: 2015 hätten sich demnach nur 42 Prozent der Bundesbürger dazu entschieden, eine gemeinnützige Organisation zu unterstützen, nach 45 Prozent im Vorjahr. Dafür würden pro Einzelspende höhere Summen gegeben. Mehr Menschen leisteten zudem Sachspenden oder engagierten sich ehrenamtlich.

Auch im internationalen Vergleich ist die Hilfsbereitschaft in Deutschland überdurchschnittlich gestiegen: Im World Giving Index stieg Deutschland in diesem Jahr acht Plätze auf und liegt auf dem 20. Rang von 145 untersuchten Ländern. Der World Giving Index wird jährlich von der britischen gemeinnützigen Organisation Charities Aid Foundation herausgegeben und misst, wie viele Menschen in einem Land Geld an Hilfsorganisationen spenden, Fremden helfen oder in ihrer Freizeit ehrenamtlich in einer Organisation mitarbeiten. Sowohl bei Geldspenden als auch bei der ehrenamtlichen Tätigkeit hat Deutschland 2015 im World Giving Index um sieben Prozent zugelegt.

Das spiegelt sich auch bei den einzelnen Hilfsorganisationen wieder - wie eine Umfrage von SPIEGEL ONLINE unter acht der größten deutschen Hilfsorganisationen belegt:


"Nothilfe-Kita" der SOS-Kinderdörfer in Nepal: 100 Millionen Euro für 2015 erwartet
obs/ SOS kinderdörfer

"Nothilfe-Kita" der SOS-Kinderdörfer in Nepal: 100 Millionen Euro für 2015 erwartet

SOS-Kinderdörfer weltweit

2014 haben die SOS-Kinderdörfer 95 Millionen Euro durch Spenden und Patenschaften eingenommen. "Dieses Jahr rechnen wir damit, die 100-Millionen-Euro-Grenze zu knacken", sagt Mitarbeiterin Katharina Ebel.

Den Grund für diese positive Entwicklung sieht sie in der noch immer anhaltenden Flüchtlingskrise, die viele Menschen zum Spenden veranlasst hat, und in dem Erdbeben in Nepal, wo die Kinderdörfer gleich nach dem Erdbeben eine weitreichende Nothilfe organisiert hätten.

Mit den diesjährigen Spenden sei die Organisation sehr zufrieden. "Es versetzt uns in die Lage, dringend notwendige Soforthilfe zu leisten und auch mehr Bildungsprojekte durchzuführen, die langfristig Perspektiven schaffen."


Ein Team von Ärzte ohne Grenzen in Nepal: Gleichbleibende Spendeneinnahmen erwartet
AFP

Ein Team von Ärzte ohne Grenzen in Nepal: Gleichbleibende Spendeneinnahmen erwartet

Ärzte ohne Grenzen

Ärzte ohne Grenzen geht von einem gleichbleibenden Spendenvolumen aus. Jirka Wirth, Leiter der Spendenabteilung bei Ärzte ohne Grenzen ist mit der Spendenbereitschaft trotzdem "sehr zufrieden", denn 2014 sei "ein absolutes Ausnahmejahr" gewesen, seine Organisation hatte 113,4 Millionen Euro Privatspenden eingenommen.

Die hohe Spendenbereitschaft in diesem Jahr führt Wirth ebenfalls auf das Erdbeben in Nepal und die zahlreichen Flüchtlingen zurück, die auf dem Weg nach Europa sind.

Polio-Impfung in Darfur: World Vision rechnet mit ähnlich vielen Spenden wie 2014
AFP/ UNAMID/ Albert Gonzalez Farran

Polio-Impfung in Darfur: World Vision rechnet mit ähnlich vielen Spenden wie 2014

World Vision

Die christliche Hilfsorganisation World Vision verzeichnet in diesem Jahr einen leichten Anstieg von Privatspenden. Sie werden 75,5 Millionen Euro betragen, im Vergleich zu 70,3 Millionen Euro 2014.

"Mehr gespendet wurde vor allem für die Katastrophenhilfe, besonders für die Nothilfe nach dem Erdbeben in Nepal und auch für Flüchtlingshilfe", sagt Iris Männer, Sprecherin von World Vision. Spenden für Armutsbekämpfung und Jugendförderung seien ungefähr konstant geblieben, jedoch nehme hier die langfristige Unterstützung eher ab, dafür gebe es mehr Menschen, die sich ehrenamtlich und aktionsbezogen engagieren.

Provisorische Schule in Afghanistan: Unicef rechnet mit gestiegenen Spendeneinnahmen
DPA

Provisorische Schule in Afghanistan: Unicef rechnet mit gestiegenen Spendeneinnahmen

Unicef

Unicef rechnet damit, dass die Einkünfte von 91,3 Millionen Euro des Vorjahres in diesem Jahr noch übertroffen werden. Diese setzen sich aus Spenden und dem Verkauf von Grußkarten zusammen.

Auch UNICEF-Sprecher Rudi Tarneden glaubt, dass das Erdbeben in Nepal eine herausragende Rolle für die Spendenbereitschaft gespielt hat. Die Hilfe für Flüchtlinge sei ebenfalls wichtig gewesen, "aber auch traditionelle Projekte wurden gut unterstützt". Die Hilfe für Flüchtlinge sei dabei bemerkenswert: Normalerweise sei die Spendenbereitschaft bei langfristigen, menschengemachten Ereignissen geringer, sagt Tarneden, in diesem Fall sei sie aber sehr hoch.

Zudem konnte Unicef in diesem Jahr mehr langfristige Unterstützer gewinnen: Die Zahl der Paten sei bis November auf 200.000 gestiegen, 11.000 mehr als im letzten Jahr.

Jonas Wiahl, Leiter der Welthungerhilfe im Südsudan: Plus von sieben Millionen Euro
imago/epd

Jonas Wiahl, Leiter der Welthungerhilfe im Südsudan: Plus von sieben Millionen Euro

Welthungerhilfe

Bis kurz vor Weihnachten hat die Welthungerhilfe in diesem Jahr rund 47 Millionen Euro durch Spenden eingenommen. Das sind nach Angaben der Organisation etwa sieben Millionen Euro mehr als im gesamten Jahr 2014. Die Mehreinnahmen entsprechen in etwa der Summe der Nothilfe-Spenden für die Erdbebenhilfe in Nepal.

Angelika Böhling von Kindernothilfe: Einnahmenplus von fünf bis sechs Prozent
DPA

Angelika Böhling von Kindernothilfe: Einnahmenplus von fünf bis sechs Prozent

Kindernothilfe

Bei der Kindernothilfe zeichnet sich bei den Einnahmen ein Plus von fünf bis sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr ab, sagt Sprecherin Angelika Böhling, die Projektarbeit für 2016 sei gesichert. Die Organisation hat 2014 56,6 Millionen Euro eingenommen, 50,8 Millionen durch Spenden. Vor allem für syrische Flüchtlinge in den Anrainerstaaten Syriens und die Opfer des Erdbebens in Nepal gaben die Spender Geld. Böhling glaubt, dass auch die Berichterstattung zu dem Erdbeben in Nepal zur Hilfsbereitschaft beigetragen hat.

Flüchtlingshilfe in Serbien: Care hat bis kurz vor Weihnachten 7,5 Millionen Euro Spenden eingenommen
CARE/ Laura Gilmour

Flüchtlingshilfe in Serbien: Care hat bis kurz vor Weihnachten 7,5 Millionen Euro Spenden eingenommen

Care

Die Hilfsorganisation Care, die in Deutschland und Luxemburg tätig ist, hat bis kurz vor Weihnachten 7,5 Millionen Euro an Privatspenden eingenommen, 2014 waren es noch ungefähr sechs Millionen Euro.

Auch bei Care wurde anteilig am meisten für die Erdbebenopfer in Nepal gespendet sowie für die weltweite Flüchtlingshilfe. Pressesprecherin Sabine Wilke vermutet, dass viele Menschen durch die Ankunft der Flüchtlinge in Deutschland persönlich betroffen waren und das die Spendenbereitschaft erhöht hat. Care sei mit den Spenden in diesem Jahr sehr zufrieden, man habe auch mehr Unterstützung für chronische Krisen erhalten.

Iberische Luchse: Der WWF erwartet Spendeneinnahmen auf dem Niveau des Vorjahres
DPA/ WWF

Iberische Luchse: Der WWF erwartet Spendeneinnahmen auf dem Niveau des Vorjahres

WWF

Der World Wide Fund for Nature (WWF) erwartet Spendeneinnahmen auf dem Niveau des Vorjahres. "Wahrscheinlich liegen sie in diesem Jahr sogar leicht darüber", sagt Roland Gramling, Sprecher des WWF. Die meisten Spenden entfielen dabei auf Projekte für den Artenschutz.

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insgesamt 26 Beiträge
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Nabob 30.12.2015
1. Gespendet wird dort wo zu wenig ist,
weil der reiche Staat dafür zu wenig bereithält. Die Bereitschaft der Leute zu geben ist nicht zu beanstanden, wohl aber der Staat im Gewand des öffentlich-rechtlichen Fernsehen, welches auf eine perfide Art mit Provinzkomikern den Leuten ihr Geld aus den Rippen leiern will. Diese Spendenwesen überdeckt das Versagen des Staates.
Big_Lebowski 30.12.2015
2.
Mich würde mal dringend interessieren, wie viele Spenden auf Bußgeldern bei eingestellten Strafverfahren basieren ... sind diese Spenden mit eingerechnet?
mustafanadal 30.12.2015
3. Dennoch ...
wird es die Politik nicht davon abhalten, bei nächster Gelegenheit trotz enorm gestiegener Steuereinnahmen Steuerehöhungen oder Solidaritätsbeiträge zu beschließen. Erste Denkmodelle hat Herr Seehofer ja bereits ins Gespräch gebracht. Die Politik hat in weiten Teilen versagt, was die Flüchtlingswelle anlangt, und ohne die vielen Freiwilligen und die großzügigen Geld- und Sachspenden wäre ein Chaos ausgebrochen. Gleichwohl wird es sie nicht davon abhalten, die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung für selbstverständlich zu erachten und den Menschen zusätzlich tief in die Tasche zu greifen. Schämen sollten sich die Politiker, aber dieses Gefühl ist den meisten ja wohl fremd, besonders, wenn es darum geht, Geld einzutreiben.
fredlieb 30.12.2015
4. Es waren wohl kaum Millionen Menschen ...
eher ein paar Tausend, von denen einige Milliarden besitzen ... erinnern Sie sich: 1% besitzt mehr als 30%. Klingelts?
outsider-realist 30.12.2015
5. Spenden am besten geheim
Was mich "beim Spenden" nervt, das man von anderen belehrt wird, für was man letztendlich zu spenden hat. Leider handelt es bei dieser Sorte Mensch meist um Mitbürger, die noch nie einen Cent für andere locker gemacht , geschweige denn einen Finger gekrümmt haben. Wie oft höre ich Schwachsinnsargumente, wie das mir der Obdachlose nebenan egal ist, wenn ich bspw.etwas für den Tierschutz spende (obwohl ich auch für "menschliche" Problemfälle spende, aber kein Bedarf sehe mich hier zu rechtfertigen). Leider kein Einzelfall. Lustigerweise war der letzte, der mich darauf angesprochen hat, jemand, der regelmäßig sein "Vermögen" in der Spielhalle verzockt. Konsumverhalten wird merkwürdigerweise hier nie in Relation gesetzt.
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