Hamburg - Ganz kurz blitzte ein bisschen Wehmut auf, die Jean-Claude Juncker jedoch gleich in typischer Weise überspielte: Von "meiner Euro-Gruppe" sprach der luxemburgische Premier bei der von SPIEGEL und Körber-Stiftung veranstalteten Gesprächsreihe "Der Montag an der Spitze". Dann schränkte er umgehend ein, das sei ein etwas "exzessiver Umgang mit dem Possessivpronomen" gewesen.
Tatsächlich steht derzeit wohl kein anderer Politiker so für Europa wie Juncker, der seit 2005 Chef der Euro-Gruppe ist. Im Juni endet seine Amtszeit, und für die Nachfolge hatte der 57-Jährige am Montag eine klare Empfehlung: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) habe seine "volle Unterstützung", sagte Juncker. Ein Euro-Gruppen-Chef müsse viel zuhören und wissen, er dürfe beispielsweise nicht erst während einer Sitzung "entdecken, was in Zypern los ist". Diese Fähigkeiten habe Schäuble. "Insofern wäre er eine Idealbesetzung."
Im Gespräch mit SPIEGEL-Chefredakteur Georg Mascolo und Britta Sandberg, der stellvertretenden Ressortleiterin Ausland, stellte sich Juncker hinter Pläne für ein europäisches Wachstumsprogramm. Die europäische Investitionsbank könne über eine Kapitalerhöhung zusätzliche Mittel bereitstellen, um die Wirtschaft in kriselnden Euro-Ländern anzukurbeln. Dies müsse kein Widerspruch zu einem strikten Sparkurs sein, sagte Juncker. Auch über Strukturreformen, wie die Öffnung bislang geschlossener Berufszweige, könnten Krisenländer neues Wachstum schaffen. "Es geht nicht nur um Geld".
Diplomatisch gab sich Juncker bei der Frage, ob die EU in der Krise nicht zunehmend zur Transferunion werde. Eine gegenseitige Schuldenübernahme dürfe nicht Teil der europäischen Verträge werden. Der Weg, auf dem Euro-Länder Finanzhilfen ihrer Partner erhalten, müsse weiterhin "ein sehr komplizierter sein". Zugleich sprach sich Juncker für die langfristige Einführung von Euro-Anleihen aus, mit denen die Länder einen Teil ihrer Schulden gemeinsam aufnehmen würden. Er wies darauf hin, dass in der EU bereits heute über Strukturhilfefonds oder die gemeinsame Agrarpolitik in großem Umfang Geld umverteilt wird. "Das ist schon heute eine Transferunion."
Wie gewohnt sparte der Premier des kleinen Luxemburg nicht an Kritik am großen Nachbarn. In Deutschland werde regelmäßig der Eindruck erweckt, die Bundesrepublik trage die Lasten der Euro-Rettung alleine. Dabei sei die Pro-Kopf-Belastung der Luxemburger höher. Das sei "in hohem Maße beleidigend", schimpfte Juncker. Ähnlich äußerte er sich über informelle Absprachen zwischen Deutschland und Frankreich. Die Frage, ob ihn die häufige Einmischung beider Länder als Euro-Gruppen-Chef verbittert habe, beantwortete Juncker mit einem knappen "Ja".
"Fremde Flurnachbarn im europäischen Haus"
Der EU-Veteran beklagte außerdem, die Europäer wüssten noch immer viel zu wenig übereinander. "Wir leben schon so lange in diesem europäischen Haus und dennoch begegnen wir uns wie Flurnachbarn in einer Großstadt." Sich und seinen Amtskollegen stellte er dennoch ein ziemlich schmeichelhaftes Zeugnis aus: Noch nie sei in Europa so viel entschieden worden wie in der der jüngsten Krise. Im Rückblick würden Historiker feststellen, dass die Verantwortlichen "unwahrscheinlich schnell und unwahrscheinlich klug reagiert haben".
Trotz des ernsten Themas fand Juncker reichlich Gelegenheit für gewohnt spitzzüngige Bemerkungen. Mit Blick auf Diskussionen über mögliche Vertragsverletzungen in der EU spottete er über "ein paar permanent schüttelfrostgefährdete Ordnungspolitiker". Als dann während der Diskussion ein lautes Klirren zu hören war, kommentierte Juncker: "Das war ein Ordnungspolitiker."
Die nächste Veranstaltung in der Reihe "Der Montag an der Spitze" findet am 21. Mai statt. Als Gast wird der CNN-Journalist und al-Qaida-Experte Peter Bergen erwartet.
dab
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