SPON-Umfragen Mehrheit hält wirtschaftliche Erfolge für unfair verteilt

Wie gerecht geht es in Deutschland zu? Wer profitiert von den wirtschaftlichen Erfolgen? Die Ergebnisse unserer Umfragen zeigen ein großes Unbehagen - und klare Unterschiede zwischen Wählergruppen. Ein Beitrag zur Themenwoche "Soziale Gerechtigkeit"

Fest bei Cartier in München (Archivbild)
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Fest bei Cartier in München (Archivbild)


Wo steht Deutschland: bei der Integration von Flüchtlingen, dem Umweltschutz, der sozialen Gerechtigkeit? Wir wollen es herausfinden - und berichten in sieben Themenwochen über Deutschland im Wahljahr 2017.
Einen Überblick finden Sie hier.

Deutschland steht insgesamt blendend da - dafür spricht vieles: Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit ist auf einem Rekordtief, so viele Menschen wie nie haben einen Job, der Bundesfinanzminister frohlockt über seine schwarze Null und die Steuereinnahmen sollen auch in der nächsten Zeit weiter sprudeln.

Doch wo kommt dieser Boom an? Haben die Bürger in Deutschland den Eindruck, dass sie Teil dieses Daueraufschwungs oder nur Zuschauer sind?

Wir wollten es genauer wissen und haben Sie um Ihre Meinung gebeten. Die repräsentativen Ergebnisse sind auf den ersten Blick eindeutig: Mehr als 70 Prozent der Befragten zweifeln daran, dass die wirtschaftlichen Erfolge gerecht verteilt werden. Weitere neun Prozent sind unentschieden.

Das Ergebnis offenbart: Viele Menschen fühlen sich nicht als Profiteure der guten Lage oder glauben zumindest, dass es andere nicht sind. Wie das trotz Aufschwungs zusammenpasst und wie man das Problem löst, beschäftigt im Jahr der Bundestagswahl auch die Parteien, die das Thema Soziale Gerechtigkeit zu einem zentralen gemacht haben. (Was die Spitzen der Parteien für mehr Gerechtigkeit angehen wollen, haben Sie uns hier gesagt.)

Ein Erklärungsansatz für den Widerspruch sind die großen Reformen nach der Jahrtausendwende unter der Regierung von Gerhard Schröder (SPD), die beispielweise den Aufbau eines großen Niedriglohnsektors erst möglich gemacht haben. Jeder fünfte Arbeitnehmer zählt heute zu den Geringverdienern - und damit kaum zum Profiteur des wirtschaftlichen Aufwinds.

Der Eindruck von einem ungerechten Aufschwung zieht sich keinesfalls gleichmäßig durch die Gesellschaft, wie die SPIEGEL-ONLINE-Umfrage weiter zeigt. Besonders deutlich wird das im Vergleich der Wählergruppen: Unter den Anhängern der Union und der FDP hält mehr als jeder vierte Befragte die Erfolge für gerecht verteilt, unter den Wählern der Linken sind es gerade einmal zwei Prozent.

Auch zu arbeitsmarktpolitischen Reformen und Instrumenten wollten wir Ihre Meinung wissen. Wie bewerten Sie die Agenda 2010 insgesamt, die Einführung von Hartz IV und Zeit- und Leiharbeit als Form der Beschäftigung? Die repräsentativen Ergebnisse fallen überwiegend kritisch aus, insbesondere zur Zeitarbeit. Mehr als 70 Prozent der Befragten beurteilen diese als "negativ". Etwas größer ist die Zustimmung zu Hartz IV und zur Agenda 2010 insgesamt.

Die Ergebnisse der Umfragen sind auch in die ZDF-Dokumentation "Neues Wirtschaftswunder - Wer gewinnt beim Aufschwung?" eingeflossen. Die Dokumentation entstand in Kooperation mit SPIEGEL TV und läuft am 1. August 2017 ab 21 Uhr auf dem Sendeplatz des ZDF-Politmagazins "Frontal 21".

ZDF/ Rainer Speidel

Im Wahljahr befragen SPIEGEL ONLINE und Civey regelmäßig Leserinnen und Leser zu aktuellen politischen und wirtschaftspolitischen Themen. Wie das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet, erfahren Sie hier.

Was ist das Besondere an der Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen Verfahren. Zuerst werden alle Umfragen in einem Netzwerk aus mehr als 12.000 Websites ausgespielt ("Riversampling"). Online kann jeder an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, unter anderem nach den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse nach weiteren Faktoren und Wertehaltungen gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern.
Warum ist eine Registrierung nötig?
Die Registrierung hilft dabei, die Antworten zu gewichten, und ermöglicht so ein Ergebnis für die Umfragen, das für die Wahlbevölkerung in Deutschland repräsentativ ist. Jeder Teilnehmer wird dabei nach seinem Geschlecht, Geburtsjahr und Wohnort gefragt. Danach kann jeder seine Meinung auch in weiteren Umfragen zu unterschiedlichen Themen abgeben.
Wie werden die Ergebnisse repräsentativ?
Die Antwort jedes Teilnehmers wird so gewichtet, dass das Resultat einer Umfrage für die Grundgesamtheit repräsentativ ist. Bei der Sonntagsfrage umfasst diese Grundgesamtheit die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland. Die Gewichtung geschieht auf Basis der persönlichen Angaben bei der Registrierung sowie der Historie früherer Antworten eines Nutzers. Weitere Details zur Methodik stehen im Civey-Whitepaper.
Erreicht man online überhaupt genügend Teilnehmer?
Meinungsumfragen werden in der Regel telefonisch oder online durchgeführt. Für die Aussagekraft der Ergebnisse ist entscheidend, wie viele Menschen erreicht werden können und wie viele sich tatsächlich an einer Umfrage beteiligen, wenn sie angesprochen werden. Internetanschlüsse und Festnetzanschlüsse sind in Deutschland derzeit etwa gleich weit verbreitet - bei jeweils rund 90 Prozent der Haushalte, Mobiltelefone bei sogar 95 Prozent. Die Teilnahmebereitschaft liegt bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich, besonders niedrig schätzen Experten sie für Telefonumfragen ein.
Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 12.000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass viele unterschiedliche Nutzer erreicht werden können.
Woran erkenne ich die Güte eines Ergebnisses?
Bis das Ergebnis einer Umfrage repräsentativ wird, müssen ausreichend viele unterschiedliche Menschen daran teilnehmen. Ob das bereits gelungen ist, macht Civey transparent, indem zu jedem Umfrageergebnis eine statistische Fehlerwahrscheinlichkeit angegeben wird. Auch die Zahl der Teilnehmer und die Befragungszeit werden für jede Umfrage veröffentlicht.
Was bedeutet es, wenn sich die farbigen Bereiche in den Grafiken überschneiden?
In unseren Grafiken ist der statistische Fehler als farbiges Intervall dargestellt. Dieses Intervall zeigt jeweils, mit welcher Unsicherheit ein Umfragewert verbunden ist. Man kann nicht exakt sagen, wie viel Prozent eine Partei bei einer Wahl bekommen würde, jedoch aber ein Intervall angeben, in dem das Ergebnis mit hoher Wahrscheinlichkeit liegen wird. Überschneiden sich die Intervalle von zwei Umfragewerten, dann können streng genommen keine Aussagen über die Differenz getroffen werden. In unserem Fall heißt das: Liegen die Umfragewerte zweier Parteien so nah beieinander, dass sich ihre Fehlerintervalle überlappen, lässt sich daraus nicht ableiten, welche von beiden aktuell bei der Wahl besser abschneiden würde.
Was passiert mit meinen Daten?
Die persönlichen Daten der Nutzer werden verschlüsselt auf deutschen Servern gespeichert und bleiben geheim. Sie dienen allein dazu, die Antworten zu gewichten und sicherzustellen, dass die Umfragen nicht manipuliert werden. Um dies zu verhindern, nutzt Civey statistische wie auch technische Methoden.
Wer steckt hinter Civey?
Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Das Start-up arbeitet mit unterschiedlichen Partnern zusammen, darunter sind neben SPIEGEL ONLINE auch der "Tagesspiegel", "Cicero", der "Freitag" und Change.org. Civey wird durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

che/yes

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