Staatsbankrott Was eine Griechen-Pleite jeden Bundesbürger kosten würde

Die Euro-Finanzminister sind mit dem Athener Sparplan nicht zufrieden, immer offener wird über einen Staatsbankrott debattiert. Wie viel würde eine Griechen-Pleite jeden einzelnen Deutschen kosten? SPIEGEL ONLINE hat nachgerechnet.

Von

Flaggen Griechenlands und der EU in Athen: 400 bis 700 Euro pro Bundesbürger
AFP

Flaggen Griechenlands und der EU in Athen: 400 bis 700 Euro pro Bundesbürger


Hamburg - Wann es genau passiert ist, lässt sich schwer sagen, aber ganz allmählich hat der Staatsbankrott Griechenlands an Schrecken verloren. Vielleicht hat es mit den Aussagen von Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker im SPIEGEL begonnen, eine Pleite des Landes sei schon im März möglich. Die Vize-Präsidentin der EU-Kommission, die Niederländerin Neelie Kroes dachte dann Anfang der Woche laut über einen Austritt Griechenlands aus dem Euro nach, und FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle kündigte schon an, dass Deutschland für den Fall einer Pleite Griechenlands mit "Löschteichen" voller Geld gut gewappnet sei.

Diese Löschteiche sind gefüllt mit dem Geld deutscher Steuerzahler. Wie viel aber würde davon gebraucht, wenn Griechenland pleitegeht oder gar aus der Euro-Zone austritt?

Deutschland und damit jeder einzelne Steuerzahler haftet für vier Risiken:

  • für die Zahlungen aus dem ersten Rettungspaket für Griechenland,
  • für die griechischen Staatsanleihen, die bei der Europäische Zentralbank (EZB) liegen,
  • ferner für die griechischen Staatsanleihen im Besitz von staatlichen deutschen Banken
  • und schließlich für Ausfälle im sogenannten Target2-System.

Nur wenige Zahlen sind genau bekannt, die Summen beruhen in der Regel auf Annahmen und Schätzungen. Schaut man sich die vier Komplexe an, wird jedoch klar: Der Zahlungsausfall Griechenlands wäre für die deutschen Steuerzahler teuer, aber verkraftbar.

1) Das Rettungspaket: Im Mai 2010 haben EU und IWF das erste Rettungspaket für Griechenland beschlossen - es umfasst 110 Milliarden Euro. Bisher sind davon 73 Milliarden Euro ausgezahlt worden - der Anteil Deutschlands daran beträgt 16 Milliarden Euro. Im Falle eines totalen Zahlungsausfalls des griechischen Staates wäre dieses Geld verloren.

2) Die Europäische Zentralbank: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat sich nach langen Diskussionen entschlossen, griechische Staatsanleihen zu kaufen. Wie viele Griechen-Bonds die EZB derzeit hält, ist nicht bekannt, die Schätzungen schwanken zwischen 38 und 55 Milliarden Euro Nominalwert. Allerdings musste die Zentralbank am Markt nicht den vollen Preis für die Anleihen zahlen. Die Schweizer Großbank UBS schätzt, dass die EZB im Durchschnitt 70 Prozent des Nominalwerts hingelegt hat - also zwischen 26,6 und 38,5 Milliarden Euro. Deutschland haftet gemäß seinem Anteil an der EZB für 27 Prozent - also für sieben bis zehn Milliarden Euro. Dass die griechischen Staatsanleihen komplett wertlos werden, ist allerdings unwahrscheinlich - vermutlich würden sie bei einem Staatsbankrott in länger laufende und niedriger verzinste Bonds umgetauscht werden.

3) Die Banken mit Staatsbeteiligung: Seit dem Höhepunkt der Finanzkrise 2008 hat der deutsche Staat einige Banken (teil-)verstaatlicht und zudem Bad Banks gegründet, an welche die Banken ihre ausfallgefährdeten Wertpapiere auslagern konnten. In den Depots dieser Banken liegen auch griechische Staatsanleihen. Zudem halten auch öffentliche Landesbanken diese Papiere. Zu den betroffenen Instituten gehört die HypoReal Estate (HRE), mehrere Landesbanken, die Commerzbank Chart zeigen und die Bad Bank der WestLB. Auch hier gibt es keine exakten Zahen. Jens Boysen-Hogrefe vom Kieler Institut für Weltwirtschaft geht von einem Ausfallrisiko von insgesamt rund 13 Milliarden Euro aus. Dazu kämen laut Boysen-Hogrefe über Umwege auch noch die Verluste der privaten Gläubiger aus Deutschland, die griechische Staatsanleihen besitzen. Sollte Griechenland pleitegehen, verlieren diese Anleihen an Wert. "Die Gläubiger würden in Deutschland dann weniger Gewinnsteuern abführen - insgesamt wäre das aber höchstens ein einstelliger Milliardenbetrag."

4) Das Target2-System: Wenig beachtet und in seinen Auswirkungen umstritten sind die Risiken aus dem sogenannten Target2-System. Mit dem Target2-System werden Zahlungen zwischen den nationalen Zentralbanken innerhalb des Euro-Raums ausgeglichen. Dort seien "enorme Risiken aufgelaufen", sagt der Ökonom Frank Westermann von der Universität Osnabrück. Das Target2-System kann man sich folgendermaßen vorstellen: Ein griechischer Unternehmer kauft eine Ware, zum Beispiel eine Maschine, von einer deutschen Firma. Dafür nimmt er einen Kredit bei seiner (griechischen) Bank auf und überweist den Kaufpreis auf das Konto des deutschen Maschinenbauers.

Im Hintergrund nimmt die Zahlung allerdings einen kleinen Umweg. Die Bank des griechischen Unternehmers leiht sich das Geld, das sie als Kredit ausgibt, ihrerseits von der griechischen Zentralbank. In Deutschland zahlt die deutsche Zentralbank, die Bundesbank, das Geld auf das Konto des deutschen Maschinenbauers ein.

Zwischen der griechischen Zentralbank und der Bundesbank muss das Geld jetzt auch noch fließen - das geschieht in der Regel über den Umweg der Europäischen Zentralbank (EZB). Geschieht das nicht, hat die griechische Zentralbank Schulden bei der Bundesbank. Normalerweise sollte sich dieses Defizit ausgleichen, wenn deutsche Unternehmer ihrerseits Waren in Griechenland kaufen, oder die deutschen Banken Kredite an die Bank des Unternehmers vergeben - dann fließt das Geld in der umgekehrten Richtung.

Weil derzeit aber kaum jemand in Griechenland investiert, wachsen die Forderungen der Bundesbank gegen die griechische Zentralbank immer weiter - im Falle eines Staatsbankrotts hätte das weitreichende Folgen, sagt Ökonom Westermann: "Wenn Griechenland aus dem Euro austritt und seine Target-Salden nicht bedient, müsste Deutschland gemäß seinem Anteil von rund 27 Prozent an der EZB die Verluste tragen." Im schlimmsten Fall wären das geschätzte 27 Milliarden Euro. Westermann: "Die großen Risiken im Target-System sind meiner Meinung nach der Grund, dass Griechenland von den Euro-Ländern nicht fallengelassen wird."

In den meisten Aufstellungen über die Risiken einer griechischen Staatspleite fehlen die Zahlen aus dem Target2-System. Das liegt zum einen daran, dass nur wenige Ökonomen sich mit diesem Zahlungssystem der Euro-Zone auskennen. Zum anderen rechnen viele Experten nicht damit, dass dieses System nachhaltig aus der Balance kommt - wie der IfW-Volkswirt Boysen-Hogrefe: "Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass die Forderungen der Bundesbank an das Target-System nicht erfüllt werden - die Verluste würden bei einer griechischen Staatspleite begrenzt werden."

Fazit: Sollte das nicht passieren und damit das schlimmste Szenario wahr werden, dass Griechenland keinen Cent zurückzahlt, müsste Deutschland also 53 bis 56 Milliarden Euro abschreiben - für jeden der rund 82 Millionen Bundesbürger wären dies 650 bis 680 Euro.

Ohne die Risiken aus dem Target2-System und unter der Annahme, dass die griechischen Staatsanleihen auch nach einem Bankrott nur 70 Prozent an Wert verlieren, wie es derzeit mit den Banken verhandelt wird, bleibt für Deutschland ein Risiko von mindestens 30 Milliarden Euro - für jeden Bundesbürger wären das gut 360 Euro.

Anders ausgedrückt: Müsste Deutschland diese Summe 2012 komplett über zusätzliche Kredite finanzieren, stiege die deutsche Neuverschuldung von derzeit prognostizierten rund 30 Milliarden Euro auf 60 bis 90 Milliarden Euro. Auch die deutsche Defizitquote stiege entsprechend und könnte von derzeit rund einem Prozent der Wirtschaftsleistung im schlimmsten Fall die Obergrenze des europäischen Stabilitätspakts von 3,0 Prozent reißen. Nicht eingerechnet sind dabei allerdings die Ansteckungseffekte, die eine Griechenland-Pleite für die übrigen Problemstaaten der Euro-Zone haben könnte.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes war das erste Rettungspaket mit 80 Milliarden Euro beziffert worden, der bisher gezahlte Anteil Deutschlands mit 20 Milliarden. Tatsächlich umfasst das Rettungspaket von EU (80 Milliarden Euro) und IWF (30 Milliarden Euro) insgesamt 110 Milliarden Euro - Deutschlands bisher gezahlter Anteil liegt statt bei 20 Milliarden Euro nur bei rund 16 Milliarden Euro. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 280 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kuddel37 10.02.2012
1. .
Zitat von sysopAFPDie Euro-Finanzminister sind mit dem Athener Sparplan nicht zufrieden, immer offener wird über einen Staatsbankrott debattiert. Wie viel würde eine Griechen-Pleite jeden einzelnen Deutschen kosten? SPIEGEL ONLINE hat nachgerechnet. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,814477,00.html
Besser nur einmal zahlen, und gut ist. Gleichzeitig verlässt Deutschland die EU und gibt den Euro auf. Sonst kommen schon bald die nächsten Pleiteländer angekrochen um gerettet zu werden.
chinataxi 10.02.2012
2. Ich halte es für einen verlogenen Mechanismus
Zitat von sysopAFPDie Euro-Finanzminister sind mit dem Athener Sparplan nicht zufrieden, immer offener wird über einen Staatsbankrott debattiert. Wie viel würde eine Griechen-Pleite jeden einzelnen Deutschen kosten? SPIEGEL ONLINE hat nachgerechnet. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,814477,00.html
Erst heisst es "Es sind nur Bürgschaften" > Doch es wird konkreter. Der Schirm wird auf keinen Fall weiter aufgestockt. > Doch er wird immer weiter aufgeblasen Wir profitieren am meisten vom Euro. > mit wir sind Reiche in DE gemeint und die Mittelschicht dünnt weiter aus. Griechenland KANN nicht aus dem Euro austreten > aber ach das wird wohl kommen, nachdem man die Banken rausgehauen hat. Und nun heisst es: … Kosten würde > in ein paar Monaten dann "kosten wird" Wie kann es sein dass ein paar Gurken über unser Schicksal für die nächsten 50 Jahre bestimmen können?
localpatriot 10.02.2012
3. Deutschland schuldet GR noch aus der Vergangenheit.
Zitat von sysopAFPDie Euro-Finanzminister sind mit dem Athener Sparplan nicht zufrieden, immer offener wird über einen Staatsbankrott debattiert. Wie viel würde eine Griechen-Pleite jeden einzelnen Deutschen kosten? SPIEGEL ONLINE hat nachgerechnet. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,814477,00.html
Ich gestatte mir einen Beitrag aus einem anderen Forum zu wiederholen, einschliesslich das Zitat von 'restauradores'. Meine Beitrag bezieht sich spezifisch auf das Verhaeltnis Griechenland - Deutschland und die griechischen Ansprueche sind vom Londoner Abkommen von 1953 nicht abgedeckt. Griechenland hat bisher nie auf diese Ansprueche verzichtet. Zitat von restauradores: 'sind Deutschland bis zu 70% aller Schulden erlassen worden. Verhandlungspartner waren die USA, GB und F, Länder wie Griechenland, Portugal, Spanien, Italien haben an den Verhandlungen nicht teilgenommen die Verträge aber mit unterzeichnet.' Ende Zitat . Griechenlands unbefriedigte Ansprueche gehen auf den Beginn des ersten Weltkrieges zurueck. Griechische Handelsschiffe wurden vor Griechenlands Eitnritt in den WKI versenkt oder beschaedigt. Die Nachfolger des Deutschen Reiches muessen nun Entschaedigung Zahlen. Die Geschichte kam 1972 vor ein internationals Schiedsgericht und der Bericht bestaetigt die griechischen Position und weist beide Parteien an die Sache durch ernsthafte Verhandlungen zu loesen. Es scheint mir als waere die Bundesrepublik ihren Verpflichtungen nicht nachgekommen. Wer die ganze verzettelte Geschichte lesen will kann sie auf dem Internet, siehe unter. Ich kann mich des Verdachtes nicht verwehren dass diese Ansprueche von deutscher Seite her verzettelt werden. Moeglicherweise sind die Waehrungsverhaeltnisse und der darin untergebrachte Goldwert dafuer verantwortlich. Aber - sollte meine Meinung richtig sein, und das ist nicht sicher, DANN HAT DIE BUNDESREPUBLIK GERADE EINE GELEGENHEIT VERPASST DIESES UNGEKLAERTE KAPITEL DER DEUTSCHEN GESCHICHTE ENDLICH ABZUWICKELN. Quelle: Reports of Interantional Arbitral Awards Claims arising out of decisions of the Mixed Graeco-German Arbitral Tribunal set up under Article 304 in Part X of the Treaty of Versailles (between Greece and the Federal Republic of Germany) 26 January 1972 Volume XIX pp. 27-64 http://untreaty.un.org/cod/riaa/cases/vol_XIX/27-64.pdf
frubi 10.02.2012
4. .
Zitat von sysopAFPDie Euro-Finanzminister sind mit dem Athener Sparplan nicht zufrieden, immer offener wird über einen Staatsbankrott debattiert. Wie viel würde eine Griechen-Pleite jeden einzelnen Deutschen kosten? SPIEGEL ONLINE hat nachgerechnet. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,814477,00.html
Als ob mir jemand in den Geldbeutel greifen und dort Geld entwenden würde. Gehts noch, Spon? Die Summe geht doch auf die Staatsschulden und diese sind doch mitlerweile so hoch, dass ich (Jahrgang 86) nicht mehr erleben werde, dass der Schuldenstand auf 0 € sinken wird. Von daher...... wayne interessierts?
cato. 10.02.2012
5. ...
Zitat von sysopAFPDie Euro-Finanzminister sind mit dem Athener Sparplan nicht zufrieden, immer offener wird über einen Staatsbankrott debattiert. Wie viel würde eine Griechen-Pleite jeden einzelnen Deutschen kosten? SPIEGEL ONLINE hat nachgerechnet. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,814477,00.html
Als das erste Mal die Experten Griechenlands Staatsbankrott gefordert haben unterstützt von dem aufgeklärten Teil der Bevölkerung wären die Kosten deutlichst niedriger für Deutschland gewesen - doch auch heute gilt, dass ist der einzig gangbare Weg und noch halbwegs günstig. Insofern keine neuen Kredite für Griechenland.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.