Harvard-Professor Rogoff "Krisenländer sollten sich stärker verschulden können"

Kenneth Rogoff gilt als Kritiker hoher Staatsschulden. Dennoch spricht er sich jetzt dafür aus, dass sich Euro-Länder stärker verschulden, um ihr Wachstum anzukurbeln. Von den Deutschen erwartet er direkte Hilfen für die Krisenstaaten.

Starökonom Rogoff: "Sehr schwer, eine Ehe von außen zu verstehen"
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Starökonom Rogoff: "Sehr schwer, eine Ehe von außen zu verstehen"

Ein Interview von


Zur Person
Kenneth Rogoff (Jahrgang 1953) ist ein führender US-Ökonom. Er unterrichtet seit 1999 an der Harvard University. Von 2001 bis 2003 war er Chefvolkswirt beim Internationalen Währungsfonds. Rogoff galt lange als Mastermind der europäischen Sparpolitik - bis ein Student ihm einen Rechenfehler nachwies. Der Wissenschaftler sprach von einer "Hexenjagd" gegen sich.
Berlin - Kenneth Rogoff hat einen beeindruckenden Lebenslauf. In jungen Jahren war er ein begabter Schachspieler, der bereits mit Anfang 20 den Titel eines Großmeisters errang. Ähnlich erfolgreich verlief seine Karriere als Ökonom, die ihn unter anderem als Chefvolkswirt zum Internationalen Währungsfonds und an die Elite-Uni Harvard führte.

Über seine Disziplin hinaus bekannt wurde Rogoff aber erst 2010 durch eine Studie, die er mit seiner Kollegin Carmen Reinhart durchführte. Darin kamen die Wissenschaftler zum Schluss, dass Staatsschulden ab einem Wert von rund 90 Prozent das Wirtschaftswachstum verlangsamen. Diese 90-Prozent-Schwelle wurde seitdem von vielen Politikern als Argument für einen harten Sparkurs ins Feld geführt. Entsprechend heftig waren die Reaktionen, als drei US-Forscher Rogoff und Reinhart fehlerhafte Berechnungen vorwarfen. Die Wissenschaftler räumten einen Fehler ein, der aber nichts an ihrer grundsätzlichen Aussage ändere.

Gefragt ist Rogoff weiterhin, schließlich ist Staatsverschuldung nach wie vor ein großes Thema. Beim EU-Gipfel wird gerade die Forderung diskutiert, die Verschuldungskriterien für Mitgliedsländer zu lockern, damit diese mehr Raum für Investitionen und Wachstum haben. Da passte es gut, dass Rogoff gerade auf Einladung der von Arbeitgebern finanzierten Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft in Berlin eine "Ludwig-Erhard-Lecture" hielt.

Wer von Rogoff aber nur eiserne Sparappelle erwartet hatte, wurde enttäuscht. Der Amerikaner betont zwar, dass Konjunkturpakete auf Dauer keine Reformen ersetzen könnten. Doch im Interview macht er auch deutlich, dass eine höhere Neuverschuldung sinnvoll sein kann, um eine lahmende Wirtschaft anzutreiben. Mit konkreten Handlungsanweisungen an die EU ist der Ökonom dennoch vorsichtig. "Es ist sehr schwer, eine Ehe von außen zu verstehen", scherzte er in Berlin.

Nach seiner "Ludwig-Erhard-Lecture" sprach Rogoff in Berlin mit SPIEGEL ONLINE.

SPIEGEL ONLINE: Frankreich und Italien fordern eine Lockerung des Stabilitätspakts, um ihre Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Was halten Sie davon?

Rogoff: Ein ideales System würde in der Rezession höhere Defizite ermöglichen, aber im Aufschwung zumindest leichte Haushaltsüberschüsse erfordern. Zudem wäre es sinnvoll, neue Schulden für Investitionen in vielversprechende Infrastruktur zu erlauben. Aber ein solches System erfordert Vertrauen. Ich denke, es wäre gut, wenn sich die Peripherieländer stärker verschulden könnten. Aber das bedeutet ein gewisses Risiko für Deutsche und andere Nordeuropäer.

SPIEGEL ONLINE: Was sollten Frankreich und Italien im Gegenzug tun?

Rogoff: Sie brauchen definitiv Strukturreformen, vor allem auf dem Arbeitsmarkt. Die könnten natürlich leichter umzusetzen sein, wenn die Finanzpolitik nicht zugleich verschärft wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen auch, dass Krisenländer idealerweise einen Teil ihrer Schulden abgeschrieben hätten. Wäre das nicht ein gefährliches Signal für die Sparmoral?

Rogoff: Ich bin mir nicht sicher, ob die Länder unter den jetzigen Bedingungen alle Schulden zurückzahlen können. Ich sage seit langem, dass für Deutschland mehr Großzügigkeit gegenüber der Peripherie eine gute Investition gewesen wäre. Aber ich kann die Gegenargumente sehr gut verstehen.

SPIEGEL ONLINE: In ihrem berühmtesten Buch "Dieses Mal ist alles anders" beschreiben Sie, wie Experten vor Krisen immer wieder fälschlicherweise behauptet haben, diesmal hätten sich die Rahmenbedingungen verändert. Erleben wir das derzeit schon wieder? Schließlich sind die Zinsen seit langem extrem niedrig, zum Teil sogar negativ.

Rogoff: Ich glaube, die Negativzinsen sind vor allem eine Folge der Finanzkrise. Sie waren vorher schon niedrig, sind danach aber noch tiefer gesunken. Ich denke, das liegt zum Teil an schwacher Nachfrage, aber auch an latenter Angst vor einer neuen Krise, in der die Aktienmärkte abstürzen könnten. Ich glaube nicht, dass es gut wäre, wenn Zentralbanken die Zinsen vorzeitig erhöhen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Rede haben Sie betont, dass Sie in ihren Arbeiten nie für Sparsamkeit geworben hätten. Es gab vor einiger Zeit eine Debatte um angebliche Fehler in Ihren Berechnungen…

Rogoff: Das war eine absolute Verleumdungskampagne. Wir haben nicht über Sparsamkeit geschrieben, sie kommt weder in unserem Buch, noch in unseren Studien vor. Das ist in dieser Kampagne untergegangen.

SPIEGEL ONLINE: Aber ob es Ihnen gefiel oder nicht: Viele Politiker haben Ihre Arbeiten als Argument für Sparsamkeit verwendet, auch in der Eurokrise. War es Ihnen unangenehm, wenn sich beispielsweise Finanzminister Wolfgang Schäuble oder sein britischer Amtskollege George Osborne auf Sie berufen haben?

Rogoff: Ich habe nicht alle Aussagen verfolgt und kommentiere generell nicht einzelne Statements von Politikern. Aber natürlich haben stark steigende Schulden langfristige Auswirkungen, selbst wenn sie kurzfristig absolut notwendig sein sollten. Außerdem wurde unsere Arbeit von beiden Seiten zitiert. So haben die Obama-Regierung und Bill Clinton sie als Beleg dafür genannt, warum die Erholung nach der Krise so schleppend verlief und deshalb Defizite möglicherweise unvermeidbar seien. Das schien im Großen und Ganzen korrekt, aber auch in dem Fall haben wir uns nicht weiter eingemischt. Es ist sehr schwierig, wenn man kein regelmäßiger Blogger oder politischer Kommentator ist und von allen Seiten zitiert wird. Wir sind Forscher.

SPIEGEL ONLINE: In einem Kommentar für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" haben Sie gerade aber zurückgeschlagen. Da werfen Sie "Ultra-Keynesianern" eine "skrupellose Schmutzkampagne gegen Befürworter eines langfristigen Ausstiegs aus der Schuldenspirale" vor.

Rogoff: In meinem Stück ging es mir um den Vorwurf, dass Deutschland selbst in der Krise viel mehr Geld hätte ausgeben sollen, um der Peripherie zu helfen. Das hätte China oder den USA mehr gebracht als den Ländern der europäischen Peripherie, die vergleichsweise wenig nach Deutschland exportieren. Für die wären direkte Transfers sinnvoller gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Sollten sich die Deutschen daran gewöhnen, dass solche Transfers zur Europäischen Union dazugehören?

Rogoff: Es ist schwer vorstellbar, eine politische Union zu haben, die nicht so funktioniert. Soweit ich weiß, hat auch Bayern früher Geld bekommen und überweist heute selbst Geld an andere Bundesländer. Wenn das Leben lang genug ist, kann sich so etwas umkehren.

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Seite 1
Observer 27.06.2014
1. Wahrscheinlich
hat er sich schon wieder verrechnet.
hobbyleser 27.06.2014
2. Bretton-Woods
Die Schuldenkrise ist ja nur ein Aspekt. Wirklich entscheidend wird sein, die entfesselten Kapitalmärkte in die Schranken zu weisen und das Bretton-Woods-System einzuführen. Diese System hat uns in den Nachkriegsjahren vor ökonomischen Krisen bewahrt und erst nach dessen Abschaffung kamen die großen Krisen.
motzki687 27.06.2014
3. Macht mehr Schulden
und die Anderen sollen zahlen! Auf dieser Basis geht die EU vor die Hunde. Die anstehenden Verteilungskämpfe auch in Deutschland werden diese Gedanken ad absurdum führen! Zumal die Rahmenbedingungen ganz Andere sind. Der Vergleich mit Bayern ist schlicht daneben!
muellerthomas 27.06.2014
4.
Der Rechenfehler ist m.E. weniger ein Problem als der unterstellte Kausalzusammenhang. Schaut man sich die Staaten nit mehr als 90% Staatsschulden und geringem BIP-Wachstum genauer an, sieht man, dass in den allermeisten Fällen nicht die hohen Schulden die Ursache für das nierdrige Wachstum sind, sondern eher umgekeht oder dass für beides eine dritte Ursache verantwortlich ist. In Japan etwa war erst das Wachstum schwach und dann sind die Staatsschulden gestiegen, in den USA zwischen 1945 und 1950 war der Weltkrieg für den Schuldenanstieg verantwortlich und die Demobilisierung dann für kurzzeitig schwaches Wachstum.
volker_morales 27.06.2014
5. Falscher Ansatz
Richtiger wäre es die internationalen Schwarzgeldvermögen unter Beschuss zu nehmen und zu konfiszieren. Leider haftet immer nur der Ehrliche für die Verwerfungen des internationalen Spielcasinos.
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