Standard & Poor's Rating-Gigant straft Italien ab

Standard & Poor's misstraut Italiens Strategien im Kampf gegen die Schuldenkrise: Die Rating-Agentur hat das Land herabgestuft, die Reformen und Sparvorschläge der Regierung Berlusconi reichten nicht aus. In Fernost fallen die Börsenkurse, auch der Euro verliert.

Italiens Regierungschef Berlusconi: Rüge von der Rating-Agentur
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Italiens Regierungschef Berlusconi: Rüge von der Rating-Agentur


London/New York/Athen - Für Italien ist es ein neuer Tiefschlag mitten in der Schuldenkrise: Die Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) hat die Kreditwürdigkeit des Landes von "A+" auf "A" herabgestuft. Damit nicht genug: Der Ausblick sei "negativ", teilte S&P in der Nacht zum Dienstag in London mit.

Die Herabstufung spiegele die schlechter werdenden Wachstumsaussichten für Italiens Wirtschaft wider, begründete S&P den Schritt. Die zuletzt verabschiedeten Reformen der Regierung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi reichen demnach nicht aus, um gegenzusteuern. Den Verantwortlichen in Rom bescheinigte die Rating-Agentur eine mangelnde Handlungsfähigkeit.

Die Folgen könnten gravierend sein, wegen der Herabstufung drohen nun höhere Zinsen bei der Aufnahme neuer Kredite. Je schlechter die Kreditwürdigkeit, desto größer erscheint die Gefahr, dass Gläubiger ihr Geld nicht wiedersehen. Dieses Risiko lässt sich der Geldgeber durch höhere Zinsen bezahlen.

"Anhaltende politische Unsicherheit"

"Was wir als die zaghafte Antwort auf den jüngsten Druck der Märkte betrachten, legt eine anhaltende politische Unsicherheit bezüglich des Umgangs mit den wirtschaftlichen Herausforderungen nahe", schrieb der geschäftsführende S&P-Direktor David Beers. Die Agentur gehe davon aus, dass mit der aktuell reduzierten wirtschaftlichen Aktivität die von der Regierung vorgegebenen Sparziele nur schwer erreicht werden könnten. Die Prognose für die jährliche Wachstumsrate bis 2014 änderte S&P von 1,3 Prozent auf 0,7 Prozent.

Wegen Zweifeln an seiner Haushaltspolitik steht Italien seit dem Frühsommer unter erheblichem Druck der Finanzmärkte. Die Verschuldung liegt bei 120 Prozent des Bruttosozialprodukts und ist damit eine der höchsten in der EU. In der vergangenen Woche stimmte die Regierung einem Sparpaket über 54 Milliarden Euro zu. Erst am Freitag hatte auch die Rating-Agentur Moody's damit gedroht, Italien trotz der zuletzt verabschiedeten Sparpakete herabzustufen. Moody's bewertet Italien in seinem eigenen Rating-System mit "Aa2" - und damit deutlich besser als S&P. Hier fällt voraussichtlich im nächsten Monat die Entscheidung.

An den asiatischen Devisenmärkten gab der Euro am Dienstag als Reaktion auf das S&P-Votum um über einen halben US-Cent nach auf 1,3606 Dollar. Die Tokioter Börse fiel im frühen Handel um 1,6 Prozent. "Immer noch mehr von denselben schlechten Nachrichten", sagte Nomura-Volkswirt Stephen Roberts in Sydney. Dadurch steige die Ansteckungsgefahr in der Krise. Dies treibe die Anleger in sichere Anlagen.

Griechenland kämpft um die nächste Finanzspritze

Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht neben Italien vor allem Griechenland. Der Euro-Schuldensünder braucht dringend neue Finanzspritzen der Geldgeber EU-Kommission, Europäische Zentralbank ( EZB) und Internationaler Währungsfonds ( IWF). Sollte die sogenannte Troika der Regierung in Athen nicht die erforderlichen Reformfortschritte bescheinigen, ist die nächste milliardenschwere Hilfstranche in Gefahr - und dem Land droht die Staatspleite.

Angesichts der drohenden Insolvenz kämpft die griechische Regierung mit aller Macht um die dringend benötigten Milliarden aus dem Hilfsprogramm von EU und vom IWF. Ministerpräsident Georgios Papandreou erwägt einem Medienbericht zufolge einen Volksentscheid über den Verbleib in der Euro-Zone. Damit könnte der Premier auf den steigenden Druck von Gläubigern und Demonstranten reagieren und eine Stärkung der Regierung bei der Bewältigung der Schuldenkrise erreichen. Das berichtete die englischsprachige Zeitung "Kathimerini" am Dienstag auf ihrer Internetseite. In den kommenden Tagen solle ein Gesetzesvorschlag diskutiert werden, der den Weg für ein solches Referendum ebnet.

Sein Finanzminister Evangelos Venizelos zeigte sich am Montag zu harten Einschnitten bereit. Dazu gehört nach seinen Worten auch die Schließung von unrentablen Unternehmen, die von staatlichen Subventionen abhängen - bis zum Jahresende. Am Abend hatte Venizelos telefonisch mit der Troika-Vertretern verhandelt.

Er will die Missionschefs bewegen, ihre Arbeiten in Athen wieder aufzunehmen. Nach dem überraschend schnellen Ende der Telefonkonferenz bewertete sein Ministerium die Gespräche als "substantiell und produktiv". Ein Sprecher des Athener Außenministeriums sagte der Nachrichtenagentur dpa am späten Montagabend: "Die Gespräche sind gut gelaufen. Wir sind zufrieden und zuversichtlich, dass sie gut abgeschlossen werden".

"Wir wollen eine volle Erfüllung der vereinbarten Ziele"

Nach Angaben des Ministeriums und der EU-Kommission sollen die Verhandlungen am Dienstagabend fortgesetzt werden. Weitere Details wurden zunächst nicht bekannt. Die Troika-Delegation hatte die Regierung Anfang September aufgefordert, noch mehr für die Sanierung der Staatsfinanzen zu tun und war überraschend ohne positives Votum aus Athen abgereist. Die Hängepartie belastete am Montag auch den Euro sowie die Aktienmärkte.

Die EU-Kommission dringt gegenüber dem hochverschuldeten Griechenland auf die vereinbarten Spar-, Reform- und Privatisierungsziele, wie ein Sprecher von EU-Währungskommissar Olli Rehn am Montag in Brüssel bekräftigte. "Falls es Unzulänglichkeiten geben sollte, müssen weitere Maßnahmen ergriffen werden." Zugleich trat der Sprecher Spekulationen entgegen, wonach die EU von sich aus mehr von Athen verlange: "Wir wollen eine volle Erfüllung der vereinbarten Ziele - nicht mehr, nicht weniger."

Aus Kreisen des Finanzministeriums hieß es, die Troika fordere die Einhaltung längst gegebener Zusagen. So sollen rund 50.000 Staatsbedienstete sofort und weitere 100.000 bis 2015 entlassen werden. 117 Betriebe, die vom Staatshaushalt unterstützt werden, müssen so bald wie möglich schließen. Zentrale weitere Maßnahme für die Sanierung der Staatsfinanzen soll die bereits angekündigte Immobilien-Sondersteuer sein.

suc/dapd/dpa/Reuters



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insgesamt 132 Beiträge
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bleifuß 20.09.2011
1. ...
Mhhh kaum wurden die Forderungen vom amerikanischen Finanzminister nicht akzeptiert. Gibt es ein paar Tage später die Herabstufung. Italiens Finanzproblem wird Deutschland, den finanziellen Todesstoß verpassen.
peterhausdoerfer 20.09.2011
2. Italien ist eines der reichsten Länder Europas
Zitat von sysopStandard & Poor's misstraut Italiens Strategien im Kampf gegen die Schuldenkrise: Die Rating-Agentur hat das Land herabgestuft, die Reformen und Sparvorschläge der Regierung Berlusconi reichten nicht aus. In Fernost fallen die Börsenkurse, auch der Euro verliert. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,787211,00.html
mit einem Pro Kopf Vermögen von 130,000 Euro. Eine einmalige "Steuer Nachzahlung" von 5% auf das Vermögen würde die Verschuldung des Staates auf 100% GDP senken. Für Hr. Berlusconi wären das 300 Mio Euro, er könne mal mir gutem Beispiel Vorangehen und hätte immer noch fast 6 MRD Euro. Das Problem wäre über Nacht gelöst.
peterhausdoerfer 20.09.2011
3. Eine Steuernachzahlung ist sinnvoll
Zitat von sysopStandard & Poor's misstraut Italiens Strategien im Kampf gegen die Schuldenkrise: Die Rating-Agentur hat das Land herabgestuft, die Reformen und Sparvorschläge der Regierung Berlusconi reichten nicht aus. In Fernost fallen die Börsenkurse, auch der Euro verliert. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,787211,00.html
in grossen Teile Europas weil ganz einfach die letzten Jahre nicht genug Steuern gezahlt wurden. Dazu gibt es zwei Varianten: 1. Rekapitalisierung der Staaten unter geordneten Verhältnissen also in Form einer Abgabe oder eines zinslosen Kredits an den Staat währen die Wirtschaft noch rund läuft. 2. Ungeregelte Rekapitalisierung des Staates durch Bankrott bzw. "Vermögensabgabe" durch Schäden am Vermögen durch eine Wirtschaftskrise. Variante 1 ist wesentlich wirtschaftlicher.
cyberjones12 20.09.2011
4. Dann sollte eben Deutschland helfen...
nun, wir können ja auch noch Italien unter die Arme (vielleicht sollten wir arme klein schreiben) greifen.
STS70 20.09.2011
5. Mama mia
Asiatische Märkte halten die Füße still und fallen nur leicht, so wie ich den DAX kenne wird er einbrechen, heute sehen wir sie also, die 4800. Spätestens bei Null ist Schluß.
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