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Starökonom Hans-Werner Sinn: "Der Griechenland-Plan ist illusionär"

Europas Finanzminister wollen das zweite Rettungspaket für Griechenland absegnen. Doch Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn warnt im SPIEGEL-ONLINE-Interview: Das Geld werde nicht dem Land helfen, sondern nur den internationalen Banken. Man solle damit lieber den Austritt aus der Euro-Zone finanzieren.

Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn: Geld der Euro-Staaten wird Griechenland nicht retten Zur Großansicht
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Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn: Geld der Euro-Staaten wird Griechenland nicht retten

SPIEGEL ONLINE: Die Finanzminister der Euro-Zone wollen an diesem Montag über ein neues Rettungspaket für Griechenland entscheiden. Es geht um weitere 130 Milliarden Euro. Kann das Geld Griechenland retten?

Sinn: Nein, und das wissen die Politiker auch. Aus ihrer Sicht geht es darum, Zeit bis zur nächsten Wahl zu gewinnen. Aus meiner Sicht verlieren wir damit Zeit.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Sinn: Weil Griechenlands Außenschulden mit jedem Jahr, das bis zum Austritt aus der Währungsunion verstreicht, weiter anwachsen. Wir entfernen uns immer weiter von der Lösung des Problems. Das Grundproblem ist, dass Griechenland nicht wettbewerbsfähig ist. Die billigen Kredite, die der Euro dem Land gebracht hat, haben die Preise und Löhne künstlich erhöht - und von diesem hohen Niveau muss das Land runter.

SPIEGEL ONLINE: Sollten die Euro-Staaten die Hilfen also besser nicht bewilligen?

Sinn: Sie sollten ihnen das Geld geben, um den Austritt aus der Währungsunion zu erleichtern. Der griechische Staat könnte mit dem Geld die Banken des Landes verstaatlichen und den Staat vor dem Kollaps bewahren. Bei all den Turbulenzen, die so ein Austritt mit sich bringt, müssen Staat und Banken weiter funktionieren.

SPIEGEL ONLINE: Diese Turbulenzen würden auch die griechische Bevölkerung hart treffen.

Sinn: Ja, da darf man sich nichts vormachen. Aber die Turbulenzen wären nur temporär, sie würden vielleicht ein bis zwei Jahre dauern. Diese Zeit müsste man mit dem Geld der Staatengemeinschaft überbrücken. Die Drachme wird sich aber sofort abwerten, und die Lage wird sich dann sehr schnell wieder stabilisieren. Nach einem kurzen Gewitter scheint die Sonne wieder.

SPIEGEL ONLINE: Was würde der Austritt dem Land konkret bringen?

Sinn: Es würde wieder wettbewerbsfähig. Weil griechische Produkte schlagartig billiger würden, würde die Nachfrage umgelenkt, weg vom Import und hin zu eigenen Waren. Die Griechen würden ihre Tomaten und ihr Olivenöl dann nicht mehr aus Holland und Italien, sondern von den eigenen Bauern kaufen. Auch die Touristen, denen das Land in den vergangenen Jahren zu teuer war, kämen zurück. Und es flösse neues Kapital ins Land. Die reichen Griechen, die zig, wenn nicht hunderte von Milliarden Euro in der Schweiz deponiert haben, fänden es angesichts der gesunkenen Immobilienpreise und Löhne wieder interessant, in ihrem eigenen Land in Arbeitsplätze zu investieren.

SPIEGEL ONLINE: Bedeutet ein Austritt aus der Währungsunion auch einen Bankrott des Landes?

Sinn: Nein, umgekehrt. Der Bankrott erzwingt den Austritt. Die Griechen werden sofort austreten, wenn sie von der Staatengemeinschaft kein Geld mehr bekommen, denn der Konkurs ist im Euro-System nicht zu bewältigen. Der Staat wäre insolvent, das Bankensystem auch. Der gesamte Zahlungsverkehr würde zusammenbrechen. Das Chaos kann nur dann einigermaßen vermieden werden, wenn Griechenland austritt und die neue Währung sofort abwertet.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das, man sollte die Griechen zum Austritt zwingen?

Sinn: Nein, niemand soll irgendwen zwingen. Aber Griechenland hat auch nicht das Recht auf dauerhafte Alimentation durch die anderen Euro-Staaten, und die Gläubiger Griechenlands haben keinen Anspruch auf Rückzahlung der Schulden durch die Staatengemeinschaft. Jeder muss sich seinen Lebensstandard selbst verdienen, und wer am Risiko verdienen will, muss es auch tragen.

SPIEGEL ONLINE: Bräuchte man bei einem Austritt trotzdem noch die harten Sparpakete in Griechenland?

Sinn: Was man Sparen nennt, ist in Wahrheit nur eine Verringerung des Schuldenzuwachses. Der Ökonom spricht erst dann von Sparen, wenn man Schulden tilgt. Davon kann in Griechenland noch lange nicht die Rede sein. Richtig ist aber, dass Griechenland sich so an den billigen Kreditfluss aus dem Ausland gewöhnt hat, dass es politisch unmöglich ist, die Preise des Landes durch Lohnkürzungen so weit zu senken, dass es konkurrenzfähig wird.

SPIEGEL ONLINE: Wie stark müsste man dazu kürzen?

Sinn: Die griechischen Güter müssten um 30 Prozent billiger werden, um mit der Türkei aufzuschließen. Das geht nur durch Austritt und Abwertung. Ohne Abwertung müsste man Millionen von Preislisten und Lohnkontrakten umschreiben. Das würde die Gewerkschaften radikalisieren und das Land an den Rand des Bürgerkriegs treiben. Außerdem würden die Firmen der Realwirtschaft in den Konkurs getrieben, weil ihre Vermögenswerte fallen, während ihre Bankschulden bleiben. Die Bankschulden kriegt man nur durch Abwertung runter. Der Plan, Griechenland im Euro radikal zu sanieren, ist illusionär.

SPIEGEL ONLINE: Warum beharren die Euro-Staaten dann so darauf?

Sinn: Es geht hier gar nicht so sehr um das Land. Die Griechen werden von den Banken und Finanzinstituten von der Wall Street, aus London und Paris als Geisel genommen, damit das Geld aus den Rettungspaketen weiter fließt - nicht nach Griechenland, sondern in ihre eigenen Taschen.

SPIEGEL ONLINE: Was ist mit den Ansteckungseffekten, die eine Pleite oder ein Austritt mit sich bringen würden? Die Finanzmärkte würden womöglich darauf spekulieren, dass es anderen Ländern ähnlich ergeht wie Griechenland.

Sinn: Es würde vielleicht Ansteckungseffekte geben. Aber ich halte das Argument für instrumentalisiert von Leuten, die um ihr eigenes Geld fürchten. Es heißt immer "die Welt geht unter, wenn Ihr Deutschen nicht zahlt". In Wahrheit gehen nur die Vermögensportfolios einiger Investoren unter.

Das Interview führte Stefan Kaiser

Hans-Werner Sinn ist Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München sowie Direktor des Center for Economic Studies (CEP).

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insgesamt 174 Beiträge
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    Seite 1    
1. "Star"ökonom
Systemrelevanter 20.02.2012
"Starökonom"! Herrlich, ist das ein ironischer Anflug? Weder die Branche, noch Vertreter dieser würde wohl sonst jmd. für "Star"-tauglich halten. Nagut, ich werde gleich mal meinen Megastar-Buchhalter anrufen und fragen, ob er heute noch Zeit für einen Jahresabschluss-Gick hat.
2. Wo er recht hat, hat er recht.
Very Serious Sam 20.02.2012
Nur leider leider ist die Bundesregierung ebenso wie die Regierungen der anderen Eurozonenländer dermaßen dem Diktat der Finanzmafia unterworfen, dass die den hunderten von verschwendeten Milliarden von Steuergeldern weitere hinterherwerfen werden, koste es die Bürger / Steuerzahler, was es wolle.
3. Danke fuer die Klarstellung
tailspin 20.02.2012
Zitat: "Sinn: Nein, und das wissen die Politiker auch. Aus ihrer Sicht geht es darum, Zeit bis zur nächsten Wahl zu gewinnen. Aus meiner Sicht verlieren wir damit Zeit.....Weil Griechenlands Außenschulden mit jedem Jahr, das bis zum Austritt aus der Währungsunion verstreicht, weiter anwachsen. Wir entfernen uns immer weiter von der Lösung des Problems." Was ich schon immer vermutet habe: Fuer diese Politiker geht Eigennutz vor Problemloesung. Das was wahrscheinlich schon immer so bis auf ein paar lichte Momente in praehistorischen Zeiten, und es wird sich wohl auch nicht mehr aendern.
4. xxx
Dumpfmuff3000 20.02.2012
Zitat von sysopDDPEuropas Finanzminister wollen das zweite Rettungspaket für Griechenland absegnen. Doch Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn warnt im SPIEGEL-ONLINE-Interview: Das Geld werde nicht dem Land helfen, sondern nur den internationalen Banken. Man solle damit lieber den Austritt aus der Euro-Zone finanzieren. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,816291,00.html
Da ist ja geradzu ketzerisch, was Herr Sinn da sagt. Ist der Kommunist? Nicht daß man dem noch ein widerborstiges Zimmermädchen vorbeischickt.
5. Die Stimme der Vernunft
so_nicht 20.02.2012
Zitat von sysopDDPEuropas Finanzminister wollen das zweite Rettungspaket für Griechenland absegnen. Doch Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn warnt im SPIEGEL-ONLINE-Interview: Das Geld werde nicht dem Land helfen, sondern nur den internationalen Banken. Man solle damit lieber den Austritt aus der Euro-Zone finanzieren. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,816291,00.html
Die Stimme der Vernunft - wenn sie doch gehört würde!
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Finanzkrise in Griechenland
Europa wird ungeduldig: Griechenland bekommt sein Schuldenproblem nicht in den Griff - inzwischen wird offen über eine geplante Insolvenz des Landes gesprochen. Doch ist das die Rettung für den Euro?

dapd
Was würde eine Pleite Griechenlands bedeuten? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:
Welche Folgen hätte eine Pleite Griechenlands?
Für die Euro-Zone wären die Folgen weitreichend: Die Gläubiger müssten ganz oder teilweise auf ihr Geld verzichten. Die Europäische Zentralbank etwa müsste Verluste auf die Staatsanleihen hinnehmen. Gleiches gilt für Geschäftsbanken oder Versicherer, die in griechische Staatsanleihen investiert haben. Das würde ihr Eigenkapital belasten. Allerdings haben die großen Banken im Ausland ihre Papiere schon zum Teil abgeschrieben.

Umstrittener sind die Folgen für Griechenland: Einige Ökonomen halten eine Pleite für die beste Option. Denn die Schuldenlast des Landes würde vermindert, die Zinsbelastung im Haushalt würde sinken, und die Tilgungsverpflichtungen dürften abnehmen. Als endgültige Lösung für die Schuldenkrise gilt eine Pleite aber keineswegs, denn die Griechen müssten ihre laufenden Ausgaben trotzdem ihren Einnahmen anpassen. Sonst häufen sie weiter Schulden an. Der Teufelskreis wäre nicht durchbrochen. Außerdem blieben griechische Banken bei einer Pleite auf Forderungen sitzen. Das Bankensystem im Land könnte kollabieren.
Wäre ein Austritt aus der Euro-Zone sinnvoll?
Die konkreten ökonomischen Folgen eines Austritts Griechenlands aus der Euro-Zone sind schwer vorhersehbar. Viele Experten sind sich aber sicher, dass die Auswirkungen für das Schuldenland und andere Staaten des Währungsraums verheerend wären.
Für Griechenland könnte es der wirtschaftliche Zusammenbruch sein. Ohne Euro müsste das Land wieder seine alte Währung Drachme einführen, die vermutlich eine drastische Abwertung erfahren würde. Über billigere Produkte würde dies zwar der internationalen Wettbewerbsfähigkeit Athens zugutekommen. Viel schwerwiegender wäre aber, dass zugleich die in Euro aufgenommenen Altschulden drastisch steigen würden. Das wäre allerdings nicht der Fall, wenn es vorher zu einer Pleite gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass das Land seine Staatsausgaben mangels Kreditfähigkeit nur aus seinen Einnahmen finanzieren könnte. Die Folge wäre ein vermutlich noch viel stärkerer Abschwung als bisher.

Auch für die Euro-Zone hätte ein Austritt mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit verheerende Folgen. An den Finanzmärkten würden wohl schnell andere finanzschwache Länder unter Druck geraten, der sogenannte Domino-Effekt könnte eintreten. Die Risikoaufschläge für Staatsanleihen entsprechender Länder würden drastisch steigen und die jeweiligen Länder ähnlich wie Griechenland an den Rand der Zahlungsunfähigkeit führen. Letztlich könnte so der gesamte Währungsraum ins Wanken geraten.
Gibt es eine Alternative zu Pleite und Austritt?
Wichtig ist vor allem, dass Athen seine Sanierungspläne einhält und keine neuen Schulden anhäuft: Der Staat muss verschlankt werden, die Steuerhinterziehung bekämpft, die Privatisierung von Staatseigentum muss weitergehen. Zudem muss das zweite Rettungspaket für Athen umgesetzt werden, das bis 2014 die Unabhängigkeit vom Kapitalmarkt garantiert und dem Land so Zeit für tiefgreifende Reformen geben soll.

Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 10,858 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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