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Starökonom in Berlin: Krisenorakel Krugman wettert gegen die Deutschen

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Er ist nicht irgendein Ökonom, sondern einer der renommiertesten der Welt. Bei einem Berlin-Besuch kritisiert der Nobelpreisträger Paul Krugman die deutsche Aufschwung-Rhetorik scharf - und warnt die Europäer: Die Krise ist noch lange nicht vorbei.

Paul Krugman an der Freien Universität Berlin: Kluger Keynesianer Zur Großansicht
Bernd Wannenmacher

Paul Krugman an der Freien Universität Berlin: Kluger Keynesianer

Berlin - Bereits mit seinem ersten Satz hat er das Publikum für sich gewonnen. Als ihn die Vorredner gelobt haben, hat Paul Krugman minutenlang an seinem Wasserglas herumgefingert. Jetzt steht endlich er, der Weltstar der Ökonomen, am Rednerpult. Der kleine Mann mit dem grauen Bart schaut hinauf in den großen Hörsaal. Kein Platz ist frei geblieben, die Studenten stehen auf den Stufen, ältere Zuhörer lehnen an der Wand. Und Krugman sagt: "An alle, die stehen: Setzen Sie sich lieber hin, es wird gleich ziemlich deprimierend."

Krugman ist nach Berlin gekommen, um über die Wirtschafts- und Finanzkrise zu reden. An der Freien Universität spricht er am Mittwoch über das mangelhafte Krisenmanagement, die seiner Meinung nach falsche Reaktion der Politik. Krugman ist Professor an der Eliteuniversität Princeton, Kolumnist in der "New York Times", Autor mehrerer Bestseller. Vor zwei Jahren hat er den Nobelpreis für Ökonomie gewonnen.

Angebot und Nachfrage stimmen an diesem Tag in Berlin-Dahlem. Um den Nobelpreisträger zu sehen, sind mehr als 600 gekommen, zu viele für den Hörsaal 1b in der Silberlaube, dem Hauptgebäude der Freien Universität. Eigentlich will Krugman über die Finanzpolitik der USA sprechen. Doch immer wieder warnt der 57-Jährige Europa und die Deutschen, dass man aus dem Gröbsten noch lange nicht raus sei. Wenn die Deutschen von einem Aufschwung sprechen, "dann ist das völlig voreilig", sagt Krugman.

Die Krise ist sein Lieblingsthema

Eine Viertelstunde, bevor er seine Schelte der westlichen Finanzpolitik beginnt, schleicht der Starökonom vor der Mensa umher, in seiner olivgrünen Regenjacke, über der Schulter baumelt ein Rucksack: Niemand erkennt den Nobelpreisträger. Krugman setzt sich an einen Tisch, klappt auf dem Schoß seinen Laptop auf und klickt sich durch eine Power-Point-Präsentation. Man sieht Balken, Säulen und eine Kurve, die am Ende steil nach unten fällt.

Die Krise.

Sie ist Krugmans Thema Nummer eins. In seinen Kolumnen und auch nun in Berlin. Die Jacke ist ausgezogen, jetzt steht er im Anzug am Rednerpult. Er spricht über die verfehlte Fiskalpolitik der US-Regierung. Er, der linksliberale Keynesianer, will eigentlich ein neues Konjunkturpaket, macht sich aber keine Illusionen über das politische Klima in diesem Herbst, in dem in den USA die Tea Party-Bewegung gegen jeden zusätzlichen Dollar Ausgaben der Regierung Sturm läuft. Er sagt: "Ich erwarte nicht mehr, dass sich die Obama-Regierung bei der Finanzpolitik bewegt. Schon gar nicht nach den Wahlen im November."

Krugman vergleicht die aktuelle Wirtschaftskrise mit der US-Krise der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts (!) und der Japan-Krise der vergangenen neunziger Jahre. Diese brach 1992 aus, und mit der Deflation kämpfe Japan bis heute. Die aktuelle Wirtschaftskrise könne einen ähnlich langen Atem haben.

Das sind sie also, die deprimierenden Aussichten. Krugman verkündet sie unaufgeregt. Eine Stunde redet der Ökonom. Er steht ruhig am Pult, lehnt sich mit dem Ellenbogen auf, spricht frei und locker. Dramatische Handbewegungen? Fehlanzeige. Ein Manuskript? Nicht zu sehen. Entspannt spricht Krugman von der "dramatischsten Krise seit langem".

Schwieriges Verhältnis zu Deutschland

Dann geht es um Europa und Deutschland. Krugman passt es überhaupt nicht, dass hier schon ein Aufschwung gefeiert wird. Ja, Deutschland habe einige gute Quartalsbilanzen gehabt. Und ja, mit der Arbeitslosigkeit sehe es gut aus. Aber: Das Bruttoinlandsprodukt sei immer noch unter Vor-Krisen-Niveau. "Ich weiß nicht, woher das Wachstum langfristig kommen soll", sagt Krugman. Die Binnennachfrage werde vernachlässigt. Und damit es dem exportabhängigen Deutschland nachhaltig gutgehe, müsse es Europa gutgehen. Wer behaupte, Deutschland sei raus aus der Krise, sei "völlig voreilig".

Er verweist auf die "massiven Probleme in Europa", die Rekord-Arbeitslosigkeit in Spanien - und die Krise in Griechenland. Die ist für Krugman bei weitem nicht vorbei. "Ich sehe nicht, wie die ganze Griechenland-Sache funktionieren soll", sagt Krugman salopp. Die Verschuldung steige weiter. "Und Irland ist ja auch ziemlich heikel", schiebt er hinterher. Die Euro-Krise ist für ihn nicht abgewendet.

Krugman, der Euro und Deutschland - das ist ein schwieriges Verhältnis. Schon in den Vormonaten hatte der Ökonom die Europäer und vor allem die Bundesregierung gescholten. Deutschland konzentriere sich nur auf die Stärkung seines Exports, lasse die Nachbarn nicht genug teilhaben. Die Bundesregierung spare zu viel, und Bundesbank-Präsident Axel Weber denke nur an die Gefahr der Inflation - auch im Hörsaal der Freien Universität kriegt Weber seine Breitseite ab. Weber sehe nur die Gefahr einer Inflation, die aber gar nicht bestehe.

Am Schluss beantwortet Krugman Fragen aus dem Publikum. Die Militärausgaben der USA? Ziemlich hoch, aber nicht das größte Problem. Der Handelskonflikt mit China? Darüber könnte er sich auslassen. Für seine Handelstheorie hat er den Nobelpreis gewonnen. Doch seine Fangemeinde in der ganzen Welt hat er, weil er komplizierte makroökonomische Zusammenhänge in kurze Sätze pressen kann. Er sagt ganz ruhig: "Ja, der wird sich verschärfen, sehr bald sogar."

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