Flüchtlingskinder als Unternehmer "Wir sind Rebellen"

Ihre Eltern flohen vor Krieg, Not, Verfolgung; ihre Kinder gründen Start-ups und probieren sich aus: Auffallend viele Flüchtlingskinder machen sich in Deutschland selbstständig. Was verbindet sie? Was macht sie erfolgreich?


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Sie studiert Wirtschaftsinformatik, organisiert Programmier-Workshops für Jugendliche, beschäftigt sich mit der technischen Umsetzung von Tradity, einem Börsenspiel für Schüler: Aya Jaff aus Nürnberg hat viel zu tun für eine 19-Jährige. Sie träumt von einem Auslandssemester in China und dem eigenen Start-up; ihre Helden sind die Gründer im Silicon Valley.

Aya Jaff vor ihrem Laptop: Traum vom Silicon Valley

Aya Jaff vor ihrem Laptop: Traum vom Silicon Valley

Der Vater hatte ihr Interesse an Computern geweckt, erzählt die Studentin: "Mein Papa hat immer den neusten Kram gekauft, und da musste ich ihm jedes Mal beim Installieren mit der Sprache helfen."

Denn noch etwas unterscheidet Aya Jaff von vielen Teenagerinnen: Sie ist ein Flüchtlingskind - ihre Eltern kamen 1996 aus dem Irak nach Deutschland, da war Aya ein Jahr alt. Ihr Vater arbeitet als Taxifahrer, die Mutter als Kassiererin. Beide mussten ihr Studium im Irak abbrechen, um zu fliehen.

Rund zwei Millionen Menschen beantragten in den Achtziger- und Neunzigerjahren in Deutschland Asyl. Die meisten Anträge wurden damals abgelehnt. Doch was wurde aus den Kindern derjenigen, die in Deutschland bleiben durften?

Migranten machen sich häufiger selbstständig

Es gibt über Flüchtlinge in Deutschland bisher kaum Studien. Der Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes unterscheidet zwischen Ausländern sowie Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund. Ob jemand als Flüchtling oder als Gastarbeiter ins Land kam, unterscheidet die Statistik nicht.

René Leicht forscht an der Universität Mannheim zu Migranten auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Sie machen sich ihm zufolge häufiger als Durchschnittsdeutsche selbstständig.

"Die Gründungsneigung von Personen mit Migrationserfahrung ist höher als die unter den Herkunftsdeutschen. Aber viele Migranten scheitern auch, weshalb die Quote im Selbstständigenbestand nicht höher als bei den Herkunftsdeutschen liegt, sondern ungefähr auf gleichem Niveau", erklärt er. Studien über Flüchtlinge, die sich selbstständig gemacht haben, gebe es bisher keine.

Die Geschichten von Flüchtlingen dürften sich stark unterscheiden je nach Herkunftsland und persönlicher Situation: Für manche war schnell klar, dass sie bleiben durften. Andere wurden Jahre oder sogar Jahrzehnte lang nur geduldet. Sie mussten stets damit rechnen, dass man sie irgendwann doch noch abschiebt. Solche Unsicherheit verleitet kaum dazu, sich auf Dauer etwas aufzubauen.

Wie die Fluchterfahrung junge Gründer prägt

Ein Herkunftsland sticht heraus, zumindest in der deutschen Start-up-Szene. Dort finden sich auffällig viele iranisch klingende Namen. Die jungen Männer und Frauen sind die Kinder derjenigen, die Iran nach der Islamischen Revolution 1979 verlassen haben.

"Meine Mutter hat vier Reisepässe geholt und vier Flugtickets zu meinem Onkel nach Frankreich. Dann sagte sie zu meinem Vater: 'Komm mit oder nicht', und ist mit mir und meinem kleinen Bruder geflogen", erinnert sich Ali Jelveh, 34, an die Flucht aus Iran. Er war damals drei Jahre alt. 1987 zog die Familie nach Hamburg.

Ali Jelveh mit "Maya", einem tragbaren Server
Protonet/ Paul Ripke

Ali Jelveh mit "Maya", einem tragbaren Server

Jelveh studierte Physik, weil er wissen wollte, wie die Welt funktioniert, und programmierte nebenbei, weil sich so Geld verdienen ließ. 2012 machte er sich mit einer Vision selbstständig: Datensicherheit und -hoheit für alle. Sein Unternehmen Protonet bietet Soft- und Hardware an, mit der Kunden ihr eigenes Netzwerk und einen eigenen Speicherplatz bekommen.

Die Flüchtlingserfahrung habe ihn geprägt, glaubt Ali Jelveh. "Plötzlich war alles anders, die Familie weg und ich hatte keine Kontrolle mehr über gar nichts. Ich bin bis heute sehr sensibel, was Kontrollverlust angeht. Ich will Selbstbestimmung und Unabhängigkeit - auch in der digitalen Welt."

"Wir sind Rebellen. Das zieht sich durch unser Leben und das unserer Eltern", sagt Bahman Nedaei, 32. Seine Eltern sind 1986 aus Iran nach Aachen geflohen. Mit Zahir Dehnadi, 32, hat er Navabi gegründet, einen weltweit führenden Onlinehandel für Frauenmode in Übergrößen. Zusammen wollen sie die gängigen Schönheitsideale der Modeindustrie aufmischen.

Bahman Nedaei und Zahir Dehnadi mischen die Modewelt auf
Ira Weinrauch

Bahman Nedaei und Zahir Dehnadi mischen die Modewelt auf

Die beiden Gründer lernten sich als Teenager beim Basketballspielen kennen. Ihre ähnliche Familiengeschichte ist Zufall. Dehnadis Vater hatte sich in Iran für mehr Rechte engagiert. Er, ein linker Aktivist, wurde nach der Revolution hingerichtet. Dehnadis Mutter floh mit ihrem Sohn 1989 nach Deutschland.

Warum, glauben die beiden, gibt es so viele iranischstämmige Flüchtlingskinder in der deutschen Start-up-Szene?

"Wir sind offen für Neues und Anderes, das hilft. Und unsere Eltern waren politische Flüchtlinge, sie waren gezwungen, ihr Land zu verlassen", sagt Zahir Dehnadi. Für die Geflohenen war klar: Sie mussten nach vorne schauen. Es gab für sie keine Hoffnung auf eine baldige Rückkehr.

"Egal was passiert, es gibt immer einen Weg"

Ein roter Faden zieht sich durch alle Gespräche mit den Flüchtlingskindern. Die jungen Unternehmer schöpfen aus ihrer Familiengeschichte Zuversicht und Mut.

"In Deutschland haben wir bei null angefangen", sagt Zahir Dehnadi. "Man würde das nicht glauben, aber eigentlich ist das genau der richtige Kontext: Es motiviert einen sehr stark, sich etwas aufzubauen. Ich weiß, dass meine Mutter zum Großteil wegen mir nach Deutschland gekommen ist, um mir eine bessere Zukunft zu ermöglichen."

Ali Jelveh sagt: "All das, was ich in Deutschland mittlerweile geschafft habe, habe ich nur geschafft, weil meine Mutter dieses große Risiko eingegangen ist."

"Wir mussten in Deutschland neu starten", erzählt die 19-jährige Aya Jaff. "Wenn ich jetzt sehe, was wir geschafft haben und welche Chancen ich in Deutschland habe - egal was noch passiert, ob ich irgendwann einmal ein Start-up an die Wand fahre oder nicht, es gibt immer einen Weg, wenn man nicht aufgibt."


Zusammengefasst: Migranten machen sich häufiger selbstständig als Herkunftsdeutsche. Manche Flüchtlinge scheinen die Risikobereitschaft ihrer Eltern zu übernehmen: Die Eltern haben alles hinter sich gelassen in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die Kinder wollen diesen Traum erfüllen.



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Spiegelleserin57 16.05.2015
1. perfekt!
sie sind kreativ und flexibel...und sie wissen sich auch in der in der Not zu helfen. Das unterscheidet sie von vielen Jugendlichen hier die Not nicht kennen, immer nur einen ein vorprogrammierten Weg kennen und auch wollen. Das ist nun mal in der Wirtschaft nicht immer gefragt. Wer starten will muss vor allem eins sein, flexibel. Außerdem haben die Flüchtlingskinder gelernt mit wenig zurecht zu kommen und auch mal die Ansprüche zurück zu schrauben und sie kennen ein sehr wertvollen Begriff: Gemeinsamkeit und gegenseitige Hilfe was bei uns hier oft Fremdwörter sind. Das macht sie sehr erfolgreich. Ich wünsche es ihnen von Herzen. Wer Karriere machen will soll es gerne tun...nicht der ausländische Hintergrund interessiert sondern der Erfolg!
Hanno3010 16.05.2015
2. Kann es...
...auch daran liegen, dass Flüchtlinge hier weniger Chancen, sprich keinen Job, bekommen und daher schon fast gezwungen sind, sich selbstständig zu machen?
perestroika 16.05.2015
3. Schön
Jedesmal wenn ich so etwas lese, bin ich doch ein bisschen Stolz auf unser Land (und natürlich auch auf die jungen Leute die sich selbst verwirklichen!!), dass Menschen, egal woher sie kommen, zumindest die Chance haben, etwas zu erreichen. Ich hoffe, dass das weiter so läuft und durch geeignete Networking Strukturen noch verbessert wird!
podbolski 16.05.2015
4. Ich kenne viele Einwanderer, die es geschafft haben , .....
sich hier eine Existenz aufzubauen . Vor allem Iraner , die nach dem Sturz des Schahregimes hiergeblieben sind ( Studenten ) . Das sind in der Regel die gut integrierten , gebildeten und ( ehemals ) wohlhabenden Schichten . Wie man aus zwei Beispielen allerdings schlussfolgern kann , daß das grundsätzlich auf alle Migranten anwendbar ist , erschließt sich mir nicht . Laut Mikrozensus 2014 haben z.B. von den Migranten aus der Türkei 21 % keinen Abschluss ( zum Vergleich : 1,6 % der Deutschen ohne Migrationshintergrund ) . Zahlen zu afrikanischen Migranten liegen meines Wissens nicht vor . Falls Sie dazu Zahlenmaterial vorliegen haben, bitte veröffentlichen .
b20a9 16.05.2015
5. Flüchtling ist nicht gleich Flüchtling
Ich kenne selbst viele Iraner, die hier erfolgreich in der Arbeitswelt angekommen sind. Ob nun selbstständig oder als Arbeiter, Taxifahrer etc. Einsatzbereit und fleißig, mehr als manch anderer Kollege. Respekt! Zudem höflich und freundlich. Sie scheinen Ihren Weg zu gehen. Woran liegt es, dass Andere nicht so gut integriert sind bzw. werden? (Ja, ich generalisiere etwas, aber so ist mein subjektiver Eindruck bzw. so sind meine persönlichen Erfahrungen)
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