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Statistik: Wer in Deutschland am ärmsten ist

Vater, Mutter, zwei Kinder: Die deutsche Idealfamilie muss sich die geringsten Sorgen um ihre Zukunft machen. Das Statistische Bundesamt benennt jetzt die wahren Armutsgruppen der Republik - und Vier-Personen-Haushalte schneiden am besten ab.

Essensausgabe: Als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens hat Zur Großansicht
DPA

Essensausgabe: Als arm gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens hat

Wiesbaden - Alleinlebend, Frau, arbeitslos: Das sind die häufigsten Armutsfaktoren in Deutschland. Das geht aus neuen Daten hervor, die das Statistische Bundesamt für eine europaweite Erhebung zusammengestellt hat.

Demnach sind 15,5 Prozent der Menschen in Deutschland arm oder armutsgefährdet, betroffen ist also etwa jeder Sechste. Die Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2008 und sind etwa genauso hoch wie im Vorjahr. 2007 waren 15,2 Prozent der Menschen in Deutschland arm.

Generell trifft Armut vor allem Arbeitslose, fast zwei Drittel haben unterdurchschnittlich viel Geld. Allerdings ist man auch mit einem Job nicht auf der sicheren Seite. Etwa jeder 15. Erwerbstätige gilt den Statistikern zufolge als arm oder armutsgefährdet (siehe Tabelle).

Wer am stärksten von Armut betroffen ist (2008)
Bevölkerungsgruppe Armutsrisiko in Prozent
Frauen 16,3
Männer 14,7
Über-65-Jährige 15,0
Alleinerziehende 37,5
Ein-Personen-Haushalte 29,3
Zwei-Personen-Haushalte 14,0
Vier-Personen-Haushalte 7,7
Erwerbstätige 6,8
Arbeitslose 62,0
insgesamt 15,5
Als armutsgefährdet gilt, wer von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung lebt. Quelle: Statistisches Bundesamt
Nach der EU-Definition gilt als armutsgefährdet, wer von weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung lebt. Demnach beginnt für einen Ein-Personen-Haushalt in Deutschland die Armut bei rund 930 Euro verfügbarem Geld im Monat. Für eine vierköpfige Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren liegt die Schwelle bei 1950 Euro.

Je nach Definition kommen andere Zahlen heraus

Überraschendes Ergebnis: Trotz der Kosten, die Kinder verursachen, sind Alleinlebende deutlich häufiger von Armut betroffen als Familien. Fast jeder dritte Ein-Personen-Haushalt gilt laut Statistischem Bundesamt als arm - dazu gehören zum Beispiel Witwen oder Studenten in Wohngemeinschaften. Bei Vier-Personen-Haushalten hingegen beträgt die Armutsquote nur knapp acht Prozent. Vater, Mutter, zwei Kinder: Wer in dieser klassischen Konstellation lebt, ist also laut Statistik seltener von Armut betroffen.

Rentner und Pensionäre liegen mit einem Anteil von 14,9 Prozent knapp unter dem deutschen Durchschnittswert. Bei Alleinerziehenden ist hingegen mehr als jeder Dritte arm.

Entscheidend ist auch das Geschlecht. Frauen sind in Deutschland häufiger armutsgefährdet als Männer. Dies gilt vor allem im Rentenalter: So haben 17 Prozent der Frauen ab 65 Jahren wenig Geld, aber nur 12,9 Prozent der Männer.

Für die Erhebung "Leben in Europa" sind in Deutschland 2009 fast 13.100 Haushalte mit mehr als 23.800 Personen ab 16 Jahren zu ihren Einkommen und Lebensbedingungen im Vorjahr befragt worden. Die Ergebnisse fließen in den deutschen Teil der europaweiten Datensammlung EU-SILC ein.

Zu einem etwas anderen Ergebnis war kürzlich der Mikrozensus gekommen. Die Befragung, die sich auf das Jahr 2009 bezog, hat eine Armutsquote in Deutschland von 14,6 Prozent ergeben. Die Schwelle zur Armut war dabei aber anders berechnet worden.

Im Sommer 2010 hatte das Statistische Bundesamt außerdem die Armutsverteilung in verschiedenen deutschen Städten untersucht. Auch hier wurden große Unterschiede deutlich. Armutshauptstadt ist demnach Leipzig, in München müssen sich die wenigsten Bürger Sorgen um ihre Finanzen machen (siehe Tabelle). Die jüngsten zur Verfügung stehenden Daten stammen aus dem Jahr 2008.

Wo Menschen am häufigsten von Armut betroffen sind
Stadt 2005 2006 2007 2008
Berlin 19,7 17,0 17,5 18,7
Bremen 21,4 18,3 18,1 22,0
Dortmund 18,6 20,2 20,5 21,3
Dresden 20,7 20,2 22,5 21,5
Duisburg 17,0 16,2 22,2 19,2
Düsseldorf 13,8 14,6 15,7 13,8
Essen 17,7 13,9 12,6 16,3
Frankfurt am Main 13,7 13,6 12,7 13,7
Hamburg 15,7 14,3 14,1 13,1
Hannover 21,0 19,8 20,5 22,2
Köln 18,0 16,1 16,9 16,8
Leipzig 23,9 23,6 25,3 27,0
München 10,9 9,8 10,8 9,8
Nürnberg 18,1 17,3 18,9 17,3
Stuttgart 13,0 13,6 13,2 14,2
Deutschland gesamt - - - 14,4
Deutschland West (ohne Berlin) - - - 13,1
Deutschland Ost (mit Berlin) - - - 19,5
* Angaben in Prozent.
Anteil der Personen mit einem Äquivalenzeinkommen von weniger als 60 Prozent des Bundesmedians der Äquivalenzeinkommen der Bevölkerung in Privathaushalten am Ort der Hauptwohnung. Quelle: Statistisches Bundesamt

wal/dpa

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insgesamt 305 Beiträge
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1. Das
Hovac 29.10.2010
könnte aber auch daran liegen das die meisten Menschen nur Kinder in die Welt setzen wenn man es sich leisten kann, sprich der arme Single kommt gar nicht erst zur Familiengründung. (Er ist für das andere Geschlecht ja auch weniger reizvoll, zumindest wenn er männlich ist).
2.
everhard, 29.10.2010
Zitat von sysopVater, Mutter, zwei Kinder: Die deutsche Idealfamilie muss sich die geringsten Sorgen um ihre Zukunft machen. Das Statistische Bundesamt benennt jetzt die wahren Armuts-Risikogruppen der Republik - und Vier-Personen-Haushalte schneiden am besten ab. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,726163,00.html
Ist es eigentlich immer noch so, daß Unterhaltsleistungen für Alleinerziehende nicht zu deren Einkommen gerechnet werden?
3. lol, mit 930 Euro arm
fallobst24 29.10.2010
Dann sind aber sehr viele Studenten Hyper-Super-Mega-arm. Trotzdem gibts dabei komischerweise keine nennenswerten Probleme. Wie kommts?
4. Daten sind plausibel
ALG III 29.10.2010
Zitat von sysopVater, Mutter, zwei Kinder: Die deutsche Idealfamilie muss sich die geringsten Sorgen um ihre Zukunft machen. Das Statistische Bundesamt benennt jetzt die wahren Armuts-Risikogruppen der Republik - und Vier-Personen-Haushalte schneiden am besten ab. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,726163,00.html
Ich halte das Ergebnis der Studie für plausibel. Die Erhebungen des Statistischen Bundesamts decken sich mit meinen persönlichen Erfahrungen. Ich bin arbeitslos (seit über 18 Jahren) und lebte im selben Zeitraum unterhalb der Armutsgrenze, derzeit von beschissenen 351.- Euro im Monat. Ich kriege zwar Wohngeld, aber die Bude ist ein Loch, in dem nicht mal die Ratten bleiben wollen. Und die 5 Euro Aufschlag, die Berlin jetzt bewilligt hat, machen den Braten auch nicht fett. Armut ist ein schlimmes Thema. Ich frage mich, warum es in einem so reichen Land wie Deutschland überhaupt Armut geben muss. Deutschland sollte sich schämen.
5. War das schon jemals so?
lilly51 29.10.2010
Zitat von everhardIst es eigentlich immer noch so, daß Unterhaltsleistungen für Alleinerziehende nicht zu deren Einkommen gerechnet werden?
Bekommt die alleinerziehende Mutter Sozialleistungen (AlG II, Sozialhilfe, Wohngeld etc.) wird der Unterhalt und auch das staatliche Kindergeld mit der Sozialleistung verrechnet.
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