Von Florian Diekmann und Alexander Demling
Es ist eine schockierende Zahl: 16 Millionen Menschen sind in Deutschland von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen. 19,9 Prozent der Bevölkerung, also jeder Fünfte, zählen laut Statistischem Bundesamt zu dieser Gruppe. Der Befund scheint eindeutig: Ausgerechnet eines der reichsten Industrieländer der Welt und das wirtschaftliche Vorzeigeland Europas versagt in der Bekämpfung der Armut auf ganzer Linie.
Politiker der Regierungskoalition protestieren vehement gegen diese Schlussfolgerung. Der sozialpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Karl Schiewerling, verweist auf die Erfolge auf dem Arbeitsmarkt und bezweifelt, dass die Statistik die Armut in Deutschland angemessen erfasst: "Sie gibt ein Zerrbild der Realität wieder." Schiewerlings Kollege Heinrich Kolb (FDP) attestiert: "Es ist fraglich, ob man mit den Kriterien verschiedene Lebenswirklichkeiten in Deutschland wirklich abbildet."
Wird Deutschland von den Statistikern also regelrecht arm gerechnet? Erstaunlicherweise lässt eine genauere Betrachtung der Zahlen exakt diesen Schluss zu. Verantwortlich dafür ist eine Definition der EU. In allen Mitgliedstaaten wird die Statistik nach diesen einheitlichen Kriterien durchgeführt. Demnach gilt als von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen, auf den mindestens einer der drei folgenden Punkte zutrifft:
Die Statistik nach EU-Kriterien krankt an einem entscheidenden Fehler: Sie betrachtet jeden Menschen als von Armut betroffen oder sozial ausgegrenzt, auf den auch nur einer der drei Indikatoren zutrifft. Das führt zu bizarren Verzerrungen, wie zwei einfache Beispiele zeigen:
Wesentlich fundamentaler fällt die Kritik am relativen Armutskriterium - also die Grenze von 60 Prozent des mittleren Netto-Einkommens - aus. In der öffentlichen Diskussion und den Statistiken der Bundesregierung fungierte sie bislang als Synonym für den Anteil der Armutsgefährdeten an der Bevölkerung. Doch insbesondere dieser Indikator steht heftig in der Kritik. Der Dortmunder Statistikprofessor Walter Krämer kürte sie laut SPIEGEL jüngst zur "Unstatistik des Monats". Deutlich werde das im europäischen Vergleich: In Rumänien müsse man lediglich knapp 110 Euro im Monat verdienen, um nicht als arm zu gelten, in Luxemburg hingegen 2833 Euro - obwohl die unterschiedliche Kaufkraft bereits herausgerechnet wurde. "Wer in Rumänien zu den reichsten zehn Prozent gehört, ist in Luxemburg vielleicht ein armer Schlucker", sagt Krämer. Sein Schluss: "Da wird Ungleichheit gemessen, aber nicht Armut."
Das Problem liegt also nicht im Kriterienkatalog an sich - ein niedriges Einkommen kann ebenso ein Indikator für Armut und Ausgrenzung sein wie ein fehlender Job oder das fehlende Geld für dringende Anschaffungen. Der Kölner Sozialwissenschaftler Christoph Butterwegge sagt: "Armut ist sehr komplex und kann nicht auf eine Einkommensstatistik reduziert werden." Subjektive Empfindungen spielten ebenso eine große Rolle: "Eine alleinerziehende Mutter erlebt Armut bei entsprechend vergleichbaren Einkünften völlig anders als etwa ein Obdachloser." Dies sei methodisch aber nur schwer zu quantifizieren. Butterwegge spricht von einem Dilemma der Armutsforschung. Dass die EU-Statistik nun zudem misst, ob Menschen sich grundlegende Dinge des Lebens leisten können, sieht Butterwegge daher zumindest als Schritt in die richtige Richtung.
Auch Walter Krämer sieht die Vorzüge: Ob jemand am sozialen Leben teilnehme, könne man am Besitz einer Waschmaschine oder eines Telefons viel besser erkennen als am relativen Einkommen. Deutlich wird dies an einem Detail: So verfügen 1,8 Prozent der Deutschen zwar über mehr als 60 Prozent des mittleren Einkommens, müssen sich aber bei den grundlegenden Dingen des Lebens erheblich einschränken. Dennoch tauchen sie etwa in den Armutsberichten der Bundesregierung gar nicht auf. Das dürfte etwa auf Haushalte mit Kindern in extrem teuren Ballungsräumen wie München zutreffen.
Das Problem mit der EU-Methode liegt also eher darin, dass bereits eines von drei Kriterien ausreicht, um als Betroffener zu gelten. Dann werden plötzlich auch reiche Mietshausbesitzer zu armen Schluckern.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, der Schwellenwert der Armutsgefährdung liege bei 60 Prozent des Durchschnittseinkommens. Das ist falsch, vielmehr liegt er bei 60 Prozent des mittleren Einkommens. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.
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