Zweifel an EU-Statistik: So wird Deutschland arm gerechnet

Von und

Jeder fünfte Deutsche ist laut einer neuen Statistik von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen. Versagt ausgerechnet das wirtschaftliche Vorzeigeland Europas in der Sozialpolitik? Nein. Denn die EU-Methode ordnet sogar Menschen als arm ein, die Mietshäuser geerbt haben.

Armut: Was vielen Deutschen fehlt Fotos
DPA

Es ist eine schockierende Zahl: 16 Millionen Menschen sind in Deutschland von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen. 19,9 Prozent der Bevölkerung, also jeder Fünfte, zählen laut Statistischem Bundesamt zu dieser Gruppe. Der Befund scheint eindeutig: Ausgerechnet eines der reichsten Industrieländer der Welt und das wirtschaftliche Vorzeigeland Europas versagt in der Bekämpfung der Armut auf ganzer Linie.

Politiker der Regierungskoalition protestieren vehement gegen diese Schlussfolgerung. Der sozialpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Karl Schiewerling, verweist auf die Erfolge auf dem Arbeitsmarkt und bezweifelt, dass die Statistik die Armut in Deutschland angemessen erfasst: "Sie gibt ein Zerrbild der Realität wieder." Schiewerlings Kollege Heinrich Kolb (FDP) attestiert: "Es ist fraglich, ob man mit den Kriterien verschiedene Lebenswirklichkeiten in Deutschland wirklich abbildet."

Wird Deutschland von den Statistikern also regelrecht arm gerechnet? Erstaunlicherweise lässt eine genauere Betrachtung der Zahlen exakt diesen Schluss zu. Verantwortlich dafür ist eine Definition der EU. In allen Mitgliedstaaten wird die Statistik nach diesen einheitlichen Kriterien durchgeführt. Demnach gilt als von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen, auf den mindestens einer der drei folgenden Punkte zutrifft:

  • Armutsgefährdungsquote: 15,8 Prozent der Deutschen leben in Haushalten, die über weniger als 60 Prozent des gewichteten mittleren Netto-Einkommens verfügen und damit als von Armut bedroht gelten. In Deutschland liegt diese Grenze konkret bei 952 Euro im Monat für einen Single und bei 2000 Euro für eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren. Für die Armutsberichte etwa der Bundesregierung ist das der maßgebliche Faktor.
  • Erhebliche materielle Entbehrung: 5,3 Prozent der Deutschen leben in Haushalten, in denen das Geld für grundlegende Dinge fehlt - konkret für mindestens vier der folgenden neun: Miete, Heizung, unerwartete Ausgaben, mindestens jeden zweiten Tag eine angemessene Mahlzeit, mindestens eine Woche Urlaub im Jahr außerhalb der eigenen vier Wände, Auto, Waschmaschine, Farbfernseher oder Telefon.
  • Sehr geringe Erwerbsbeteiligung: Diese liegt vor, wenn die erwachsenen Mitglieder (bis 59 Jahre) eines Haushaltes zusammengerechnet weniger als 20 Prozent der möglichen Zeit einen Job haben. Bei einem Single ohne Kinder wäre dieses Kriterium erfüllt, wenn er weniger als 2,4 Monate im Jahr arbeitet. Bei einer Alleinverdienerin mit nichtberufstätigem Partner und zwei studierenden Kindern im Haushalt dagegen schon, wenn sie weniger als 9,6 Monate im Jahr beschäftigt ist.

Die Statistik nach EU-Kriterien krankt an einem entscheidenden Fehler: Sie betrachtet jeden Menschen als von Armut betroffen oder sozial ausgegrenzt, auf den auch nur einer der drei Indikatoren zutrifft. Das führt zu bizarren Verzerrungen, wie zwei einfache Beispiele zeigen:

  • 8,5 Prozent der Deutschen verfügen zwar über weniger als 60 Prozent des bundesweiten mittleren Einkommens, haben aber einen Job und sagen von sich selbst, dass sie ihren Lebensstandard nicht aus Geldmangel einschränken müssen. Zu dieser Gruppe zählen zum Beispiel Facharbeiter in strukturschwachen Regionen wie Vorpommern. Die Löhne sind dort niedrig, aber eben auch die Lebenshaltungskosten. Diese Menschen fühlen sich also vermutlich keineswegs arm oder sozial ausgegrenzt - und werden von der Statistik dennoch in diese Kategorie gefasst. Rechnet man diese Gruppe aus der Statistik heraus, sinkt die Zahl der von Armut oder sozialer Ausgrenzung Betroffenen schlagartig auf 11,4 Prozent - und liegt nicht mehr bei 19,9 Prozent, wie es das Statistische Bundesamt nach EU-Kriterien ausweist.
  • Noch seltsamer wird die Statistik beim Kriterium Erwerbstätigkeit. 2,3 Prozent der Deutschen verfügen über mehr als 60 Prozent des mittleren Einkommens und müssen sich bei den grundlegenden Dingen des Lebens auch nicht einschränken. Sie erreichen aber nicht die Erwerbszeitquote von 20 Prozent - und werden prompt in die Gruppe der Armen eingestuft. Wer etwa ein Mehrfamilienhaus in Hamburg geerbt hat und gut von den Mieteinnahmen lebt, entspricht diesem Profil - und ist laut EU-Statistik von Armut oder sozialer Ausgrenzung betroffen. Rechnet man auch diese Gruppe heraus, sinkt die Quote der von Armut oder sozialer Ausgrenzung Betroffenen schlagartig auf 9,1 Prozent - weniger als die Hälfte des nach EU-Methoden errechneten Werts.

Wesentlich fundamentaler fällt die Kritik am relativen Armutskriterium - also die Grenze von 60 Prozent des mittleren Netto-Einkommens - aus. In der öffentlichen Diskussion und den Statistiken der Bundesregierung fungierte sie bislang als Synonym für den Anteil der Armutsgefährdeten an der Bevölkerung. Doch insbesondere dieser Indikator steht heftig in der Kritik. Der Dortmunder Statistikprofessor Walter Krämer kürte sie laut SPIEGEL jüngst zur "Unstatistik des Monats". Deutlich werde das im europäischen Vergleich: In Rumänien müsse man lediglich knapp 110 Euro im Monat verdienen, um nicht als arm zu gelten, in Luxemburg hingegen 2833 Euro - obwohl die unterschiedliche Kaufkraft bereits herausgerechnet wurde. "Wer in Rumänien zu den reichsten zehn Prozent gehört, ist in Luxemburg vielleicht ein armer Schlucker", sagt Krämer. Sein Schluss: "Da wird Ungleichheit gemessen, aber nicht Armut."

Das Problem liegt also nicht im Kriterienkatalog an sich - ein niedriges Einkommen kann ebenso ein Indikator für Armut und Ausgrenzung sein wie ein fehlender Job oder das fehlende Geld für dringende Anschaffungen. Der Kölner Sozialwissenschaftler Christoph Butterwegge sagt: "Armut ist sehr komplex und kann nicht auf eine Einkommensstatistik reduziert werden." Subjektive Empfindungen spielten ebenso eine große Rolle: "Eine alleinerziehende Mutter erlebt Armut bei entsprechend vergleichbaren Einkünften völlig anders als etwa ein Obdachloser." Dies sei methodisch aber nur schwer zu quantifizieren. Butterwegge spricht von einem Dilemma der Armutsforschung. Dass die EU-Statistik nun zudem misst, ob Menschen sich grundlegende Dinge des Lebens leisten können, sieht Butterwegge daher zumindest als Schritt in die richtige Richtung.

Auch Walter Krämer sieht die Vorzüge: Ob jemand am sozialen Leben teilnehme, könne man am Besitz einer Waschmaschine oder eines Telefons viel besser erkennen als am relativen Einkommen. Deutlich wird dies an einem Detail: So verfügen 1,8 Prozent der Deutschen zwar über mehr als 60 Prozent des mittleren Einkommens, müssen sich aber bei den grundlegenden Dingen des Lebens erheblich einschränken. Dennoch tauchen sie etwa in den Armutsberichten der Bundesregierung gar nicht auf. Das dürfte etwa auf Haushalte mit Kindern in extrem teuren Ballungsräumen wie München zutreffen.

Das Problem mit der EU-Methode liegt also eher darin, dass bereits eines von drei Kriterien ausreicht, um als Betroffener zu gelten. Dann werden plötzlich auch reiche Mietshausbesitzer zu armen Schluckern.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, der Schwellenwert der Armutsgefährdung liege bei 60 Prozent des Durchschnittseinkommens. Das ist falsch, vielmehr liegt er bei 60 Prozent des mittleren Einkommens. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 580 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Das war ja nicht wirklich neu
abseitstor 23.10.2012
Zitat von sysop<div class="spClearfix"><span class="sysopImage"><img src="http://cdn2.spiegel.de/images/image-403541-thumb-qcal.jpg" /><span class="spCredit">DPA</span></span><span id="sysopText">Jeder fünfte Deutsche ist laut einer neuen Statistik von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen. Versagt ausgerechnet das wirtschaftliche Vorzeigeland Europas in der Sozialpolitik? Nein. Denn die EU-Methode ordnet sogar Menschen als arm ein, die Mietshäuser geerbt haben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/statistik-zu-armut-und-sozialer-ausgrenzung-verzerrt-die-wirklichkeit-a-862962.html</span></div>
Diese Erkenntnis ist ja nun nicht wirklich neu. Wer offenen Auges durch das Land geht, sieht, dass Armut die absolute Ausnahme ist und oft von Faktoren wie Drogenmissbrauch etc. bedingt wird. Zu unserer Form der Armutsmessung schrieb Hans-Magnus Enzensberger schon vor Jahren sinngemäß: Unsere Armutsstatistik hat den Vorteil, dass ihr nie die Armen ausgehen werden - selbst wenn das Durchschnittseinkommen über zwei Millionen steigt, werden die einfachen Einkommensmillionäre auf einen Schlag arm. Mehr noch als Arme gibt es hierzulande einen Bevormundungs- und Betreuungsindustrie, für die es eine Katastrophe wäre, wenn ihr die Kleintel ausginge.
2. Zweifel?
Kalleblom 23.10.2012
Zitat von sysop<div class="spClearfix"><span class="sysopImage"><img src="http://cdn2.spiegel.de/images/image-403541-thumb-qcal.jpg" /><span class="spCredit">DPA</span></span><span id="sysopText">Jeder fünfte Deutsche ist laut einer neuen Statistik von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen. Versagt ausgerechnet das wirtschaftliche Vorzeigeland Europas in der Sozialpolitik? Nein. Denn die EU-Methode ordnet sogar Menschen als arm ein, die Mietshäuser geerbt haben. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/statistik-zu-armut-und-sozialer-ausgrenzung-verzerrt-die-wirklichkeit-a-862962.html</span></div>
Diese Zweifel werden sicherlich hier im Forum ganz schnell zerstreut. Ein paar Einzelschicksale zum besten gegeben und schon ist Deutschland noch ärmer als es der Bericht behauptet. Wieder ein schönes Thema, wo sich all die Gefrusteten wieder mal etwas Luft machen können. Weil hier soviel Armut herrscht kommen ja auch so viele, weil sie von unserer Armut was abhaben wollen. ;)
3. suboptimal
mockingbird85 23.10.2012
Wäre schön, wenn die offizielle Arbeitslosen-Statistik der BA genau so auseinander genommen würde - dann stellte sich heraus, dass wir in D doppelt so viele Arbeitslose haben als Monat für Monat "verkündet" wird. Jede Statistik ist eben nur so gut wie die Medien, die kritiklos übernehmen oder sich an Schwachpunkte heran machen ... außerdem dürfte es nicht so viele Haushalte mit erwerbslosen Mietshauserben unter 59 Jahren geben.
4. optional
lupenrein 23.10.2012
Die Fragestellung des SPON impliziert, dass Deutschland 'reich' ist.
5. Es gibt nur ein Kriterium ...
na!!! 23.10.2012
und das ist allein die Finanziele lage der Person . Egal woraus sich das einkommen berechnet , Das geld das man zur verfügung hat entscheidet . z.B. eine ledige Person braucht heute ca. 1800.- Euro um gut zu leben , drunter wirds schwieriger , drüber besser .
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Staat & Soziales
RSS
alles zum Thema Armut in Deutschland
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 580 Kommentare