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Statistikpanne beim DIW: Forscher patzen bei Berechnung der Kinderarmut

Wie groß ist die Armut unter Kindern wirklich? Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung verbreitete einen extrem hohen Wert - und die Republik führte eine hochemotionale Debatte. Jetzt müssen die Ökonomen ihre Zahlen massiv nach unten korrigieren. Wissenschaft und Politik sind blamiert.

Kind auf dem Spielplatz: Dramatische Zahlenkorrektur Zur Großansicht
DPA

Kind auf dem Spielplatz: Dramatische Zahlenkorrektur

Hamburg - Manch einer mag sich bei der folgenden Geschichte an den Spruch erinnern: "Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast." Oder sich erstaunt fragen: "Wie kann das denn sein, bitte?" Auf jeden Fall birgt der Fall Brisanz. Die Kinderarmut in Deutschland ist seit Jahren offenbar weit niedriger als von Forschern und Politikern behauptet. Man könnte auch sagen: Das Problem ist weit weniger dramatisch als bislang angenommen.

Das ist das Ergebnis einer umfassenden Datenkorrektur des für die Berechnung verantwortlichen Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Das Berliner Institut muss die Zahlen massiv nach unten anpassen - in einem der politisch sensibelsten Bereiche. Einen entsprechenden Bericht der "Financial Times Deutschland" bestätigte das DIW auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Es ist - dies sei gleich gesagt - nicht davon auszugehen, dass die DIW-Forscher ihre Zahlen in der Vergangenheit wissentlich manipuliert haben. So viel wissenschaftliches Ethos haben die Ökonomen dann doch. Aber dem einst angesehenen Institut ist ein schwerer Lapsus passiert. Auch das ist klar. Es ist eine schlechte Nachricht nach vielen nicht wirklich guten in der jüngeren Vergangenheit - und einem eigentlich beabsichtigten Neuanfang.

DIW erhob Zahlen für OECD

Und darum geht es: Nicht 16,3 Prozent des Nachwuchses - wie noch 2009 behauptet - wuchsen Mitte des vergangenen Jahrzehnts in prekären finanziellen Verhältnissen auf. Wahrscheinlich waren es nur zehn Prozent, wie nun herauskommt. Dies sind immer noch zu viele. Aber wie es aussieht, ist das Problem nur halb so groß wie gedacht. Denn der neueste Wert, der in einer aktuellen Studie genannt wird, ist noch niedriger: gerade einmal 8,3 Prozent.

Die ursprüngliche Zahl hatte 2009 die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) veröffentlicht. Ein Problem hat nun aber das DIW, das die deutschen Daten für die internationale Organisation erhoben hat. Besonders pikant: Weil der Termin der Veröffentlichung rund drei Wochen vor der letzten Bundestagswahl lag, kam es zu einer großen politischen Debatte über die Familienförderung.

Mit angeblichen 16,3 Prozent armen Kindern lag Deutschland deutlich über dem OECD-Schnitt von rund zwölf Prozent. Damals wurden die Zahlen so interpretiert: Die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Welt vernachlässigt Familien massiv. Als arm gilt eine Familie, wenn ihr Haushaltseinkommen weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens beträgt.

Unter anderem wegen der dramatisch erscheinenden Ergebnisse der OECD-Studie einigte sich die schwarz-gelbe Koalition - trotz extrem schwieriger Haushaltslage - auf eine deutliche Erhöhung des Kinderfreibetrags und eine spürbare Anhebung des Kindergelds von 164 auf 184 Euro. Die Kosten: rund vier Milliarden Euro.

Nicht nur das DIW steht nun blamiert da. Auch viele Politiker, die sich mit ihren Forderungen damals auf die OECD-Zahlen bezogen, müssen sich nun wohl korrigieren.

Scheingenauigkeit von Studien

Die massive Anpassung der Zahlen betrifft nicht irgendeine Untersuchung, sondern das Sozioökonomische Panel (SOEP) des DIW. Es ist eine der renommiertesten und wichtigsten Untersuchungen zu sozialen Themen und findet auch international große Anerkennung. Für das SOEP werden regelmäßig Tausende Haushalte befragt, die - so die Idee - repräsentative Ergebnisse für die Gesamtbevölkerung liefern sollen.

Das Problem dieser Vorgehensweise: So hoch die Anzahl der befragten Haushalte auch ist, die Ergebnisse müssen ähnlich wie bei Meinungsumfragen gewichtet und hochgerechnet werden. Und eben diese Parameter hat das DIW nun verändert - aufgrund neuer Erkenntnisse.

Kleine Anpassung, große Wirkung: Die Korrekturen waren laut dem DIW-Experten Markus Grabka vor allem notwendig, weil immer mehr Befragte Auskünfte verweigern. "In den 11.000 befragten Haushalten hat sich die Zahl derjenigen, die nicht antworten, vergrößert. Die Bereitschaft der Teilnehmer mitzumachen sinkt seit dem Jahr 2000."

In der Tat ist dem Institut zugutezuhalten, dass es auf die Probleme bereits hingewiesen hat - wenn auch so umständlich formuliert wie in einem Wochenbericht des vergangenen Jahres: "Ein Standardproblem in allen Bevölkerungsumfragen sind fehlende Angaben einzelner Befragungshaushalte, insbesondere bei als heikel empfundenen Fragen wie solchen nach dem Einkommen. Dabei ist festzustellen, dass insbesondere Haushalte mit über- oder unterdurchschnittlichen Einkommen die Angabe verweigern."

Insofern sollte der Patzer vor allem das Bewusstsein dafür schärfen, dass auch andere Erhebungen fehleranfällig sind - und genaue Prozentwerte in Studien vor allem eins vermitteln: eine Scheingenauigkeit.

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insgesamt 228 Beiträge
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1. .
dwg 06.05.2011
Mal von dem "Lapsus" abgesehen, der die ermittelte Zahl so mal gerade halbiert, ist die Methodik als solche kaum geeignet verschiedene Volkswirtschaften zu vergleichen. Die Definition "Als arm gilt eine Familie, wenn ihr Haushaltseinkommen weniger als die Hälfte des Durchschnittseinkommens beträgt." macht in Ländern mit größerer Spreizung der Einkommensstruktur automatisch mehr Haushalt "arm", als in Ländern mit deutlich egalisierterer Einkommensstruktur. Insofern halte ich die OECD Studie ohnehin für Makulatur.
2. Armut halb so häufig
schnurzelpu 06.05.2011
na, dass wäre jetzt für mich ein Grund mehr, dass "Kinderarmut" nicht sein muss und die Gesellschaft das Problem sehr leicht lösen kann.
3. Jedes arme Kind ist eines zu viel!
genugistgenug 06.05.2011
Zitat von sysopWie groß ist die Armut unter Kindern wirklich? Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung verbreitete einen extrem hohen Wert - und die Republik führte eine hochemotionale Debatte. Jetzt müssen die*Ökonomen ihre Zahlen massiv nach unten korrigieren. Wissenschaft und Politik sind blamiert. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,761070,00.html
das sind halt EXperten! Wo haben die sonst noch gepfu.. äh sich verrechnet. Jedes arme Kind ist eines zu viel!
4. x
Betonia, 06.05.2011
Zitat von sysopWie groß ist die Armut unter Kindern wirklich? Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung verbreitete einen extrem hohen Wert - und die Republik führte eine hochemotionale Debatte. Jetzt müssen die*Ökonomen ihre Zahlen massiv nach unten korrigieren. Wissenschaft und Politik sind blamiert. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,761070,00.html
Das sind gute Nachrichten!
5. Iw
einszweidrei, 06.05.2011
Vielleicht sollte das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) die Ergebnisse des DIW regelmäßig gegenrechnen :) Publikationen dieser Institute sind häufig umstritten, obwohl ich sie oft interessant finde. Der neueste Lapsus ist für das DIW natürlich peinlich, denn hier geht es um ein Thema, das die Bevölkerung besonders interessiert. Ist aber kein Beinbruch, wenn man sich sofort nach Kenntnisnahme des Fehlers korrigiert.
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