Reformvorschlag der EU Neues Mehrwertsteuersystem soll 40 Milliarden Euro bringen

Betrug bekämpfen, Bürokratie kappen: Die EU-Kommission will das System der Mehrwertsteuer umfassend reformieren - und die Einnahmen so jedes Jahr um hohe Milliardenbeträge erhöhen.

EU-Finanzkommissar Pierre Moscovici
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EU-Finanzkommissar Pierre Moscovici


Die EU-Kommission hat ihre Vorschläge für eine umfassende Reform des Mehrwertsteuersystems in Europa vorgestellt. So soll unter anderem der Handel mit Waren über EU-Binnengrenzen hinweg grundsätzlich genauso besteuert werden wie der Handel innerhalb eines Mitgliedslandes, teilte Wirtschaftskommissar Pierre Moscovici mit. Bislang ist der grenzüberschreitende Handel von der Steuer befreit. Die EU-Staaten und das Europaparlament müssen den Vorschlägen noch zustimmen.

Die EU-Kommission sieht die Mehrwertsteuer seit Langem als dringend reformbedürftig an. Jedes Jahr entgehen den Mitgliedstaaten laut Berechnung der Behörde mehr als 150 Milliarden Euro bei der Mehrwertsteuer, davon allein 50 Milliarden Euro durch den grenzüberschreitenden Betrug. Gleichzeitig erzeuge das derzeitige System unnötig hohe Bürokratiekosten bei Unternehmen, die innerhalb der EU über Grenzen hinweg tätig sind, kritisiert die Kommission.

Würden ihre Vorschläge umgesetzt, könnte der grenzüberschreitende Betrug um 80 Prozent reduziert werden, verspricht die EU-Kommission. Derzeit entspräche das also Mehreinnahmen von rund 40 Milliarden Euro alleine dadurch.

Das neue EU-System für die Mehrwertsteuer soll auf vier Prinzipien beruhen:

  • Der Betrug beim Handel über EU-Grenzen hinweg soll bekämpft werden, indem künftig auch dafür Mehrwertsteuer erhoben wird.
  • Unternehmen sollen von Bürokratie befreit werden, unter anderem durch einfachere Vorschriften für das Erstellen von Rechnungen.
  • Unternehmen sollen künftig eine zentrale Anlaufstelle nutzen können, um ihre Mehrwertsteuer erklären und zahlen zu können - und das nicht wie bislang in jedem einzelnen Mitgliedstaat einzeln tun müssen.
  • Mehrwertsteuer soll künftig immer an den Staat bezahlt werden, in dem der sogenannte "Endverbraucher" sitzt - also der Kunde, der die Ware tatsächlich nutzt.

Bereits im Frühjahr vergangenen Jahres hatte Moscovici erste Grundzüge einer möglichen Reform vorgestellt und angekündigt, in diesem Jahr konkrete Gesetzesvorschläge zu unterbreiten. Das ist nun allerdings noch nicht der Fall, vielmehr handelt es sich um detailliertere Vorschläge. In einer ersten Reaktion begrüßte die Fraktion der Christdemokraten im Europaparlament zwar die grundsätzliche Stoßrichtung, kritisierte aber: "Die Kommission hat 2016 für das Jahr 2017 ein neues Gesetz versprochen, aber nun ist es nur eine weitere Ankündigung."

fdi

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weltbetrachter 04.10.2017
1. IST- statt SOLL-Besteuerung
Schon viele Jahre regt mich die Regelung der SOLL-Besteuerung bei der MWSt auf. Warum sollen Unternehmen vom Finanzamt MWSt-Erstattungen erhalten, obwohl der Rechnungsbetrag noch gar nicht bezahlt worden ist. Unnötiger Aufwand und Bürokratie. Vor- und Umsatzsteuerverrechnungen erst dann zulassen, wenn Rechnungen vom Kunden tatsächlich bezahlt worden sind, also die Geld- und Zahlungseingänge auf dem Konto nachgewiesen werden können. Die Betrüger im Umsatzsteuerkarussell werden sich ärgern. Der anständige Kaufmann sich freuen.
Holzhausbau 04.10.2017
2. !
Das ist die erste vernünftige Idee aus Brüssel, die sogar etwas bringt. Fragt sich nur, warum das so lang gedauert hat und wieviel Jahre es braucht - bis zur Umsetzung.
auweia 04.10.2017
3. Hört sich nicht schlecht an.
Jede Vereinfachung ist hilfreich. Die Mehrwertsteuer ist zwar im Vergleich mit anderen Steuerarten nicht allzu komplex aber voluminös und hat einen "grenzüeberschreitenden " Charakter mit mehr Berugsmöglichkeiten, daher ist eine Befassung der EU-Kommission nachvollziehbar. Aktuell beschäftigt mich etwas anderes mehr: Wie ist denn der Status der Finanztransaktionssteuer (Tobin-Tax)? Wenn sie denn mal zum Laufen käme (was ich mir wünsche) - wäre sie nicht ein Mittel zur Finanzierung eines eigenen EU-Haushalts? Ansonsten begrüße ich das Vorgehen gegen innereuropäische Steueroasen wie Irland - es kann nicht sen edass Apple, Amazon, Google und Co in der gesamten EU Milliarden verdienen und darauf insgesamt nur 0,1% Steuern zahlen - und das leidglich in einem Land.
Freidenker10 04.10.2017
4.
Wir haben doch schon ein nationales Fass ohne Boden das uns melkt wo es nur geht und nun muss die EU auch noch anfangen. Wer bezahlt denn am Ende die erhöhte Mehrwertsteuer? Es ist der Kunde der höhere Preise bezahlen muss, oder denkt jemand die Konzerne die besteuert werden sollen geben das nicht weiter? Irgend jemand sollte mal ausrechnen was uns diese ganze nationale sowie EU Bürokratie mit den ganzen Parlamenten, Ministerien/EU Kommissionen, Beamten und Regierungen mit ihren horrenden Pensionen so kostet, vielleicht kann man zur Abwechslung da mal was sparen!
spiegelleser987 04.10.2017
5.
Zitat von weltbetrachterSchon viele Jahre regt mich die Regelung der SOLL-Besteuerung bei der MWSt auf. Warum sollen Unternehmen vom Finanzamt MWSt-Erstattungen erhalten, obwohl der Rechnungsbetrag noch gar nicht bezahlt worden ist. Unnötiger Aufwand und Bürokratie. Vor- und Umsatzsteuerverrechnungen erst dann zulassen, wenn Rechnungen vom Kunden tatsächlich bezahlt worden sind, also die Geld- und Zahlungseingänge auf dem Konto nachgewiesen werden können. Die Betrüger im Umsatzsteuerkarussell werden sich ärgern. Der anständige Kaufmann sich freuen.
Irgendwie haben Sie es falsch geschrieben oder Sie kennen die Gesetze nicht. Die Unternehmen bekommen es nicht vom Finanzamt, sondern die zahlen an das Finanzamt. Die zahlen schon Steuern , wenn nur die Rechnung gedruckt wurde und noch lange nicht bezahlt ist. Im Elektronikbereich gibt es noch etwas anderes. Seit einigen Jahren gilt das auch für die Metallindustrie. Wenn eine Firma (= Kunde und Wiederverkäufer) etwas einkauft, muss dieser Kunde die MwSt. nicht an den Lieferanten sondern direkt an das Finanzamt zahlen. Verkauft dieser Kunde, der gleichzeitig Wiederverkäufer ist, das weiter an eine andere Firma, darf die die MwSt. auch nicht an den Lieferanten zahlen. Das Finanzamt kriegt die auf die Ust. erhöhte MwSt. auch wieder direkt vom Kunden. Der zwischen Erstlieferanten und Firmenendkunden sitznde Wiederverkäufer muss also an das Finanzamt zahlen, ohne einen Teil davon vom Kunden zu bekommen. Das kann später erst verrechnet werden. Ob und wann Geld vom Finanzamt zurück kommt, kann niemand sagen. Um überleben oder Löhne zahlen zu können, muss die Firma dann nebenbei noch Bier, Zigaretten usw. in viel größeren Mengen verkaufen. .
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