Steuern und Abgaben Deutschland ist Zahl-Vizeweltmeister

Fast 50 Prozent eines Durchschnittseinkommens werden laut einer neuen OECD-Studie an Steuern und Sozialabgaben abgezogen. Nur in Belgien ist der Wert höher. Für den Wahlkampf taugt die Quote aber nur bedingt.

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Die Belastung von Arbeitseinkommen durch Steuern und Sozialabgaben ist nur in einem Industrieland höher als in Deutschland. Das geht aus der neuesten Ausgabe der Studie "Taxing Wages" der Industrieländerorganisation OECD hervor, die am Dienstag vorgestellt wird und dem SPIEGEL vorab vorlag.

Demnach lag die Abgabenlast auf das Einkommen eines deutschen Durchschnittsverdieners 2016 bei 49,4 Prozent und damit weit über dem OECD-Schnitt von 36,0 Prozent. Nur in Belgien war die Belastung mit 54,0 Prozent noch höher. Der deutsche Wert blieb gegenüber 2015 zwar unverändert. Weil die Abgabenlast in Österreich jedoch im selben Zeitraum deutlich sank, rückte Deutschland vom dritten auf den zweiten Platz auf.

Steuer- und Abgabenlast 2016 im Vergleich

Land Einkommen-steuer Sozialabgaben Arbeitnehmer Sozialabgaben Arbeitgeber Gesamt
Belgien 20,8 10,9 22,3 54,0
Deutschland 15,9 17,3 16,2 49,4
Ungarn 11,7 14,4 22,2 48,2
Frankreich 10,8 10,5 26,8 48,1
Italien 16,4 7,2 24,2 47,8
Österreich 10,8 13,9 22,4 47,1
Finnland 17,9 7,1 18,7 43,8
Tschechien 9,4 8,2 25,4 43,0
Schweden 13,6 5,3 23,9 42,8
Slowenien 9,8 19,0 13,9 42,7
Lettland 15,0 8,5 19,1 42,6
Slowakei 7,5 10,2 23,8 41,5
Portugal 13,4 8,9 19,2 41,5
Griechenland 7,7 12,6 19,9 40,2
Spanien 11,6 4,9 23,0 39,5
Estland 12,5 1,2 25,3 38,9
Luxemburg 16,2 11,4 10,8 38,4
Türkei 10,4 12,8 14,9 38,1
Niederlande 15,2 12,2 10,1 37,5
Dänemark 35,9 0,0 0,8 36,7
Norwegen 17,5 7,3 11,5 36,2
OECD-Durchschnitt 13,4 8,2 14,4 36,0
Polen 6,1 15,3 14,4 35,8
Island 26,9 0,3 6,8 34,0
Japan 6,8 12,5 13,1 32,4
USA 16,9 7,1 7,7 31,7
Kanada 13,8 6,8 10,8 31,4
Großbritannien 12,6 8,4 9,7 30,8
Australien 23,0 0,0 5,6 28,6
Irland 13,8 3,6 9,7 27,1
Südkorea 5,2 7,6 9,4 22,2
Israel 9,4 7,5 5,3 22,1
Schweiz 10,0 5,9 5,9 21,8
Mexiko 8,5 1,2 10,4 20,1
Neuseeland 17,9 0,0 0,0 17,9
Chile 0,0 7,0 0,0 7,0

Steuerlast für alleinstehende Durchschnittsverdiener. Enthält Lohnsteuern, wo zutreffend. Anteil der Steuern und Abgaben an den Arbeitskosten in Prozent für das Jahr 2016; Quelle: OECD, Taxing Wages 2017

Im Jahr der Bundestagswahl dürfte die OECD-Statistik besonders viel Aufmerksamkeit erregen. Mehrere Parteien wollen mit dem Versprechen auf Steuerreformen um Wählerstimmen werben. So hat Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) Entlastungen im Wert von 15 Milliarden Euro versprochen, von denen nach SPIEGEL-Informationen insbesondere mittlere Einkommen profitieren sollen. Die FDP verspricht sogar eine rund doppelt so hohe Summe.

Alle skandinavischen Länder schneiden besser ab

Zur Begründung reiner Steuersenkungen eignen sich die OECD-Zahlen jedoch nur begrenzt. Denn zum einen liegt Deutschlands schlechtes Abschneiden weniger an den Einkommensteuersätzen als an besonders hohen Sozialabgaben für Arbeitnehmer und -geber. Zum anderen spiegelt das Ranking nicht wider, was Bürger im Gegenzug für ihre Abgaben bekommen.

So liegen Länder wie Griechenland, die USA oder Mexiko zwar weit unter der deutschen Belastung. Dafür müssen sich Arbeitnehmer dort aber aufgrund von schwächeren Sozialsystemen auch stärker selbst absichern. Allerdings schneiden auch Staaten mit vergleichbaren Sozialleistungen besser ab als Deutschland - darunter alle skandinavischen Länder.

Die deutsche Abgabenlast lag bei allen untersuchten Haushaltstypen über dem OECD-Schnitt. Wie in fast allen Industrieländern werden aber auch in Deutschland Familien mit Kindern steuerlich gefördert. Deshalb konnte ein lediger Alleinverdiener im vergangenen Jahr nur 60,3 Prozent seines Bruttolohns behalten, ein Ehepaar mit zwei Kindern und einem berufstätigen Elternteil dagegen 87,7 Prozent - der siebthöchste Unterschied aller OECD-Länder.

Die große Differenz liegt vor allem am Ehegattensplitting, von dem Familien mit nur einem Berufstätigen am meisten profitieren. Die OECD kritisiert schon länger, dass das Ehegattensplitting den Anreiz für die Erwerbstätigkeit von Frauen reduziert und fordert eine Abschaffung des Privilegs.



insgesamt 295 Beiträge
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orthonormalbürger 11.04.2017
1. Bevor
hier jetzt wieder konservative Schwarze kommen und uns erzählen wollen das man Steuern massiv senken muss. Das Gegenteil ist der Fall. Wir brauchen massive Steuererhöhungen bei höheren Gehältern ( ab 100k) und massive Steuersenkungen im Niedriglohnbereich. Nur so kann sich Arbeit lohnen für Menschen die täglich schuften um über die Runden zu kommen. Zielführend wäre eine Vermögenssteuer. Eine hohe Steuer auf Börsengeschäfte. Dafür massive Anreize für den Wohnungsbau schaffen und Sozialprogramme einführen. Nur so kann eine faire Umverteilung gelingen.
qwertreiber 11.04.2017
2. Statistik
Zwei Anmerkungen: 1) Diese Statistik ist nur halbherzig, da sie nicht die wahre Steuerbelastung zeigt, z.B. Umsatzsteuern, ... 2) es fällt völlig unter den Tisch, was man dafür bekommt. Wie wäre es mal mit einer Steuer-/Leistungs-Verhältnisansicht? Bei allen Produkten und Dienstleistungen vergleiche ich ja auch nur dann den Preis allein, wenn die Leistung dieselbe ist. Und in Sachen Leistung und Lebensqualität hat Deutschlan auch einiges zu bieten.
conny1969 11.04.2017
3. Vize? geht ja gar nicht
Wir können Weltmeister. Bin mir sicher das wir das auch locker in den nächsten Jahren schaffen werden. Denn Dank der explodierenden Sozialausgaben wird kein Weg an Mehreinnahmen vorbei gehen. Wir schaffen das.
ProDe 11.04.2017
4. Einer muss ja bezahlen
nachdem sich der Beitrag der Vermögenden so deutlich reduziert hat über die letzten Jahren - Abschaffung vermögenssteuer, quasi Abschaffung Erbschaftssteuer, Senkung Spitzensteuersatz, Kapitalerträge nur mit 25% usw. und man die Steueroptimierung der Unternehmen in Steueroasen wie Luxembourg oder Niederlanden ja nicht angehen will - muss das Geld eben von den Arbeitnehmern eingetrieben werden....
paula_f 11.04.2017
5. System der Umverteilung zu wenigen Reichen und intern. Konzernen
die Bankenrettung ist eine Verteilung von Steuergeldern hin zu reichen Spekulanten. Die üblichen Kapitalrenditen größerer Vermögen liegen heute, trotz faktischer Null Zinsen bei etwa 5%. Erwirtschaftet beispielsweise durch die Wohnungswirtschaft bei der jetzt private Investoren die Daumenschrauben anziehen, oder erwirtschaftet mit Hilfe von Beteiligungen an immer größer werdenden international operierenden Konzernen die Gewinne nur noch an Aktionäre ausschütten und Steuern weitgehend vermeiden. Das Resultat das vor allem Arbeitnehmer ein immer höherer Arbeitsdruck trifft und immer höhere Steuern fällig werden.
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