Belastung der Mittelschicht Durchschnittsverdiener zahlen höchstens 19 Prozent Steuern

Im Wahlkampf sorgen sich Deutschlands Politiker um die belastete Mittelschicht. Doch eine aktuelle Berechnung zeigt: Am Steuersatz liegt's nicht. Durchschnittsverdiener zahlen nur zwischen 1,7 und 19,2 Prozent.

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Ob SPD, Union oder FDP: Wenn es um die Belastung der deutschen Mittelschicht geht, rufen die Parteien gerne nach Steuersenkungen. Schließlich, so das Mantra, ächzten hierzulande schon Normalverdiener unter dem Spitzensteuersatz von 42 Prozent.

Doch das ist zumindest irreführend, wie aktuelle Berechnungen des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) zeigen. Demnach zahlen Durchschnittsverdiener in Deutschland - je nach Familienkonstellation - auf ihr Bruttojahreseinkommen gerade mal 1,4 bis 19,2 Prozent Einkommensteuern.

Demnach liegt der deutsche Durchschnittsverdienst eines Vollzeitbeschäftigten bei 49.915 Euro pro Jahr. Alleinstehende ohne Kinder müssen davon 9589 Euro an den Fiskus abtreten - was 19,2 Prozent entspricht. Bei einem Ehepaar ohne Kinder liegt die Steuerbelastung bei gleichem Einkommen dagegen nur bei 11,1 Prozent. Kommen Freibeträge für zwei Kinder dazu, sinkt der durchschnittliche Steuersatz sogar auf 1,4 Prozent - und da ist der viel gescholtene Solidaritätszuschlag schon eingerechnet.

Einkommensteuerbelastung eines Durchschnittsverdieners (Vollzeit)

Alleinstehend, ohne Kinder Ehepaar, ohne Kinder Ehepaar 2 Kinder *
Jahresbruttoverdienst (2017) 49.915 49.915 49.915
Zu versteuerndes Einkommen 40.901 40.865 40.989
Einkommensteuer 9.089 5.272 696
Solidaritätszuschlag 500 290 0
Summe Steuern 9.589 5.562 696
Steuern in % des Bruttoeinkommens 19,2 11,1 1,4

* abzüglich Kindergeld; Quellen: Destatis, IMK

Von 42 Prozent Steuern - beziehungsweise 44,3 Prozent inklusive Solidaritätszuschlag - sind all diese Durchschnittsverdiener also weit entfernt. Das liegt zum einen daran, dass gar nicht das gesamte Bruttoeinkommen versteuert wird, sondern zuvor noch Freibeträge abgezogen werden. Das zu versteuernde Einkommen eines alleinstehenden Durchschnittsverdieners liegt deshalb laut IMK bei 41.000 Euro - also rund 9.000 Euro niedriger als der Jahresbruttoverdienst.

Und selbst wer deutlich mehr verdient als der Durchschnitt, ist in der Regel noch weit von einer Steuerbelastung von 42 entfernt. Denn dieser Spitzensteuersatz greift ja erst ab einer gewissen Grenze (aktuell bei Singles ab rund 54.000 Euro zu versteuerndem Einkommen), das heißt, nur zusätzliche Einkünfte über diese Grenze hinaus werden mit 42 Prozent besteuert. Für die gut 53.000 Euro darunter werden deutlich niedrigere Sätze fällig, was die Durchschnittssteuerbelastung nach unten drückt.

Geringverdiener zahlen hohe Sozialabgaben

Heißt das nun also, dass die deutsche Mittelschicht gar nicht belastet ist? Nicht ganz. Denn die Berechnung betrifft nur die Steuerlast. Die Sozialversicherungsabgaben der Arbeitnehmer lässt sie außen vor. Dabei können die bis zu rund 20 Prozent des Einkommens betragen. Zusammen mit der Steuerbelastung ist man dann schon bei knapp 40 Prozent für Normalverdiener.

Gerade diese Abgaben für Renten-, Arbeitslosen-, Kranken- und Pflegeversicherung treffen die unteren und mittleren Einkommen besonders stark, weil sie prozentual vom Einkommen erhoben werden und nicht - wie bei den Steuern - progressiv mit steigendem Einkommen zunehmen. Im Gegenteil: Besserverdiener zahlen im Verhältnis zu ihrem Einkommen sogar weniger Sozialbeiträge als Gering- oder Normalverdiener.

Das liegt an der sogenannten Beitragsbemessungsgrenze: Einkommen ab einer bestimmten Höhe (in der Krankenversicherung zum Beispiel 4350 Euro pro Monat) werden nicht mehr zur Beitragsberechnung herangezogen. Während ein Geringverdiener also knapp 20 Prozent Sozialbeiträge zahlt, sinkt der prozentuale Anteil bei Besserverdienern mit steigendem Einkommen.

Insgesamt wird die Mittelschicht in Deutschland also schon vergleichsweise stark belastet. Allerdings liegt das nicht in erster Linie an den hohen Steuern, sondern am System der Sozialabgaben, das untere und mittlere Einkommen besonders trifft.



insgesamt 254 Beiträge
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Spiegelsicher 17.05.2017
1. Entschuldigung, aber ...
... diese "Michel-sei-zufrieden-und-still-und-wähl-Merkel"-Artikel werden langsam etwas kraus. Dass der Regelfall in Deutschland mittlerweile die Doppelverdiener-Ehe ist, bei der beide Teile arbeiten, scheint ja komplett unter den Tisch gefallen zu sein. Selbst bei Getrenntveranlagung werde ich die Kinder nicht doppelt - bei jedem Elternteil - anrechnen können. Irgendwie erinnert die heute Zeit und Medienberichterstattung zunenehmend an das Biedermeier. Dem Bürger wird sogar schon der kritische Blick auf die Obrigkeit versagt.
Kaiserstuhlwinzer 17.05.2017
2. Trau keiner Rechnung,
die du nicht selbst verpfuscht hast! Laut Tabelle liegt das zu versteuernde Einkommen für Ehepaar mit 2 Kindern höher (!) als für das Ehepaar ohne Kinder ! Und zahlt trotzdem weniger Steuern. Also: back to sender, erst mal in Ordnung bringen. Und ansonsten: Genauigkeit vor Schnelligkeit! Wohl bekomms!
marshall rosi 17.05.2017
3. Unverheiratete mit Kindern...
Wie so oft: Alleinstehend, ohne Kinder/Ehepaar, ohne Kinder/Ehepaar 2 Kinder Unverheiratete Paare mit Kindern tauchen mal wieder nicht auf in den Untersuchungen. Sie werden steuerlich besonders stark belastet.
makromizer 17.05.2017
4.
Neben den erwähnten Sozialabgaben wurden allerdings die AG-Beiträge vergessen. Nun mag man sagen, dass das den AN nicht direkt belastet, aber jeder wirtschaftlich denkende AG ermisst Gehälter anhand der Gesamtkosten, nicht an dem, was als Brottolohn vereinbart ist. Somit sind AG-Beiträge für den AN auch entgangenes Einkommen.
yvowald@freenet.de 17.05.2017
5. Steuertarif gehört auf den Prüfstand
Der gesamte Einkommensteuer-Tarif gehört auf den Prüfstand. Denn mit den immer wieder in den Raum gestellten Zahlen wird von interessierter Seite manipuliert, daß sich die Balken biegen. Wieviel Prozent der Spitzeneinkommens-Bezieher zahlt denn überhaupt den gegenwärtigen Spitzensteuersatz? Die allermeisten bedienen sich raffinierter Steuerberater, die ihre Steuerschuld künstlich "klein rechnen". Es gibt so viele Steuer-Schlupflöcher, daß selbst die Finanzbeamten diese kaum überblicken können und schon garnicht kennen. Dies alles gehört abgeschafft, damit jeder nach seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit die Steuern zahlt, die laut Steuertarif fällig werden - und nicht weniger oder gar nichts.
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