Griechenland nach Finanzkrise Von einem, der auszog, eine Quittung zu erhalten

Giorgos Christides hatte eine Hoffnung: Die Staatsschuldenkrise möge den Griechen den Steuerbetrug austreiben, zumindest ein bisschen. Im Urlaub machte der SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter den Test. Er wurde bitter enttäuscht.

Giorgos Christides

Als Grieche weiß ich nur zu gut, dass kaum ein Satz in meinem Land mehr Unmut und Belustigung auslöst als dieser: "Ich hätte gern einen Beleg."

Für den durchschnittlichen griechischen Selbstständigen ist dieses Stück Papier ein Gräuel. Leute wie ich, die nie versäumen, um eine Quittung zu bitten, werden als schrullig und spießig beschimpft - oder auch gern als Malaka, eine ebenso beliebte wie derbe Beleidigung. Dem griechischen Staat entgehen geschätzte zehn Milliarden Euro pro Jahr allein durch hinterzogene Mehrwertsteuer, das entspricht fast fünf Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes.

Steuerhinterziehung ist in Griechenland ein tief verwurzeltes Problem. Dennoch hatte ich gehofft, dass die Finanzkrise die griechische Mentalität verändern würde. Ich hatte gehofft, unser wirtschaftliches Armageddon würde sowohl den Patriotismus der Griechen als auch die tief schlummernden Steuerbehörden wachrütteln.

Leider hat mich der erste Urlaub in meiner Heimat seit Jahren eines Besseren belehrt. Nimmt man den Umgang mit einem quittungsversessenen Malaka wie mir als Maßstab, sind wir Griechen der Steuerehrlichkeit keinen Deut mehr zugeneigt sind als zuvor.

Marktstand in Athen: Kaum etwas löst in Griechenland größeren Unmut und Hohn aus als die Bitte um einen Kassenbeleg
REUTERS

Marktstand in Athen: Kaum etwas löst in Griechenland größeren Unmut und Hohn aus als die Bitte um einen Kassenbeleg

Dabei begann alles sehr erfreulich. Die Vermieterin der Ferienwohnung, in der meine Familie und ich drei Tage im August verbrachten, war liebenswürdig und gastfreundlich. Im Hauptberuf ist sie Deutschlehrerin an einer griechischen staatlichen Schule - es war nachvollziehbar, dass sie sich ausführlich über die Gehaltskürzungen und den generellen Niedergang der Arbeitsbedingungen im Öffentlichen Dienst beklagte. Wir taten unser Bestes, Mitgefühl für ihre Misere zu bekunden.

Die freundliche Stimmung kippte am Tag der Abreise. Ich bat die Frau um einen Beleg für die Miete - und fand mich in einen nur allzu vertrauten Disput verwickelt: "Sie wollen wirklich einen Beleg?", fragte die Vermieterin mich ungläubig und mit kaum verhohlener Gereiztheit. "Ja, möchte ich", antwortete ich. "Warum?", fragte sie und klang aufrichtig überrascht. "Weil ich Sie nicht dabei unterstützen möchte, jene Steuern zu unterschlagen, die ich später sowieso zahlen muss. Dann, wenn die Regierung eine neue Steuer einführt, um die Haushaltslöcher zu stopfen, die Sie mitverursachen."

Lehrer bei Protesten in Athen (Mai 2013): Gehaltskürzung im Öffentlichen Dienst auch wegen grassierender Steuerhinterziehung
AP

Lehrer bei Protesten in Athen (Mai 2013): Gehaltskürzung im Öffentlichen Dienst auch wegen grassierender Steuerhinterziehung

Ich hätte gern noch hinzugefügt, dass ich es als höchst problematisch empfinde, wenn eine junge, gebildete Person wie sie, der überdies noch die Bildung unserer Kinder anvertraut ist, sich weder ihrer Bürgerpflichten noch ihrer eigenen Interessen bewusst ist. Ob sie denn nie darüber nachgedacht habe, dass sich ihre missliche Lage - Mickerlohn und harte Arbeitsbedingungen - eventuell verbessern könnte, wenn jeder in Griechenland seinen angemessenen Teil an den Staat zahlen würde? Aber da hatte sich die Frau Lehrerin bereits abgewandt.

Die Ferienwohnung-Besitzerin war kein untypischer Fall. Nachdem ich mit meinem Sohn eine Rafting-Tour gemacht hatte, drückte ich dem Bootsbesitzer 20 Euro in die Hand. Während wir auf das Auto warteten, das uns flussaufwärts zum Startpunkt zurückbringen sollte, bat ich ihn um einen Beleg. "Okay. Hören Sie zu", sagte er. "Wenn wir erwischt werden, erzählen Sie einfach, ich hätte Ihnen einen Beleg gegeben, aber Sie hätten ihn verlegt." Der Mann dachte wirklich, ich machte mir vor allem Sorgen um ihn und wolle den Ärger vermeiden, der vom Finanzamt blühte. Denn in Griechenland sind Geschäftsleute per Gesetz verpflichtet, ihren Kunden einen Beleg auszuhändigen.

Als ich auf meinem Wunsch beharrte, runzelte er die Stirn und drückte mir hastig ein verknittertes Stück Papier in die Hand. Dabei achtete er peinlich genau darauf, nicht beobachtet zu werden, wahrscheinlich um nicht dabei ertappt zu werden, wie er die Gesetze befolgte. Später stellte ich fest, dass er mir einen Beleg über zehn Euro statt über 20 Euro ausgestellt hatte.

Beleg über Rafting-Tour: Zehn Euro statt 20 Euro
Giorgos Christides

Beleg über Rafting-Tour: Zehn Euro statt 20 Euro

Ähnliche Erfahrungen machte ich fast überall, ob in Strandbars oder Tavernen, ob in Geschenkartikelläden oder Pizzerien. Und offiziellen Daten zufolge teile ich diese Erfahrungen mit vielen der 20 Millionen Touristen aus dem Ausland. Jeder zweite griechische Betrieb wurde der einen oder anderen Form der Steuerhinterziehung überführt, als Wirtschaftsprüfer Ende Juli bis Anfang August großflächig kontrollierten. Der Anteil der Steuerbetrüger lag in beliebten Touristenorten bei 85 Prozent.

Nach meinem Urlaub diskutierte ich mit Freunden über das Problem. Ausnahmslos waren sie der Meinung, dass es zwar das einzig Richtige sein mag, stets um einen Beleg zu bitten, "aber du musst kampfeslustig sein und riskierst, dir den Urlaub zu verderben".

Touristen an der Akropolis in Athen: Viele der 20 Millionen Gäste aus dem Ausland werden diesen Sommer Erfahrung mit der Steuerunehrlichkeit gemacht haben
DPA

Touristen an der Akropolis in Athen: Viele der 20 Millionen Gäste aus dem Ausland werden diesen Sommer Erfahrung mit der Steuerunehrlichkeit gemacht haben

Ich will mich hier nicht als Musterbürger darstellen. Meine Abneigung gegenüber Steuerhinterziehung entspringt eher einer angeborenen Angst vor Gesetzesübertretungen als einem irgendwie gearteten Vertrauen, die Regierung gehe verantwortungsvoll mit meinen Steuern um. Der Grad der Steuermoral hängt von vielem ab, und Experten betonen, dass die Bereitschaft, den Staat zu betrügen, umso höher ist, je mehr die Leute davon überzeugt sind, keinen angemessenen Gegenwert zu erhalten.

Allerdings führt das in einen Teufelskreis aus noch höheren Steuern für die Ehrlichen und noch mehr Steuerbetrug. Für all die kleinen und großen Steuerhinterzieher unter meinen Landsleuten habe ich eine Botschaft: Hört auf, euch zu Opfern der griechischen Misere zu stilisieren und euer Verhalten damit zu rechtfertigen. Seht endlich ein, dass ihr die Übeltäter seid - Tyrannen, die auf Kosten von uns Ehrlichen leben.

Übersetzung aus dem Englischen: Florian Diekmann

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insgesamt 188 Beiträge
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michlauslöneberga 21.09.2014
1. Steuerhinterziehung
ist aber leider nicht nur in Griechenland gang und gebe. Wir hatten kürzlich im Urlaub in Südtirol das Problem, dass wir auf einmal die Ferienwohnung bar zahlen sollten, eine Wohnung, für die weder ein Mietvertrag oder einer E-mail andere schriftliche Vereinbarungen existierten.
deb2011 21.09.2014
2. Ich kann die Griechen verstehen ...
... und auch hierzulande versuchen viele, dem gierigen Staat die Gelder abspenstig zu machen. Das wäre ganz anders, wenn Staaten ERNSTHAFT sparen würden, was aber so gut wie nie passiert. Und da es immer nur darum geht, dem Steuerzahler mehr und mehr abzupressen, um damit Steuern ganz offensichtlich zu verschwenden, kann ich mich über diesen Artikel auch nicht besonders aufregen.
jos4711 21.09.2014
3. Das entspricht leider auch meinen Erfahrungen
Ich verkaufe (als Großhändler) auch öfter nach Griechenland. Meistens im Volumen 500-1000 EUR. Um eine umsatzsteuerfreie Rechnung ausstellen zu dürfen, muss mir der Käufer seine EU-Umsatzsteuer-Id vorlegen, für die ich dann beim Bundeszentralamt für Steuern prüfen kann, ob Name und Adresse zur angegebenen Umsatzsteuer-Id passen. Die Umsatzsteuer führt dann der Warenempfänger in Griechenland ab, so dass er Vorsteuer ziehen kann. Nun klappt das bei Franzosen, Italienern, Slowenen, ... zu 80% im ersten Anlauf und bei den restlichen nach kleinen Korrekturen bei der Schreibweise dann aber im zweiten Anlauf. Bei griechischen Kunden hat das noch nicht einmal geklappt. Meist passt nicht einmal der Firmenname, die Rechtsform oder die Stadt. Nach Aussage eines Mitarbeiters des BZSt liegt das aber nicht nur an den griechischen Geschäftsleuten sondern auch an der Nachlässigkeit der griechischen Behörden bei der Erfassung dieser Daten.
phthalo 21.09.2014
4. Seltsam
Ich bin jedes Jahr in Griechenland und ich bekomme immer einen Beleg. Sogar wenn ich nur einen Frappe für 2,50EUR bestelle.
nick-the-greek 21.09.2014
5. Vor der Kriese ist nach der Kriese..
Vor der Krise war dies eine Art Kavaliersdelikt (wie es die Reichen auch in Deutschland tag täglich vormachen)... Jedoch jetzt in der Krise geht es bei den meisten Bürgern nur noch ums überleben... Teufelskreis
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