Steuerparadies Niederlande Mindestens so dreist wie Luxemburg

Steueroase Luxemburg? Mag sein, doch die Niederlande treiben es ebenso bunt. Rund 12.000 Briefkastenfirmen residieren dort. Genutzt werden die "effektiven Steuerstrategien" auch von deutschen Konzernen.

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Intertrust-Gebäude in Amsterdam: Hier residieren Tausende von Firmen
Claus Hecking

Intertrust-Gebäude in Amsterdam: Hier residieren Tausende von Firmen


Die Massenunterkunft der Weltkonzerne kann Gaby de Groot vom Bürofenster erblicken. "Da drinnen haben Tausende Unternehmen ihren Sitz", sagt der Steuerexperte und zeigt auf den beigefarbenen Bürokomplex auf der anderen Straßenseite. "Aber höchstens 300 Leute arbeiten dort." Und das höchst diskret.

Hier am Amstel-Bahnhof im Süden Amsterdams residierten Danone Chart zeigen, Saab, Gazprom Chart zeigen und mehr als 2000 weitere multinationale Unternehmen. Sie teilen sich eine Adresse hier am Prins Bernhardplein 200 bis 218, gleich gegenüber der Finanzzeitung "Het Financieel Dagblad", Gaby de Groots Arbeitgeber. Aber nicht ein einziges Logo all dieser stolzen Firmen steht auf der Fassade. Nicht einmal auf den Briefkasten des "Amstelgebouw" haben die prominenten Mieter ihren Namen geschrieben. Dabei kommt es doch auf diesen Briefkasten an.

Die meisten der wenigen Menschen, die hier ein- oder ausgehen, arbeiten wohl für Intertrust: die Treuhandfirma, die ihre Dienste so bewirbt: "Wenn Sie eine hochqualitative Business-Infrastruktur, günstige Steuer-Bedingungen und Service aus erster Hand suchen, dann ist Intertrust Niederlande Ihr Büro." Treuhänder wie Intertrust stehen hoch im Kurs bei multinationalen Unternehmen. Mindestens 12.000 meist mitarbeiterlose "besondere finanzielle Einrichtungen", wie sie offiziell heißen, oder "Briefkastenfirmen", wie sie der Volksmund nennt, sind laut einer Studie des Forschungsinstituts SEO Economisch Onderzoek in Deutschlands Nachbarland ansässig. Denn die Niederlande sind mutmaßlich die beliebteste legale Steueroase der Welt. Noch beliebter als das berüchtigte Luxemburg.

Als Steueroase wohl attraktiver als Luxemburg

Auch PriceWaterhouseCoopers hatte sich mal am Prins Bernhardplein 200 einquartiert: die Unternehmensberatung, die gerade im Mittelpunkt der "Luxemburg-Leaks" steht. Die für Hunderte Großkonzerne Konstrukte ersonnen hat, mit denen sie Gewinne in das Niedrigsteuerland Luxemburg verschieben und so Milliarden Euro Steuern sparen können. Es gebe "mindestens vier bis fünf Länder, die ebenso effektive Steuerstrategien anbieten", verteidigt sich PWCs Luxemburg-Chef Didier Mouget. Und nennt als ein Beispiel die Niederlande.

Mouget hat wohl recht. Alles deutet darauf hin, dass die Niederlande für multinationale Konzerne noch attraktiver sind als das kleine Luxemburg, um Profite hierher zu verschieben und so Steuern ganz legal zu vermeiden. Denn Deutschlands nordwestlicher Nachbar erhebt auf bestimmte im Ausland erzielte Einkünfte geringe oder gar keine Abgaben. Dazu gehören Zinsen und Dividenden sowie Erträge aus intellektuellem Eigentum, also aus Lizenzen, Marken- oder Patentrechten. Und so verlagern Multis wie Ikea, Italiens teilstaatlicher Ölriese Eni ("Agip"), Walmart oder laut "Financieel Dagblad" 17 der 20 umsatzstärksten Konzerne aus dem klammen Portugal ihre Gewinne in das Niedrigsteuerparadies an der Nordsee. Das Prinzip ist manchmal ganz einfach - etwa bei Ikea. Hier erhebt die "Ikea Inter Systems BV" im niederländischen Delft Franchise-Gebühren von Filialen weltweit - und drückt so deren Steuerlast. Die Kaffeekette Starbucks Chart zeigen ist ähnlich vorgegangen. Ist ja auch alles erlaubt.

"Wir sind die Finanzdrehscheibe der Welt", sagt Experte De Groot, der mit seinem Kollegen Siem Eikelenboom seit Jahren diese Praktiken untersucht. Und die Zahlen geben ihm recht: Rund 4.000 Milliarden Euro wurden 2011 laut der vom Finanzsektor beauftragten SEO-Studie durch die niederländischen Briefkastenfirmen geschleust - rund das Fünffache des Bruttosozialprodukts. Sie haben das Land mit nicht mal 17 Millionen Einwohnern nach Statistiken des Internationalen Währungsfonds zu einem der beiden weltgrößten Empfänger und Geber von Direktinvestitionen gemacht.

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Finanzparadiese: So schön kann Steuern sparen sein
Finanzholdings verbergen sich hinter Briefkastenfirmen

Laut einer Studie der US-Nichtregierungsorganisation Citizens for Tax and Justice (CTJ) besitzen 48 Prozent der 500 umsatzstärksten Firmen Finanzholdings in den Niederlanden - mehr als in Singapur, Hongkong oder Luxemburg (34 Prozent). Laut CTJ verbuchten Niederlande-Töchter von US-Konzernen 2010 Gewinne in Höhe von 127 Milliarden Dollar, mehr als auf den Bermudas (91 Milliarden), in Luxemburg (55 Milliarden) oder auf den Cayman-Islands (51 Milliarden Dollar). Sie verbergen sich bisweilen hinter unauffälligen Namen. "Blueleave Cooperatie" etwa heißt die lokale Holding des US-Handelsriesen Walmart - der in den Niederlanden nicht einen einzigen Supermarkt hat. Allein BASF hatte 2012 21 Holdings in den Niederlanden. Selbst die Rolling Stones unterhalten einen Geschäftssitz an der noblen Amsterdamer Herengracht.

Besonders beliebt sind laut de Groot so genannte "Tax Rulings", bei denen Multis mit dem niederländischen Fiskus individuelle, geheime Absprachen über ihre Steuerlast treffen. Wie in Luxemburg. "Oft sind die beiden Länder miteinander gekoppelt", sagt de Groot, "dann hat die niederländische Holding eine Luxemburger Holding über sich". Oder umgekehrt.

Auch deutsche Konzerne haben den Niedrigsteuer-Nachbarn entdeckt. Laut der SEO-Studie haben sie rund 800 Tochterfirmen in den Niederlanden gegründet - einige davon wohl vom Oval Tower nahe der Amsterdamer Ajax-Arena aus. Hier sitzt die Deutsche International Trust Company, eine Tochter der Deutschen Bank. Man offeriere "ein weites Spektrum von Verwaltungsdienstleistungen, die in Wertpapierdienstleistungen als integrierte Lösung angeboten werden", formuliert eine Sprecherin auf Anfrage. Fragen nach Aktivitäten und Klienten ignoriert sie.

Qualitätssiegel für seriöse Treuhänder geplant

Andre Nagelmaker, Vizepräsident der Treuhändervereinigung Holland Quaestor, streitet ab, dass es den Kunden ausschließlich um Steuerflucht gehe. "Die meisten siedeln sich an, um eine Doppelbesteuerung zu vermeiden, denn die Niederlande haben gute bilaterale Abkommen geschlossen", sagt er. Aber es seien auch "noch Strukturen möglich, in denen nie eine Steuerzahlung entrichtet wird". Dies wolle man nicht, behauptet Nagelmaker; sein Lobbyverband plant daher die Einführung eines Qualitätssiegels für seriöse Treuhänder. "Wenn wir hier etwas verändern", sagt Nagelmaker, "muss es im europäischen Kontext geschehen."

Die Regierung hat erklärt, die Briefkastenfirmen schärfer kontrollieren zu wollen. Den Begriff "Steueroase" hören niederländische Politiker nämlich gar nicht gerne. Im Januar 2013 rief das Parlament auf Antrag der rechtpopulistischen Wilders-Partei die Regierung per Resolution dazu auf, "diese Qualifizierung zurückzuweisen und wo möglich in der Diskussion darauf zu dringen, dass diese Qualifizierung unterbleibt." Diesen Donnerstag erklärte Finanz-Staatssekretär Eric Wiebes denn auch. "Die Niederlande sind keine Steueroase." Die Zahlen der Studie über die "besonderen finanziellen Einrichtungen", die gerade im Parlament vorgestellt wurde, deuten allerdings etwas anderes an. Demnach hat sich allein die Summe der Dividenden, die in die Briefkastenfirmen geflossen ist, zwischen 2004 und 2012 mehr als verfünffacht: von 13,1 Milliarden auf 72,7 Milliarden Euro.

Zum Autor
Claus Hecking ist freier Internationaler Korrespondent und Reporter für SPIEGEL ONLINE, die "Zeit", das Magazin "Capital" und andere Medien.

Website: www.claushecking.com

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Immanuel_Goldstein 10.11.2014
1.
Jeder Firlefanz wird in Europa "harmonisiert", nur der Steuerirrsinn nicht. Es wird zeit, dass in Europa endlich einheitlich Steuern bezahlt werden und zwar in dem Land, in dem die steuerpflichtigen Geschäfte getätigt wurden. Alles andere wird immer wieder zu neuer Steuerprellerei führen und zwar auf Kosten der abhängig Beschäftigten Bürger.
joG 10.11.2014
2. Es sollte einem jeden Bürger klar sein....
.....dass Konkurrenz der Steuerbedingungen innerhalb eines Wirtschaftsraums gut ist. Das ist eine zusätzliche Kontrolle der Macht der Regierenden bei dem andere Regierende diese Funktion übernehmen.
achjott 10.11.2014
3. Steueroasen
Was bringt es, eine Steueroase nach der anderen zu bejammern? Solange Steuerbetrüger keine wirklichen Strafen zu befürchten haben, ändert sich nichts. Der Zufluchtsort wird alle paar Jahre/Jahrzehnte geändert. Alles nur Ablenkung von der gewollten Untätigkeit der (konservativen/marktliberalen) Politiker. So kann man so tun als ob man sich des Themas annimmt. Jahrelang werden die nächsten Oasen, die trockengelegt werden sollen, in allen Medien genannt. Jeder Idiot kann sein Geld rechtzeitig umleiten. Schön langsam in kleineren Summen, ohne dass es auffällt. Aber die Täter bestrafen, das will man nicht so richtig.
Pinin 10.11.2014
4. Ist doch klar ...
... für ein kleines Land reicht schon eine ganz kleine Steuer von ganz großen Konzernen um sich ohne Arbeit gesund zu stoßen. Und genau diese Gestalten fordern dann von Deutschland "Solidarität". Widerlich.
Acer99 10.11.2014
5. Reflexe
Ein Bericht wie dieser und man sieht die üblichen Reflexe, zB Beitrag Nr. 3. Nein, es ist kein Steuerbetrug, wenn man legale Mittel nutzt, Steuern zu sparen. Nein, es liegt auch nicht an den bösen Konservativen, diese "Steueroasen" gibt es seit Dekaden unter den Augen auch der in Europa versammelten "Sozialisten". Und ja, diese "Steueroasen" werden zahlreich genutzt, auch von deutschen Städten/Gemeinden, die seit Jahren politisch tiefrot sind.
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