Störfälle in deutschen AKW 4000-mal Alarm

Die Bundesregierung will alte AKW vom Netz nehmen. Wie sicher sind die deutschen Atommeiler überhaupt? Jeder Betreiber muss Probleme an das Bundesamt für Strahlenschutz melden. In den vergangenen 30 Jahren gab es mehr als 4000 Störfälle - ein Überblick.

Atomkraftwerk Biblis: Ältester Meiler in Deutschland
DPA

Atomkraftwerk Biblis: Ältester Meiler in Deutschland

Von Tanja Tricarico


Hamburg - In Japan explodieren zwei Kernkraftwerke, und in Deutschland wird die Kritik an der Atomtechnologie wieder laut. Sind die hiesigen Meiler überhaupt sicher? Diese Frage stellen sich Bevölkerung, Umweltschützer und Politiker.

Der wohl schwerste Vorfall in Deutschland ist rund zehn Jahre her. Im Dezember 2001 meldete das Atomkraftwerk Brunsbüttel in Schleswig-Holstein eine Wasserstoffexplosion. Drei Meter Rohrleitung wurden zerfetzt - direkt am Herzen des Reaktors. Atomexperten zufolge gehört der Zwischenfall zu den schlimmsten in der deutschen AKW-Geschichte. Region und Betreiber kamen glimpflich davon. Doch auch in den Jahren nach der Wasserstoffexplosion meldete der zweitälteste Reaktor Deutschlands immer wieder Schäden und Störungen.

Bisher bestand die schwarz-gelbe Regierung stets darauf, dass die deutschen Meiler sicher seien. Die Katastrophe in Japan scheint zu einem Umdenken zu führen. Denn schon am Montagnachmittag wurden Fakten geschaffen: Das seit rund 35 Jahren laufende AKW Neckarwestheim 1 wird vom Netz genommen. Bayerns Umweltminister Markus Söder (CSU) will zudem das umstrittene Kernkraftwerk Isar I abschalten.

In Deutschland müssen alle Störfälle dem Bundesamt für Strahlenschutz in Salzgitter gemeldet werden. Dazu gehören sicherheitsrelevante Unfälle oder auch Messungen über erhöhte Strahlenwerte auf dem Gelände der Reaktoren. Die Behörde stuft jede Meldung nach Gefährlichkeit ein. Allein für 2009 hat die Stelle 27 Störfälle gezählt. Alle Fälle wurden in der Kategorie N eingestuft und für unbedenklich erklärt.

Größere Unfälle in den Kraftwerken Deutschlands blieben bisher aus. Die Sicherheitsstandards, so beteuern die Betreiber, seien enorm hoch, der technische Zustand der Meiler - zumindest was die neueren Modelle betrifft - gehöre zu den besten weltweit.

Probleme gab es dennoch. Seit ihrer Inbetriebnahme kommen die 17 noch laufenden deutschen Kernkraftwerke insgesamt auf über 4000 Störfälle, die meisten ereigneten sich in den älteren Meilern. Eine Übersicht über die wichtigsten Vorfälle aus über 30 Jahren deutscher AKW-Geschichte:

Biblis A, seit 1975 in Betrieb

Das Kraftwerk in Hessen gehört zu den ältesten in Deutschland. 1979, vier Jahre nach Inbetriebnahme, werden Probleme an der Kühlmitteldruckregelung gemeldet. 1980 messen Experten erhöhte Werte von radioaktivem Jod 131. 2009 gibt es vor allem Probleme beim Löschsystem und bei verschiedenen Kühlpumpen. Für Biblis A und B wurden seit Inbetriebnahme über 830 Störfälle gemeldet. Nun soll der Atommeiler nach Angaben der hessischen Landesregierung im Juni für zunächst acht Monate vom Netz gehen. Geplant seien Revisionsarbeiten, sagte Umweltministerin Lucia Puttrich (CDU) in Wiesbaden.

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Neckarwestheim 1, seit 1976 in Betrieb

1980 muss der Reaktor kurzfristig abgeschaltet werden, da es Probleme mit der Kühlmittelpumpe und beim Speisewasser gibt. 1997 stellen Techniker fest, dass die Füllstandsollwerte in den Flutbehältern deutlich unterschritten sind. 2009 wird gemeldet, dass die Notstromversorgung teilweise beeinträchtigt ist. Die Reaktoren Neckarwestheim 1 und 2 registrierten seit Inbetriebnahme über 500 Störfälle. Am Montag kündigte Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) an, das Kraftwerk vom Netz zu nehmen.

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Brunsbüttel, seit 1977 in Betrieb

Das Kraftwerk Brunsbüttel in Schleswig-Holstein gehört zu den ältesten Atommeilern in Deutschland. 1978 - ein Jahr nach Inbetriebnahme - entweicht durch ein Leck radioaktiver Dampf. 1989 werden bei einer Prüfung Risse an Rohren des Kühlsystems entdeckt. Ende 2001 zerfetzt eine Wasserstoffexplosion rund drei Meter Rohrleitung. Der Vorfall ist nach Einschätzung von Atomexperten einer der gravierendsten in der Geschichte der deutschen AKW. Seit der Meiler am Netz ist wurden über 450 Störfälle gemeldet.

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Biblis B, seit 1977 in Betrieb

1997 fallen zwei nukleare Nebenkühlwasserpumpen durch Überflutung aus. 2002 und 2004 melden die Betreiber Ausfälle bei der Notstromversorgung. Gemeinsam mit Biblis A liegt die Störbilanz des Kraftwerks bei über 830 Fällen seit Inbetriebnahme.

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Unterweser, seit 1979 in Betrieb

1986 werden radioaktive Stoffe innerhalb der Anlage freigesetzt. Die Ursache für den technischen Fehler ist nicht vollständig geklärt. 1998 stellen Techniker fest, dass der Reaktor nach einer Reparatur mit gesperrten Sicherheitsventilen an einer Hauptdampfleitung wieder in Betrieb gegangen ist. 2006 fällt nach Überflutung eine Nebenkühlpumpe aus. Seit 1979 wurden insgesamt 330 Störfälle gemeldet.

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Isar I, seit 1979 in Betrieb

1998 werden Schäden an den Brennelementen gemeldet. Ein Jahr später kommt es bei einem Probelauf zu Störungen an der Kraftstoffversorgung eines Notstromdieselaggregats. Auch 2009 macht der Generatorschalter am Notstromdiesel Probleme. Die Reaktoren Isar 1 und 2 veröffentlichen seit Inbetriebnahme nahezu 350 Störfälle. CSU-Kreisen zufolge will Bayerns Umweltminister Markus Söder (CSU) das Kraftwerk in Kürze vom Netz nehmen.

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Philippsburg 1, seit 1980 in Betrieb

1983 entweicht radioaktives Jod-131, da Brennelemente defekt sind. 2001 bleibt der Reaktor in Betrieb, obwohl das Notkühlsystem nicht funktionsfähig ist. 2009 meldet Betreiber EnBW Probleme am Nebenkühlwassersystem und bei der Versorgung durch Notstromdieselaggregate. Philippsburg 1 und 2 registrierten seit Inbetriebnahme über 500 Störfälle.

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Grafenrheinfeld, seit 1982 in Betrieb

1997 melden die Techniker ein Leck an einem Wärmetauscherrohr eines Zwischenkühlers. Auch 2009 berichtet Betreiber E.ON von Pannen bei der Notstromversorgung am Kraftwerk. Seit 1982 wurden über 200 Störfälle gemeldet.

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Krümmel, seit 1984 in Betrieb

2007 macht Krümmel zum ersten Mal Schlagzeilen: Ein Trafo brennt und verursacht etliche Folgeschäden. Die Betreiber Vattenfall und E.on melden Risse an der Steuerleitung eines Sicherheits- und Entlastungsventils sowie Brennstabschäden. 2009 löst ein Kurzschluss die Reaktorschnellabschaltung aus. Seit 1984 wurden über 300 Störfälle gemeldet.

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Gundremmingen B, seit 1984 in Betrieb

1986 wird der Reaktor kurzfristig abgeschaltet, weil die Turbinenstellventile fälschlicherweise geöffnet wurden. 2005 stellen Techniker Schäden an Teilen der Brennelemente fest. Das AKW ist seit 1984 am Netz. Seitdem wurden im B und C-Trakt der Anlage zusammen über 200 Störfälle gemeldet.

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Grohnde, seit 1985 in Betrieb

Bereits 1990 werden Schäden an Brennelementen festgestellt. 1993 meldet der Betreiber Fehler in der Sicherheitstechnik. 2009 werden Berichte über Spannungsausfälle oder fehlerhafte Warnsignale im Reaktorschutzsystem bekannt. Seit 1985 wurden über 200 Störfälle bekannt.

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Gundremmingen C, seit 1985 in Betrieb

Ein Riss in einer Schweißnaht sorgt 1995 für Probleme im Kraftwerk. Vor allem das Nachkühlsystem ist betroffen. 2009 muss der Reaktor kurzfristig abgeschaltet werden, weil der Füllstand im Reaktordruckbehälter zu hoch ist. Aus Gundremmingen in Bayern gingen seit Mitte der 1980er Jahre über 200 Störfälle beim Bundesamt für Strahlenschutz ein.

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Philippsburg II, seit 1985 in Betrieb

1998 finden Techniker heraus, dass die Pumpen im nuklearen Nachwärmeabfuhrsystem unzureichend gegen Überhitzung sind. 2000 muss der Reaktor abgeschaltet werden, da Sicherheitskomponenten im Kühlsystem gestört sind. Aus beiden Kraftwerken in Philippsburg wurden seit Inbetriebnahme über 500 Störfälle gemeldet.

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Brokdorf, seit 1986 in Betrieb

Das AKW Brokdorf ist seit 1986 in Betrieb. 1993 kommt es zu einem größeren Zwischenfall. Die Anlage muss abgeschaltet werden, weil aus einem Reinigungssystem Schwefelsäure in einen der Kühlkreisläufe fließt. 1995 werden undichte Brennelemente entdeckt. Insgesamt meldet Brokdorf über 200 Störfälle seit Inbetriebnahme.

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Isar II, seit 1988 in Betrieb

1989 muss der Reaktor abgeschaltet werden, da die Hauptspeisewasserpumpe ausfällt. 2002 werden Schäden am Leistungsschalter einer Zwischenkühlwasserpumpe entdeckt. Gemeinsam mit dem Reaktor Isar I meldet die Anlage seit Inbetriebnahme nahezu 350 Störfälle.

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Emsland, seit 1988 in Betrieb

2000 fällt das System für Löschwasser aus. Neun Jahre später muss der Reaktor kurzfristig abgeschaltet werden, da die Blockeinspeisung ausfällt. Die Betreiber haben seit Inbetriebnahme rund 120 Schäden an das Bundesamt für Strahlenschutz weitergegeben.

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Neckarwestheim 2, seit 1989 in Betrieb

1991 meldet der Betreiber Schäden an den Abstandhaltern der Brennelemente. 2004 wird das Deionatsystem überstrapaziert. Radioaktivität wird dadurch in geringen Mengen freigesetzt. 2009 machen den Betreibern vor allem Probleme mit der Notkühlung oder Korrosionsbefunde an Steuerelementen zu schaffen

Kapazität deutscher Kraftwerke

Kraftwerkstyp Installierte Leitung
Atomkraft 20,3 Gigawatt
Kohle-, Gas und Diesel 71,3 Gigawatt
Wasserkraft 10,4 Gigawatt
Erneuerbare Energien 37,5 Gigawatt
Gesamt 139,5 Gigawatt

Wert: 31. Dezember 2009, Quelle: Entsoe, Statistical Yearbook, Seite 161

. Neckarwestheim 1 und 2 meldeten seit Inbetriebnahme über 500 Störfälle.

Leistung älterer deutscher Kernkraftwerke

Kraftwerk Betriebs-
start
Defekte Netto-
leistung
in MW
Brunsbüttel 1977 80 771
Isar 1 1979 44 878
Neckarwestheim 1 1976 47 785
Philippsburg 1 1980 39 890
Biblis A 1974 66 1167
Biblis B 1976 78 1240
Unterweser 1978 49 1345
Gesamt 7076

Quelle: Bundesumweltministerium, Bundesamt für Strahlenschutz, IAEA - Power Reactor Information System, Informationskreis KernEnergie

mit Material von dapd und dpa

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
immerfreundlich 14.03.2011
1. Was ist ein Störfall?
Zitat von sysopDie Bundesregierung will alte AKW vom Netz nehmen. Wie sicher sind die deutschen Atommeiler überhaupt? Jeder Betreiber muss Probleme an das Bundesamt für Strahlenschutz melden. In den vergangenen 30 Jahren gab es mehr als 4000 Störfälle - ein Überblick. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,750889,00.html
So langsam dreht ihr durch, oder? Zu den 4000 Störfällen, wieviele waren so, daß sie zu einer Krise hätten führen können? In welcher Stufe waren die Störfälle? So ist dies doch Panikmache. Waren die deutschen Kraftwerke jemals in einer gefährlichen Situation, gefährlich im Sinne von "Lage könnte ausser Kontrolle geraten"? Das ist doch die entscheidende Frage.
Georg B 14.03.2011
2. War ja nur eine Frage der Zeit...
... bis die sogenannte Atomkatastrophe in Japan nicht mehr genug Stoff hergibt für eine minütliche Veröffentlichung von Katastrophenmeldungen. Jetzt müssen wieder jahrzehntealte Statistiken über gemeldete Störfälle in Deutschland - aufgeputzt mit reißerischen Überschriften wie "4000 Mal Alarm" herhalten, um die Stimmung hochzuhalten. Klar, der Spiegel ist gegen Kernkraft, vergißt dabei aber sonst gepflegte Grundsätze des guten Journalismus. Jeden Störfall in einem deutschen Kernkraftwerk als "Alarm" zu bezeichnen ist schon fast fahrlässige Panikmache. Aber, wir werden uns wohl wieder daran gewöhnen müssen, daß für die nächsten Monate Spiegel Online von Top-Meldungen wie "Glühbirne im Kontrollzentrum von Biblis A durchgebrannt" beherrscht werden wird.
Denkste! 14.03.2011
3. Störfälle?
Ich habe den Artikel durchgelesen, ein Teil der angeführten Störfälle sieht aus wie Mängel, die aufgrund einer Revision/Sicherheitsüberprüfung auffielen und abgestelllt wurden, was ja eigentloich positiv zu werten ist.
mischpot 14.03.2011
4. rien ne va plus
ist wohl nur eine Frage des Glücks, dass noch nichts passiert ist. Diese 7 Anlagen herunterfahren und abschalten und sichere Endlager suchen wie in der Schweiz da geht es ja auch. Mehr dezentrale Stromversorgung, kleine Windanlagen genehmigen. Das Monopol der Energie Giganten aufheben. Erst jetzt wo etwas weit weg passiert ist werden die Verantwortlichen hierzulande wach, dass gibt zu denken.
Harald E, 14.03.2011
5. freundlich
Zitat von immerfreundlichSo langsam dreht ihr durch, oder? Zu den 4000 Störfällen, wieviele waren so, daß sie zu einer Krise hätten führen können? In welcher Stufe waren die Störfälle? So ist dies doch Panikmache. Waren die deutschen Kraftwerke jemals in einer gefährlichen Situation, gefährlich im Sinne von "Lage könnte ausser Kontrolle geraten"? Das ist doch die entscheidende Frage.
Ich *weiß* von zweien, die sehr gefährlich waren und zumindest bei einem war die Lage ausser Kontrolle. Noch garnicht lange her. Fragen sie nicht...suchen sie selbst. Frei nach dem Motto: Was ich nicht weiß, bringt mir ne 6 in Fleiß
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