Streit über Griechen-Hilfe: Euro-Länder spielen sich als Pfandleiher auf

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Mühsam haben die Euro-Staaten das Rettungspaket für Griechenland ausgehandelt - und nun das: Finnland macht mit Athen einen Extra-Deal, Geld gibt es nur gegen ein Pfand. Prompt verlangen andere Länder dasselbe. Experten warnen, daran könne die ganze Währungsunion scheitern.

Gebündelte Euro-Noten: Geld soll es nur noch gegen Geld geben Zur Großansicht
DPA

Gebündelte Euro-Noten: Geld soll es nur noch gegen Geld geben

Hamburg - Ein Riss geht durch die Euro-Zone, und er wird immer größer: Seit Griechenland und Finnland am Dienstag eine Zusatzabmachung zum zweiten Hellas-Hilfspaket schlossen, herrscht zwischen den Mitgliedstaaten heftiger Streit. "Es geht zu wie im Kindergarten", heißt es aus Brüssel. "Es ist, als ob ein Kind ein tolles Spielzeug entdeckt hat, das Monate unbemerkt herumlag - und jetzt wollen ganz viele es haben."

Das "Spielzeug" ist allerdings hochgefährlich - ungefähr so wie eine Splittergranate in einem Sandkasten. Es verbirgt sich hinter einem einzigen Satz in den Beschlüssen des Euro-Rettungsgipfels vom 21. Juli. Demnach können Mitgliedsstaaten unter Umständen ein Pfand für Risiken verlangen, die ihnen durch die Beteiligung am Rettungsschirm EFSF entstehen.

Genau das macht Finnland nun: Es beteiligt sich wie vereinbart am zweiten Rettungspaket für Griechenland. Im Gegenzug zahlt der Pleitestaat Finnland eine Sicherheit. Sprich: Finnland gibt Griechenland nur Geld, wenn Griechenland Finnland Geld gibt.

Das klingt absurd. Es geht aber noch grotesker: Nachdem Athen und Helsinki ihren Geld-gegen-Geld-Deal besiegelt hatten, meldeten sich weitere Euro-Staaten zu Wort. Plötzlich heißt es aus Österreich, Slowenien, der Slowakei und den Niederlanden: "Wenn die Finnen das kriegen, wollen wir das auch."

Die Forderungen pervertieren die Grundidee des EU-Rettungsfonds. Die Solidarität der Euro-Staaten bröckelt, das von der EU bereits abgesegnete zweite Hilfspaket für Griechenland ist plötzlich bedroht - und mit ihm im Zweifel der Erhalt der Währungsunion.

"Die griechisch-finnische Hybridlösung ist für die Euro-Zone brandgefährlich", sagt Daniel Gros vom Centre for European Policy Studies. Die EU müsse dem Wahnsinn rasch Einhalt gebieten. Noch drastischere Worte wählt Österreichs Finanzministerin Maria Fekter. Die EU-Vereinbarung könne das Rettungspaket "sprengen", sagte sie laut der Nachrichtenagentur Bloomberg.

Wie funktioniert das griechisch-finnische Abkommen? Was sind die Motive der EU-Staaten? Und wie bedrohlich ist der Streit für Europa? Antworten auf die wichtigsten Fragen:

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1. Ist das nicht vernünftig?
kaksonen 19.08.2011
Zitat von sysopMühsam haben die Euro-Staaten das Rettungspaket für Griechenland ausgehandelt - und nun das: Finnland*macht mit Athen einen Extra-Deal, Geld gibt es nur gegen ein Pfand. Prompt verlangen andere Länder dasselbe. Experten warnen, daran könne die ganze Währungsunion scheitern. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,781287,00.html
Wo gibt es Kredite ohne Sicherheiten? Haben wir nicht erst kürzlich eine Krise durchlebt, die genau auf Kredite ohne ausreichende Sicherheiten zurückzuführen war?
2.
Heinz-und-Kunz 19.08.2011
Zitat von sysopMühsam haben die Euro-Staaten das Rettungspaket für Griechenland ausgehandelt - und nun das: Finnland*macht mit Athen einen Extra-Deal, Geld gibt es nur gegen ein Pfand. Prompt verlangen andere Länder dasselbe. Experten warnen, daran könne die ganze Währungsunion scheitern. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,781287,00.html
Herzlich willkommen in der Realität liebe Eurokraten. Habt ihr denn wirklich geglaubt, dass alle Politiker so dumm sind wie die deutschen? Offensichtlich gibt es in Finnland noch welche, die denken können und sie Sorgen ihrer Bürger nicht ignorieren.
3. vielleicht
einuntoter 19.08.2011
"Man kann nur hoffen, dass in Deutschland niemand eine Partei wie die 'Wahren Finnen' gründet." wäre das wirklich am besten
4. Hoffentlich
farview 19.08.2011
"Experten warnen, daran könne die ganze Währungsunion scheitern." Hoffentlich haben die Experten wenigstens dieses Mal Recht.
5.
Planet_Torkov 19.08.2011
Zitat von sysopMühsam haben die Euro-Staaten das Rettungspaket für Griechenland ausgehandelt - und nun das: Finnland*macht mit Athen einen Extra-Deal, Geld gibt es nur gegen ein Pfand. Prompt verlangen andere Länder dasselbe. Experten warnen, daran könne die ganze Währungsunion scheitern. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,781287,00.html
Und in den Geschichtsbüchern wird dereinst stehen, dass Deutschland an allem schuld war, weil es nicht rechtzeitig den finnischen, niederländischen, slowenischen, österreichischen und slowakischen Anteil übernommen hat. Es kann nämlich nicht sein, dass wir mal nicht die Bösen sind und der Euro nicht an unserer mangelnden Solidarität scheitert.
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Milliarden für Griechenland - Die Ergebnisse des Euro-Gipfels
Neue Kredite
Griechenland soll vom europäischen Krisenfonds für wackelnde Eurostaaten (EFSF) Kredite zu niedrigen Zinssätzen von rund 3,5 Prozent bekommen. Die Laufzeiten der Kredite sollen von bisher siebeneinhalb Jahren auf 15 bis 30 Jahre gestreckt werden. Ein umfangreiches Wachstums- und Investitionsprogramm soll Griechenland in Zusammenarbeit mit der EU-Kommission wieder auf die Beine bringen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) wird angehalten, sich am Hilfsprogramm zu beteiligen. Auch die Laufzeiten der Kredite aus dem bereits existierenden Rettungsprogramm von 2010 sollen deutlich verlängert werden.
Einbeziehung von Banken
Der Finanzsektor wird sich auf freiwilliger Basis mit einer Reihe von Optionen an der Rettung Griechenlands beteiligen. Der Nettobeitrag der Banken soll bei 37 Milliarden Euro liegen - für die Zeit von jetzt bis 2014. Zusätzlich wird ein Betrag von 12,6 Milliarden Euro genannt für ein Schuldenrückkaufprogramm. Legt man den Zeitraum von 2011 bis 2019 zugrunde, beträgt der Nettobeitrag des privaten Sektors laut Abschlusserklärung 106 Milliarden Euro.
Neue Aufgaben für Krisenfonds
Der EFSF-Fonds bekommt neue Aufgaben. Er kann künftig zum Ankauf von Staatsanleihen genutzt werden - aber unter strikten Bedingungen. Zudem soll der Rettungsfonds vorbeugende Programme für Wackelkandidaten im Eurogebiet auflegen dürfen. Der EFSF wird nicht aufgestockt.
Irland/Portugal
Auch für Portugal und Irland, die ebenfalls von milliardenschweren Hilfsprogramm der Partner profitieren, sollen die Ausleihbedingungen des EFSF gelten.
Budgetdefizite
EU-weit sollen Budgetdefizite bis 2013 möglichst auf unter drei Prozent gedrückt werden. Das Sparpaket Italiens, mit dem dies bis 2012 erreicht werden soll, fand lobende Worte. Ebenso wurden die Reformanstrengungen von Spanien begrüßt.
Banken-Stresstest
Für durchgefallene Banken sollen die Euro-Länder entsprechende Auffangmaßnahmen bereitstellen.
Mehr wirtschaftliche Koordination
Bei der geplanten Wirtschaftsregierung machen die Staats- und Regierungschefs Druck: Die seit Anfang Juli amtierende polnische EU-Präsidentschaft hat den Auftrag, die festgefahrenen Verhandlungen mit dem Europäischen Parlament voranzubringen.
Weniger Macht für Rating-Agenturen
Die Regierungschefs sind sich einig, dass die Macht der Rating-Agenturen eingedämmt werden muss. Vorschläge der Kommission zum Umgang mit den Agenturen werden erwartet. Außerdem wollen die Europäer eine eigene international bedeutende Rating-Agentur etablieren.
Besseres Krisenmanagement
In der Euro-Zone soll das Krisenmanagement verbessert werden. Bis Oktober sollen EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy, Kommissionspräsident José Manuel Barroso und der Vorsitzende der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker, konkrete Vorschläge machen.
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